19.07.12

Kolumne: Die amerikanische Dominanz

Barry Carter schreibt in seiner neusten Kolumne über den Final Table der October Nine und die Gründe für die Dominanz der Amerikaner bei der diesjährigen WSOP.

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Elisabeth Hille & Gaelle Baumann
Auf den Final Table der World Series of Poker (WSOP) richtet sich jedes Jahr große Aufmerksamkeit und das nicht erst seit der Einführung der November Nine. Obwohl ich mir sicher bin, dass jeder der diesjährigen "October Nine" bis zum Platzen gespannt ist, scheint sich der anfängliche Enthusiasmus der Pokercommunity ein wenig in Grenzen zu halten.

Das liegt wohl vor allem an enttäuschten Erwartungen. Das Jahr 2012 könnte zwar immer noch als das Jahr der Frauen bei der World Series in Erinnerung bleiben, aber dennoch sind viele Beobachter enttäuscht darüber, dass sowohl Elisabeth Hille als 11. und Gaelle Baumann als 10. denkbar knapp den Final Table verpassten.

Die Pokerwelt hat im Moment jede mögliche Unterstützung nötig und die Aussicht auf eine oder sogar zwei Frauen am Final Table weckte Hoffnungen auf einen einzigartigen und in der Pokercommunity noch nicht erlebten Medienhype.

Wenn man dazu noch bedenkt, dass beide Damen aus Europa stammen und recht attraktiv sind, trauert man den möglichen Vermarktungsmöglichkeiten umso mehr hinterher.

Ein weiterer Grund für den fehlenden Enthusiasmus liegt in der Tatsache begründet, dass acht der neun Finalisten Amerikaner sind. Der durch die dreimonatige Pause entstehende Hype entfaltet sich meiner Meinung nach in den Pokercommunities außerhalb der USA wesentlich deutlicher als im amerikanischen Heimatmarkt. So vermute ich beispielsweise, dass ein Pius Heinz, Peter Eastgate oder Jonathan Duhamel in ihrer Heimat einen größeren Stellenwert hatten als ein Joe Cada.

Ganz besonders weil die USA immer noch aus dem Online-Pokermarkt ausgeschlossen sind, wird deutlich, dass die Pause vor dem Final Table noch einmal überdacht werden sollte. Da sich zurzeit keine Pokerräume als Sponsor amerikanischer Spieler anbieten, wird die entstehende Medienaufmerksamkeit kaum genutzt werden können (außer vielleicht durch den ungarischen Spieler).

Die Spieler selber werden also insgesamt kaum von lukrativen Sponsorenverträgen profitieren, sodass im Grunde nur eine lange und unproduktive Verzögerung entsteht.

Amerika dominiert

Trotz allem war die erdrückende Dominanz der USA in diesem Jahr sehr aufschlussreich. Vor einigen Jahren wäre die Vorstellung eines zu 89% mit Amerikanern besetzten Final Tables kaum etwas Besonderes gewesen. In diesem Jahr erlebten wir allerdings die erste WSOP, die von den Auswirkungen des Black Friday wirklich voll betroffen war.

Nicht nur dass die amerikanischen Spieler ihre Fähigkeiten an den virtuellen Tischen nicht weiter verfeinern konnten, viele von ihnen können aufgrund der unendlichen Full Tilt-Geschichte auch nicht über große Teile ihrer Bankrolls verfügen.

Dennoch waren sie die dominierende Nation und das nicht nur am Final Table. Wir von PokerStrategy.com haben für die ersten 60 Events der WSOP einen von den Olympischen Spielen bekannten Medaillenspiegel zusammengestellt, in dem die jeweils drei Bestplatzierten eines Events berücksichtigt wurden. Wie ihr sehen könnt gingen nicht nur 45 der 60 Bracelets an Amerikaner, sondern auch die große Mehrheit der zweiten und dritten Plätze.

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In diesem Jahr hätte die Vorherrschaft der USA eigentlich überwunden werden sollen - soweit gekommen ist es aber nicht. Vielleicht lag es daran, dass die Amerikaner nach dem Black Friday mehr live gespielt haben und so besser vorbereitet und stärker bei den Mixed Games waren denn je. An welchen Faktoren es schlussendlich auch gelegen haben mag, es ist allein das Ergebnis, das zählt.

WSOP
Die October Nine

Immer noch das größte Turnier der Pokerwelt

andras koroknai
Andras Koroknai
Ich möchte auf keinen Fall irgendjemandem die October Nine vermiesen, vor allem weil wir noch drei Monate Zeit haben, um sie besser kennenzulernen und über sie zu berichten. Außerdem gibt es bereits jetzt einige interessante Geschichten über die Spieler am Final Table dieses Jahres.

Genau wie im letzten Jahr scheint der WSOP Player of the Year erneut ein Finalist des Main Events zu sein. Greg Merson gewann in diesem Jahr die $10.000 6-max Championship mit einem Preisgeld von $1.136.197 und erreichte darüber hinaus einen fünften Platz im 4-max-Event.

Das wäre für sich genommen schon eine hervorragende WSOP, aber ein Erfolg im Oktober würde mit Sicherheit dafür sorgen, ihn in die Annalen der Pokerwelt eingehen zu lassen. Ganz besonders, weil er wohl die zwei prestigeträchtigsten No-Limit-Bracelets der WSOP gewonnen hat (das One Drop-Event sei hier außen vor gelassen).

Tatsächlich ist Merson aber nicht der einzige Spieler am Final Table, der Titel vorweisen kann. So gewann Steven Gee im Jahr 2010 ein Bracelet und Andras Koroknai bei der WPT LA Poker Classic 2010 rund $1,7 Millionen. Jeremy Ausmus kam bei dieser WSOP bereits neun Mal ins Geld und hat damit den aktuellen WSOP-Rekord nur knapp verpasst.

Eine weitere interessante Geschichte liefern in diesem Jahr Jesse Sylvia und Russell Thomas, die gut befreundet sind und sich während der WSOP 2010 sogar ein Zimmer teilten. Für die Übertragungen von ESPN wäre diese Freundschaft sicher ein interessanter Nebenaspekt.

Die wahrscheinlich spannendste Geschichte ist allerdings die von Andras Koroknai. Er blieb an Tag 4 des Events nur wegen einer umstrittenen Regelauslegung in einer Hand gegen Gaelle Baumman im Turnier und warf dann drei Tage später genau diese an der Final Table-Bubble aus dem Turnier.

Es kommt nicht oft vor, dass eine Regelauslegung im Verlauf des Turniers solch einen Schneeballeffekt hervorbringt und als Außenstehender kann man sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen, wie es in Baumann aussehen sollte, falls Koroknai das Turnier gewinnt. (Ich bin mir zwar sicher, dass es zwischen den beiden keinen Streit gibt, aber große Freude wird bei ihr über seinen bisherigen Erfolg sicher kaum Aufkommen.)

Ja, der Final Table hätte sicher beeindruckender sein können, aber dennoch haben die Octo-Nine das Potenzial, länger in Erinnerung zu bleiben. Dabei hängt wohl vieles von der Vermarktung der WSOP ab. Das Main Event wird auf jeden Fall immer spannende Geschichten liefern und vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, dass die Amerikaner in diesem Jahr so dominant waren. So könnten sich viele Leute fragen, warum die USA nach über einem Jahr immer noch aus der Welt des Online-Poker ausgeschlossen sind.

von Barry Carter