Blog: Spielsucht - Zeiten ändern dich!

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    • TiM2201
      TiM2201
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      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      Einführung

      Hallo Freunde des Kartenspiels.

      Für alle, die meinen Votingtread in Zusammenarbeit mit Pokerstrategy.com nicht mitbekommen haben, hier noch einmal die Ausgangslage und Einführung.

      Voting
      Feedback und Diskussion zum Blog: Spielsucht - Zeiten ändern dich!

      Mein Name ist obv, ich bin mittlerweile 26 Jahre alt und lebe glücklich mit Frau und Kind zusammen.
      Ich hab lange überlegt, ob ich diesen Blog anonym veröffentlich soll, aber das hätte keine Balls.
      Des weiteren ist es mir auch irgendwie egal, was ihr von mir denkt. :coolface:

      In einem etwas anderem Teaser möchte ich euch meine Erfahrungen der letzten Jahre schildern.
      Hier geht es nicht um besonders tricky Hände oder Graphen, hier geht es um die Up- und vor allem Downswings im Real-Life. Um Psychologie.
      Und größtenteils um Abhängigkeit mit all den damit verbundenen Problemen. Ja, richtig. Ich war spielsüchtig!

      In Anlehnung an den Artikel „Glücksspielsucht - Ursachen, Folgen und Auswege“ möchte ich euch in einer Art Tagebuch meine Geschichte erzählen um so den harten Fakten des Artikels Emotionen zu verleihen. Ihr erhaltet einen Einblick in die Gedankengänge eines Süchtigen.
      Ihr erfahrt alle positiven sowie negativen Begleiterscheinungen und seid mittendrin in meinem damaligen Gefühlschaos.

      Ihr bekommt tiefe Einblicke in die Verhaltensmuster und Denkweisen eines Kranken, denn Sucht und Abhängigkeit ist eine Krankheit und weit entfernt von Willensschwäche oder fehlendem Durchhaltevermögen. In der damaligen Zeit habe ich sehr viel über mich selbst gelernt und mich viel mit meiner Psyche und dem Thema Abhängigkeit auseinandergesetzt. Dieser Prozess von den Anfängen meines Spielens, bis hin zum High-Life, dem Totalabsturz, die Therapie und das neue Leben danach dauerte insgesamt ca. 3 Jahre.

      Ich kann mir vorstellen, dass diese Art von Tagebuch den Leser noch mehr anspricht als der reine Text gespickt mit Informationen. In der heutigen Zeit, in der Onlinepoker immer populärer wird, ist es denke ich sehr wichtig, auch negative Auswirkungen und Risiken der ganzen Materie persönlich darzustellen um verantwortungsvolles Spielen zu ermöglichen

      Dieses Tagebuch enthält mehrere Etappen und zeigt meinen kompletten Weg auf. Um ein wenig konkreter zu werden, poste ich hier mal eine grobe Gliederung. Diese Themen würde ich anhand meines Werdegangs intensiv aufzeigen.

      • Wer bin ich?
      • Erste Kontakte mit Spiel
      • Bin ich anders als die Anderen?
      • Wieso gerade ich?
      • Die Abhängigkeit
      • Auswirkungen auf das Leben
      • Langzeitfolgen auf Körper & Psyche
      • Der lange Weg der Einsicht
      • Wie geht es weiter? Wege aus der Sucht.
      • Die Langzeittherapie. Was? Wie? Warum?
      • Das Leben nach der Sucht - Thema lebenslängliche Abhängigkeit
    • TiM2201
      TiM2201
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      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      Teaser


      ...
      Ich lebte den Koks und Nutten Style. Allerdings ohne Nutten. Das fand ich ekelig. Zumindest einige Teile meines Gehirns funktionierten also noch. Ich verprasste mehrere tausend € im Monat. Was soll´s, vielleicht sterb ich morgen. Dazu machte ich monatlich mehr Kohle als ich ausgegeben habe. Zumindest am Anfang. Ich war glücklich unglücklich. Einerseits war mein Leben geil, ich hatte Kohle ohne Ende, Freunde allerdings nicht. Zumindest keine wahren. Auf der anderen Seite war da dieser Druck spielen zu müssen. Ich wollte mehr. Mehr Geld, mehr Erfolg, mehr Anerkennung. Einfach MEHR! Von allem. Ich bin der GEILSTE!!!
      ……



