31.01.12

Die European Poker Awards: So viel mehr zu feiern

Zurück von seiner Reise zu den European Poker Awards beschäftigt sich Barry Carter mit dem Pokerpreis und überlegt, wie man ihn in der Zukunft weiter entwickeln könnte.

In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, eines Tages bei den European Poker Awards einen Preis in Empfang zu nehmen. Doch letzte Woche passierte genau dies.

Es war tatsächlich real und kein Traum. Unglücklicherweise war aber nicht ich derjenige, der geehrt wurde. Stattdessen stand ich für Sam Trickett auf der Bühne, der zu diesem Zeitpunkt in Australien war und dort die Cash Games bei den Aussie Millions zerstörte.

Und so fühlte ich mich ziemlich beschämt, als ich den Preis annahm. Einerseits lag dies daran, dass es natürlich außerhalb aller Vorstellungskraft ist, dass es irgendeine Auszeichnung für den Spieler des Jahres jemals in meine Hände schaffen würde. Vor allem aber lag es daran, dass ich Sam kaum kenne. Meine (in betrunkenem Zustand gehaltene) Dankesrede klang deshalb ungefähr so:

"Ich bin Brite, Sam ist Brite. Deshalb nehme ich den Award für ihn an. Ich habe ihn einmal getroffen und er wirkte wirklich nett. Ich habe keine Zweifel daran, dass er momentan der beste Spieler der Welt ist."

Auch wenn ich ihn nur einmal getroffen habe, so war es doch ein bedeutender Moment für mich. Ich schaffte es in einem £300-Turnier 2007 in England genau wie er an den Final Table. Niemand wusste damals, wer er war oder werden würde, aber wir erinnerten uns anschließend alle an ihn. Ich wurde an diesem Tag Neunter, er gewann das Turnier. Und er spielte Katz und Maus mit allen am Tisch auf seinem Weg zum Sieg.

Schon damals hatte ich das Gefühl, dass er zu Großem in der Lage sein würde. Vier Jahre später nun stand ich auf dieser Bühne, nahm in seinem Namen einen Preis an und nannte ihn (wirklich) besten Spieler der Welt. Nicht nur Europas.

barry carter
Barry Carter nimmt Sam Tricketts Player of the Year-Award in Empfang
(er sieht dabei genauso überrascht aus, auf der Bühne zu stehen, wie alle anderen).
 

Mehr als nur europäisch

Es war mein drittes Jahr als Mitglied der Jury bei den Awards. Und es wird von Jahr zu Jahr besser. Der Veranstaltungsort wird jedes Jahr größer und die Nominierten werden immer beeindruckender. Sam Trickett, Pius Heinz, ElkY, und Ilari Sahamies gewannen in dieser Nacht allesamt Preise und alle von ihnen wirbelten die Pokerwelt durcheinander, nicht nur die europäische Szene.

Persönlich muss ich sagen, dass es besonders toll war, zwei Menschen gewinnen zu sehen, mit denen ich immer mal wieder zusammen arbeitete. Warren Lush von bwin.party war bis dato einer der unbekannten Helden der Branche. Er war immer eine großartige Hilfe für alle, die über Poker schreiben. Insofern war es toll, dass er den Mitarbeiter-Award gewann.

Jesse May ist einer meiner persönlichen Helden. Ich empfand es als Ehre, mit ihm in dem Raum zu sein, in welchem er den Preis für sein Lebenswerk erhielt. Er hat so viel für das Pokerspiel getan und es für alle, die das Spiel gerne im TV sehen, interessanter gemacht.

Jeder hat wohl seine eigene Einstellung gegenüber solchen Poker-Awards. Einige mögen denken, sie sind wirklich wichtig, andere halten sie für verschwendete Lebenszeit. Und die eigentlichen Gewinner würden in einem Spiel, in dem die Summe gewonnenen Geldes die einzig wichtige Messlatte  ist, wohl kaum eine schlaflose Nacht verbringen, wenn sie bei den European Poker Awards fehlten.

