Ich gehe in ein anderes Blau- eine Serie zur Lyrik

    • FrtZ
      FrtZ
      Black
      Dabei seit: 25.08.2006 Beiträge: 3.382
      Die Gunst der Stunde nutzend, so viel wie die letzten Tage war hier ja selten los, versuche ich einfach ma einen neuen Thread, nämlich eine Serie zur Lyrik, ins Leben zu rufen.
      Postet alles, was mit Lyrik zusammenhängt. Euer Lieblingsgedicht, eine Serie zu einem Dichter oder einer Epoche, ein Gedicht, dass ihr nicht "verstanden" habt und das zu diskutieren euch am Herzen liegt, Texte zur Poetologie, whatever.
      Ich werde alle paar Tage eine handvoll Gedichte zu einem Lyriker posten, jedenfalls sofern wenigstens ein kleines Interesse besteht, und darauf achten die Serie möglichst vielfältig zu gestalten.
      Vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, jemandem etwas Neues zu zeigen, dass ihm gefällt und vielleicht, vielleicht können wir ja sogar den ein oder anderen, der Lyrik für altbacken und scheisse hält, davon überzeugen, wie vielfältig und geil sie in Wirklichkeit ist.


      Mein Plan war eigentlich etwas rattenfängerisch mit einem aktuellem, oder jedenfalls aktuellerem Lyriker anzufangen, um mich der "leichteren Verständlichkeit" anzubiedern, aber jetzt bin ich grade in der Uni und hab noch ne halbe Stunde bis es weiter geht und mir ist langweilig und ich hab den Benn dabei und weil der Benn eine Erstnennung durchaus verdient, geht es jetzt also mit ihm los.
      Ich werde die Gedichte nicht kommentieren; sie sprechen für sich und für Benn und ich denke ich habe sie repräsentativ genug gewählt, so dass sie einen Eindruck seiner Befindlichkeit und seiner Entwicklung vermitteln.





      Gottfried Benn, deutscher Arzt und Dichter
      (* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin)

      "es gibt nur ein Begegnen: im Gedichte
      die Dinge mystisch bannen durch das Wort. "
      (Gedichte)




      Kleine Aster (1912)

      Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
      Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
      zwischen die Zähne geklemmt.
      Als ich von der Brust aus
      unter der Haut
      mit einem langen Messer
      Zunge und Gaumen herausschnitt,
      muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
      in das nebenliegende Gehirn.
      Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
      zwischen die Holzwolle,
      als man zunähte.
      Trinke dich satt in deiner Vase!
      Ruhe sanft,
      kleine Aster!





      O, Nacht:- (1916)

      O, Nacht! Ich nahm schon Kokain,
      Und Blutverteilung ist im Gange.
      Das Haar wird grau, die Jahre flieh’n,
      Ich muss, ich muss im Ueberschwange
      Noch einmal vorm Vergängnis blühn.

      O, Nacht! Ich will ja nicht so viel,
      Ein kleines Stück Zusammenballung,
      Ein Abendnebel, eine Wallung,
      Vom Raumverdrang, von Ichgefühl.

      Tastkörperchen, Rotzellensaum
      Ein Hin und Her, und mit Gerüchen;
      Zerfetzt von Worte-Wolkenbrüchen-:
      Zu tief im Hirn, zu schmal im Traum.

      Die Steine flügeln an die Erde.
      Nach kleinen Schatten schnappt der Fisch.
      Nur tückisch durch das Ding-Gewerde
      Taumelt der Schädel-Flederwisch.

      O, Nacht! Ich mag dich kaum bemühn!
      Ein kleines Stück nur, eine Spange
      Von Ichgefühl – im Ueberschwange
      Noch einmal vorm Vergängnis blühn!

      O, Nacht, o leih mir Stirn und Haar,
      Verfliess dich um das Tag-verblühte!
      Sei, die mich aus der Nervenmythe
      Zu Kelch und Krone heimgebar.

      O, still! Ich spüre kleines Rammeln:
      Es sternt mich an – Es ist kein Spott-:
      Gesicht, ich: mich, einsamen Gott,
      Sich gross um einen Donner sammeln.




      Einsamer nie (1940)

      Einsamer nie als im August:
      Erfüllungsstunde - im Gelände
      die roten und die goldenen Brände,
      doch wo ist deiner Gärten Lust?

      Die Seen hell, die Himmel weich,
      die Äcker rein und glänzen leise,
      doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
      aus dem von dir vertretenen Reich?

      Wo alles sich durch Glück beweist
      und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
      im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
      dienst du dem Gegenglück, dem Geist






      Nur zwei Dinge (1952)

      Durch so viele Formen geschritten,
      durch Ich und Wir und Du,
      doch alles blieb erlitten
      durch die ewige Frage: wozu?

      Das ist eine Kinderfrage.
      Dir wurde erst spät bewußt,
      es gibt nur eines: ertrage
      - ob Sinn, ob Sucht, ob Sage-
      dein fernbestimmtes: Du mußt.

      Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
      was alles erblühte, verblich,
      es gibt nur zwei Dinge: die Leere
      und das gezeichnete Ich.





      Das sind doch Menschen (1954)

      Das sind doch Menschen, denkt man,
      wenn der Kellner an einen Tisch tritt,
      einen unsichtbaren,
      Stammtisch oder dergleichen in der Ecke,
      das sind doch Zartfühlende, Genüßinge
      sicher auch mit Empfindungen und Leid.

      So allein bist du nicht
      in deinem Wirrwarr, Unruhe, Zittern,
      auch da wird Zweifel sein, Zaudern, Unsicherheit,
      wenn auch in Geschäftsabschlüssen,
      das Allgemein-Menschliche,
      zwar in Wirtschaftsformen,
      auch dort!

      Unendlich ist der Gram der Herzen
      und allgemein,
      aber ob sie je geliebt haben
      (außerhalb des Bettes)
      brennend, verzehrt, wüstendurstig
      nach einem Gaumenpfirsichsaft
      aus fernem Mund,
      untergehend, ertrinkend
      in Unvereinbarkeit der Seelen -

      das weiß man nicht, kann auch
      den Kellner nicht fragen,
      der an der Registrierkasse
      das neue Helle eindrckt,
      des Bons begierig,
      um einen Durst zu löschen anderer Art,
      doch auch von tiefer.





      Menschen getroffen (um 55)

      Ich habe Menschen getroffen, die,
      wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
      schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
      auch noch eine Benennung zu haben –
      »Fräulein Christian« antworteten und dann:
      »wie der Vorname«, sie wollten einem die Erfassung
      erleichtern,
      kein schwieriger Name wie »Popiol« oder
      »Babendererde« –
      »wie der Vorname« – bitte, belasten Sie Ihr
      Erinnerungsvermögen nicht!

      Ich habe Menschen getroffen, die
      mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
      aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
      am Küchentisch lernten,
      hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie
      Gräfinnen –
      und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
      die reine Stirn der Engel trugen.

      Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
      woher das Sanfte und das Gute kommt,
      weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.
  • 291 Antworten
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      WIRKLICHKEIT

      Eine Wirklichkeit ist nicht vonnöten,
      ja es gibt sie gar nicht, wenn ein Mann
      aus dem Urmotiv der Flairs und Flöten
      seine Existenz beweisen kann.

      Nicht Olympia oder Fleisch und Flieder
      malte jener, welcher einst gemalt,
      seine Trance, Kettenlieder
      hatten ihn von innen angestrahlt.

      Angekettet fuhr er die Galeere
      tief im Schiffsbauch, Wasser sah er kaum,
      Möwen, Sterne - nichts: Aus eigener Schwere
      unter Augenzwang entstand der Traum.

      Als ihm graute, schuf er einen Fetisch,
      als er litt, entstand die Pietà,
      als er spielte, malte er den Teetisch,
      doch es war kein Tee zum Trinken da.




      ist ja ein lustiger zufall, da muß ja der benn einen schluckauf bekommen haben heute.
      hier noch paar lieblingsgedicht von benn:




      CHOPIN

      Nicht sehr ergiebig im Gespräch,
      Ansichten waren nicht seine Stärke,
      Ansichten reden drum herum,
      wenn Delacroix Theorien entwickelte,
      wurde er unruhig, er seinerseits konnte
      die Notturnos nicht begründen.