      .....
      Die ersten Tage der Therapievorbereitung waren hart. Es war eine Art Krankenhaus für Suchtkranke. Ich war eingeschlossen. Mir wurde die Freiheit geraubt. Niemals hab ich mich so mies gefühlt. Bei keinem 5000€ Flip, auch nicht als ich auf der Straße landete. Den psychischen Faktor hatte ich unterschätzt. Ich hatte schon viel mitgemacht, aber das war zu viel für mich. Ich war nicht mehr mein eigener Herr. Ab sofort sagte mir jemand, was ich wann zu tun hatte, wann ich das Krankenhaus in Begleitung verlassen durfte. EINGESPERRT. Ich weinte am ersten Abend im Bett. Eigentlich weinte ich nie. Ich war kurz vorm durchdrehen. Ich konnte jederzeit auf eigenen Wunsch das Krankenhaus verlassen. Aber dann? Back to the street? Ich hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich wurde depressiver. Die Suche nach dem Sinn des Lebens begann. Nach 3 Tagen ging ich zurück auf die Straße
      ...
    • TiM2201
      TiM2201
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      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      1. Wie alles begann


      Eigentlich bin ich ganz normal. Eigentlich. Wer ist das schon. Irgendwie hat doch jeder hier und da eine Macke. Erst das macht den Menschen doch interessant höre ich immer. Völliger Quatsch! Jeder wäre gern perfekt, hätte gern den Traumkörper oder keine finanziellen Sorgen. Wer strebt denn nicht nach Glück, Zufriedenheit und Erfüllung? Ich jedoch war ein besonderer Fall. Zumindest sagte mir dies jeder meiner über 10 behandelten Ärzte und Therapeuten.

      Ich möchte immer gewinnen, der Beste sein, die Extase erleben. Dies macht mich zu etwas Besonderem, sagte man mir.
      Bullshit! Dies war mein Schicksal, welches mir einen Weg aufzeigte, dem ich niemanden wünsche, der aus vielen Hürden bestand, die ich teilweise erst nach etlichen Versuchen meistern konnte und an denen ich oft beinahe gescheitert wäre. Ich hätte mir das alles gern erspart. Früher wollte ich perfekt, heute einfach normal sein. Stinknormal, mit Ecken und Kanten. Wie gesagt, „Zeiten ändern dich“ (Thx @ Bushido, der irgendwie die selbe Idee wie ich hatte, allerdings etwas später ;) )

      Ich kam insgesamt gut klar in meiner Kindheit. Ich spielte Fussball im Verein, hatte Freunde und war einfach ein stinknormaler Junge. Ich machte mein Fachabi, allerdings mehr schlecht als recht. Ich war mittlerweile 20 und wollte auf eigenen Beinen stehen. Mit den Noten hatte ich allerdings keine Chance. Zum ersten Mal in meinem Leben wußte ich nicht wirklich weiter. Niemand traute mir wirklich etwas zu. Ich selbst auch nicht mehr. Zu lang hatte ich alles schleifen lassen. In meiner Freizeit hatte ich viel Spaß, ging in Clubs, fuhr viel zum Fussball schaun in die Stadien usw.. Beruflich und schulisch war ich allerdings planlos, gleichmütig und faul.

      Durch einen kleinen angesparten Geldbetrag konnte ich mir meine erste eigene Wohnung leisten. Es war Zeit, meinen Arsch hochzukriegen. Ich wollte erwachsen sein, also ran an die Sache. Den ganzen Hatern, die nie an mich glaubten, vorallem die Lehrer, mal gehörig den Arsch aufreißen. Also entschied ich mich, die 12. Klasse noch einmal auf freiwilliger Basis zu wiederholen. Ich wusste, dass ich etwas im Kopf hab, ich musste es nur abrufen und konsequent arbeiten.

