Ich gehe in ein anderes Blau- eine Serie zur Lyrik

    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Pablo Neruda




      MELANCHOLIE IN DEN FAMILIEN





      Ich bewahre eine blaue Flasche auf
      und in ihr ein Ohr und ein Bildnis:
      wenn die Nacht das Gefieder
      der Eule treibt,
      wenn der heisere Kirschbaum
      die Lippen sich zerfetzt und mit Rinden
      droht, die der Seewind oftmals durchlöchert,
      so weiß ich, daß es große versunkene Landstriche gibt,
      Barren von Quarz,
      Schlamm,
      blaue Wasser für eine Schlacht,
      viel Schweigen, viele
      Flöze geologischen Alters und von Kampfer,
      heruntergefallene Dinge, Medaillen, Zärtlichkeiten,
      Fallschirme, Küsse.

      Nichts ist als der Schritt eines Tages zum anderen,
      eine einsame Flasche, die durch die Meere wandert,
      und ein Speisezimmer, wohin Rosen gelangen,
      ein Speisezimmer, übriggelassen
      wie eine Gräte; ich rede
      von einem zersprungenen Trinkglas, von einer Gardine, von der Tiefe
      eines verödeten Zimmers, durch daß der Fluß strömt,
      der die Steine mit sich reißt. Es ist ein Haus,
      das auf den Grundfesten des Regens steht,
      ein zweistöckiges Haus mit unumgänglichen Fenstern
      und Ranken von unbedingter Treue.

      Ich gehe durch die Abende, ich trete ein,
      voll von Schmerz und Tod,
      das Erdreich mit mir schleifend und seine Wurzeln,
      seinen unbegrenzten Bauch, in dem Leichen
      schlafen bei Korn,
      Metallen, bei hinabgestürzten Elefanten.

      Aber vor allem ist da ein schreckliches,
      ein schrecklich verödetes Speisezimmer
      mit zersprungenen Ölkrügen
      und Essig, der unter den Stühlen rinnt,
      einem eingefangenen Strahl des Mondes,
      etwas Dunklem, und ich suche
      in mir nach einem Vergleich:
      vielleicht ist es ein Laden, ganz von Meer umringt,
      und Salzbrühe trieft aus zerschlissenen Kleidern.

      Es ist nur ein verödetes Speisezimmer
      und ringsum sind endlose Weiten,
      überschwemmte Fabrikhallen, Hölzer,
      die alleine ich kenne,
      weil ich traurig bin und unterwegs
      und die Erde kenne und ich traurig bin.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      sorry muß mit dem alter zu tun haben - mein gedächtnis läßt langsam nach: vielleicht hab ich da oben was durcheinandergebracht ... kann sein, daß es so richtig ist:


      Pablo Neruda




      AGONIE IN DEN KLEIDERSCHRÄNKEN





      Ich bewahre einen schwarzen Koffer auf
      und in ihm ein Skalpell und eine Zunge:
      wenn das Gewitter den Schrei
      der Eule tilgt,
      wenn der heisere Glöckner
      die Lippen sich zerfetzt und mit Messern
      droht, die der Seewind schwarz anlaufen läßt,
      so weiß ich, daß es verdunkelte Schlafzimmer gibt,
      Flüsse von Honig,
      Salz,
      eisige Wasser für ein Verlies,
      viel Regen, viele
      Flöze geologischen Elends und von Ammoniak,
      heruntergefallenen Knochen, Perlen, Schläge,
      Badewannen, Rasereien.

      Nichts ist als der Sturz eines Schattens zum anderen,
      ein einsamer Koffer, der durch die Gebirge wandert,
      und ein Kleiderschrank, wohin Amseln gelangen,
      ein Kleiderschrank, übriggelassen
      wie ein vermoderter Apfel; ich rede
      von einem verendeten Weberknecht, von einem Frack, von der Dunkelheit
      eines verödeten Schranks, durch den die Zeit strömt,
      die die Toten mit sich reißt. Es ist ein Schlachthof,
      der auf den Grundfesten des Nebels steht,
      ein verschlossener Schlachthof aus unumgänglichen Ziegeln
      und Flüssigkeiten von unbedingter Reue.

      Ich gehe durch die Fenster, ich trete ein,
      voll von Nägeln und Nässe,
      den Hunger mit mir schleifend und seine Gelenke,
      seinen unbegrenzten Keller, in dem Ratten
      schlafen bei Zucker,
      Zement, bei zerbrochenen Rindern.

      Aber vor allem ist da ein schrecklicher,
      ein schrecklich verödeter Schrank
      mit zersprungenen Leidenschaften
      und Speichel, der unter den Brettern rinnt,
      einem eingefangenen Hauch von Atemluft,
      etwas Vergangenem, und ich suche
      in mir nach einem Vergleich:
      vielleicht ist es eine Kaserne, ganz von Palmen umringt,
      und Dunkelheit trieft aus zerschlissenen Stiefeln.