      Schwacher Liebhaber;
      Schatten in Nohant,
      wo George Sands Kinder
      keine erzieherischen Ratschläge
      von ihm annahmen.

      Brustkrank in jener Form
      mit Blutungen und Narbenbildung,
      die sich lange hinzieht;
      stiller Tod
      im Gegensatz zu einem
      mit Schmerzparoxysmen
      oder durch Gewehrsalven:
      Man rückte den Flügel (Erard) an die Tür
      und Delphine Potocka
      sang ihm in der letzten Stunde
      ein Veilchenlied.

      Nach England reiste er mit drei Flügeln:
      Pleyel, Erard, Broadwood,
      spielte für zwanzig Guineen abends
      eine Viertelstunde
      bei Rothschilds, Wellingtons, im Strafford House
      und vor zahlreichen Hosenbändern;
      verdunkelt von Müdigkeit und Todesnähe
      kehrte er heim
      auf den Square d'Orleans.

      Dann verbrennt er seine Skizzen
      und Manuskripte,
      nur keine Restbestände, Fragmente, Notizen,
      diese verräterischen Einblicke -
      sagte zum Schluß:
      "Meine Versuche sind nach Maßgabe dessen vollendet,
      was mir zu erreichen möglich war."

      Spielen sollte jeder Finger
      mit der seinem Bau entsprechenden Kraft,
      der vierte ist der schwächste
      (nur siamesisch zum Mittelfinger).
      Wenn er begann, lagen sie
      auf e, fis, gis, h, c.

      Wer je bestimmte Präludien
      von ihm hörte,
      sei es in Landhäusern oder
      in einem Höhengelände
      oder aus offenen Terrassentüren
      beispielsweise aus einem Sanatorium,
      wird es schwer vergessen.

      Nie eine Oper komponiert,
      keine Symphonie,
      nur diese tragischen Progressionen
      aus artistischer Überzeugung
      und mit einer kleinen Hand.




      ASTERN

      Astern - schwälende Tage,
      alte Beschwörung, Bann,
      die Götter halten die Waage
      eine zögernde Stunde an.

      Noch einmal die goldenen Herden,
      der Himmel, das Licht, der Flor,
      was brütet das alte Werden
      unter den sterbenden Flügeln vor?

      Noch einmal das Ersehnte,
      den Rausch, der Rosen Du -
      der Sommer stand und lehnte
      und sah den Schwalben zu,

      Noch einmal ein Vermuten,
      wo längst Gewissheit wacht:
      Die Schwalben streifen die Fluten
      und trinken Fahrt und Nacht.



      KANN KEINE TRAUER SEIN

      In jenem kleinen Bett, fast Kinderbett, starb die Droste
      (zu sehn in ihrem Museum in Meersburg),
      auf diesem Sofa Hölderlin im Turm bei einem Schreiner,
      Rilke, George wohl in Schweizer Hospitalbetten,
      in Weimar lagen die großen schwarzen Augen
      Nietzsches auf einem weißen Kissen
      bis zum letzten Blick -
      alles Gerümpel jetzt oder garnicht mehr vorhanden,
      unbestimmbar, wesenlos
      im schmerzlos-ewigen Zerfall.

      Wir tragen in uns Keime aller Götter,
      das Gen des Todes und das Gen der Lust -
      wer trennte sie: die Worte und die Dinge,
      wer mischte sie: die Qualen und die Statt,
      auf der sie enden, Holz mit Tränenbächen,
      für kurze Stunden ein erbärmlich Heim.

      Kann keine Trauer sein. Zu fern, zu weit,
      zu unberührbar Bett und Tränen,
      kein Nein, kein Ja,
      Geburt und Körperschmerz und Glauben
      ein Wallen, namenlos, ein Huschen,
      ein Überirdisches, im Schlafsich regend,
      bewegte Bett und Tränen —
      schlafe ein!





      DAS GANZE

      Im Taumel war ein Teil, ein Teil in Tränen,
      in manchen Stunden war ein Schein und mehr,
      in diesen Jahren war das Herz, in jenen
      waren die Stürme - wessen Stürme - wer?

      Niemals im Glücke, selten mit Begleiter,
      meistens verschleiert, da es tief geschah,
      und alle Ströme liefen wachsend weiter
      und alles Außen ward nur innen nah.

      Der sah dich hart, der andre sah dich milder,
      der wie es ordnet, der wie es zerstört,
      doch was sie sahn, das waren halbe Bilder,
      da dir das Ganze nur allein gehört.

      Im Anfang war es heller, was du wolltest
      und zielte vor und war dem Glauben nah,
      doch als du dann erblicktest, was du solltest,
      was auf das Ganze steinern niedersah,

      da war es kaum ein Glanz und kaum ein Feuer,
      in dem dein Blick, der letzte, sich verfing:
      ein nacktes Haupt, im Blut, ein Ungeheuer,
      an dessen Wimper eine Träne hing.
    • Egozocker
      Egozocker
      Bronze
      Dabei seit: 26.08.2006 Beiträge: 6.227
      Original von FrtZ
      (...)

      Mein Plan war eigentlich etwas rattenfängerisch mit einem aktuellem, oder jedenfalls aktuellerem Lyriker anzufangen, um mich der "leichteren Verständlichkeit" anzubiedern,
      dann mal nach dem ganzen GeBenne etwas leichter verständliches:


      Eigentliche Nichtigkeit

      Eigentlich
      heißt eigentlich
      eigentlich nicht
      Das weiß man

      und daher auch
      daß eigentlich nicht
      eigentlich
      eigentlich heißt

      Dann heißt aber
      eigentlich nicht
      eigentlich nicht
      eigentlich nicht

      und daß hieße
      daß eigentlich
      eigentlich
      eigentlich heißt

      Wenn dem so ist
      was heißt dann noch
      eigentlich
      irgendetwas?

      ( Erich Fried)
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Georg Trakl


      Grodek

      Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
      Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
      Und blauen Seen, darüber die Sonne
      Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
      Sterbende Krieger, die wilde Klage
      Ihrer zerbrochenen Münder.
      Doch stille sammelt im Weidengrund
      Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
      Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
      Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
      Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
      Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
      Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
      Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
      O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
      Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
      Die ungebornen Enkel.



      Untergang

      An Karl Borromaeas Heinrich

      Über den weißen Weiher
      Sind die wilden Vögel fortgezogen.
      Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.

      Über unsere Gräber
      Beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht.
      Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.

      Immer klingen die weißen Mauern der Stadt.
      Unter Dornenbogen
      O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.





      An den Knaben Elis

      Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
      Dieses ist dein Untergang.
      Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.

      Laß, wenn deine Stirne leise blutet
      Uralte Legenden
      Und dunkle Deutung des Vogelflugs.

      Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,
      Die voll purpurner Trauben hängt,
      Und du regst die Arme schöner im Blau.

      Ein Dornenbusch tönt,
      Wo deine mondenen Augen sind.
      O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

      Dein Leib ist eine Hyazinthe,
      In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.
      Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

      Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt
      Und langsam die schweren Lider senkt.
      Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

      Das letzte Gold verfallener Sterne.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      an dem führt natürlich kein weg vorbei:


      http://www.abload.de/img/rimbaud_in_harar6v3k.jpg


      BATEAU IVRE


      Comme je descendais des Fleuves impassibles,
      Je ne me sentis plus guide par les haleurs:
      Des Peaux-rouges criards les avaient pris pour cibles,
      Les ayant cloues nus aux poteaux de couleurs.

      J'étais insoucieux de tous les équipages,
      Porteur de blés flamands ou de cotons anglais.
      Quand avec mes haleurs ont fini ces tapages,
      Les Fleuves m'ont laissé descendre où je voulais.

      Dans les clapotements furieux des marées,
      Moi, l'autre hiver, plus sourd que les cerveaux d'enfants,
      Je courus! et les Péninsules démarrées
      N'ont pas subi tohu-bohus plus triomphants.

      La tempête a béni mes éveils maritimes.
      Plus léger qu'un bouchon j'ai dansé sur les flots
      Qu'on appelle rouleurs éternels de victimes,
      Dix nuits, sans regretter l'oeil niais des falots!

      Plus douce qu'aux enfants la chair des pommes sures,
      L'eau verte pénétra ma coque de sapin
      Et des taches de vins bleus et des vomissures
      Me lava, dispersant gouvernail et grappin.