      Ich wollte es allen zeigen, vorallem mir selbst. Wenn ich etwas wirklich will, werde ich sehr ehrgeizig. Bislang klappte es nur in meiner Freizeit und in Dingen, die mich wirklich interessierten und mir Spaß machten. Den Hebel galt es nun umzulegen. Ich wurde vom Durchschnittstypen zum Nerd und investierte täglich mind. 2 Stunden in Hausaufgaben und Vorbereitung.
      In meiner neuen Klasse lernte ich eine Person kennen, die meinen späteren Weg maßgeblich beeinflusst hatte. Nennen wir ihn Phil. Er wurde zu meinem besten Kumpel und ist das auch heute noch. Er war auch eher so der Nerd, aber trotzdem irgendwie einzigartig, einfach special. Er pokerte im Internet um echtes Geld. Kranke Sache, dachte ich mir. Ich schaute ihm ein paar mal zu, er gewann ein paar bucks. Dies war 2005, am Anfang des großen Booms.

      Vom ersten Moment an war ich begeistert. Er verdient Geld, in dem er in einem Kartenspiel im Internet besser ist als andere. Klingt einfach, sah auch so aus. Ich hatte anscheinend wieder ein neue Berufung gefunden. Phil spielte damals NL25 und war schon ganz gut. (Heute hätte er allerdings auf den Micros Probleme. Er hat aber zwischenzeitlich aufgehört und wurde ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann in der Automobilbranche).
      Ich wollte das auch. Ab sofort gab es nichts anderes mehr für mich als Poker. Ich schlug im Netz die genauen Regeln nach und machte mir erste Gedanken zum Spiel. In der Schule lief es super, ich war Jahrgangsbester im ersten Halbjahr (yeeha, take this, haters!!) und fand so auch schnell eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Ich hatte es allen gezeigt. Es war ein wichtiger Erfolg für mich. Ich wurde selbstbewusster und glaubte wieder mehr an meine Stärken.

      Mit dem Rückenwind der gesicherten Ausbildung lies ich die Schule etwas lockerer angehen und widmete mich mehr dem Poker. Ich saugte alles auf was ich finden konnte. Content war im Netz absolut Mangelware. Mehr als die Regeln fand man meist nicht. Also Learning by Doing und eigene Gedanken machen.

      Ich beschäftigte mich 2 Wochen kompl. nur mit Poker. In der Schule analysierte ich Spielsitationen, ging alle möglichen Szenarieren durch. Ich wollte vorbereitet sein. Nur wer vorbereitet ist kann selbstsicher auftreten, dachte ich mir. Ich machte mir Pläne, wie ich das ganze Thema angehen wollte. Ich bin einfach so. Wo andere sofort anfangen Vollgas zu geben muss ich erstmal eine gewisse Zeit darüber philosophieren und die Gesamtsituation analysieren, um hinterher das Maximum herauszuholen. Fast schon „Scoop“-sche Züge, allerdings mit besserem Ergebnis :coolface:

      Erste dann begann ich zu spielen. Ich cashte 1000$ ein und es ging los. NL25, wann immer ich Zeit hatte. Meist direkt nach der Schule, teilweise schwenzte ich. Hey, ich war der Streber, niemand fragte, ob ich wirklich krank sei. Es gab Tage, da spielte ich ohne Pause 8 stunden durch, machte dabei nur für den Toilettengang Pause und rauchte ne ganze Schachtel Kippen. Bedürfnisse wie Hunger kamen bei mir nicht auf. Zu fokussiert war ich auf meine neue Welt, gefangen im Kartenrausch. Anschließend war ich natürlich total fertig und musste mich mind. genau so lange wieder erholen. Irgendwie strange wenn ich heute darüber nachdenke.

      Auf jeden Fall war dies eine gute Vorraussetzung für den Start meiner Suchtkarriere...
    • TiM2201
      TiM2201
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      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      2. Poker, mehr als nur ein Spiel!