      Es ist nur ein verödeter Kleiderschrank
      und ringsherum sind endlos Rollfelder,
      überschwemmte Bergwerke, Betten,
      die allein ich kenne,
      weil ich müde bin und unterwegs
      und den Husten kenne und ich müde bin.
    • Guillaume
      Guillaume
      Diamant
      Dabei seit: 20.01.2006 Beiträge: 11.510
      Hmm, ok, ich versuch mich mal an eine meine Lieblingsgedichter. Ich packe erstmal nur den Anfang rein, weil es einiges an Arbeit war, und ich würde dann nur weiter machen wenn es Interesse gibt, zudem ist mein Deutsch schon begrentzt und ich weiß nicht ob ich das Ding nicht eher schade als diene.

      Ich konnte mich einfach von keine Übersetzungen völlig überzeugen lassen, die sind zwar teilweise ganz gut, aber Abstriche muss man so oder so machen, also habe ich folgendes gemacht : ich habe zwei Übersetzungen ausgewählt die zwei unterschiedliche Zwecken verfolgen : das erste (in Blau) ist sehr nah an der Original Text von der Bedeutung her, dafür geht ein bißchen die Poesie der Satzbildung und Wortwahl etwas verloren. Das zweite (in Grün) Versucht ein bißchen mehr Baudelaires poetischer Sinn gerecht zu werden, aber dafür gibt's schon ordentlich Abstriche im Sinn und im Organisation der Versen.

      Dann habe ich versucht selbst eine etwaige Übersetzung zu machen die dem Text so nah wie möglich ist im Wortwahl und in der Konstruktion, (also keine Reimen, eine Satzbildung die schon sehr französisch ist wenn es mir wichtig erschien). Wenn mir etwas schwer zu übersetzen erschien, habe ich versucht es auf deutsch zur erklären (in Rot).

      Noch einmal, ich habe echt nicht der Anspruch in der Lage zu sein eine ordentlich Übersetzunge hinzulegen (also zumindest nicht vom Französisch auf Deutsch, und bestimmt nicht für so dermaßen anspruchsvolle Werke. Dafür müsste man perfekt zweisprachig sein, und auch noch beide Sprachen besser sprechen als der Durschnittsbürger.) und es wird wohl voller Fehler und Ungenauigkeiten sein, aber es erschien mir wichtig trotzdem zu versuchen eine Übersetzung zu haben, die möglichst nah am Text ist, und ich habe im Internet keine gefunden. Ich hoffe es ist ok, ansonsten sagt es aber bitte, wenn es einfach lächerlich ist. Ich kann es nicht wirklich einschätzen, weil mir dann das Original immer im Kopf rumschwebt.

      Falls es aber was bringt, sagt es aber auch ruhig, dann mache ich weiter.


      Pour l’enfant, amoureux de cartes et d’estampes,
      L’univers est égal à son vaste appétit.
      Ah ! que le monde est grand à la clarté des lampes !
      Aux yeux du souvenir que le monde est petit !

      I
      Dem Kind, auf Kupferstiche und Karten ganz erpicht,
      scheint weit wie sein Verlangen auch das All zu sein.
      Wie ist die Welt so groß bei einer Lampe Licht!
      In der Erinnerung Augen, wie die Welt so klein.


      I
      Dem Kinde, das entzückt von jedem Stich und Bilde,
      Erscheint die Erde weit wie seine Träumerein.
      Wie ist die Welt so groß bei lichter Lampen Milde!
      Für der Erinnrung Blick, wie ist die Welt so klein!


      I
      Für das Kind verliebt in Karten und Kupferstiche
      Gleicht das Universum seinen weiten Appetit (bedeutet hier sowas wie : seinen sehr großen Hunger nach das worüber die Karten und Kupferstiche berichten)
      Ah, ist die Welt groß in der Lichter der Lampen
      Im Auge der Errinerungen, ist die Welt klein
      (gut, hier konnte man que durch wie ersetzen, also alternativ :
      Ah, wie klein ist die Welt in der Lichter der Lampen
      In der Augen der Errinerung, wie klein ist die Welt



      Un matin nous partons, le cerveau plein de flamme,
      Le cœur gros de rancune et de désirs amers,
      Et nous allons, suivant le rythme de la lame,
      Berçant notre infini sur le fini des mers :

      Wir brechen eines Morgens auf, das Hirn entfacht,
      das Herz von Groll geschwellt und bitterem Begehren
      und wiegen mit den Wogen auf und nieder sacht,
      unsre Unendlichkeit auf den begrenzten Meeren:


      Entflammten Geistes sind wir plötzlich auf dem Wege,
      Das Herz von dumpfem Groll und herber Sehnsucht schwer,
      Daß unsre Seele bang im Takt der Ruderschläge
      Ihr Unbegrenztes wiegt auf dem begrenzten Meer:


