Pareto, oder: Warum Poker nie dead sein wird.

    • Sphairon
      Sphairon
      Bronze
      Dabei seit: 21.05.2009 Beiträge: 110
      tl,dr: Das 80/20-Prinzip wird jedem, der den nötigen Aufwand aufbringen will, langfristig eine profitable Edge in Poker sichern.

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      Da in letzter Zeit wieder sehr viele "poker dead lulz"-Threads aufgetaucht sind, will ich einmal meine Gedanken zu diesem Thema zusammenfassen, um für die Zukunft eine Referenz zu haben. Wenn es außer mir noch jemand interessant findet, wäre das natürlich doppelt super.

      Ein kleiner Disclaimer am Anfang: Die erspielbare Edge im Poker hängt immer mit der Komplexität und optimalen Spielbarkeit einer Variante zusammen. Theoretisch lassen sich meine Aussagen auf alles von Badugi bis Tripledraw übertragen, aber der Effekt wird wohl bei einer Variante wie Omaha deutlicher ausfallen als etwa bei FLHE.

      Es gibt also das Pareto-Prinzip. Grob besagt Pareto, dass 20% der Ursachen 80% der Wirkungen erzielen. Das ist sicherlich nur ein Annäherungswert, allerdings ist es empirisch gesehen erstaunlich, in wie vielen Bereichen sich diese Verteilung tatsächlich niederschlägt. Für einige Beispiele taugt Wikipedia, aber wir wollen uns hier auf die Anwendung von Pareto in Poker konzentrieren.

      1) 20% eurer Hände/Sessions verursachen 80% eurer Winnings/Losses. Kommt in meinem Hold'em-Manager ungefähr hin.

      2) 20% eurer Gegner sorgen für 80% eurer Probleme. 20% eurer Opfer spenden euch 80% eurer Winnings.

      3) Der relevanteste Teil: 20% eurer Theoriekenntnisse sind für 80% eurer Edge verantwortlich.

      Was unterscheidet einen Vollfisch von einem TAG-Fisch? Ein paar Kenntnisse über starting hands, ein bisschen Range-Denken und einige einfache Postflop-Lines. Der Grund, warum Poker in den letzten Jahren tougher wurde, ist in der weiten Verbreitung schnell erlernbaren Autopilot-Contents zu suchen. Das SHC ist euer Feind!

      Auf der anderen Seite gibt es aber noch 80% weiteren Content, mit dem 20% eurer möglichen Edge erlernt werden kann. Und hier beginnt heutzutage die Profitabilität von Poker, da viele Spieler, gerade auch Semi-Regs, die über ein Portal wie PokerStrategy angeworben wurden, schlicht nicht den Willen, die Zeit, die charakterlichen Anforderungen oder andere wichtige Voraussetzungen vorweisen, um sich diese "Rest-Edge" anzueignen. Vor allem deshalb, da der schnelle Erfolg, der über die einfachen Basiskonzepte zu erreichen war, nicht reproduzierbar ist. "Wie spielst du starke Draws?" bringt nicht annähernd so viel wie das Ausdrucken des SHC. Wenige erkennen den kumulativen Nutzen, den das Verstehen dieser Konzepte mit sich bringt, und noch weniger machen sich am Ende die Mühe der Umsetzung.

      Der Unterschied zwischen 80% und 100% Edge ist die Differenz zwischen BE-Grinder und Shooting Star. Der Unterschied zwischen 80% und 90% Edge könnte die Differenz zwischen 0,5bb/100 und 4bb/100 sein.

      Doch der nötige Aufwand, um diese vergleichsweise kleinen Edgevorteile zu erspielen, unterliegt starken "diminishing returns" - einem abfallenden Kosten/Nutzen-Verhältnis. Nicht unbedingt in monetären Belangen, ein nanonoko wird trotz diminishing returns wesentlich besser verdienen als ein schlechter NL50-Reg, aber im Verhältnis Zeit/Edge.

      Überlegt euch also, was es braucht, um 20% der Extra-Edge zu erreichen, mit der ihr als "Pokerpro" euer Geld verdient. Zunächst einmal die Zeit und Intelligenz, um die erforderlichen Konzepte erlernen und verstehen zu können. Dann den Willen und die Motivation, dies tatsächlich zu tun. Verständnis dafür, welchen Wert kleine Vorsprünge in der Edge für das Gesamtergebnis haben können, und die Frustrationstoleranz, diese trotz diminishing returns zu verinnerlichen. Und letztlich die Geduld, seine Edge gegen die Varianz auf eine große Samplesize auszuspielen.

      Einige Pokerspieler haben nicht einmal den einfachen Basiscontent drauf, obwohl es ihnen sehr schnell sehr viel Geld sparen könnte. Ein Großteil der Neuanmeldungen bei PS macht sich nicht einmal die Mühe, einen einzigen Post ins Forum zu setzen. Wie vielen Forenschreibern würdet ihr die oben genannten Eigenschaften zusprechen? Würdet ihr sie euch selbst zuschreiben? Seid ehrlich.

      Wenn also jemand über toughe Games klagt, beschwert er sich im Wesentlichen darüber, dass seine 80%-Edge über die Jahre massiv an Wert verloren hat, da fast jeder sie sich anlernen kann. Wäre Poker so billig zu schlagen, gäbe es kaum Gründe, anderswo sein Geld zu verdienen.

      Wer mit Poker reich werden will, muss bereit sein für die harten 20%. Darüber sollte man auch nicht unglücklich sein, denn das große Geld kommt von genau den Leuten, die sich mit 80% Edge und 100% Ego an den Table setzen. Freut euch also über heftige diminishing returns und die Stacks, die diese euch langfristig einbringen ... :f_biggrin:
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