14.01.12

Dominik 'Korn' Kofert: Der verborgene Wert der Winning Player

In Dominik 'Korn' Koferts neuester Kolumne erklärt der CEO von PokerStrategy.com im Detail, warum Winning Player ein wesentlicher Bestandteil des Pokermarktes sind und erläutert, warum sie unverzichtbar für ein profitables Pokersystem sind.

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Dominik Korn Kofert
In meiner letzten Kolumne habe ich vor einer Diskriminierung von Winning Playern seitens der Pokeranbieter gewarnt.

Als Gründe habe ich angeführt, dass Poker zum einen nicht als Spiel gelten sollte, bei dem Gewinner nicht willkommen sind. Zum anderen sorgen Winning Player dafür, dass die Anbieter mehr Geld erwirtschaften können.

Neben der Tatsache, dass sie für ständige Action an den Tischen sorgen, sind sie im Vergleich zu Freizeitspielern besser in der Lage, Einzahlungen in Rake umzuwandeln.

Im Anschluss an meine Kolumne wurde in den darauf folgenden Diskussionen, vor allem in den TwoPlusTwo-Foren, besonders die letzte Aussage infrage gestellt.
 
Um zu zeigen, dass diese Aussage korrekt ist, möchte ich in diesem Artikel detaillierter erklären, inwieweit eine geringere Anzahl von starken Spielern dafür sorgen würde, dass ein Pokeranbieter pro eingezahlten Dollar weniger Geld erwirtschaftet.
 
Dies zu veranschaulichen, ist aus zweierlei Gründen äußerst wichtig:

• Den meisten Anbietern ist der wahre Wert eines Winning Players nicht bewusst. Aufgrund dessen treffen diese Anbieter falsche geschäftspolitische Entscheidungen, indem sie die den Wert ihrer Spieler nicht anhand des von ihnen generierten Rakes sondern anhand der Höhe ihrer Verluste bestimmen.

• In Diskussionen mit Anbietern brauchen Pokerspieler Argumente, die nicht mühelos abgewiesen werden können, indem man sie als puren Eigennutz abtut.

Verschiedene Sichtweisen hinsichtlich des Wertes eines Spielers

Im Wesentlichen sind im Hinblick auf die Wertschöpfung eines Pokerraumes zwei Möglichkeiten zu betrachten. Der Einfachheit halber werde ich in den nachfolgenden Erläuterungen Faktoren wie Bonuskosten, Transaktionsgebühren etc. nicht berücksichtigen. Gehen wir außerdem davon aus, dass die Verteilung des Rakes stets durch das "Weigthed Contributed"-Modell geregelt wird.
 
Die klassische Sichtweise
Value = Rake
Beispiel: Ein Spieler, der $100 Rake generiert und $10 verliert, ist zehnmal mehr wert, als ein Spieler, der nur $10 Rake generiert und $100 verliert.
 
Die Casino-Sichtweise
Value = Nettoverlust
Beispiel: Ein Spieler, der $100 verliert und $10 Rake generiert, ist zehnmal mehr wert, als ein Spieler, der nur $10 verliert und $100 Rake generiert.
 
Zusammenhang der zwei Sichtweisen
Geld kann nur auf eine Art seinen Weg in den Kreislauf eines Pokerraumes finden: Es muss von einem Spieler eingezahlt und verloren werden. Auf zwei Wegen kann es einen Pokerraum verlassen: Entweder es wird von einem Spieler gewonnen und anschließend ausgezahlt oder es wird in Rake umgewandelt.

Innerhalb eines Pokerraumes:

Rake = Gewinne – Verluste, d.h. Rake = Nettoverlust

 
Wenn ein Pokerraum von der klassischen zur Casino-Wertbestimmung übergehen würde, bliebe letztendlich die Gesamtsumme der beigemessenen Werte gleich - man würde sie lediglich anders auf die Spieler verteilen. Die größten Verlierer würden intern, als die wertvollsten Spieler angesehen werden, während man die größten Gewinner, als negativ beurteilen würde.

Beide Sichtweisen können kombiniert werden, indem man die folgende Formel nutzt und für c einen Wert zwischen 0 und 1 wählt:

Rake = Nettoverlust = c*Rake + (1-c)*Nettoverlust
 
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der in dieser Hinsicht eine Rolle spielt, ist das Geld, das schwache Spieler einzahlen und verlieren. In diesem Fall gilt Rake = Bruttoverluste * Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake, wobei der Bruttoverlust, die Menge an Geld ist, die Losing Player verlieren (ohne dass man dabei die entsprechenden Profite der Winning Player berücksichtigt, wie es bei der Berechnung des Nettoverlusts der Fall wäre).