      Eines Morgen gehen wir, das Hirn voller Flammen
      Das Herz voller Groll und bitteren Sehnsüchte
      Und wir gehen, den Wogenrythmus folgend
      Unsere Unedlichkeit wiegen auf « das Beendet » der Meeren (dieser Satz ist sehr schön und zentral in dem Gedicht, und dennoch sehr schwer zu übersetzen. « Le fini » gibt es als Substantiv nicht wirklich. Aber trotzdem, oder deshalb ist es perfekt es hier einzubringen. Ich versuche vielliecht zu eklären wieso genau diesen Satz auf französisch so genial ist, falls es auf deutsch nicht so rüberkommt. Es steht die Unendlichkeit der Reisenden im krassen Gegensatz zu der Endlichkeit der Meeren die aber wiederum eigentlich das was auf der Welt die Unendlichkeit am nächsten ist, vor allem durch die Augen der Reisenden der ja vom Meer umgeben ist. Aber das ist eben das Thema das sich durch das ganze Gedicht durchzieht, sein Hunger, seine Sehnsüchte, sind ja nicht zu stillen, so das selbst das was die Unendlichkeit am nächsten erschrekend klein und begrenzt erscheint. Dazu kommt das fini auch eine Zeitlich Komponente hat. Also « fini » im Sinn von Beendet, Vollendet. Was auch zu das Gefühl von Aussichtlosigkeit seiner Suche beiträgt.)



      Les uns, joyeux de fuir une patrie infâme ;
      D’autres, l’horreur de leurs berceaux, et quelques-uns,
      Astrologues noyés dans les yeux d’une femme,
      La Circé tyrannique aux dangereux parfums.

      Die einen froh, ehrloser Heimat zu entgehn,
      und andere den Schrecken ihrer Kinderzeit,
      Sternkundige auch, die in den Augen untergehn
      Der Frau, der Circe mit dem Duft von Grausamkeit.


      Die einen fliehn ihr Land, um Ehr und Glück betrogen,
      Die andern jagt der Fluch der Heimat, andre gehn,
      In Augen einer Frau versunkne Astrologen,
      Der Circe, die verlockt mit süßer Düfte Wehn.


      Die einen froh, eine verruchtes Heimat zu entfliehen
      Andere das grauen ihrer Heimat ( Berceau ist eine Kinderwiege. Bezogen auf einen Ort, heißt es sowas wie da wo sie geboren und groß geworden sind, es weckt eigentlich eher einen Gefühl der Geborgenheit, und Unschuld, was im Krassen Gegensatz zu dem Grauen steht der hier damit in Verbindung gebracht wird) und ein paar andere
      Astrologen versunken/etrunken in den Augen einer Frau,
      die tyrannische Circe mit ihre gefährlichen Düften.



      Pour n’être pas changés en bêtes, ils s’enivrent
      D’espace et de lumière et de cieux embrasés ;
      La glace qui les mord, les soleils qui les cuivrent,
      Effacent lentement la marque des baisers.

      Um nicht zum Tier zu werden, sie am Licht und Glast,
      der Himmel und des Raumes sich berauschen müssen;
      Die Sonne, die sie bräunt, die Kälte, die sie fasst,
      Sie löschen langsam alle Spuren aus von Küssen.


      Um nicht in Tiere sich zu wandeln, trinken Wonne
      Sie aus der Himmel Glanz, aus Weite, Licht und Strahl;
      Die Eisluft, die sie stählt, der Feuerbrand der Sonne
      Verwischen allgemach der Küsse haftend Mal.


      Um nicht in Tiere verwandelt zu wedern, berauschen sie sich
      von Raum und licht, und von erglühenden Himmeln
      Das Eis das sie beißt, die Sonne die sie « verkupfert » (im Sinn von « der sie bräunt »)
      Löschen langsam die Spuren der Küsse aus


      Mais les vrais voyageurs sont ceux-là seuls qui partent
      Pour partir ; cœurs légers, semblables aux ballons,
      De leur fatalité jamais ils ne s’écartent,
      Et sans savoir pourquoi, disent toujours : Allons !

      Doch wahre Reisende, die gehen einfach fort
      Um fortzugehen, leicht wie Seifenblasen schweben.
      Sie nehmen ihr Verhängnis mit zu jedem Ort
      Und, ohne ein Warum, sie immer vorwärts streben!


      Doch wahre Wandrer sind, die den Ballons gleich reisen,
      Nur um zu reisen, die leichtherzig nie den Bann,
      [149] Den ihnen das Geschick auflegte, von sich weisen,
      Sie wissen nicht den Grund und sagen doch: Voran!


      Doch die wahren Reisenden sind die die nur fortgehen (keine ahnung ob das wirklich das passende Verb hier)
      um fortzugehen, mit leichten Herzen, ähnlich der Luftballons
      Von ihre Schicksal (Fatalität/Verhängnis) weichen sie nie ab
      Und ohne zu wissen warum, sagen sie immer : gehen wir (fort?)


      Ceux-là, dont les désirs ont la forme des nues,
      Et qui rêvent, ainsi qu’un conscrit le canon,
      De vastes voluptés, changeantes, inconnues,
      Et dont l’esprit humain n’a jamais su le nom !

      Sie sind es, deren Wünsche Wolkenbildern gleichen,
      die träumen, wie Rekruten für die Schlacht entbrannt,
      endlose, ungeahnte Lüste zu erreichen,
      von denen nie ein Mensch den Namen je gekannt!


      Die, deren Wünsche gleich den Wolken sich entfalten,
      Wie ein Rekrut, der träumt von der Kanonen Ruf,
      Erhoffen Freuden sie, die stets sich neu gestalten,
      Für die des Menschen Geist noch niemals Namen schuf!


