07.11.11

Studie zum Glücksspiel: Verbote schützen nicht vor Sucht

In einer groß angelegten Studie kommt das Forschungsinstitut TNS Emnid zu dem Ergebnis, dass sich zwei Drittel der Deutschen beim Glücksspiel um Geld beteiligen, davon nur 0,23% in pathologischer Form. Ein Verbot einzelner Glücksspielarten hat keinen positiven Effekt auf das Verhalten dieser Süchtigen.

Das Forschungsinstitut TNS Emnid hat im Frühjahr eine groß angelegte Studie über das Glücksspielverhalten der Deutschen durchgeführt. Dafür wurden 15.000 Interviews geführt, die Ergebnisse wurden jetzt in Berlin vorgestellt.

Zwei Drittel der Deutschen haben in den letzten 12 Monaten mit und um Geld gespielt

Sie zeigen deutlich, dass sich das Glücksspiel als gesellschaftliches Phänomen nicht mehr wegdiskutieren lässt. Zwei Drittel der Deutschen haben in den letzten 12 Monaten mindestens einmal mit und um Geld gespielt. Davon haben 6% wenigstens einmal Poker gespielt.

Hauptgrund für das Spielen war laut Umfrage für 72 Prozent der Glücksspieler, "mit Freunden zusammen zu sein". An zweiter Stelle stand das Interesse, "andere Menschen kennenzulernen". Den dritten Rang belegte der Wunsch nach Spaß und Unterhaltung. Auf den vierten Platz kam mit 31 Prozent die Absicht, Geld für besondere Zwecke gewinnen zu wollen.

"Seit Jahren bleibt die Quote der pathologischen Spieler unter 0,6%"

Die Meinungsforscher haben auch die Glücksspielsüchtigen untersucht und liefern damit Ergebnisse, die dem politischen Diskurs der Neuregelung des Glücksspiels neue Nahrung geben könnten. In der erwachsenen deutschen Bevölkerung gibt es einen verschwindend geringen Prozentsatz krankhafter Spieler in Höhe von 0,23%.

Henning Haase, Professor für Psychologie an der Universität Frankfurt, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat, konkretisiert: "Seit Jahren bleibt die Quote der pathologischen Spieler unter der ohnehin geringen Marke von 0,6% in der Bevölkerung". Diese Zahlen werden auch nicht davon beeinflusst, ob das Glücksspielangebot wächst oder sinkt.

Dabei folgt die Art des Glücksspiels auch gesellschaftlichen Trends. Das meiste Geld, rund 20% ihres "Budgets", geben die pathologischen Spieler für Poker aus, 16% in staatlichen Spielbanken (exklusive Poker), usw. "Vor zehn Jahren hat die Aufteilung des Spielbudgets sicher noch ganz anders ausgesehen", so Professor Haase, "denn damals war Pokern noch ein Exot unter den Glücksspielen – zumindest bei uns in Deutschland."

Verbote haben keinen Effekt

Trotzdem stellen die Forscher fest, dass ein Verbot einzelner Spielarten keinerlei Effekte hat. Denn die pathologischen Spieler beteiligen sich im Schnitt an fünf Spielarten parallel - und zwar häufig und intensiv. Wenn jemand pokert, ist es zum Beispiel sehr wahrscheinlich, dass er parallel auch noch sonstige Kartenspiele um Geld spielt und dass er auf Sportereignisse wettet.

Prof. Haase zieht hier eine Parallele zum Alkoholmissbrauch: "Es gibt keinen Bier-Alkoholiker, der vom Champagner-Alkoholiker zu unterscheiden wäre. Es gibt nur den Alkoholiker, der seinen Alkoholbedarf deckt." Ein Verbot einzelner Spielarten wie Poker dient also nicht dem Schutz der Glücksspielsüchtigen, sondern zwingt diese lediglich, die Spielform zu wechseln.

"Wenn man die Sucht angesichts der minimalen Verbreitung in der Bevölkerung überhaupt als relevant ansieht, dann ist nicht das "Spielzeug" das Problem, sondern der Spieler", so Professor Haase bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin. "Wenn das eine Spiel gerade verboten wird, ist das nächste schon aus dem Hut oder aus dem Internet gezaubert."

Die Studie wurde im Auftrag der AWI Automaten-Wirtschaftsverbände-Info GmbH in der Zeit von Februar bis Juni 2011 durchgeführt. Zur Quelle.

Interview mit Prof. Dr. Haase

Morgen erscheint an dieser Stelle ein exklusives Interview mit Prof. Dr. Haase, in dem er auch direkt auf das Thema Poker eingeht.