      Das Spielen veränderte mich. Die mir sonst so wichtige Schule wurde aufgrund der guten Ausgangslage vernachlässigt, auch für meine anderen Freunde hatte ich keine Zeit mehr. Ich war mind. genau so oft beim Arzt zum gelben Schein abholen wie in der Schule. Ich machte einfach auf psychisch krank, klappte irgendwie immer.

      In den ersten 4 Wochen crushte ich NL25, ähnlich lief es auf NL50 und ich gewann um die 1000$. Und dabei spielte ich garnicht viele Hände. Vom Multitabling war ich noch weit entfernt. Ich war auf Wolke 7. Natürlich faszinierte mich das Geld, viel mehr aber die Anerkennung oder generell der Erfolg. Ich tat etwas, bei dem ich wußte, dass ich es gut mache, deutlich besser als viele der Anderen.

      Meine Erfolgssträhne setzte sich wohl fort, dachte ich. Vom unauffälligen Durchschnittstypen in der Schule zum Jahrgangsbesten und nun auch noch im Poker, bei dem es um echtes Geld ging, sehr erfolgreich. Mein Wandel gefiel mir. Ich fühlte mich super und bestärkt in meinem Weg. Ich stand auf eigenen Beinen, war mein eigener Herr und einfach nur zufrieden.

      Meine Freizeit verbrachte ich ein wenig bei Phil oder zuhause vor dem Rechner. Andere soziale Kontakte wurden einfach abgebrochen. Dies fiel mir allerdings nicht einmal auf, so gefangen war ich in meiner neuen Welt. Das ist ein grundlegendes Problem bei Süchtigen. Die Abhängigkeit kommt schleichend, dieser Prozess kann sehr lange dauern und fällt dem Betroffenen daher absolut nicht auf. Auf Hinweise von Außen reagierte ich auch erst garnicht. Ich machte doch alles richtig, oder? Das Geld und die Noten sprachen für sich.

      Wenn ich heute zurückdenke, würde ich nicht sagen, dass ich damals schon abhängig gewesen bin, dafür gehört einfach viel mehr dazu, wozu ich in späteren Blogeinträgen noch genau darauf eingehe. Trotzdem waren die ganzen Umstände natürlich alarmierend. Mein Leben änderte sich schlagartig und ich erfüllte schon ein paar der von Ärzten entwickelten Kriterien einer Abhängigkeit. Aber wie gesagt, dazu irgendwann später noch mehr.

      Auch bei Phil machten wir eigentlich nichts anderes als pokern. Ich schaute ihm etwas über die Schulter und half ihm hier und da, so dass er mittlerweile auch NL25 crushte. Am Wochenende feierten wir von nun an immer bei ihm in seiner Bude. Dies war wohl die einzige Zeit, in der es eher nicht um Poker ging und ich komplett abschalten konnte. Das lag wohl eher daran, dass ich im Laufe des abends immer strammer wurde und irgendwann morgens um 5 total dicht bei ihm auf der Couch eingepennt bin. Ich gab mein altes Leben einfach so auf. Jetzt reichte mir es auf einmal, bei Phil auf der Couch selbstgemixte Cocktails zu trinken und zu chillen. Zu gut hab ich mich gefühlt. Das lag vor allem am Erfolg, den ich gleich im ersten Monat hatte. Hier hätten wohl meine Alarmglocken angehen sollen. Geblendet vom Geld und Erfolg war das natürlich nicht der Fall.

      Ich widmete mich weiter viel der Theorie und hatte damit klar einen Wissensvorsprung gegenüber den üblichen Spielern. Wobei es 2005 eh sehr braindead war, auch zu sehen in dem Video. Und das war bereits 2007, ihr könnt euch also vorstellen wie es 2 Jahre vorher zuging. :coolface: Ich stieg weiter schnell auf und war nach knapp 3 Monaten auf NL200. Meine Roll wuchs in der Zeit auf ca. 5000$. Im 4. Monat, in dem ich zum ersten mal nur noch NL200 spielte, erwischte ich einen guten Upswing und machte allein in dem Monat nochmals 5000$.