      Diese, deren Sehnsüchte die Forme der Feste (Firmament?) haben
      Und die träumen, wie der Einberufene von der Kanone (träumt)
      Von weiten Lüsten, unbekannt und wechselnd (Ich finde kein deutsches Wort der wirklich genau volupté gleicht : volupté ist ein Wort das man vor allem in Poesie verwendet, umfasst alles sowas wie Lust, Wollust, Sinnlichkeit)
      Wovon den Menschlichen Geist nie die Name gekannt hat.
    • FrtZ
      FrtZ
      Black
      Dabei seit: 25.08.2006 Beiträge: 3.382
      Werd deine Version morgen in Ruhe lesen. Ein ganz shönes Wagnis Baudelaire mal eben selbst zu übersetzen, milde gesagt :D aber coole Aktion!

      Kennst du die Übersetzung von Walter Benjamin? Mir fehlt einfach das Sprachgefühl fürs französische um ne Übersetzung ernstlich bewerten zu wollen, aber Benjamin hat lange in Paris gelebt und war imo einer der aller größten Geister, die Deutschland im letzten Jhdt hervorgebracht hat. Würd mich wundern, wenn er da Quatsch gemacht hat. Schau sie dir ma an, solltest sie nich kennen
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      auf jeden fall weiter machen - haste dir aber auch eines der längsten rausgesucht.

      sieht man sehr die schwierigkeiten beim übersetzen und auch gleich in der ersten zeile: selbst wenn man kein französisch kann (ich habs sogar mal in der schule gehabt, aber ich sag jetzt nicht, wie lange das her ist), erkennt man, wie natürlich und elegantdas trotz reim und metrum im original klingt - und wie die deutschen übersetzer rumstümpern müssen und zb worte wie "erpicht" wegen des reimes nehmen, die im deutschen eigentlich keiner (mehr) benutzen würde. oder ein wort wie "kupferstiche", das im original nur 3 silben hat, (vergeblich) versucht in das metrum zu pressen.

      deutsch drückt sich doch viel länger aus als englisch .. auch als französisch?
    • Guillaume
      Guillaume
      Diamant
      Dabei seit: 20.01.2006 Beiträge: 11.510
      Original von FrtZ
      Werd deine Version morgen in Ruhe lesen. Ein ganz shönes Wagnis Baudelaire mal eben selbst zu übersetzen, milde gesagt :D aber coole Aktion!
      Noch einmal, würde ich mich keine Übersetzung von fr auf de zutrauen. Nichtmal von einen Artztliebesroman. Aber es geht mir darum das ich keine ungereimte Version finden konnte, und jedes gereimte Version die ich im Internet finden konnte scheint mir zu forciert um das ganz gebührend wiederzugeben. Also geht es hier eher darum mal ganz nah an den Text zu bleiben, um das Bild der durch die zwei andere Versionen entsteht zu vervollständigen.

      Kennst du die Übersetzung von Walter Benjamin? Mir fehlt einfach das Sprachgefühl fürs französische um ne Übersetzung ernstlich bewerten zu wollen, aber Benjamin hat lange in Paris gelebt und war imo einer der aller größten Geister, die Deutschland im letzten Jhdt hervorgebracht hat. Würd mich wundern, wenn er da Quatsch gemacht hat. Schau sie dir ma an, solltest sie nich kennen
      Nein, kenn ich gar nicht. ich werde mich mal umschauen. Falls du einen Link hast, rück ruhing damit raus :D

      sieht man sehr die schwierigkeiten beim übersetzen und auch gleich in der ersten zeile: selbst wenn man kein französisch kann (ich habs sogar mal in der schule gehabt, aber ich sag jetzt nicht, wie lange das her ist), erkennt man, wie natürlich und elegantdas trotz reim und metrum im original klingt - und wie die deutschen übersetzer rumstümpern müssen und zb worte wie "erpicht" wegen des reimes nehmen, die im deutschen eigentlich keiner (mehr) benutzen würde. oder ein wort wie "kupferstiche", das im original nur 3 silben hat, (vergeblich) versucht in das metrum zu pressen.


      Baudelaire ist auch mMn der Meister dabei. Es hört sich so natürlich an, daß man das Gefühl hat er würde es genau so sagen auch wenn er nicht mal versuchen würde es reimen zu lassen. Selbst bei einem Victor Hugo, der ja das französische wie kein zweiter beherrschte, spürt man schon regelmäßig wie er rumschrauben un tricksen musste damit es sich reimt.

      deutsch drückt sich doch viel länger aus als englisch .. auch als französisch?


      Schwierig zu sagen. Also man braucht meistens auf französisch mehr Wörter um etwas zu sagen, dafür sind aber die meisten Wörter viel kürzer. Der satzbildung ist aber viel simpler als auf deutsch, wo es schnell verzwickt wird.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Dis darf natürlich auch nicht fehlen. eignet sich auch gut für postkarten und poesiealben - ist aber trotzdem toll:




      Rainer Maria Rilke




      HERBSTTAG




      Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
      Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
      und auf den Fluren lass die Winde los.

      Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
      gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
      dränge sie zur Vollendung hin und jage
      die letzte Süße in den schweren Wein.

      Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
      Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
      wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
      und wird in den Alleen hin und her
      unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
    • Egozocker
      Egozocker
      Bronze
      Dabei seit: 26.08.2006 Beiträge: 6.226
      zur Abwechslung mal etwas aus der DDR:

      Sarah Kirsch

      Die Luft riecht schon nach Schnee

      Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter
      Trägt langes Haar, ach der Winter, der Winter, der uns
      Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt
      Mit dem Windhundgespann. Eisblumen
      Streut er uns ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd, und
      Du Schönster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in den Schoß
      Ich sage das ist
      Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
      Mitten ins Herz, er glüht
      Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel
    • Timmel
      Timmel
      Bronze
      Dabei seit: 10.10.2007 Beiträge: 1.159
      Die Häufung von Expressionisten in den ersten paar Posts (Benn, Trakl, Heym) find ich super - aber auch schon fast wieder verwunderlich.

      Stell mir schon seit die Frage, ob "unsere" Generation (alles was gerade im Alter zwischen 20 und 30 rumkreucht) nicht ohnehin wieder viele Gemeinsamkeiten mit dem Zeitgeist der Expressionisten aufweist.

      Kann aber auch sein, dass mich da meiner eigener Eindruck täuscht, weil eben gerade ICH mich jenem Zeitgefühl durchaus verbunden fühle...
    • FrtZ
      FrtZ
      Black
      Dabei seit: 25.08.2006 Beiträge: 3.382
      Ja fand das auch sehr auffallend und wollte ja eigntl gerade dafür Sorgen, dass das nich passiert. Nur konnt ich mich seitdem nich bequemen die Gedichte mal abzutippen :rolleyes:
    • Egozocker
      Egozocker
      Bronze
      Dabei seit: 26.08.2006 Beiträge: 6.226
      Na ja, mit einem Wondratschek kann ich aushelfen =)

      In den Autos

      Wir waren ruhig,
      hockten in den alten Autos,
      drehten am Radio
      und suchten die Straße
      nach Süden.

      Einige schrieben uns Postkarten aus der Einsamkeit,
      um uns zu endgültigen Entschlüssen aufzufordern.

      Einige saßen auf dem Berg,
      um die Sonne auch nachts zu sehen.

      Einige verliebten sich,
      wo doch feststeht, daß ein Leben
      keine Privatsache darstellt.

      Einige träumten von einem Erwachen,
      das radikaler sein sollte als jede Revolution.

      Einige saßen da wie tote Filmstars
      und warteten auf den richtigen Augenblick,
      um zu leben.

      Einige starben,
      ohne für ihre Sache gestorben zu sein.

      Wir waren ruhig,
      hockten in den alten Autos,
      drehten am Radio
      und suchten die Straße
      nach Süden

      (Wolf Wondratschek)
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Original von FrtZ
      Nur konnt ich mich seitdem nich bequemen die Gedichte mal abzutippen :rolleyes:

      du faule sau! für die kunst muß man opfer bringen!!^^
      na die meisten gibts zum glück im netz - aber ausgerechnet die längsten (jandl, rilke elegie und neruda) mußte ich echt in die tasten hämmern .. aber mit 3.8 im turm geht das flott.

      übrigens: die jeweiligen versionen von rilke, erste elegie und dem neruda gedicht stammen von Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger, zu finden in:

      http://www.amazon.de/Das-Wasserzeichen-P...

      das sollte jeder haben, der sich für lyrik interessiert - da zeigt der spielerisch und experimentell so ziemlich alles, was man mit gedichten anfangen kann .. genauso wie hier:

      http://www.amazon.de/Lyrik-nervt-Erste-H...

      für die expressionismusflut am anfang bin ich ja mithauptschuldiger - mit trakl und heym hat lyrik für mich erst angefangen zu existieren.
      was die uns in der schule an gedichten samt interpretationen beigebracht haben, fand ich alles stinklangweilig und spießig -- der expressionismus war für mich eine persönliche revolution und offenbarung .. ich hab gedacht: wenn sowas mit gedichten möglich ist, dann will ich das auch!!
      das hing bestimmt mit der (ähnliche zu der zeit vor dem 1.wk) verknöcherten zeit im sozialismus samt dazu gehöriger kunst zusammen.

      was jüngere heutzutage am expressionismus toll finden, kann ich schwer beantworten - da muß man sich auch fragen, was expressionismus eigentlich ist - revolutionär (und verbindend) war natürlich die form und bildsprache .. aber unterschiedlicher als trakl und heym gehts ja kaum!
      da mußte ich auch dran denken, als ich fritzels post im anderen thread über nutzen und kunst gelesen habe. die haltung, die er da vertritt, ist mir sehr nah und symphatisch, aber auf der anderen seite wollte georg heym in der nachfolge von rimbaud mit ihren gedichten nützlich sein, die welt verändern und die menschen aufrütteln - die wollten auf die barrikaden und revolution machen .. ganz praktisch und nicht als metapher.
      bei trakl und auch bei benn ist das ganz ganz anders (auch zum teil als resignation)

      heute ist ja revolution bzw veränderung offensichtlich auch nötig - und es ist ne gute frage, ob kunst dabei nützlich sein kann - und sollte .. oder grade nicht.