      Et dès lors, je me suis baigné dans le Poème
      De la Mer, infusé d'astres, et lactescent,
      Dévorant les azurs verts; où, flottaison blême
      Et ravie, un noyé pensif parfois descend;

      Où, teignant tout à coup les bleuités, délires
      Et rythmes lents sous les rutilements du jour,
      Plus fortes que l'alcool, plus vastes que nos lyres,
      Fermentent les rousseurs amères de l'amour!

      Je sais les cieux crevant en éclairs, et les trombes
      Et les ressacs et les courants: je sais le soir,
      L'Aube exaltée ainsi qu'un peuple de colombes,
      Et j'ai vu quelquefois ce que l'homme a cru voir.

      J'ai vu le soleil bas, taché d'horreurs mystiques,
      Illuminant de longs figements violets,
      Pareils à des acteurs de drames très antiques
      Les flots roulant au loin leurs frissons de volets!

      J'ai rêvé la nuit verte aux neiges éblouies,
      Baiser montant aux yeux des mers avec lenteur,
      La circulation des sèves inouies,
      Et l'éveil jaune et bleu des phosphores chanteurs!

      J'ai suivi, des mois pleins, pareille aux vacheries
      Hystériques, la houle à l'assaut des récifs,
      Sans songer que les pieds lumineux des Maries
      Pussent forcer le mufle aux Océans poussifs!

      J'ai heurté, savez-vous, d'incroyables Florides
      Mêlant aux fleurs des yeux de panthères à peaux
      D'hommes! Des arcs-en-ciel tendus comme des brides
      Sous l'horizon des mers, à de glauques troupeaux.

      J'ai vu fermenter les marais énormes, nasses
      Où pourrit dans les joncs tout un Léviathan!
      Des écroulements d'eaux au milieu des bonaces,
      Et les lointains vers les gouffres cataractant!

      Glaciers, soleils d'argent, flots nacreux, cieux de braises,
      Echouages hideux au fond des golfes bruns
      Où les serpents géants dévorés des punaises
      Choient, des arbres tordus, avec de noirs parfums!

      J'aurais voulu montrer aux enfants ces dorades
      Du flot bleu, ces poissons d'or, ces poissons chantants.
      - Des écumes de fleurs ont bercé mes déradees
      Et d'ineffables vents m'ont ailé par instants.

      Parfois martyr lasse des pôles et des zones,
      La mer dont le sanglot faisait mon roulis doux
      Montait vers moi ses fleurs d'ombre aux ventouses jaunes
      Et je restais, ainsi qu'une femme à genoux...

      Presque ile, ballottant sur mes bords les querelles
      Et les fientes d'oiseaux clabaudeurs aux yeux blonds.
      Et je voguais, lorsqu'à travers mes liens frêles
      Des noyés descendaient dormir, à reculons!...

      Or moi, bateau perdu sous les cheveux des anses,
      Jeté par l'ouragan dans l'éther sans oiseau,
      Moi dont les Monitors et les voiliers des Hanses
      N'auraient pas repêché la carcasse ivre d'eau;

      Libre, fumant, monté de brumes violettes,
      Moi qui trouais le ciel rougeoyant comme un mur
      Qui porte, confiture exquise aux bons poètes,
      Des lichens de soleil et des morves d'azur;

      Qui courais, tache de lunules electriques,
      Planche folle, escorte des hippocampes noirs,
      Quand les juillets faisaient crouler ä coups de triques
      Les cieux ultramarins aux ardents entonnoirs;

      Moi qui tremblais, sentant geindre ä cinquante lieues
      Le rut des Behemots et des Maelstroms epais,
      Fileur eternel des immobilites bleues,
      Je regrette l'Europe aux anciens parapets!

      J'ai vu des archipels sidéraux! et des îles
      Dont les cieux délirants sont ouverts au vogueur:
      - Est-ce en ces nuits sans fond que tu dorss et t'exiles,
      Million d'oiseaux d'or, ô future Vigueur? -

      Mais, vrai, j'ai trop pleuré! Les Aubes sont navrantes.
      Toute lune est atroce et tout soleil amer:
      L'âcre amour m'a gonflé de torpeurs enivrantes.
      O que ma quille éclate! O que j'aille à la mer!

      Si je désire une eau d'Europe, c'est la flache
      Noire et froide où vers le crépuscule embaumé
      Un enfant accroupi plein de tristesses, lâche
      Un bateau frêle comme un papillon de mal.

      Je ne puis plus, baigné de vos langueurs, ô lames,
      Enlever leur sillage aux porteurs de cotons,
      Ni traverser l'orgueil des drapeaux et des flammes,
      Ni nager sous les yeux horribles des pontons!



      ich hab 4 übersetzungen davon zu hause, sind die besten mMn und man braucht auch alle:
      erste von K.L Ammer, dann Paul Zech, Paul Celan und ne moderne von Hans Therre.
      da beneide ich guillaume, das er keine braucht.


      http://www.kassiber.de/bateautrunkene.htm
      http://www.jandoerffel.de/bateau.html
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      und von rimbaud ist es auch nicht weit zu:


      Georg Heym



      MIT DEN FAHRENDEN SCHIFFEN

      Mit den fahrenden Schiffen
      Sind wir vorübergeschweift,
      Die wir ewig herunter
      Durch glänzende Winter gestreift.
      Ferner kamen wir immer
      Und tanzten im insligen Meer,
      Weit ging die Flut uns vorbei,
      Und Himmel war schallend und leer.

      Sage die Stadt,
      Wo ich nicht saß im Tor,
      Ging dein Fuß da hindurch,
      Der die Locke ich schor?
      Unter dem sterbenden Abend
      Das suchende Licht
      Hielt ich, wer kam da hinab,
      Ach, ewig in fremdes Gesicht.

      Bei den Toten ich rief,
      Im abgeschiedenen Ort,
      Wo die Begrabenen wohnen;
      Du, ach, warest nicht dort.
      Und ich ging über Feld,
      Und die wehenden Bäume zu Haupt
      Standen im frierenden Himmel
      Und waren im Winter entlaubt.

      Raben und Krähen
      Habe ich ausgesandt,
      Und sie stoben im Grauen
      Über das ziehende Land.
      Aber sie fielen wie Steine
      Zur Nacht mit traurigem Laut
      Und hielten im eisernen Schnabel
      Die Kränze von Stroh und Kraut.

      Manchmal ist deine Stimme,
      Die im Winde verstreicht,
      Deine Hand, die im Traume
      Rühret die Schläfe mir leicht;
      Alles war schon vorzeiten.
      Und kehret wieder sich um.
      Gehet in Trauer gehüllet,
      Streuet Asche herum.



      OPHELIA

      I.

      Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
      und die beringten Hände auf der Flut
      Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
      Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.

      Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
      Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
      Warum sie starb? Warum sie so allein
      Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

      Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
      Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
      Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
      Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

      Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
      Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
      Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
      Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.



      II.


      Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
      Der Felder gelbe Winde schlafen still.
      Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
      Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.

      Die blauen Lider schatten sanft herab.
      Und bei der Sensen blanken Melodien
      Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
      Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.

      Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
      Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
      Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
      Mit weitem Echo. Wo herunter tönt

      Hall voller Straßen. Glocken und Geläut.
      Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
      In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
      In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,

      Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
      Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
      Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
      Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.

      Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit.
      Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
      Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
      Der schattet über beide Ufer breit.

      Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
      Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
      Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
      Des fernen Abends zarte Müdigkeit.

      Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
      Durch manchen Winters trauervollen Port.
      Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
      Davon der Horizont wie Feuer raucht.





      ALLE LANDSCHAFTEN HABEN


      Alle Landschaften haben
      Sich mit Blau erfüllt.
      Alle Büsche und Bäume des Stromes,
      Der weit in den Norden schwillt.

      Leichte Geschwader, Wolken,
      Weiße Segel dicht,
      Die Gestade des Himmels dahinter
      Zergehen in Wind und Licht.

      Wenn die Abende sinken
      Und wir schlafen ein,
      Gehen die Träume, die schönen,
      Mit leichten Füßen herein.

      Zymbeln lassen sie klingen
      In den Händen licht.
      Manche flüstern und halten
      Kerzen vor ihr Gesicht.







