18.01.12

Würde ein $1/$2-Grinder die Games aus 2004 crushen?

Waren die Games während des großen Pokerbooms so einfach? Ist Poker heute so schwierig, dass ein typischer $1/$2-Grinder von heute die größten Stakes vor weniger als einem halben Jahrzehnt gecrusht hätte? Mit dieser oft gestellten Frage beschäftigt sich heute Barry Carter.

doyle
Würde Doyle 2012 ein $1/$2-Spiel
online schlagen?
 
Kaum ein Tag vergeht heute, an dem das zunehmende Niveau im Poker nicht in Foren diskutiert wird. Dabei scheint es, als gebe es diese Diskussion schon seit Jahren. Der Zeitraum zwischen 2003 und 2005 wird immer wieder mit Worten wie 'goldene Zeiten' beschrieben, in denen jeder, der nur halbwegs denken konnte, an den Tischen das Leben verändernde Summen gewinnen konnte.

Seit 2006 aber wurden die Games deutlich schwieriger (wahrscheinlich war es kein Zufall, dass ungefähr in dieser Zeit der UIGEA eingeführt wurde). Heutzutage ist es für neue Spieler unglaublich hart, sich in der Pokerwelt zu etablieren, da selbst die Low Stakes voll von professionellen Spielern sind.

Eine häufige Aussage, die man immer wieder hört, ist folgende: Das Spiel hat sich seit 2003 so stark weiter entwickelt, dass ein $1/$2-Spieler von heute dazu in der Lage wäre, die höchsten Stakes von vor weniger als zehn Jahren zu crushen (oder umgekehrt: Ein Star von früher wie Doyle Brunson würde heute ein $1/$2-Spiel online nicht schlagen).

Ich mochte diese Einschätzungen noch nie, weil sie oftmals gleichzeitig die großen Spieler aus vergangenen Tagen klein machen sollen. Im Kern aber denke ich, dass man dem Argument zustimmen muss: Ein solider Spieler der Low- bis Mid-Stakes aus dem Jahr 2012 ist vom Skill-Niveau her gut genug, um die höchsten No Limit-Games von vor 2004 deutlich zu schlagen.

Ich bin mir dessen so sicher, weil ich es aus eigener Erfahrung weiß. Ich begann gegen Ende 2004 mit dem Pokern und kann versichern, dass die Games wirklich einfach zu schlagen waren. Auch wenn ich direkt zu Beginn einen Upswing gehabt haben mag, so reichten doch nur wenige Tipps in Sachen Strategie von einem Freund, um sehr schnell zum Winning Player zu werden.

Unglücklicherweise wurde dieser Zustand für mich schnell zur Selbstverständlichkeit. Ich tat nicht genug für mein Spiel, während die Gegner immer besser und die Games so immer schwieriger wurden. Seitdem habe ich wirklich hart an meinem Spiel gearbeitet - aber auch wenn ich heute ein viel besserer Spieler als damals bin, kämpfe ich heute damit, überhaupt Gewinn zu machen. Und das auf viel kleineren Stakes, als ich sie vor vier oder fünf Jahren spielte.

Mir fällt keine andere Art des Wettbewerbs ein, in der sich das Niveau eines durchschnittlichen Spielers in so kurzer Zeit so unglaublich verbessert hat. Der Standard im Fußball hat sich in den letzten 20 Jahren beispielsweise ebenfalls massiv verbessert (vor allem, weil die Spieler heute nicht mehr so viel saufen), aber der Gedanke, dass ein Amateur-Fußballer heutzutage vom Können her näher am Profi ist, als dies in den 1980ern der Fall war, ist lächerlich.

Im Zeitalter der Informationen

Der Pokerboom fiel in das Zeitalter der Informationen. Wir sind heute über nichts mehr uninformiert, alles was wir dafür benötigen, um auf dem Laufenden zu bleiben, ist ein Laptop, ein Tablet PC oder ein Smartphone. Dies hat zur Folge, dass jeder, der eine Suchmaschine bedienen kann, Zugang zu einem unerschöpflichen Vorrat an Lehrmaterialien über Poker hat. Alleine bei PokerStrategy.com bieten wir tausende Videos, Strategieartikel und Live-Coachings an, die rund um die Uhr verfügbar sind. Man muss die Webseite somit nicht ein Mal verlassen, um sich ein umfassendes Wissen über Poker anzueignen.

Es ist noch gar nicht lange her, da waren Konzepte wie Implied Odds, Squeeze Play, EV-Berechnungen, das Denken in Ranges, Semi-Bluffs oder ICM nur ein paar Auserwählten der Poker-Elite bekannt. Heute sind sie nicht mehr als Standard in jedem Poker-Lehrplan.

Zusätzlich wurden Programme wie PokerTracker und Hold'em Manager eingeführt, zwei Produkte, welche das Analysieren von Händen und Gegnern für immer verändert haben. Der Detaillevel, auf dem uns diese Hilfsmittel das Spiel analysieren lassen, war vorher nie dagewesen. Sie erlauben es uns, Minute für Minute des Spiels auseinander zu nehmen und in einer Art und Weise über Poker nachzudenken, wie es sich zuvor niemand vorstellen konnte.

