28.03.12

Interview mit Wirtschaftswissenschaftler Ingo Fiedler

Ingo Fiedler ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Hamburg und einer der Autoren der kürzlich erschienenen Studie, in der man die Wechselbeziehung zwischen Online-Poker und Offline-Glücksspiel hinsichtlich des Umsatzes untersucht hat. Im Gespräch mit PokerStrategy.com äußert er sich zu der Analyse und den vorgefundenen Ergebnissen.

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Ingo Fiedler
In der letzten Woche haben wir exklusiv über die Ergebnisse einer Studie berichtet, in der unter anderem nachgewiesen wurde, dass Online-Poker keinen negativen Einfluss auf Offline-Glückspielumsätze hat und diese tatsächlich sogar erhöht.

Zudem ging aus der Analyse hervor, dass der US-Pokermarkt vor dem Black Friday einen Wert von rund $1,2 Milliarden hatte und seitens der amerikanischen Staatsbürger im Jahr 2010 rund $981 Millionen Rake an die verschiedenen Anbieter flossen.

Im Gespräch mit PokerStrategy.com äußert sich Ingo Fiedler, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Hamburg und einer der beiden Autoren der Studie, zur Analyse und den vorgefundenen Ergebnissen.

PokerStrategy.com: Was hat dich zur Arbeit in diesem Gebiet bewogen?

Ingo Fiedler: Ich bin Forscher im Bereich des Glücksspiels und als Pokerspieler konzentrieren sich meine Untersuchungen wie zum Beispiel meine Dissertation vor allem auf Online-Poker. Als im Jahr 2006 der UIGEA (Unlawful Internet Gambling Enforcement Act) erlassen wurde, war die große Frage, ob Online-Poker die Offline-Glücksspielumsätze beeinflusst. Sämtliche Casinos dachten, es würde ihrem Geschäft schaden. Ich habe mich jedoch gefragt, ob Online-Poker nicht vielmehr dafür sorgt, dass sich der gesamte Spielerpool erhöht und somit de facto eine größere Anzahl an Personen an das Offline-Glücksspiel herangeführt wird. Folglich weckte eine genauere Untersuchung der Sachverhalte mein Interesse.

PokerStrategy.com: Wie habt ihr die Daten zusammengetragen?

Ingo Fiedler: Die Daten, die wir genutzt haben, stammen aus der "Online Poker Database" der Universität Hamburg (OPD-UHH). Das ist eine riesige Datenbank, die wir bereits für eine Reihe von Studien zum Online-Poker verwendet haben. Um die Daten zu sammeln, haben wir unter anderem mit PokerScout zusammengearbeitet, die den Traffic des Marktes seit Jahren beobachten. Wir haben darüber hinaus eine Software entwickelt, die automatisch Informationen über die Spieler innerhalb der Lobbys von Pokeranbietern wie zum Beispiel PokerStars, Full Tilt Poker, des "International Poker Network" (BOSS Media), Everest Poker und Cake Poker aufzeichnet.

Sechs Monate lang hat die Software die Standorte aller Spieler, die gespielte Zeit und die Höhe des Rakes aufgezeichnet, der an die Anbieter gezahlt wurde. Insgesamt ergaben sich daraus 4,6 Millionen "Online-Pokeridentitäten", die wir im Anschluss nach Regionen und Herkunftsländern gliederten. Dadurch war es uns möglich, die Größe der verschiedenen nationalen Märkte zu bestimmen.

"Aufgrund von Besteuerung und Abschottung können Regulierungsmaßnahmen Online-Pokermärkten auch schaden"

PokerStrategy.com: Das Ergebnis, dass eine Erhöhung des Offline-Casinoumsatzes um $1 Million eine Steigerung des Online-Pokerumsatzes um $2.700 zur Folge hätte, erscheint im Verhältnis nicht sonderlich bemerkenswert. Kann man überhaupt von einem relevanten gegenseitigen Einfluss sprechen?

Ingo Fiedler:
Das vorliegende Ergebnis muss man mit dem Szenario vergleichen, das sich ergeben würde, wenn man davon ausginge, dass beide Produkte Substitutionsgüter wären. In diesem Szenario könnte das von den Spielern investierte Geld nur einem Markt zugutekommen, entweder dem Online-Pokermarkt oder dem Offline-Glücksspielmarkt. Davon ist man im Vorfeld größtenteils ausgegangen. In der Realität sieht es jedoch anders aus: Der Betrag, der in Offline-Glücksspiele investiert wird, verringert sich nicht, wenn die Menschen Online-Poker spielen. Tatsächlich erhöht er sich sogar. Zwar nur in einem geringen Ausmaß, aber die Tatsache, dass er sich nicht verringert, ist das entscheidende Resultat.

PokerStrategy.com: Konntet ihr diesen komplementären (ergänzenden) Effekt auch in anderen Märkten abgesehen vom nordamerikanischen Markt feststellen?

Ingo Fiedler:  Wir haben uns auch Daten aus Italien angesehen und sind auf dasselbe Ergebnis gestoßen. In Deutschland haben wir die Wechselbeziehung zwischen Online-Poker und Glücksspielautomaten untersucht. Auch in diesem Fall ergab sich ein komplementärer Effekt.

"Ich bin mir sicher, dass die Studie der US-Regierung bisher nicht bekannte Informationen liefern wird"

PokerStrategy.com: Wird eure Studie der US-Regierung neue Erkenntnisse bringen?

Ingo Fiedler: Auf Basis meiner derzeitigen Erfahrung mit den Gesetzgebern bin ich mir sicher, dass die Studie der US-Regierung bisher nicht bekannte Informationen liefern wird. Die Informationen, die wir aus der "Online Poker Database" der Universität Hamburg zusammengetragen haben, sind die genauesten und aktuellsten Daten, die vorliegen. Selbstverständlich teilen wir diese Daten mit jedem, der daran Interesse hat.

PokerStrategy.com: Sind das gute Neuigkeiten hinsichtlich der Aussicht auf einen regulierten US-Pokermarkt?

Ingo Fiedler: Unsere Ergebnisse zeigen, dass Offline-Glücksspielanbieter Online-Poker nicht mit Sorge gegenüberstehen sollten, sondern stattdessen befürworten sollten. Folglich sollte sich die Wahrscheinlichkeit, dass Online-Poker in den USA legalisiert wird, auch erhöhen. Aufgrund von Besteuerung und Abschottung können Regulierungsmaßnahmen Online-Pokermärkten jedoch auch schaden.

Ein gutes Beispiel für die Auswirkungen, die solch eine Art der Regulierung hätte, ist der staatlich kontrollierte Anbieter in Quebec, Kanada, International.ca. Es wird besteuert, es gibt kein Rakeback und der Spielerpool hat keinen Zugang zum restlichen "International Poker Network". Das Ergebnis: Niemand spielt dort.

Lest hier die komplette Studie (Englisch)
Diskutiert über das Ergebnis der Studie im Forum

von Barry Carter