Hierbei gilt es zu beachten, dass der Wert "Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake" nicht statisch ist. Er wird von den Spielern, die sich an denselben Tischen befinden, beeinflusst. Grundsätzlich kann man sagen: Je geringer der durchschnittliche Skillunterschied zwischen den Spielern, desto höher dieser Wert - je größer der Skillunterschied, desto geringer der Wert.

Dieses Verhältnis hat zur Folge, dass es einem Pokeranbieter nichts bringt, vermehrt Losing Player für seine Plattform zu gewinnen, wenn das zusätzliche verlorene Geld nicht in Rake umgewandelt wird. Ich denke, über diese Kausalität sind sich die meisten Anbieter nicht ausreichend im Klaren.  
 

Der Fehler: Nicht beachten, dass ein Pokerraum ein Ökosystem ist

Pokeranbieter könnten geneigt sein, von der klassischen zur Casino-Sichtweise zu wechseln, weil sie davon ausgehen, dass das Vorhandensein von Freizeitspielern dafür sorgt, dass auch Spieler mit hohem Spielvolumen ihren Weg zum entsprechenden Pokerraum finden. Diese Annahme ist zwar nur teilweise korrekt, aber gehen wir zur Vereinfachung davon aus, dass sie komplett richtig ist.

Wenn also ein Pokeranbieter zur Casino-Sichtweise wechselt, wird er dazu neigen, in einer Art und Weise zu agieren, die einen beträchtlichen Teil seiner professionellen Spieler verschreckt.

Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass es zwei Kategorien von Spielern gibt: solide Spieler und schwache Spieler. Ein solider Spieler verfolgt eine grundsätzliche Strategie, hat relativ solide Preflop-Stats und kann ein gewisses Maß an Erfahrung vorweisen. Ein schwacher Spieler ist jemand, den manche Leute schlicht und einfach einen Fisch nennen würden.

Nehmen wir nun unter dieser Voraussetzung an, dass 80% der Plätze in einem Pokerraum von soliden Spielern belegt werden und 20% von schwachen Spielern. Gehen wir außerdem von einem vereinfachten Pokermodell aus, bei dem stets nur zwei Spieler eine Hand unter sich ausmachen und alle Spieler mit derselben Wahrscheinlichkeit in eine Hand einsteigen.

Was passiert, wenn die besagten Spielertypen aufeinandertreffen?

Der durchschnittliche Skillunterschied zwischen zwei soliden Spielern - wenn man davon ausgeht, dass es sich um eine große Gruppe von Spielern handelt - ist natürlich nicht gering (sagen wir im Durchschnitt 3BB/100), allerdings ist der durchschnittliche Skillunterschied zwischen einem soliden und einem schwachen Spieler mit Sicherheit deutlich größer (sagen wir in diesem Fall 10BB/100).

Wie sieht es jedoch mit dem durchschnittlichen Skillunterschied zwischen schwachen Spielern aus?

Natürlich fällt dieser kleiner aus als der Unterschied zwischen einem soliden und einem schwachen Spieler, aber er ist auf jeden Fall größer als der Unterschied zwischen zwei soliden Spielern.

Warum? Nun, viele von euch wissen sicherlich aus Erfahrung, dass es sogar zwischen zwei schwachen Spielern immense Skillunterschiede geben kann. Denkt zum Beispiel an jemanden, der Echtgeld-Poker zum ersten Mal in seinem Leben spielt, und jemanden, der zwar schon eine Weile pokert, aber einfach gerne seinen Draws nachjagt und sehr oft dazu neigt, zu gamblen.
 
Die Konsequenz der verschiedenen Skillunterschiede: Je ähnlicher sich zwei Spieler im Hinblick auf ihren Skill sind, desto mehr Rake produzieren sie in direkten Duellen, denn es dauert länger, bis einer der Spieler seine gesamte Bankroll an den anderen verliert.

Wenn jedoch zwischen zwei Spielern eine große Diskrepanz im Hinblick auf ihren Skill vorliegt, wird der schwächere Spieler schneller seine gesamte Bankroll an seinen Gegner verlieren, folglich wird in solch einem Fall weniger Rake generiert.