      Seriuosly, ich musste erstmal klar kommen. Was war nur geschehen? Von einen auf den anderen Tag änderte sich mein Leben schlagartig. Ich machte mir keine Gedanken dazu, ich genoss es einfach. Aufeinmal hatte ich Geld, yeeeha. Vorher hatte Geld nie eine große Bedeutung in meinem Leben. Ich hatte genug zum Überleben und für hier und da ein wenig Luxus, mehr aber auch nicht. Nun wurde es irgendwie zum wichtigen Bestandteil. Ich musste mir finanziell erstmal keine Sorgen mehr machen. Dieses Gefühl war unendlich geil. Es machte mich süchtig. Nicht Poker machte mich süchtig, nein, das Geld tat es und die Gefühle, die ausreichendes Geld bei mir auslösten. Kein Spielsüchtiger ist wirklich abhängig von dem Spiel, das er spielt. Man ist abhängig von dem Rausch, den Glücksgefühlen, dem Erfolg und natürlich dem Geld.

      Spaß machte mir das Spiel bereits keinen mehr. Das musste es aber auch nicht. Ich sah pokern mittlerweile als Arbeit an und Arbeit macht wohl in den seltensten Fällen richtig Spaß. Die Schule beendete ich mit einem guten 2er Abschluss, bis auf Sport sackte ich in jedem Fach 1 Note ab. Es war mir sowas von egal... Ich cashte erstmals 2000$ aus gönnte mir ein paar Sachen. Kleidung, Wohnungseinrichtung usw. Der Rest der Roll wurde weiter für NL200 verwendet. Die Ausbildung begann bald, es wurde Zeit sich wieder mehr auf andere Dinge als Poker zu fokussieren.

      Die Sucht nahm ihren Lauf. Und dieser Lauf suckt!
    • TiM2201
      TiM2201
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      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      3. Das geilste Jahr meines Lebens


      In den Sommerferien vor der Ausbildung gab ich nochmal alles. Mein Tag bestand eigentlich nur aus Poker, Treffen oder ICQ mit Phil, hier und da ein bisschen Theorie wenn man das denn so nennen konnte und ein paar unwesentlichen Dingen wie Einkaufen oder die Tür aufmachen für den China- oder Pizzamann. Wo andere Leute an den See fuhren oder abends in Clubs gingen, saßen wir zusammen vor unseren Rechnern (hvdr) und verdienten Geld. Das Leben kann ganz schön hart sein ;)

      Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, es längerfristig und hauptsächlich mit Poker zu versuchen. Spielte ich vorher maximal 15.000 Hände NL200 / Monat, so waren es nun mind. 50.000 Hände. Ich erhöhte die Tischanzahl von 4 auf 8 und spielte zudem natürlich deutlich mehr. Vorher schlug ich das Limit mit ca. 7bb/100, im Fultimejob waren es nun noch 5. Trotzdem natürlich eine deutliche Steigerung des Profits. Der Gedanke, dies erst mal für einen längeren Zeitraum so durchzuziehen ging aber eher Richtung Hirngespinst. Mir war schon klar, dass ich eine abgeschlossene Ausbildung brauche. Zudem holte Phil mich des öfteren immer mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sonst wäre ich wohl schon deutlich eher abgehoben. Ich war aber auch so relativ zufrieden mit dem Gedanken, bald wieder zweigleisig zu fahren und nebenbei mal eben das 5-fache von meiner Ausbildungsvergütung zu verdienen. Klar blieb der große Traum weiter bestehen, aber dafür hatte ich ja später immer noch Zeit.

      Das Geld veränderte mich. Das tut es wohl bei nahezu jedem, auch wenn sich viele das nicht eingestehen. Man merkt es einfach an Kleinigkeiten. Ich wurde unendlich faul, bestellte mir z. B. mehr Essen als das ich selbst kochte oder stieg von billigen Zigaretten auf die teuren Marken um. Ich kaufte mir vermehrt Markenkleidung, ich fuhr weniger mit dem Fahrrad und viel mehr mit dem Taxi. Aber auch als Mensch veränderte ich mich. Ich wurde durch den Erfolg und das Geld selbstbewusster und ich musste es nicht mehr jedem Recht machen. Etwas Positives sollte das Ganze ja nun auch haben.