Mein Freund, der Mental-Coach JaredTendler beschreibt die Beherrschung einer Sache mit 'wenn die kleinen Dinge zu großen Dingen werden'. Damit will er sagen, dass jemand dann etwas wirklich beherrscht, wenn er die grundlegenden Dinge so gut verstanden hat, dass er sich auf darauf konzentrieren kann, aus den kleinsten Details einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu entwickeln. PokerTracker und Hold'em Manager erlauben es uns, uns auf die kleinsten möglichen Bereiche zu konzentrieren, um uns so eine Edge zu erarbeiten. Nach Jareds Definition geben sie jedem Spieler die Chance, das Spiel auf dem Stand des Vorjahres zu meistern.

dusty
Dusty Schmidt hat online
über 8 Millionen Hände gespielt
 
Die Tatsache, dass jemand wie Jared, ein Außenstehender aus dem Bereich der Sportpsychologie, eine bekannte Person in der Pokerwelt geworden ist, ist ein weiteres Beispiel für die Schnelligkeit, mit der sich das Spiel entwickelt hat. Vor zehn Jahren noch wäre uns die Vorstellung eines Sportpsychologen im Poker aberwitzig vorgekommen. Heute ist es eine gängige Option für Spieler, sich eine Edge aufzubauen.

Zu guter Letzt muss gesagt werden, dass die riesige Anzahl an Händen, die wir heute online Spielen können, eine große Auswirkung hat. Sie erlaubt es uns, die Erfahrung eines Doyle Brunson in nur wenigen Monaten zu erlangen. Es ist keine Überraschung, dass Spieler wie nanonokoPS oder Leatherass9 nicht nur mehr Hände als nahezu alle anderen Spieler gespielt haben, sie sind außerdem zwei der angesehensten Pokerspieler überhaupt.

Würde ein solider $1/$2-Spieler aus dem Jahr 2012 also die Games aus 2004 schlagen? Meine Antwort lautet ja. Und wie.

Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht

Doch was nützt diese Erkenntnis? Ohne Zeitmaschine (welche mit meinem begrenzten Wissen als unwahrscheinlich erscheint) nur wenig. Denn genau die bräuchte man, um von dem höheren Skill-Level zu profitieren. Die Frage 'Könnte ein $1/$2-Spieler einen Tisch mit Spielern schlagen, die 2004 weltklasse waren?' würde ich nämlich nicht mit 'Ja' beantworten. Genau so wenig denke ich, dass ein $1/$2-Spieler, der 2004 mit denselben Bedingungen wie die Spieler dieser Zeit startet, dieselben Pokerkenntnisse erlangen könnte wie heute.

Vergesst nicht, dass diese Oldschool-Spieler die Games mit nur sehr wenig oder gar keinen Lehrmaterialien schlugen. Wenn ein Spieler heute mit Poker beginnt, dann steht ihm ein sehr genauer Fahrplan zur Hand, nach dem er sich verbessern kann. Das war damals ganz anders. Die Spieler von vor zehn Jahren mussten sich das meiste selbst beibringen. So haben sie gelernt, sich unabhängig weiter zu entwickeln. Das ist eine Kunst, die heute nur noch wenige beherrschen.

Die große Menge an Materialien zu nutzen, die uns aktuell zur Verfügung steht, ist ein absolutes Muss für den Spieler von heute. Sie kann aber auch hinderlich sein. Die wirklich großen Spieler, die auch in die höchsten Stakes aufsteigen können, sind diejenigen, die sich selbst das Wissen erarbeiten können, welches nicht jedem zur Verfügung steht. Denn ab einem bestimmten Niveau gibt es keinen Fahrplan mehr.

Ein Aspekt des Spiels, den die Oldschooler im Gegensatz zu vielen jüngeren Spielern beherrschen, ist der, physische Tells zu entdecken. Ich halte dies zwar für einen überbewerteten Teil des Spiels, aber es ist auch heute noch ein Bereich, in dem die 'alten Hasen' auch heute noch eine offensichtliche Edge haben.

Nur weil ein Spieler, der die Games 2004 geschlagen hat, die heutigen nicht mehr mit exakt demselben Können schlagen kann, heißt das nicht, dass sich die Spieler von damals nicht an die heutigen Games anpassen können. Man muss sich dafür nur mal einige der Spieler anschauen, die damals wie heute zur Weltklasse gehörten. Spieler wie Ivey, Seidel und Negreanu, die immer hart dafür gearbeitet haben, der Konkurrenz weiterhin voraus zu sein.

Und so werden wir die wirkliche Antwort auf diese Frage wohl nie herausfinden. Denn selbst wenn jemand von uns jemals eine Zeitmaschine erfinden würde: Er hätte wohl besseres (und profitableres) zu tun, als einen $1/$2-Grinder mit einer Winrate von 4BB/100 in Bobby's Room von 2003 zu schicken.

von Barry Carter