      LETZE WACHE



      Wie dunkel sind Deine Schläfen.
      Und Deine Hände so schwer.
      Bist Du schon weit von dannen,
      Und hörst mich nicht mehr.

      Unter dem flackenden Lichte
      Bist Du so traurig und alt,
      Und Deine Lippen sind grausam
      In ewiger Starre gekrallt.

      Morgen schon ist hier das Schweigen
      Und vielleicht in der Luft
      Noch das Rascheln von Kränzen
      Und ein verwesender Duft.

      Aber die Nächte werden
      Leerer nun, Jahr um Jahr.
      Hier wo Dein Haupt lag, und leise
      Immer Dein Atem war.
    • Guillaume
      Guillaume
      Diamant
      Dabei seit: 20.01.2006 Beiträge: 11.510
      Ja schwierig eine Übersetzung zu finden die das Original würdig ist. Ich habe mich stunden damit ins Netz für Baudelaires "die Reise" durchgeschlagen, mit sehr mäßigen Erfolg. Keine Ahnung warum man darauf besteht das sich die Übersetzung reimt, wenn man dadurch das Gedicht dann unmöglich ganz treu bleiben kann.

      Na dann, um Gerecht zu bleiben, trage ich zu diesen Thread bei in dem ich einen Gedicht poste den ich als Franzose auch nur so halb verstehen kann. Von den "ersten Nachtigall Frankreichs" :

      Ballade des dames du temps jadis

      Dictes moy où, n'en quel pays, Sagt mir, in welchem Land
      Est Flora, la belle Romaine; ist Flora, die schöne Römerin,
      Archipiada, ne Thaïs, Alkibiades und Thaïs,
      Qui fut sa cousine germaine; [ihre] Zwillingsschwester,
      Echo, parlant quand bruyt on maine Echo, die spricht, wenn man Lärm macht
      Dessus rivière ou sus estan, auf dem Fluss oder dem Teich,
      Qui beaulté ot trop plus qu'humaine? und die von übermenschlicher Schönheit war?
      Mais où sont les neiges d'antan! Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

      Où est la très sage Helloïs, Wo ist die äußerst weise Heloïse,
      Pour qui fut chastré et puis moyne für die entmannt und später Mönch ward
      Pierre Esbaillart à Saint-Denis? Peter Abelard in Saint Denis?
      Pour son amour ot cest essoyne. Für seine Liebe litt er solche Pein.
      Semblablement, où est la royne Wo ist gleichermaßen die Königin,
      Qui commanda que Buridan die befahl, dass Buridan
      Fust gecté en ung sac en Saine? in einem Sack in die Seine geworfen wurde?
      Mais où sont les neiges d'antan! Und wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

      La royne Blanche comme lis, Die Königin Lilienweiß,
      Qui chantoit à voix de seraine; die mit Sirenenstimme sang,
      Berte au grant pié, Bietris, Allis;Bertha vom großen Fuß, Béatrix, Aélis,
      Haremburgis qui tint le Maine, Eremberg, die das Maine besaß,
      Et Jehanne, la bonne Lorraine, und Jeanne, die gute Lothringerin,
      Qu'Englois brulerent à Rouan; die die Engländer in Rouen verbrannten,
      Où sont elles, Vierge souvraine? wo sind sie, wo, hehre Jungfrau?
      Mais où sont les neiges d'antan! Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

      Prince, n'enquerez de sepmaine Prinz, frage nicht in einer Woche,
      Où elles sont, ne de cest an, wo sie sind, nicht dieses Jahr!
      Qu'à ce reffrain ne vous remaine: Uns bleibt nur dieser eine Reim:
      Mais où sont les neiges d'antan! Wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

      Und dann die Musikalische Version davon, von der wohl größter Chansonnier Frakreichs.

    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Dylan Thomas




      FERN HILL


      Now as I was young and easy under the apple boughs
      About the lilting house and happy as the grass was green,
      The night above the dingle starry,
      Time let me hail and climb
      Golden in the heydays of his eyes,
      And honoured among wagons I was prince of the apple towns
      And once below a time I lordly had the trees and leaves
      Trail with daisies and barley
      Down the rivers of the windfall light.

      And as I was green and carefree, famous among the barns
      About the happy yard and singing as the farm was home,
      In the sun that is young once only,
      Time let me play and be
      Golden in the mercy of his means,
      And green and golden I was huntsman and herdsman, the calves
      Sang to my horn, the foxes on the hills barked clear and cold,
      And the sabbath rang slowly
      In the pebbles of the holy streams.

      All the sun long it was running, it was lovely, the hay
      Fields high as the house, the tunes from the chimneys, it was air
      And playing, lovely and watery
      And fire green as grass.
      And nightly under the simple stars
      As I rode to sleep the owls were bearing the farm away,
      All the moon long I heard, blessed among stables, the nightjars
      Flying with the ricks, and the horses
      Flashing into the dark.

      And then to awake, and the farm, like a wanderer white
      With the dew, come back, the cock on his shoulder: it was all
      Shining, it was Adam and maiden,
      The sky gathered again
      And the sun grew round that very day.
      So it must have been after the birth of the simple light
      In the first, spinning place, the spellbound horses walking warm
      Out of the whinnying green stable
      On to the fields of praise.

      And honoured among foxes and pheasants by the gay house
      Under the new made clouds and happy as the heart was long,
      In the sun born over and over,
      I ran my heedless ways,
      My wishes raced through the house high hay
      And nothing I cared, at my sky blue trades, that time allows
      In all his tuneful turning so few and such morning songs
      Before the children green and golden
      Follow him out of grace.

      Nothing I cared, in the lamb white days, that time would take me
      Up to the swallow thronged loft by the shadow of my hand,
      In the moon that is always rising,
      Nor that riding to sleep
      I should hear him fly with the high fields
      And wake to the farm forever fled from the childless land.
      Oh as I was young and easy in the mercy of his means,
      Time held me green and dying
      Though I sang in my chains like the sea.



      FERN HILL

      Als ich jung war und leicht unter den Apfelzweigen

      Durch das trällernde Haus, und glücklich wie das Gras grün
      und die Nacht überm Tal voll Sternen,

      Ließ Zeit mich jubeln und klettern

      Golden in der Blütezeit ihrer Augen,

      Und geehrt bei den Heuwagen war ich Prinz der Apfelstädte,

      Und einmal vor tiefer Zeit befahl ich den Bäumen und Blättern

      Mit Maßliebchen und Gerste

      Die Flüsse des Fallobstlichtes hinunterzuziehen.

      Und ich war grün und sorglos, berühmt unter den Scheunen

      Auf dem glücklichen Hof, und singend da die Farm mein Heim war,
      In der Sonne, die nur einmal jung ist,
      Ließ Zeit mich spielen und sein,

      Golden in der Gnade ihrer Möglichkeiten,

      Und grün und golden war ich Jäger und Hirte, die Kälber

      sangen zu meinem Horn, auf den Hügeln die Füchse bellten
 klar und kalt,
      Und der Sabbath läutete langsam

      In den Kieseln der heiligen Bäche.

      Die ganze Sonne lang war es Rennen, war es herrlich, die Heu-
      Felder hoch wie das Haus, Die Lieder aus den Schornsteinen, 
es war Luft,

      Und Spielen, herrlich und nass

      Und Feuer grün wie Gras.

      Und nächtens, unter den einfachen Sternen

      Während ich schlafen ritt, trugen die Eulen den Hof davon,
      den ganzen Mond lang hörte ich, gesegnet unter den Ställen, die
 Nachtschwalbe

      Fliegen mit den Heuschobern, und die Pferde

      Flackern ins Dunkel.

      Und dann zu erwachen, und die Farm, wie ein Wandrer weiß,
      Von Tau, kommt zurück, mit dem Hahn auf der Schulter: Es war alles
      Strahlend, es war Adam und junge Frau,
      Der Himmel versammelte sich wieder

      Und die Sonne wurde an jenem Tage rund.

      So muss es gewesen sein nach der Geburt des einfachen Lichts

      Am ersten wirbelnden Ort, als die verzauberten Pferde liefen,
      Warm aus dem wiehernden grünen Stall

      Auf die Felder des Jubels.