      Die Ausbildung begann. Die Firma war ganz in Ordnung, die Schule gar nicht. Ihr kennt sicherlich diese einsamen Nerds, die mit ihrem einzigen Freund in der Schule alleine auf dem Schulhof stehen und über WOW diskutieren. Diese bildeten den Großteil meiner Klasse. Neben WOW waren dann noch Spongebob und Anime ein großes Thema in der Klasse. Seriuos Nerdamentz. Der Rest waren reiche Kinder, die hin und wieder Papi`s A6 ausführen durften und jeden Tag obergestylt zur Schule kamen. Dazwischen gab es dann noch ein paar normale Leute, die aber deutlich die Randgruppe bildeten. Das positive an der Schule war der Blockunterricht. 8 Wochen nur Schule bis 13 Uhr, danach direkt nach Hause und den Rechner anmachen. Diese Zeit galt es zu nutzen.

      Ich nahm mir vor, die Ausbildung nicht zu vernachlässigen. Wenn ich wollte, würde ich es locker mit einem 1er Schnitt packen. Das war allerdings nicht mit dem Pokerjob vereinbar. Also entschied ich mich für einen Kompromiss. Ab sofort wollte ich 50% meiner Freizeit mit Poker verbringen, die anderen 50% mit Lernen für die Ausbildung. So vergingen die ersten Monate und bald war das erste Lehrjahr passé. Die Noten waren ordentlich und auch im Poker kam ich immer weiter voran. Ich war weiterhin NL200 Regular mit guten Winnings und konnte super davon leben. Bislang hatte ich komischerweise nie das Bedürfnis, weiter upzumoven. Zu gut lief es auf meinem Stammlimit, zu leicht war das Geld dort verdient und zu viel musste ich nebenbei für die Schule und Arbeit erledigen.

      In dem Jahr ist eigentlich nichts spannendes passiert. Ich hielt mich größtenteils an meine eigenen Vorgaben und verbrachte wie immer die meiste Zeit zuhause oder bei Phil. Auch wenn sich das Jahr niedergeschrieben sehr langweilig anhört, es war sowohl pokertechnisch als auch von den Erfahrungen das beste meines Lebens. 1,5 Jahre nach dem Start betrugen meine Winnings ca. 75.000$. Geldsorgen gab es definitiv nicht mehr. Wir hatten einfach Spaß am Leben, Spaß am Geld und Erfolg. Phil kam auch immer besser zurecht und schlug mittlerweile NL100. Wir gammelten eigentlich immer nur rum, aber es war genau das, was uns glücklich machte.

      Alle paar Monate mieteten wir uns einen schicken Wagen. Erstmal Papi`s reiche Söhne in der Schule ärgern. Die schauten alle nicht schlecht und waren doch schon leicht neidisch auf „meinen“ S6, R8 usw.. Damit unternahmen wir dann auch immer versch. Kurztrips. Wir waren des öfteren in München zum Fußball, an der Nordsee, in Schweden, in Mailand, London usw.. Meist für ein Wochenende, etwas anderes von der Welt sehen, sich einfach belohnen für die „harte“ Arbeit. Es waren die kleinen Freuden, die mir mein eigentlich tristes Leben lebenswert machten und Kummer gar nicht erst aufkommen ließen.