      @guillaume - von deiner reise lese ich immer gerne ne strophe durch - solche details wie bercau und Le fini sind echt gold wert ..
    • FrtZ
      FrtZ
      Black
      Dabei seit: 25.08.2006 Beiträge: 3.382
      Katertag: Weg gewesen gestern, spät und alleine aufgewacht. Etwas im Hemmingway gelesen, ansonsten so garnichts geschafft, schon garnicht das Haus verlassen. Es ist dies ja auch ein ganz lebensfeindliches Wetter; die Tage sind kurz und kalt, drinnen jedoch ist es behaglich, was will man also da draußen. Mitbewohner sind allesamt übers Wochenende nach Hause gefahren und so könnten die Vorraussetzungen nicht besser sein um sich am frühen Abend mit nem Martini, Rauchwerk und dem gesammelten Wondratschek an den Schreibtisch in der verlassenen Wohnung zu setzen. Melancholie, fick dich ins Knie.

      Wolf Wondratschek. 43 in Thüringen geboren. Lebt in München und Wien

      "Man möchte leben können vom Atmen,
      den alten Filmen,
      vom Rock'n Roll..."



      Irgendwann dienstags

      Ich hab mir gerade ein Buch gekauft
      und mittags etwas getrunken mit Freunden
      und geh jetzt nach Hause und schau plötzlich
      auf die Dinge und Menschen, als hätte ich nie draufgeschaut,
      es ist wie das Anprobieren einer neuen Brille
      mit zu starken Gläsern,
      vor mir haben die Arbeiter eine Baustelle aufgebaut
      und ich habe die Aufgabe mich zurechtzufinden,
      ein Taxifahrer bremst nur deshalb, um mir zu zeigen,
      dass er mich hätte totfahren können
      und dort geht ein Mann die Stufen zur Kirche hoch
      und kämmt sich dabei die Haare.
      Irgendwann dienstags.
      Was will er? Will er beichten? Sucht er Liebe dort in
      seiner Einsamkeit? Verflucht er das Leben? Oder liest er
      nur die Stromrechnung vom Zähler?

      Irgendwann dienstags geht das Telefon
      und gleichzeitig klingelt es und einer schiebt 'ne Zeitung
      unter der Tür durch, alle warten auf das Neue, das nicht kommt
      oder bereits vergessen ist,
      das Buch ist gelesen,
      alles ist ein wenig weiter gegangen,
      im Kino, im Leben,
      irgendwo.
      Und Gott geht unerkannt nach Hause,
      duzt die Sünder und betritt menschenscheu
      das Paradies.



      Im Sommer


      Einsam sein im Sommer
      und hundemüde auf einen
      Liebesbrief warten,
      das ist schlimm;
      und abends zuschauen wie sich
      Lana Turner in Robert Mitchum verliebt;
      und wenn morgens die Sonne aufgeht,
      hast du niemand getroffen,
      in der Tür steckt kein Zettel "Ruf mich an."
      Ein Maler würde das Blau immitieren,
      eine Flugzeugladung Menthol;
      ein Dichter würde lieben oder sterben;
      ich starre, ohne hinauszuschauen,
      aus dem Fenster, frühmorgens,
      und sage "Ich liebe dich"
      ohne irgendetwas
      oder irgendwen
      zu meinen.


      Endstation

      Ich stand an der Bushaltestelle
      und wartete;
      und als der Bus kam, stieg ich ein
      und wartete wieder.
      Vor mir kümmerte sich ein Mädchen um ihren Kerl
      und weil ich nichts zu tun hatte, schaute ich zu
      wie sie an seinem Hals hing und manchmal nach hinten
      schaute zu mir, der nach vorne schaute zu ihr.
      Ich stand im Bus,
      schaukelte mit den Beinen die Straße aus
      und dachte an garnichts;
      irgendwann stieg ich aus, ging nachhause
      und dachte:
      "Es gibt nichts, was einen Mann einsamer macht
      als das leise Lachen am Ohr eines anderen."


      Ohne Titel

      DAS GIBT KEINER GERN ZU,
      daß er verrückt ist nach seinem Mädchen.
      Tagsüber vergießt man sowas
      und ist ganz der Alte.
      Aber die Zeit vergeht,
      die Sonne geht unter,
      alles ruhig,
      das Radio läuft,
      du machst die Hose auf,
      und läßt es sein,
      läufst vor den Spiegel,
      völlig umsonst,
      und dann fällt dir ein,
      daß sie schön ist
      und verdammt weit weg
      und du sitzt da und wartest
      auf den Anruf, der nicht kommt
      und sagst dir,
      immer mit der Ruhe Junge,
      lies die Zeitung nochmal,
      trink noch'n Whisky,
      einen auf die siebziger Jahre,
      dieses elende großzügige Jahrzehnt.
      JAMES DEAN UMARMT DIE MONROE /
      DIE SEELE DIE NACH LIEBE SCHRIE /
      SANG LIEDER NACH NOTEN /
      LIEBE IST WIE STERBEN /
      ABER TÖTEN IST VERBOTEN.
      Hauptsache, sie muß nicht weinen.
      Morgen bist du wieder ganz der Alte
      und keiner wird merken,
      daß es dich fast den Verstand gekostet hat
      so allein letzte Nacht.


