Ich gehe in ein anderes Blau- eine Serie zur Lyrik

    • Egozocker
      Egozocker
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      Dabei seit: 26.08.2006 Beiträge: 6.236
      Original von hierkommtkurt
      Du solltest doch schon lange im Bett gewesen sein, denn heute wird ein harter Tag.
      ja, mama!
    • hierkommtkurt
      hierkommtkurt
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      Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde


      Winterlied



      Geduld, du kleine Knospe
      Im lieben stillen Wald,
      Es ist noch viel zu frostig,
      Es ist noch viel zu bald.

      Noch geh ich dich vorüber,
      Doch merk ich mir den Platz,
      Und kommt heran der Frühling,
      So hol ich dich, mein Schatz.
    • hierkommtkurt
      hierkommtkurt
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      Rainer Maria Rilke


      DIE GAZELLE

      Gazella Dorcas



      Verzauberte: wie kann der Einklang zweier
      erwählter Worte je den Reim erreichen,
      der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
      Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,

      und alles Deine geht schon im Vergleich
      durch Liebeslieder, deren Worte, weich
      wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,
      sich auf die Augen legen, die er schließt,

      um dich zu sehen: hingetragen, als
      re mit Sprüngen jeder Lauf geladen
      und schösse nur nicht ab, solang der Hals

      das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden
      im Wald die Badende sich unterbricht,
      den Waldsee im gewendeten Gesicht.



      Das in Pink ist das, was ein ein perfektes Gedicht perfekt macht, weil es an genau dieser Stelle stolpert
    • hierkommtkurt
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      Klabund






      Ich fahr durch Schnee und weiße Nacht.
      Der D-Zug rauscht. Der Schneesturm kracht.
      Ich press ans Fenster mein Gesicht:
      O Himmelslicht! O Himmelslicht!

      Und blank entsteigt dem dunklen Wald
      Des ewigen Baumes Lichtgestalt.
      Der Schleier fällt vom Firmament,
      Und Sonne, Mond und Stern entbrennt.

      Die Weihnacht hat uns hart beschert:
      Blutedelstein und Eisenschwert.
      In Tränen spielt das heilige Kind
      Mit Donnerklang und Wolkenwind.

      Der finstre Geist herrscht überall,
      Des Kindes Spiel bringt ihn zu Fall.
      Die Sehnsucht ist sein Angesicht:
      O Himmelslicht! O Himmelslicht!
    • hierkommtkurt
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      Quirinius Kuhlmann





      Der Wechsel menschlicher Plagen






      Auf Nacht, Dunst, Schlacht, Frost, Wind, See, Hitz,
      Süd, Ost, West, Nord, Sonn, Feur und Plagen.
      Folgt Tag, Glanz, Blut, Schnee, Still, Land, Blitz,
      Wärm, Hitz, Lust, Kält, Licht, Brand und Not:
      Auf Leid, Pein, Schmach, Angst, Krieg, Ach, Kreuz,
      Streit, Hohn, Schmerz, Qual, Tück, Schimpf als Spott
      Will Freud, Zier, Ehr, Trost, Sieg, Rat, Nutz,
      Fried, Lohn, Scherz, Ruh, Glück, Glimpf stets tagen.
      Der Mond, Gunst, Rauch, Gems, Fisch, Gold, Perl,
      Baum, Flamm, Storch, Frosch, Lamm, Ochs und Magen
      Liebt Schein, Stroh, Dampf, Berg, Flut, Glut, Schaum,
      Frucht, Asch, Dach, Teich, Feld, Wies und Brot:
      Der Schütz, Mensch, Fleiß, Müh, Kunst, Spiel, Schiff,
      Mund, Prinz, Rach, Sorg, Geiz, Treu und Gott
      Sucht's Ziel, Schlaf, Preis, Lob, Gunst, Zank, Port,
      Kuß, Thron, Mord, Sarg, Geld, Hold, Danksagen.
      Was gut, stark, schwer, recht, lang, groß, weiß,
      Eins, ja, Luft, Feur, hoch, weit genennt,
      Pflegt bös, schwach, leicht, krumm, breit, klein, schwarz,
      Drei, neun, Erd, Flut, tief, nah zu meiden.
      Auch Mut, Lieb, Klug, Witz, Geist, Seel, Freund,
      Lust, Zier, Ruhm, Fried, Scherz, Lob muß scheiden,
      Wo Furcht, Haß, Trug, Wein, Fleisch, Leib, Feind,
      Weh, Schmach, Angst, Streit, Schmerz, Hohn schon rennt.
      Alles wechselt, alles liebt,
      Alles scheinet was zu hassen:
      Wer aus diesem nach wird denken,
      Muß der Menschen Weisheit fassen.
    • Egozocker
      Egozocker
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      Dabei seit: 26.08.2006 Beiträge: 6.236
      nicht, dass ich dich stalken würde, aber jetzt ist wird mir einiges klar:

      Original von hierkommtkurt


      Ich kann mich nicht erinnern, in diesem Forum je was ohne Alkoholeinfluß gespostet zu haben --

    • hierkommtkurt
      hierkommtkurt
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      Matthias Claudius



      Ein Lied hinterm Ofen zu singen




      Der Winter ist ein rechter Mann,
      kernfest und auf die Dauer;
      sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
      und scheut nicht süß noch sauer.

