21.01.12

Mehr Dramatik bei Pokerübertragungen

Anlässlich eines Interviews mit dem amerikanischen TV-Kommentator Jesse May diskutiert Barry Carter in seiner neuesten Kolumne die Zukunft von Pokerübertragungen und erörtert, was getan werden muss, um die breite Masse für das Spiel zu begeistern.

jesse
Jesse May
"The Voice of Poker"
 
In dieser Woche habe ich für die englische Version des PokerStrategy.com Podcasts eines meiner Idole interviewt - den Poker-Kommentator Jesse May. Im Interview sprach er unter anderem seine Idee an, eine TV-Pokershow im "Face Up Poker"-Format zu veranstalten.

Bei diesem Format sollen am Ende einer Hand sämtliche Hole Cards aufgedeckt werden - auch von Spielern, die frühzeitig ihre Hand gefoldet haben. So soll jeder Spieler sehen, was seine Gegner hatten - auch die Zuschauer vor Ort.

Jesse hat viele Gründe angeführt, warum sich ein solches Format als Erfolgsrezept herausstellen könnte. Eines seiner Hauptargumente war, dass es für reichlich Dramatik sorgen kann, wenn am Ende einer Hand Bluffs aufgedeckt werden. Seiner Meinung nach wäre das äußerst unterhaltsam für die Zuschauer.

Wenn man sich als Zuschauer vor Ort ein Pokerturnier oder Cash Game ansieht, kann das ziemlich langweilig sein, wenn man selten die Hole Cards zu sehen bekommt. Jesses Idee könnte dafür sorgen, dass Poker im TV zu einem echten Spektakel wird. In anderen Sportarten kann die Atmosphäre, die eine begeisterte und euphorische Zuschauermenge erzeugt, den entscheidenden Unterschied zwischen einem unterhaltsamen und einem langweiligen Event ausmachen.

In den letzten Jahren hat sich die Übertragung von Poker im TV aufgrund einer Vielzahl von Anpassungen sehr zum Positiven verändert. Die Live-Streams der WSOP, WPT und des PartyPoker Big Game waren allesamt faszinierend. Übertragungen von Cash Games werden ebenfalls immer populärer. Und auch Heads-up-Duelle und Omahapartien kriegen mittlerweile mehr Sendezeit.

Die Übertragung von Poker dreht sich immer weniger um das reine Bewerben von Online-Pokersponsoren. Stattdessen konzentriert man sich mittlerweile zunehmend darauf, eine unterhaltsame Show für die Zuschauer abzuliefern.

Charaktere

Das Team von Matchroom Poker ist verantwortlich für einige der besten Pokershows auf dieser Seite des Atlantiks. Unter anderem hat man die Durrrr Challenge, die PartyPoker Premier League und das PartyPoker Big Game veranstaltet. All diese Shows sind durch ein Format gekennzeichnet, das sich von traditionellen Pokerübertragungen unterscheidet.

Bei der Durrrr Challenge hat es Tom Dwan in mehreren Heads-up Cash Games mit drei verschiedenen Gegnern aufgenommen, das Buy-in lag stets bei mindestens $500.000. An der PartyPoker Premier League, die sich durch das integrierte Ligasystem auszeichnete, haben sich einige der bekanntesten Pros der Welt beteiligt. Das PartyPoker Big Game war ein 48-stündiges Cash Game, bei dem die Spieler unter anderem im Big Brother-Stil an die Rails geschickt wurden.

Die neuen Formate unterscheiden sich grundlegend vom gängigen "6-max Final Table"-Format, das wir üblicherweise auf unseren Bildschirmen erwarten. Diese neuen Shows haben jedoch mehr als nur das zu bieten: Sie sorgen auch dafür, dass die Zuschauer mit außergewöhnlichen Charakteren konfrontiert werden.

Die Durrrr Challenge drehte sich vor allem um den scheinbar unschlagbaren Online-Grinder, der es mit jedem Gegner aufnehmen wollte. Bei der PartyPoker Premier League sahen wir Woche für Woche größtenteils dieselben Spieler, sodass wir uns leicht mit ihnen vertraut machen konnten. Das PartyPoker Big Game zeigte all die Dramatik und Anstrengungen, die ein zermürbendes 48-Stunden-Cash Game mit sich bringt - der Reality-TV-Aspekt sorgte für zusätzliches Aufsehen.