      Sieben Kontinente Krieg

      Ich frage mich,
      ob die Welt noch zu retten ist .
      Ich denke, vielleicht sind die Affen
      wieder mal an der Reihe,
      und gehe rüber zum Affenkäfig.
      Aber die Affen sind anderer Meinung,
      lassen sich füttern, kratzen sich am Arsch
      und hören Radio. Ich brauche ein Bier.
      Ich will eine Frau kennenlernen,
      die es nicht gibt. Nach dem vierten Bier
      bin ich wieder soweit, daß ich mich frage,
      ob die Welt noch zu retten ist .
      Ich weiß nicht,
      ich weiß nicht und gehe
      nachhause .

      Kinder gehen sterben .
      Männer suchen nach einer Mutter,
      Frauen nach dem Vater. Wie soll das je
      funktionieren?
      Liebe, erste Sünde der Freiheit!
      Sonne des Südens ! Vielleicht komme ich
      eines Tages noch dahinter.

      Ich denke an sieben Kontinente krieg,
      an sieben Meere voll Gold,
      putz mir irgendwann die Zähne
      und esse anschließend den halben Eisschrank
      leer, beim Ausziehn fällt mir wieder die Frau ein,
      die es nicht gibt.

      Wir sind alle eine große Familie .
      Großvater kennt kein einziges Märchen mehr
      und Großmutter sagt im Irrsinn goodbye
      Ich weiß nicht,
      wann es anfängt
      und wann es aufhört
      und was es ist.

      Man sieht es manchmal im Kino,
      hört es manchmal, wenn niemand spricht,
      berührt es Nachts in der Erinnerung.

      Jeder sucht nach etwas, das er nicht
      finden will. Es soll ihn
      töten.





      Nützliche Dinge



      Der Punchingball
      Die Schreibmaschine
      Ein Blick über Dächer
      Die Arbeit eines Gewitters
      Sinn und Unsinn

      Nimm die Dinge
      Wirf sie hin




      Die Einsamkeit der Männer (aus den mexikanischen Sonetten)

      Da sitzen Männer vor einem Haus
      und trinken und träumen vom Töten.
      Sie sehen Frauen im Vorübergehen erröten
      und spucken aus.

      Sie töten für ihre Ehre
      und tanzen, wenn sie trauern-
      als ob der Tod ohne Schecken wäre
      über dein eingestürzten Mauern

      ihrer Einsamkeit.
      Nicht das Leben ist die Zeit
      der liebe, Liebende verlieren sich;

      kaum daß sie einander nahe spüren,
      sind sie Fremde- und sie gehen unversöhnlich
      Wege, die in Labyrinthe führen.




      Deutschlandlied


      „In gewissen Dingen sind wir der Welt eben doch überlegen“ -
      das war auf einem Cocktail,
      der eine hatte den ganzen Nietzsche gelesen,
      der andere ist nur noch privat ein Nazi,
      Musikliebhaber, etwas Deutsches
      wie Tierliebe und Menschenhaß,
      dieser Fleiß im Denken, im Töten -
      jeder Hund, der hungrig über eine leere Straße schleicht,
      würde das Leben soviel schöner machen
      als dein nagelneuer Mercedes.

      Nein, danke,
      ihr Deutschen,
      ihr Kerkermeister des Profits,
      ihr Profis des Stumpfsinns,
      ihr Erzengel aus Kruppstahl,
      ihr Mitbestimmungsehepaare,
      ihr Fachleute für perfekte Schrauben,
      satt und selbstgerecht,
      beseelt nur von Tatsachen,
      welch ein Volk,
      wie sauber die Mülltonnen,
      wie abgesucht die Nacht,
      wie böse.

      Ich habe die Lust verloren an deutscher Lebensfreude,
      an den Treibjagden der Logik,
      dem Ordnungssinn eurer Gefühle,
      dem Efeu von Angst und Größenwahn,
      dem Mondschein,
      der Himmelfahrt vom Gebirge
      bis in die Tiefebene,
      ihr, die ihr nicht begreift,
      daß jeder Mensch eine Mehrheit ist,
      ein anderer, noch anonymer Kosmos
      oder ein paar weiße Schaukeln oben im Wind,
      der hart gegen Fabriken schlägt.

      Ich will dem, was ich liebe, keine schönen Namen geben.
      Ich lese Majakowski – auf der Suche nach einem Volk.
      Ich lese Pablo Neruda – auf der Suche nach einem Volk.
      Ich liebe Lorca’s Liebe.
      Ich tausche euch jeden Tag ein
      gegen mein Leben.