      War je ein Mann gesund, ist er's;
      er krankt und kränkelt nimmer,
      weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
      und schläft im kalten Zimmer.

      Er zieht sein Hemd im Freien an
      und lässt's vorher nicht wärmen
      und spottet über Fluss im Zahn
      und Kolik in Gedärmen.

      Aus Blumen und aus Vogelsang
      weiß er sich nichts zu machen,
      hasst warmen Drang und warmen Klang
      und alle warmen Sachen.

      Doch wenn die Füchse bellen sehr,
      wenn's Holz im Ofen knittert,
      und um den Ofen Knecht und Herr
      die Hände reibt und zittert;

      wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
      und Teich' und Seen krachen;
      das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
      dann will er sich tot lachen.

      Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
      beim Nordpol an dem Strande;
      doch hat er auch ein Sommerhaus
      im lieben Schweizerlande.

      So ist er denn bald dort, bald hier,
      gut Regiment zu führen.
      Und wenn er durchzieht, stehen wir
      und sehn ihn an und frieren.
    • hierkommtkurt
      hierkommtkurt
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      Hugo von Hofmannsthal




      Der Schiffskoch, ein Gefangener, singt:





      Weh, geschieden von den Meinigen,
      Lieg ich hier seit vielen Wochen,
      Ach und denen, die mich peinigen,
      Muß ich Mahl- um Mahlzeit kochen.

      Schöne purpurflossige Fische,
      Die sie mir lebendig brachten,
      Schauen aus gebrochenen Augen,
      Sanfte Tiere muß ich schlachten.

      Stille Tiere muß ich schlachten,
      Schöne Früchte muß ich schälen
      Und für sie, die mich verachten,
      Feurige Gewürze wählen.

      Und wie ich gebeugt beim Licht in
      Süß- und scharfen Düften wühle,
      Steigen auf ins Herz der Freiheit
      Ungeheuere Gefühle!

      Weh, geschieden von den Meinigen,
      Lieg ich hier seit wieviel Wochen!
      Ach und denen, die mich peinigen,
      Muß ich Mahl- um Mahlzeit kochen!
    • hierkommtkurt
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      Dabei seit: 17.10.2010 Beiträge: 3.133
      Original von Egozocker
      nicht, dass ich dich stalken würde, aber jetzt ist wird mir einiges klar:

      Original von hierkommtkurt


      Ich kann mich nicht erinnern, in diesem Forum je was ohne Alkoholeinfluß gespostet zu haben --


      Ich war besoffen, als ich das gepostet habe.

      Was genau ist dir jetzt klar geworden?
    • hierkommtkurt
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      Frank Wedekind




      Erdgeist




      Greife wacker nach der Sünde;
      Aus der Sünde wächst Genuß,
      Ach du gleichest einem Kinde,
      Dem man alles zeigen muß.

      Meide nicht die ird´schen Schätze:
      Wo sie liegen, nimm sie mit.
      Hat die Welt doch nur Gesetze,
      Daß man sie mit Füßen tritt.

      Glücklich wer geschickt und heiter
      über frische Gräber hopst.
      Tanzend auf der Galgenleiter
      Hat sich keiner noch gemopst.
    • hierkommtkurt
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      Dabei seit: 17.10.2010 Beiträge: 3.133
      wie ich dich nenne
      wenn ich an dich denke
      und du nicht da bist:

      meine Walderdbeere
      meine Zuckerechse
      meine Trosttüte
      mein Seidenspinner
      mein Sorgenschreck
      meine Aurelia
      meine Schotterblume
      mein Schlummerkind
      meine Morgenhand
      mein Vielvergesser
      mein Fensterkreuz
      mein Mondverstecker
      mein Silberstab
      mein Abendschein
      mein Sonnenfaden
      mein Rüsselhase
      mein Hirschenkopf
      meine Hasenpfote
      mein Treppenfrosch
      mein Lichterkranz
      mein Frühlingsdieb
      mein Zittergaul
      meine Silberschnecke
      mein Tintenfasz
      mein Besenfuchs
      mein Bäumefäller
      mein Sturmausreiszer
      mein Bärenheger
      mein Zähnezeiger
      mein Pferdeohr
      mein Praterbaum
      mein Ringelhorn
      meine Affentasche
      meine Winterwende
      meine Artischocke
      meine Mitternacht
      mein Rückwärtszähler

      (da capo!)



      Friederike Mayröcker
    • hierkommtkurt
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      Gotthold Ephraim Lessing




      Antwort eines trunknen Dichters



      Ein trunkner Dichter leerte
      Sein Glas auf jeden Zug;
      Ihn warnte sein Gefährte:
      Hör auf! du hast genug.

      Bereit vom Stuhl zu sinken,
      Sprach der: Du bist nicht klug;
      Zu viel kann man wohl trinken,
      Doch nie trinkt man genug.