Aufsehen zu erregen, liegt dem Team von Matchroom Poker besonders. In Großbritannien hat der Veranstalter schon Darts und Snooker zu ungeahnter Popularität verholfen, obwohl man eigentlich nicht erwarten konnte, dass diese beiden Sportarten Begeisterungsstürme bei den Zuschauern entfesseln. Da man jedoch interessante Charaktere in den Vordergrund rückte und für zusätzlichen Medienrummel sorgte, haben sich die Veranstaltungen zu äußerst populären Ereignissen entwickelt.

Zuschauer möchten beim Verfolgen eines Events nicht verwirrt werden. Im Hinblick auf Poker muss man daher bedenken, dass das Spiel auf Außenstehende möglicherweise einen sehr komplizierten Eindruck machen kann. Klar definierte Helden und Schurken sind eine gute Möglichkeit, diese Wissenslücke zu überbrücken.

Präsentiert den Zuschauern einen Phil Hellmuth und einen Tony G und sie werden sich für Poker begeistern, noch bevor sie die Hand-Rankings komplett verstanden haben.



Der Satellite-Sieger

Um den Zuschauern diese Charaktere zu liefern, sind außergewöhnliche "TV-Pros" vonnöten - die zuvor genannten Tony Gs und Phil Hellmuths dieser Welt. Herausragende Charaktere, die man entweder liebt oder hasst, die das Spiel verstehen und Erfolge vorweisen können, mit denen sie prahlen können.

TV-Produzenten verstehen das und genau deswegen sehen wir vermehrt Events wie High Stakes-Cash Games, Super High Roller-Turniere oder die EPIC Poker League und Shootout-Events, die man nur per Einladung erreichen kann.

Allerdings machen einige Produzenten in dieser Hinsicht einen großen Fehler. Sie lassen den entscheidenden Charakter außen vor, der Pokerübertragungen für die Massen noch interessanter und fesselnder gestalten kann: den tapferen, mutigen Amateur. Der Satellite-Sieger, der eigentlich vollkommen überfordert ist, aber es dennoch mit den besten Spielern der Welt aufnehmen darf.

Für mich ist die Tatsache, dass ein blutiger Anfänger an einem guten Tag die besten Spieler der Welt schlagen kann, das wichtigste Element im Hinblick auf Poker. Das ist letzten Endes der reizvollste Aspekt des Spiels und auch der Grund, warum Poker ein profitables Spiel ist.

In dieser Hinsicht hat PokerStars mit seinem Big Game genau ins Schwarze getroffen. Ein komplett Unbekannter, die "Loose Cannon", darf in einem Cash Game gegen die besten Spieler der Welt antreten. Der Zuschauer bekommt also große Namen, spektakuläre Action und einen Underdog zu sehen, dem er die Daumen drücken kann. Anfänger und erfahrene Spieler haben die Show sicherlich in gleichem Maße genossen.

Darüber hinaus bekam man noch die - zumindest meiner Meinung nach - großartigste Hand in der Geschichte der Pokerübertragungen zu sehen:



Das Stammpublikum

Viele von euch würden an dieser Stelle vielleicht einwenden, dass die oben genannten Beispiele oder Jesses Idee des "Face Up Poker" das Spiel herabwürdigen und zu einem reinen Spektakel machen. In gewissem Sinne ist das natürlich richtig, aber darum geht es letzten Endes auch.

Ernsthafte Pokerspieler machen nur einen sehr kleinen Teil der gesamten Zuschauerschaft aus. Die meisten Leute, die sich Pokerübertragungen anschauen, sind entweder Freizeitspieler oder haben noch nie selbst gepokert.

Sie wollen unterhalten werden, was bedeutet, dass man sie nicht verwirren sollte. Man muss bei ihnen Begeisterung für das Spiel entfachen. Verrückte Charaktere, dramatische Wendungen und leicht verständliche Formate sind die besten Wege, um genau das zu erreichen.

Natürlich gibt es auch Formate, bei denen ernsthafte und erfahrene Pokerspieler ebenfalls auf ihre Kosten kommen. Shows wie High Stakes Poker, die Big Games von PartyPoker und PokerStars und ESPNs Berichterstattung über die WSOP haben sicherlich auch die Erwartungen der ambitionierten Spieler erfüllt.

Letztendlich muss man jedoch bedenken, dass viele neue Spieler zunächst durch TV-Übertragungen mit Poker in Kontakt kommen. Deswegen ist es wichtig, dass man diese Shows für die breite Masse produziert und dass ernsthafte Spieler sich der Bedeutung dieser Shows bewusst sind, auch wenn dem einen oder anderen manch eine Übertragung persönlich nicht gefällt.

von Barry Carter