Mehr als nur die besten Spieler

Deshalb liegt für mich der wahre Reiz solcher Awards (neben einer tollen Party) in der Anerkennung solcher Leistungen, die nicht direkt mit dem Spielen zu tun haben. Der Mitarbeiter-Preis, die Auszeichnungen für die Persönlichkeit, das Event des Jahres und das Lebenswerk bedeuten viel mehr als das Spielen selbst. Sie stellen ein Dankeschön für diejenigen dar, welche die Branche zu dem machen, was sie heute ist. Eine Anerkennung, die es sonst vielleicht nicht in die Öffentlichkeit schaffen würde.

Insofern finde ich, dass sich die Awards im nächsten Jahr noch mehr auf die Mitarbeiter und die Branche als solche konzentrieren sollten. Zwei Preise würde ich gerne vorschlagen:

Der erste davon ist wohl auch ein wenig aus eigenem Interesse motiviert, denn ich würde sehr gerne einen Award für die Medien sehen. Er könnte an einen Moderator, Kommentator, Produzenten, Autor, 'Social Media Guru', Blogger oder Journalisten gehen.

Offensichtlich wäre es auch in meinem eigenen Interesse, einen Award zu erschaffen, auf den ich selbst eine (wenn auch sehr geringe) Chance hätte. Ich denke dabei aber viel mehr an die Jesse Mays, Kara Scotts, Pokerkanäle, Pokermagazine, Pokerseiten, Turnier-Blogger und Kevmaths dieser Welt. An die Leute also, die großen Anteil daran haben, Poker den Massen nahe zu bringen. Solch ein Award hätte wohl auch unweigerlich mehr Berichterstattung über die Awards zur Folge, wogegen wohl kaum jemand etwas haben könnte.

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Die Sieger der Nacht (Barry versteckt sich hinter Jesse May)
 

Mehr als nur High Stakes

Der andere Award, welcher mir deutlich wichtiger ist, würde Fortschritte für das Spiel in Bezug auf Freizeitspieler auszeichnen. Ein Preis für Menschen und Institutionen, die das Spiel interessanter und leichter zugänglich für die normalen Spieler machen, nicht nur die Profis auf den High Stakes.

Die European Poker Awards konzentrieren sich verständlicherweise auf die bekanntesten Spieler und die größten Events. Grundstein der gesamten Branche ist es aber, den Spielern ein tolles Erlebnis beim Pokerspiel zu ermöglichen, die sich auf den niedrigen bis mittleren Stakes tummeln. Dies wird bei den Awards momentan nicht abgedeckt. Orte wie Dusk Till Dawn und Montesino, Events wie die International Poker Open, der Sky Poker TV Channel, Serien wie D4 Events, APAT oder die regionalen PokerStars-Touren. Und, ich wage es anzufügen, Webseiten wie PokerStrategy.com.

Ein Preis also für diejenigen, die tolle Erlebnisse für überschaubare Buy-ins ermöglichen, Small Stakes-Spieler fördern, damit sie große Namen werden. Für diejenigen, welche Poker so interessant machen, dass neue Spieler zum Spiel finden und solange dabei bleiben, dass Poker zu einem echten Wirtschaftszweig wird.

Ich liebe die European Poker Awards. Deshalb sind meine Vorschläge nicht als Kritik gemeint, sondern als Empfehlung, wie sie weiter entwickelt werden könnten. Als die EPAs vor elf Jahre starteten, war die Pokerbranche in Europa klein und unbekannt. Nicht einmal der kleine Bruder Amerikas.

Heute ist Poker eine große und komplexe Branche und europäisches Poker dominiert den Rest der Welt. Poker auf den kleinen bis mittleren Stakes ist das Herz dieser Industrie - lasst uns das anerkennen.

von Barry Carter