      Und geehrt von Füchsen und Fasanen bei dem heiteren Haus

      Unter den frisch gemachten Wolken und glücklich wie das Herz lang war,
      In der Sonne geboren wieder und wieder,
      Rannte ich meine achtlosen Pfade.

      Meine Wünsche jagten durchs haushohe Heu
      Und nicht kümmerte mich, bei meinen himmelblauen Geschäften, dass
 Zeit

      In all ihren klingenden Biegungen so wenige und nur solche
 Morgenlieder 
erlaubt,
      Bevor die Kinder grün und golden

      Ihr folgen aus der Gnade.

      Nicht kümmerte mich, in den lammweißen Tagen, dass Zeit mich

      Hinauf in den gedrängten Schwalbenschlag führen würde am Schatten meiner Hand
      Im Mond, der immer steigt,

      Noch, dass ich sie beim Schlafenreiten

      Fliegen hören würde mit den hohen Feldern

      Und erwachen würde, der Hof für immer entflohen aus dem
 kindlosen Land.

      Ach, als ich jung war und leicht in der Gnade ihrer Möglichkeiten,
      hielt mich Zeit grün und sterbend,
      Ob ich auch sang in meinen Ketten wie die See.




      I DREAMED MY GENESIS



      I dreamed my genesis in sweat of sleep, breaking
      Through the rotating shell, strong
      As motor muscle on the drill, driving
      Through vision and the girdered nerve.

      From limbs that had the measure of the worm, shuffled
      Off from the creasing flesh, filed
      Through all the irons in the grass, metal
      Of suns in the man-melting night.

      Heir to the scalding veins that hold love's drop, costly
      A creature in my bones I
      Rounded my globe of heritage, journey
      In bottom gear through night-geared man.

      I dreamed my genesis and died again, shrapnel
      Rammed in the marching heart, hole
      In the stitched wound and clotted wind, muzzled
      Death on the mouth that ate the gas.

      Sharp in my second death I marked the hills, harvest
      Of hemlock and the blades, rust
      My blood upon the tempered dead, forcing
      My second struggling from the grass.

      And power was contagious in my birth, second
      Rise of the skeleton and
      Rerobing of the naked ghost. Manhood
      Spat up from the resuffered pain.

      I dreamed my genesis in sweat of death, fallen
      Twice in the feeding sea, grown
      Stale of Adam's brine until, vision
      Of new man strength, I seek the sun.



      ICH TRÄUMTE MEINE GENESIS



      Ich träumte meine Genesis im Schweiß des Schlafes, brach
      Durch die drehende Muschel, stark
      Wie Motor-Muskel auf dem Bohrer, trieb
      Durch Visionen und den gegürteten Nerv

      Von Gliedern weg vom Ausmaß eines Wurms, schob ich mich
      Weg vom faltigen Fleisch, feilte mich
      Durch die Eisen in dem Gras, Metall
      Der Sonnen in der menschenschmelzenden Nacht.

      Erbe der grindigen Adern mit Liebestropfen, kostbare
      Kreatur in meinen Knochen, umrundete
      Ich mein ererbtes Gut, Reise
      Im Kriechgang durch nachtgekleidete Menschen.

      Ich träume meine Genesis, starb wieder, Schrapnell
      Rammte ins marschierende Herz, Loch
      in der genähten Wunde und verklumpfter Wind, roch
      Tod auf dem Mund, der das Gras aß.

      Scharf sah im zweiten Tod ich Berge, Ernte
      Von Schierling und von Klingen, Rost war
      Mein Blut auf den sanften Toten, trieb an
      Mein zweites Mühen aus dem Gras.

      Und Kraft war verpestet in meiner Geburt, zweites
      Auferstehn des Skeletts und
      Wiederbekleidung nackten Geistes. Menschheit
      Spritzte hoch aus dem wiedererlittenem Schmerz.

      Ich träumte meine Genesis im Schweiß des Todes, zweimal
      Ins nährende Meer gefallen, dumpf
      Geworden von Adams Träne, bis ich, Vision
      von des neuen Menschen Stärke, die Sonne suche.





      DO NOT GO GENTLE INTO THAT GOOD NIGHT

      Do not go gentle into that good night,
      Old age should burn and rage at close of day;
      Rage, rage against the dying of the light.

      Though wise men at their end know dark is right,
      Because their words had forked no lightning they
      Do not go gentle into that good night.

      Good men, the last wave by, crying how bright
      Their frail deeds might have danced in a green bay,
      Rage, rage against the dying of the light.

      Wild men who caught and sang the sun in flight,
      And learn, too late, they grieved it on its way,
      Do not go gentle into that good night.

      Grave men, near death, who see with blinding sight
      Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
      Rage, rage against the dying of the light.

      And you, my father, there on the sad height,
      Curse, bless me now with your fierce tears, I pray.
      Do not go gentle into that good night.
      Rage, rage against the dying of the light.




      GEHT NICHT GELASSEN IN DAS SANFTE NICHTS



      Geht nicht gelassen in das sanfte Nichts,
      Brennt, Jahre, tobt doch, endet sich der Lauf;
      Schäumt, schäumt vor Zorn, wenn hinstirbt Tag und Licht.

      Der Weise selbst, der Dunklem Recht zuspricht,
      Fuhr doch kein Blitz aus seinen Worten auf,
      Geht nicht gelassen in das sanft Nichts.

      Der Gute, da die letzte Welle bricht,
      Beschwört der kleinen Sünden Glanz herauf,
      Schäumt, schäumt vor Zorn, wenn hinstirbt Tag und Licht.

      Der Wilde, der die Sonne fing, vertrieb,
      Und viel zu spät begriff, was er ihr tat,
      Geht nicht gelassen in das sanft Nichts.

      Der Ernste, todnah, schon sein Blick verwischt,
      sieht wie ein blindes Auge leuchtet auf,
      Schäumt, schäumt vor Zorn, wenn hinstirbt Tag und Licht.

      Mein Vater, alt und gram, erhöre mich,
      Gib Fluch und Segen mir mit wilden Tränen.
      Geht nicht gelassen in das sanft Nichts.
      Schäumt, schäumt vor Zorn, wenn hinstirbt Tag und Licht.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      geil, noch ein thread zum zuspammen:

      Rainer Maria Rilke

      DIE ERSTE ELEGIE.