      Aber die Welterfolge des Westens langweilen mich.
      Mir sind hundert kleine Gauner lieber
      als dieses Ensemble aus Butter und Theorie,
      die Gattin,
      der Ehemann,
      das Unterbewußtsein halb geöffnet,
      selbstgemalte Aquarelle,
      ein Negerschwanz aus der Hölle,
      das ganze fursiose Atomzeitalter.
      Ein vergammeltes Café am Ende der Welt
      hat mehr zu bieten,
      nichts klappt,
      die Gegenstände haben Tauschwert,
      etwas Primitives wie Licht und Luft,
      die Vernunft kehrt aus den Köpfen heim
      in die Körper.

      Ich bin kein Fremder, wo ich nie war.
      Ich trinke mich nur manchmal müde
      auf halbem Weg von hier nach da.
      Aus keinem Ventilator kommt der Wind,
      den ich brauche.

      Ich fühl mich wie der letzte Dreck,
      der letzte Mann an Deck eines Schiffes,
      das immerzu untergeht.

      Ihr könnt mir die Eier betätscheln,
      ihr deutschen Urlauber,
      ihr Überheblichkeitsmenschen,
      ich sah ganze Landstriche häßlich werden,
      ich sah euch auf ein fremdes Lächeln einreden
      und die Welt beherrschen.
      Der deutsche Geist – zusammengeschweißt
      an Blut und Boden.
      „In gewissen Dingen sind wir der Welt eben doch überlegen“ -
      nein, danke.

      Ich ging nachhause. Das Leben errinerte mich
      an einen Witz, den ich vergessen hatte.

      Die Häuser standen da, vom Schlaf bewohnt.
      Ein Vogel fiel in die Allee.
      Die Schaukeln schlugen knarrend ins Leere.
      Ein Hund schlich vorbei.

      Anklänge an tiefere Gesänge…
    • Sandmann12
      Sandmann12
      Bronze
      Dabei seit: 27.05.2010 Beiträge: 395
      Vielen Dank!
      Kannte ich noch nicht.

      Erinnert mich teilweise an Bukowski.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Paul Celan



      TODESFUGE



      Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
      wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
      wir trinken und trinken
      wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
      Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
      der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
      er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
      er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
      er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

      Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
      wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
      wir trinken und trinken
      Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
      der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
      Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

      Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
      er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
      stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

      Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
      wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
      wir trinken und trinken
      ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
      dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
      Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
      er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
      dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

      Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
      wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
      wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
      der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
      er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
      ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
      er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
      er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

      dein goldenes Haar Margarete
      dein aschenes Haar Sulamith



      http://de.wikipedia.org/wiki/Todesfuge
    • Guillaume
      Guillaume
      Diamant
      Dabei seit: 20.01.2006 Beiträge: 11.510
      Original von schrANK111
      [
      @guillaume - von deiner reise lese ich immer gerne ne strophe durch - solche details wie bercau und Le fini sind echt gold wert ..
      Ah danke ! Genau wegen solche Details habe ich's auch gemacht. Gerade fehlt leider ein bißchen die Zeit, aber ich habe schon vor weiter zu machen.

      Wondratscheks' Gedichte von FrtZ kannte ich gar nicht, haben mich auf Anhieb sehr angesprochen, sodass ich fast mißtrauig werde. Müsste ich die Tage wieder durchlesen.
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      Friedrich Hölderlin




      MENONS KLAGEN UM DIOTIMA




      1

      Täglich geh ich heraus, und such ein Anderes immer,
      Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;
      Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich,
      Und die Quellen, hinauf irret der Geist und hinab,
      Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,
      Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;
      Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm,
      Jammernd und schlummerlos treibt es der Stachel umher.
      Nicht die Wärme des Lichts und nicht die Kühle der Nacht hilft,
      Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst.
      Und wie ihm vergebens die Erd ihr fröhliches Heilkraut
      Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephire stillt,
      So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand
      Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum?



      http://www.gedichte.vu/?menons_klagen.html


      http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesun...
    • BubbleNedRum
      BubbleNedRum
      Gold
      Dabei seit: 13.02.2011 Beiträge: 2.925
      auch wenn es nicht so hochphilosophisch ist, wie die anderen gedichte hier:
      es ist einfach mein lieblingsgedicht

      Erich Fried

      Was es ist

      Es ist Unsinn
      sagt die Vernunft
      Es ist was es ist
      sagt die Liebe

      Es ist Unglück
      sagt die Berechnung
      Es ist nichts als Schmerz
      sagt die Angst
      Es ist aussichtslos
      sagt die Einsicht
      Es ist was es ist
      sagt die Liebe

      Es ist lächerlich
      sagt der Stolz
      Es ist leichtsinnig
      sagt die Vorsicht
      Es ist unmöglich
      sagt die Erfahrung
      Es ist was es ist
      sagt die Liebe
    • FrtZ
      FrtZ
      Black
      Dabei seit: 25.08.2006 Beiträge: 3.382
      wut? Das einzige "hochphilosophische Gedichte" hier ist das Hölderlin direkt über dir. Fried passt hier ganz wunderbar rein und es is in der Tat ja auch ein schönes, wenn auch sehr abgenutztes, Gedicht!
    • schrANK111
      schrANK111
      Bronze
      Dabei seit: 19.10.2006 Beiträge: 7.806
      der arme hölderlin ist da kurz davor in den vesuv zu springen aus liebeskummer