Dies hat also stets einen Einfluss auf den Wert "Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake". Zur Erinnerung: Der Bruttoverlust ist die Menge an Geld, die Losing Player verlieren, ohne dass Gewinne von Winning Playern abgezogen werden.

Mit den oben angegebenen Daten stellen sich die Konstellationen wie folgt dar:

Konstellation
Wahrscheinlichkeit
Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake
Solide vs. Solide 
64% Hoch (3)
Solide vs. Schwach
32% Niedrig (1)
Schwach vs. Schwach
4% Mittel (2)

Geht man von der angegebenen Gewichtung aus (eine weitere Vereinfachung), so erhält man für "Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake" einen Gesamtwert von 2,32.

Was würde nun passieren, wenn ein Pokerraum sich hauptsächlich darauf konzentriert, sein Geschäftsmodell für schwache Spieler interessant zu gestalten, sodass 50% der Plätze von diesen Spielern belegt werden?

Die Tabelle würde sich wie folgt ändern:

Konstellation
Wahrscheinlichkeit
Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake
Solide vs. Solide 
25% Hoch (3)
Solide vs. Schwach
50% Niedrig (1)
Schwach vs. Schwach
25% Mittel (2)

In diesem Fall erhält man für "Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake" einen Gesamtwert von 1,75.

Die erhöhte Fokussierung auf schwache Spieler hat also dazu geführt, dass sich der Wert "Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake" deutlich verringert hat. Daher müssten die Einzahlungen der schwachen Spieler beträchtlich steigen, damit die entstandene Differenz ausgeglichen werden kann.
 
Gleichzeitig profitieren die starken Spieler, die trotz eines auf schwache Spieler ausgerichteten Geschäftsmodells weiterhin bei solch einem Anbieter bleiben, in einem unverhältnismäßigen Ausmaß von der Änderung.
 

Die Auswirkungen

Die Folge des zuvor Gezeigten ist: Um zu ermitteln, was passieren würde, wenn man zur Casino-Sichtweise übergeht, kann ein Pokerraum die entsprechende Analyse nicht auf Daten basieren, die man in einem Zeitraum gesammelt hat, als man zur Beurteilung des Wertes der Spieler die klassische Sichtweise gewählt hatte.

Die Casino-Sichtweise würde die zugrunde liegende Spielerzusammensetzung verändern, was wiederum einen Einfluss auf den Wert "Umwandlung von Bruttoverlust zu Rake" hätte. Angesichts einer Überkompensation des gestiegenen Bruttoverlusts durch die verbliebenen starken Spieler, die nun viel mehr gewinnen, würden sich Rake und Nettoverlust verringern.

Das kann auf einfachem Wege bestätigt werden, indem man die Statistiken der großen Gewinner bei toughen, VIP-freundlichen Seiten mit den Gewinnstatistiken von VIP-unfreundlichen Seiten vergleicht. Wie man an diesem Beispiel erkennt, sollten die Gewinnraten der guten Spieler auf den softeren Seiten weitaus höher sein.
 
Ich bin überzeugt, dass die in dieser Kolumne erläuterte Kausalität bei Weitem das stärkste Argument ist, um für Unterstützung der Winning Player und VIPs seitens der Pokerräume zu werben, da dies schlichtweg im eigenen Interesse der Anbieter ist.

Wenn man darüber hinaus noch bedenkt, dass Poker darauf angewiesen ist, in erster Linie zu vermitteln, dass das Gewinnen möglich ist und dass Gewinner willkommen sind, erkennt man sehr leicht, dass der momentane Kreuzzug gegen starke Spieler unangebracht ist und auf irrigen Annahmen beruht.
 
Um Poker voranzubringen, muss man das Spiel für Freizeitspieler und professionelle Spieler zugänglicher und attraktiver gestalten, indem man sein Augenmerk zwar vermehrt auf Freizeitspieler richtet, ohne dies jedoch mit negativen Konsequenzen für professionelle Spieler zu verbinden.
 
Seid euch gewiss, dass wir unsere Meinung zu diesem Thema den Pokerräumen bereits mitgeteilt haben und weiterhin mitteilen werden - und wir wollen auch jeden Einzelnen von euch dazu ermutigen, dasselbe zu tun.

Angesichts der Tatsache, dass dieser Artikel jede Menge Annahmen und Schlussfolgerungen beinhaltet, werden wir nun ein detailliertes Modell erarbeiten, das auf realen Daten basiert, um die obige Analyse statistisch zu untermauern.

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von Dominik
Korn Kofert

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