      Wenn ich nicht schriee, wer hörte mich denn aus der Engel
      Unordnung? und gesetzt selbst, es nähme
      einer mich mählich ans Herz: ich verginge nicht
      von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nicht
      des Schrecklichen Anfang, den wir nicht mehr ertrügen,
      und wir verachten es so, weil es gelassen versucht,
      uns zu behüten. Kein Engel ist schrecklich.
      Und so halt ich nicht länger an mich und lasse den Lockruf
      helles Gelächter laut werden. Ach, wen vermögen wir
      nicht alles zu brauchen! Engel, Menschen,
      und die hilflosen Tiere merken es nicht,
      daß wir nur allzu verläßlich zu Hause sind
      in der ungedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
      kein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
      wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern nicht
      und nicht das verwahrloste Treusein einer Gewohnheit,
      der es bei uns nicht gefiel, und so ging sie und blieb nicht.
      O und die Nacht, die Nacht, wenn kein Wind voller Weltraum
      uns am Angesicht zehrt -, wem bliebe sie, die ersehnte,
      sanft befriedigende, welche dem einzelnen Herzen
      mühelos bevorsteht. Ist sie den Liebenden schwerer?
      Ach, sie verdeckt sich miteinander ihr Los nicht.
      Weißt dus nicht mehr? Wirf aus den Armen die Fülle
      aus den Räumen fort, die uns ersticken; vielleicht daß die Vögel
      die verminderte Luft nicht fühlen mit weniger innigem Flug.
      Nein, die Frühlinge brauchen dich nicht. Daß du ihn spürest,
      mutete dir kein Stern zu. Es hob sich
      im Künftigen keine Woge heran, oder
      da du vorüberlamst am geschlossenen Fenster,
      gab keine Geige sich hin. Kein Auftrag war da,
      nichts zu bewältigen. Von keiner Erwartung mehr
      warst du zerstreut, und es kündigte nichts
      dir eine Geliebte an. ( Wo hättest du sie ausgesetzt,
      da doch kein großer Gedanke bei dir
      aus und ein geht und keiner bleibt über Nacht .)
      Widerts dich aber, singe die Liebenden nicht;
      allzu unsterblich ist längst ihr berühmtes Gefühl.
      Jene, du neidest sie nicht, Verlassenen, die du
      so viel fühlloser fandest als die Gestillten. Auf gib
      für immer die längst erreichte Preisung; denk:
      es verliert sich der Held, selbst der Untergang war ihm
      nur ein Vorwand, nicht da zu sein: sein letzter Tod.
      Aber die Liebenden nimmt die erfrischte Natur
      in sich nicht zurück, als wären zweimal die Kräfte,
      dies zu verweigern. Der Gaspara Stampa hast du
      zuviel gedacht, daß irgendein Mädchen,
      dem der Geliebte zuflog, am verminderten Beispiel
      dieser Liebenden fühlt: daß ich nicht würde wie sie?
      Sollen nicht endlich uns diese frühesten Freuden
      fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend
      uns an den Geliebten binden und bebend versagen:
      wie der Pfeil die Sehne verläßt, um zerstreut im Absprung
      weniger als er selbst zu sein. Denn überall ist die Bleibe.
    • FrtZ
      FrtZ
      Black
      Dabei seit: 25.08.2006 Beiträge: 3.382
      Freut mich ja ehrlich, dass du Feuer gefangen hast, aber ich glaub fast, dass gerade bei Lyrik Spam der Sache nicht dienlich ist. Wenn man so überrollt wird haben die einzelnen Gedichte ja garkeine Zeit mehr ihre Wirkung zu entfalten und verpuffen in der Nichtigkeit. Zumal das ja ne echte Schande um jedes einzelne der von euch bisher geposteten Gedichte wär. Also werd ich mich ma noch 1-2 Tage zurück halten und dann gehts weiter, ich denke mit einer Serie zu Wolf Wondratschek.
    • Guillaume
      Guillaume
      Diamant
      Dabei seit: 20.01.2006 Beiträge: 11.510
      Vielen Dank für die Einblick ins Deutsch Lyrik. Ich muss aber leider zugeben daß es mir viel schwerer fällt diese Werke nachvollzuziehen als z.B Englische Poesie, obwohl mein Deutsch eigentlich um einiges besser ist als mein Englisch.

      Deutsche Grammatik ist sehr schön und unglaublich vielfältig (wenn man der 15-jährigen ich gesagt hätte das er ein paar Jahren später sowas sagen würde, hätte er sich wohl direkt aus ne Klippe gestürzt), dafür umso schwerer zu begreifen sobald sie anspruchvollere Zwecken erfüllt, und man sich den für den täglichen Gebrauch geeignete Satzkonstruktionen und Wortschatz entfernt.

      Fiel mir bei Rilke aber schon deutlich leichter, was vielleicht aber auch daran liegt daß seine Werke mir schon eher vertraut sind als den anderen (den ich zugeben muß daß ich ihre Namen nicht mal kannte).

      Ich wollte auch fragen ob ihr vielleicht irgendwelche Links zu ein paar Übersetzungen zu Rimbaud usw. von Stefan Zweig, würde mich durchaus interesieren, da ich den Autor in meine spät Adoleszenz viel gelesen habe.
    • IgorTheTigor
      IgorTheTigor
      Bronze
      Dabei seit: 12.11.2006 Beiträge: 5.329
      Erich Kästner



      Sachliche Romanze
      Als sie einander acht Jahre kannten
      (und man darf sagen sie kannten sich gut),
      kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
      Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

      Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
      versuchten Küsse, als ob nichts sei,
      und sahen sich an und wussten nicht weiter.
      Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

      Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
      Er sagt, es wäre schon Viertel nach vier
      und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
      Nebenan übte ein Mensch Klavier.

      Sie gingen ins kleinste Café am Ort
      und rührten in ihren Tassen.
      Am Abend sassen sie immer noch dort.
      Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
      und konnten es einfach nicht fassen.




      Ich habe selten etwas gelesen, worin die Leere beim Zerbrechen einer Beziehung so gut vermittelt worden ist. Pure Gold.
    • Guillaume
      Guillaume
      Diamant
      Dabei seit: 20.01.2006 Beiträge: 11.510
      Original von IgorTheTigor
      Erich Kästner



      Sachliche Romanze
      Als sie einander acht Jahre kannten
      (und man darf sagen sie kannten sich gut),
      kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
      Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

      Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
      versuchten Küsse, als ob nichts sei,
      und sahen sich an und wussten nicht weiter.
      Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

      Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
      Er sagt, es wäre schon Viertel nach vier
      und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
      Nebenan übte ein Mensch Klavier.

      Sie gingen ins kleinste Café am Ort
      und rührten in ihren Tassen.
      Am Abend sassen sie immer noch dort.
      Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
      und konnten es einfach nicht fassen.




      Ich habe selten etwas gelesen, worin die Leere beim Zerbrechen einer Beziehung so gut vermittelt worden ist. Pure Gold.
      Errinert mich an eine anderes Gedicht zu ähnlichen Thema :

      Frühstück

      Er goß den Kaffee
      In die Tasse
      Er goß die Milch
      In die Kaffeetasse
      Er tat den Zucker
      In den Milchkaffee
      Mit dem kleinen Löffel
      Rührte er den Kaffee um
      Und trank ihn
      Er stellte die Tasse ab
      Ohne ein Wort
      Er zündete
      Eine Zigarette an
      Er blies Ringe
      Aus Rauch
      Er streifte die Asche
      In den Aschenbecher
      Ohne ein Wort
      Ohne einen Blick
      Er setzte den Hut auf
      Er zog den Regenmantel an
      Denn es regnete
      Erging
      Ohne ein Wort
      Ohne einen Blick
      Und ich
      Schlug die Hände vors Gesicht
      Und weinte.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Original von FrtZ
      Freut mich ja ehrlich, dass du Feuer gefangen hast, aber ich glaub fast, dass gerade bei Lyrik Spam der Sache nicht dienlich ist. Wenn man so überrollt wird haben die einzelnen Gedichte ja garkeine Zeit mehr ihre Wirkung zu entfalten und verpuffen in der Nichtigkeit. Zumal das ja ne echte Schande um jedes einzelne der von euch bisher geposteten Gedichte wär. Also werd ich mich ma noch 1-2 Tage zurück halten und dann gehts weiter, ich denke mit einer Serie zu Wolf Wondratschek.

      sorry, wußte ich jetzt nicht, daß es der sache nicht dienlich ist, in einem lyrikthread viele gedichte zu posten.


      Rainer Maria Rilke


      DIE ERSTE ELEGIE


      Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
      Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
      einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
      stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
      als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
      und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
      uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
      Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
      dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
      wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
      und die findigen Tiere merken es schon,
      dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
      in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
      irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich
      wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
      und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
      der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
      O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum
      uns am Angesicht zehrt -, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,
      sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
      mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
      Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.
      Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
      zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht da die Vögel
      die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

      Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche
      Sterne dir zu, dass du sie spürtest. Es hob
      sich eine Woge heran im Vergangenen, oder
      da du vorüberkamst am geöffneten Fenster,
      gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.
      Aber bewältigtest du's? Warst du nicht immer
      noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles
      eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen,
      da doch die großen fremden Gedanken bei dir
      aus und ein gehn und öfters bleiben bei Nacht.)
      Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange
      noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl.
      Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du
      so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn
      immer von neuem die nie zu erreichende Preisung;
      denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm
      nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt.
      Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur
      in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte,
      dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa
      denn genügend gedacht, dass irgend ein Mädchen,
      dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel
      dieser Liebenden fühlt: dass ich würde wie sie?
      Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen
      fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, dass wir liebend
      uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
      wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
      mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.




























      das hier so ein klassiker von rilke - bin zwar nicht sooo der rilke-jünger: aber dieses ist wirklich richtig stark.



      DER PANTHER

      Im Jardin des Plantes, Paris

      Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
      so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
      Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
      und hinter tausend Stäben keine Welt.

      Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
      der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
      ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
      in der betäubt ein großer Wille steht.

      Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
      sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
      geht durch der Glieder angespannte Stille -
      und hört im Herzen auf zu sein.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Charles Bukowski


      http://www.simfy.de/artists/2258-Goetz-G...
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      das kästner-gedicht vom Tigor ist übrigens vom versmaß nicht ganz gewöhnlich.
      normalerweise wechseln sich ja in diesen gereimten deutschen gedichten hebungen und senkungen regelmäßig ab (jambus oder trochäus) wie hier (betonte silben immer fett gedruckt):

      Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
      und die beringten Hände auf der Flut
      Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
      Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.


      kästners gedicht besteht aber nun auch aus daktylen ( http://de.wikipedia.org/wiki/Daktylus ), also öfter mal eine betonte silbe und 2 senkungen dannach eingeschoben. das erinnert an hohe formen griechischer lyrik ( oden, hymnen zb ).

      Als sie einander acht Jahre kannten
      (und man darf sagen sie kannten sich gut),
      kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
      Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.


      in kästners gedicht gehts nu aber um ne ziemlich banale tristesse - ich würde aber sagen, daß hier allein schon durch die form inhalt ausgedrückt wird: dadurch das eine hohe form gewählt wird, aber mit dem inhalt diese erwartung nicht erfüllt wird -- fällt einem das fehlen dieses inhalts, also der liebe, umso mehr auf.
      wenn man es sich laut vorspricht, bekommt es auch so einen singsang, wie ne platte, die einen sprung hat.

      in der 3. strophe, 3.zeile passiert es nu das erste und einzige mal in diesem gedicht, daß zwei betonte silben aneinanderknallen:

      Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
      Er sagt, es re schon Viertel nach vier
      und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
      Nebenan übte ein Mensch Klavier.

      da man irgendwo nicht irgendwo betonen kann und zeit hier immer betont werden muß, knallt es dort - da das wohl kaum ein zufall ist, fragt man sich, warum?
      im gedicht ist es die stelle, wo die e schon dünne handlung ihren nullpunkt erreicht ( irgendeine zeit vergeht und nu soll halt kaffee getrunken werden): und ich glaube, daß ist genau der punkt .. hier ist ein ausmaß an leere und belanglosigkeit erreicht, daß das gedicht der meinung ist, es müßte hier knallen -- bzw kästner fordert die beiden nur durch diesen technischen trick auf, es doch endlich mal knallen zu lassen, wie ein weckruf, da alles besser wäre als dieses unerträglichen schweigen zwischen den beiden.

      edit: in der zweiten strophe beginnt die frau zu weinen - auf so einen gefühlsausbruch erwartet man ja von dem anderen in einer liebesbeziehung eine reaktion: in der 3. strophe rückt der point of view dann auch auf ihn .. aber dadurch, daß man wie oben beschrieben an der stelle nach zeit eine pause machen, die luft einatmen und anhalten muß beim (vor)lesen (gezwungenermaßen durch die zwei betonten silben nacheinander), wird auf diese fehlende reaktion aufmerksam gemacht, der ausbleibenden dialog besonders hervorgehoben.
      eigentlich müßte da dringenst sowas kommen wie - und zeit sich endlich mal auszusprechen (sinngemäß): aber es passiert garnichts - die chance ist vertan.




      das soll nicht in stein gemeißelt sein, hab dieses gedicht vor diesem thread nie bewußt gesehen - dann vorhin automatisch das versmaß gezählt und dann ist mir dieses auffällige zusammenstoßen zweier betonter silben aufgestoßen und dann hab ich mir was drumherum gebastelt.
      wem das zu weit geht oder wer irgendwo ne interpretation findet, die dem widerspricht - immer her damit
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      William Carlos Williams





      THE RED WHEELBARROW



      so much depends
      upon

      a red wheel
      barrow

      glazed with rain
      water

      beside the white
      chickens.
    • Egozocker
      Egozocker
      Bronze
      Dabei seit: 26.08.2006 Beiträge: 6.227
      dann mal was aus diesem Jahrtausend:

      innen

      die hand des sohnes voller feuerkäfer
      er fing sie am frühen vormittag
      als das frühstück noch auf dem tisch
      und keine post im kasten lag

      die bäume fahren finger aus
      jeder will verführen
      ich duschte wusch das lange haar
      flüchtige allüren

      der frühling steckt das land in brand
      mein sohn das feuer in der hand
      steht wie ein zwerg im garten
      ich stehe hinter einer wand

      und will wie immer warten
      auf den mann sein wort
      sein ohr am bauch und auch
      auf die schwalben die starten

      wie die mutter sagt aus jerusalem
      sah man sie bereits ziehen
      hier hängen erste eier am strauch
      ich stehe wie ausgeliehen

      und wollte doch jagen
      durch den tag als wäre es ein rennen
      stattdessen versuche ich heimlich mir
      das herz aus der hose zu trennen

      und sehe den sohn wie er die käfer hält
      wie geldmünzen fest in der hand
      und langsam linie um linie
      fährt ein dünner riss durch die wand

      (Juliane Blech)
    • Guillaume
      Guillaume
      Diamant
      Dabei seit: 20.01.2006 Beiträge: 11.510
      rags, bottles, sacks
      Charles Bukowski

      as a boy
      I remember the sound
      of:
      "RAGS! BOTTLES! SACKS!"

      "RAGS! BOTTLES! SACKS!"
      it was during the
      Depression
      and you could hear the
      voice
      long before you saw the
      old wagon
      and the
      old tired
      swaybacked horse.

      then you heard the
      hooves:
      clop, clop, clop . . .

      and then you saw the
      horse and the
      wagon

      and it always seemed
      to be
      on the hottest summer
      day:

      "RAGS! BOTTLES! SACKS!"

      oh
      that horse was so
      tired--
      white streams of
      saliva
      drooling
      as the bit dug into
      the
      mouth

      he pulled an intolerable
      load
      of
      rags, bottles, sacks

      I saw his eyes
      large
      in agony

      his ribs
      showing

      the giant flies
      whirled and landed upon
      raw places on his
      skin.

      sometimes
      one of our fathers would
      yell:
      "Hey! Why don't you
      feed that horse, you
      bastard!
      "

      the man's answer was
      always the
      same:
      "RAGS! BOTTLES! SACKS!"

      the man was
      incredibly
      dirty, un-
      shaven, wearing a crushed
      and stained
      fedora

      he
      sat on top of
      a large pile of
      sacks

      and
      now and
      then
      as the horse seemed to
      miss
      a step

      this man would
      lay down
      the long whip . . .

      the sound was like a
      rifle shot

      a phalanx of flies would
      rise
      and the horse would
      yank forward
      anew

      the hooves slipping and
      sliding on the hot
      asphalt

      and then
      all we could
      see
      was the back of the
      wagon
      and
      the massive mound of
      rags and bottles
      covered with
      brown
      sacks

      and
      again
      the voice:
      "RAGS! BOTTLES! SACKS!"

      he was
      the first man
      I ever wanted to
      kill

      and
      there have been
      none
      since.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Friederike Mayröcker




      ("Winter-Nachtigall")


      o!die ganze Herde;die Hufe; die Hilferufe; die Hingabe der Sterne;
      die ganze Verklärung der entkernten Kinder-Nüsse (Störche
      die aufgehn in Zuckerwasser;
      Rosen in weiszem Sirup;
      grünende Zephire)

      gebettet im verständlichen Hymnus; in den geschickten
      Polsterungen der Sinne;
      im Auto verschränkt(aujourd´hui Neuschnee Rose
      stein-blau nach unzerbrechlichen Theorien!)

      ich erreiche dich nicht; nicht in schlanken Äonen; nicht im
      Jägerlatein;
      deine Zeit ist verzehrt; dein Blut ist verwirkt;
      wir sind verloren; wir haben verspielt;
      wir spielen auch nicht um den Preis unseres Abschieds

      ( .."eine Winter-Nachtigall in deinem Herzen"
      .."eine Rose in meiner Hand"
      .."ein Stern in deiner Brust"
      .."ein Kind an meinen Augen"
      .."was schön ist. .")

      eine Dämmer-Schere; ein Schwan; eine Kälte;
      Zwinger; Gerüstwerk;Freigiebigkeit aus Verzweiflung;
      Kalkgeäder; Verkettung; verlorene Frost-Hunde am
      Halfter;
      versteinte Züge;Angstwalze;Dampf;
      Hände übers Gesicht geschlagen;
      darunter Lächeln in Sekunden verschneit

      ...so hingestreckt in Trauer

      ("blühende Asche---")














      Ernst Jandl



      VERSUCH, ZU EINEM GEDICHT VON FRIEDERIKE MAYRÖCKER ETWAS ZU SAGEN


      Das Gedicht heißt:
      ("Winter-Nachtigall")
      Ich sage dazu:
      Dieses Gedicht ist von Friedericke Mayröcker und heißt
      ("Winter-Nachtigall"). Jetzt weiß ich, wie ich es benennen kann:
      ("Winter-Nachtigall"). Jetzt will ich es kennen.
      Das Gedicht heißt
      ("Winter-Nachtigall")
      Ich sage dazu:
      Winter ist die Zeit, und die Region, des Frostes. Die Nachtigall ist
      ein Zugvogel, der für diese Zeit diese Region verläßt. Der Winter ist
      das Alter des Lebens. Die Nachtigall ist Sommer und süßer Gesang.
      Die Nachtigall ist ein romantischer Vogel. Die Winternachtigall
      singt nur: für dieses Gedicht
      Das Gedicht beginnt:
      o!die ganze Herde;die Hufe; die Hilferufe; die Hingabe der Sterne;
      ich sage dazu:
      Es beginnt wie ein erschreckender Traum.
      Das Gedicht beginnt nochmals und sagt:
      o!die ganze Herde;die Hufe; die Hilferufe; die Hingabe der Sterne;
      die ganze Verklärung der entkernten Kinder-Nüsse (Störche
      die aufgehn in Zuckerwasser;
      Rosen in weiszem Sirup;
      grünende Zephire)
      Ich sage dazu:
      Es beginnt wie ein erschreckender Traum, aber dann wird alles ganz
      ruhig. Etwas ist in einem schrecklichen Abgrund versunken. Aber
      dann sehe ich den Himmel mit Sternen bedeckt, und die Sterne
      gehören mir. Solange ich ein Kind bin, gehören die Sterne mir. Es
      ist Nikolaustag, wir Kinder haben Nüsse bekommen. Ich habe
      einen kleinen Zuckerstorch in ein Glas getan, und er ist
      zergangen. Jetzt sind alle Nüsse leer. Ich bin schon lange kein Kind
      mehr. Aber ich träume davon. Es ist Winter. Aber ein milder Wind
      wird aufkommen und das Land wieder grün machen. Ich habe fast
      vergessen, wieviel schon im Abgrund versunken ist.
      Das Gedicht hat gesagt:
      o!die ganze Herde;die Hufe; die Hilferufe; die Hingabe der Sterne;
      die ganze Verklärung der entkernten Kinder-Nüsse (Störche
      die aufgehn in Zuckerwasser;
      Rosen in weiszem Sirup;
      grünende Zephire)
      Das Gedicht sagt:
      gebettet im verständlichen Hymnus; in den geschickten
      Polsterungen der Sinne;
      im Auto verschränkt(aujourd´hui Neuschnee Rose
      stein-blau nach unzerbrechlichen Theorien!)
      Ich sage dazu:
      Ich kenne eine Hymne, einen Lobgesang. Ich habe einen Lobgesang
      gekannt. Und ich habe ihn verstanden. Alles war darin enthalten,
      Gott, die ganze Schöpfung, und ich. Ich war eingebettet darin, und
      es gab keinen Tod. Und noch etwas anderes gab mir vollkommene
      Sicherheit: ich konnte die Welt in mich aufnehmen, mit allen
      meinen Sinnen, schauend, hörend, riechend, schmeckend, tastend;
      ich konnte die Welt in mich aufnehmen mit allen meinen Sinnen,
      und jede Bangigkeit war wie weggewischt. Und ich konnte mich
      anvertrauen, wie dem guten Fahrer eines sicheren Wagens, ich
      mußte mich um nichts kümmern und würde das Ziel wohlbehalten
      erreichen. Und ich konnte mich den Wörtern anvertrauen, die mich
      nie im Stich lassen würden, schönen Wörtern wie "Neuschnee",
      "Rose","stein-blau", oder einem französischem, ich hatte die
      Sprache zu lernen begonnen,"aujourd´hui" - "heute", in dieser
      schönen Sprache; alles gab Sicherheit, alles war ausgedacht, "nach
      unzerbrechlichen Theorien", und ich mußte mich an den Abgrund
      nicht erinnern.
      Das Gedicht aber sagt:
      ich erreiche dich nicht; nicht in schlanken Äonen; nicht im
      Jägerlatein;
      Ich sage dazu:
      Ich erreiche das Kind nicht, das ich einmal war; oder: ich erreiche
      dich nicht, wer immer du bist; oder: ich erreiche dich nicht,
      Geliebter; oder: ich erreiche dich nicht, Gott; alle Zeit reicht nicht
      aus, dich zu erreichen; alle Geschichten, die ich mir zurechtmachen
      kann, reichen nicht aus, dich zu erreichen.
      Das Gedicht hat gesagt:
      ich erreiche dich nicht; nicht in schlanken Äonen; nicht im
      Jägerlatein;
      Das Gedicht sagt:
      deine Zeit ist verzehrt; dein Blut ist verwirkt;
      wir sind verloren; wir haben verspielt;
      wir spielen auch nicht um den Preis unseres Abschieds
      Ich sage dazu:
      Ich habe mir das Leben ganz anders gedacht; ich bin in einen
      Zustand ohne Hoffnung geraten; aber ich bin nicht bereit, mich
      von dir zu trennen, wer immer du bist; und ich bin nicht bereit, mich
      von mir, wer immer ich bin, zu trennen.
      Das Gedicht hat gesagt:
      deine Zeit ist verzehrt; dein Blut ist verwirkt;
      wir sind verloren; wir haben verspielt;
      wir spielen auch nicht um den Preis unseres Abschieds
      Das Gedicht sagt:
      ( .."eine Winter-Nachtigall in deinem Herzen"
      .."eine Rose in meiner Hand"
      .."ein Stern in deiner Brust"
      .."ein Kind an meinen Augen"
      .."was schön ist. .")
      Ich sage dazu:
      Ich spreche mit dir, wer immer du bist. Ich spreche mit mir, wer
      immer ich bin. Es ist Winter. Aber es gibt noch Gesang. Es gibt
      noch, was schön ist: das Herz, die Rose, die Hand, den Stern - in
      deiner, meiner, Brust. Es gibt noch, was schön ist, wir können es,
      noch, benennen, wer immer wir sind.
      Das Gedicht hat gesagt:
      ( .."eine Winter-Nachtigall in deinem Herzen"
      .."eine Rose in meiner Hand"
      .."ein Stern in deiner Brust"
      .."ein Kind an meinen Augen"
      .."was schön ist. .")
      Das Gedicht sagt:
      eine Dämmer-Schere; ein Schwan; eine Kälte;
      Zwinger; Gerüstwerk;Freigiebigkeit aus Verzweiflung;
      Kalkgeäder; Verkettung; verlorene Frost-Hunde am
      Halfter;
      versteinte Züge;Angstwalze;Dampf;
      Ich sage dazu:
      Das Licht wird abgeschnitten. Ein Schwan ist schön. Kälte bricht
      ein. Wir, wer immer wir sind, sind Gefangene. Jedem Bettler muß
      ich etwas geben; jeder könnte ich sein. Wir sind im Stein. Wir sind
      Stein. Wir werden zermahlen.
      Das Gedicht hat gesagt:
      eine Dämmer-Schere; ein Schwan; eine Kälte;
      Zwinger; Gerüstwerk;Freigiebigkeit aus Verzweiflung;
      Kalkgeäder; Verkettung; verlorene Frost-Hunde am
      Halfter;
      versteinte Züge;Angstwalze;Dampf;
      Das Gedicht sagt:
      Hände übers Gesicht geschlagen;
      darunter Lächeln in Sekunden verschneit
      Ich sage dazu:
      Dazu ist nichts zu sagen.
      Das Gedicht hat gesagt, sagt, und endet:
      Hände übers Gesicht geschlagen;
      darunter Lächeln in Sekunden verschneit

      ...so hingestreckt in Trauer

      ("blühende Asche---")
      Ich sage dazu:
      ("Winter-Nachtigall")

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      Und jetzt, Friederike, lies bitte dein Gedicht.