      Gierig vom Geld getrieben und auch ein bisschen durch den teureren Lifestyle gezwungen movte ich mit mehr als ausreichender Bankroll nach 1,5 Jahren hoch auf NL400. Bislang gab es nur eine Richtung. Up. Dies sollte sich nun ändern. Hier begann meine perfekte Welt langsam zu bröckeln. Ich wurde spielsüchtig.
    • TiM2201
      TiM2201
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      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      4. Die erste Millionen


      Es war an der Zeit, meinen großen Traum weiter zu verwirklichen. Das große Geld. Insgeheim dachte ich öfter darüber nach. Schnellstmöglich 1 Millionen machen, anlegen und das Geld für einen arbeiten lasse. Selfmade Millionär! Die übliche Story, die man oft hört und die dadurch schon leicht abgedroschen klingt. Ich ging voll auf in meinem neuen Plan. Um die erste Millionen zu sichern cashte ich in der Regel monatlich immer nur das Rakeback aus. Es war jetzt nicht super viel, reichte aber neben der Ausbildungsvergütung locker für ein cooles Leben und ich hatte deutlich mehr Geld als Leute in meiner Situation. Selten benutzte ich dann auch mal einen Teil der Winnings, falls ein Wochenendtrip anstand oder ich sonst irgendwas brauchte. Normalerweise „sparte“ ich aber.

      Nun sollte es also losgehen. NL400, ich komme. Gleich in der 1. Session gab´s nur auf die Mütze. Es lief nichts, alle hitteten und ich traf nichts. Einfach nichts. Der erste richtige Downswing meiner Pokerkarriere. Vorher lief es immer super. Ich beendete jeden Monat mit Gewinn. Klar gab es mal Sessions, in denen es nicht so lief und ich einen Verlust hinnehmen musste, auf den ganzen Monat gesehen fuhr ich allerdings immer gute Beträge ein. Ich beendete die Session mit 4000$ Verlust, einfach so, weg. Das waren 20 Stacks meines Stammlimits und bewegte sich im Bereich eines Monatsgewinns. Zum ersten mal war ich auf „scared money“. Das alles fing an mich zu belasten. Ich konnte es einfach nicht glauben. Wie soll das denn klar gehen, wenn ich mal eben an einem Tag meinen Monatsgewinn verliere. Mein Traumseifenblase bekam erste Dellen. Ich zweifelte alles an. Meinen Skill, meinen Traum, mein ganzes Leben...

      Ich war ehrgeizig genug, das nicht auf mich ruhen zu lassen. Ich gönnte mir 1 Tag Pause, es war der langweiligste Tag seit langem. Mir fiel wieder auf, wie unspektakulär mein Leben eigentlich ist. Also erst mal irgendwas machen, aber was? Etwas exklusives wollte ich mir nicht leisten, zu geschockt war ich noch über den herben Geldverlust. Für Schulsachen hatte ich absolut keinen Nerv. Zudem war gerade ein 8-wöchiger Arbeitsblock angesagt. Auch auf Phil hatte ich keine Lust. Ich hatte nur keine anderen Freunde mehr. Und auch keine andere Beschäftigung. Mein ganzes Leben bestand nur aus Poker. Ich machte mir Gedanken, hatte schon leichte Ausdrücke von depressivem Verhalten. Was tut man, wenn man eigentlich nichts mehr hat bis auf Poker? Wenn Poker einen Großteil der Freizeit ausfüllt? Wenn nur das Geld oder der Erfolg einen glücklich macht? Ich wusste es nicht.

      Mir war das alles gerade zu viel. Ich tiltete, aber hauptsächlich nicht wegen dem Geld oder den Misserfolg, viel mehr über mein trauriges Leben. Kann doch nicht sein, dass ich plötzlich so depressiv werde, nur weil es mal nicht läuft, dachte ich mir. Ich war immerhin immer noch in der glücklichen Situation, deutlich mehr Geld als viele meiner Klassenkameraden zu besitzen. Und das, auf eine grundsätzlich einfache Art. Ich unterschätzte das Poker Business allerdings. Körperlich war es kein Ding, ich spielte am Wochenende locker 10 Stunden durchgehend mit kleineren Pausen. Den psychischen Aspekt hatte ich falsch beurteilt. Damit hatte ich mich vorher nie beschäftigt, warum auch? Ich war gesund, also gab es keinen Grund dafür. Auch jetzt wollte ich das Thema einfach abweisen, weit weg schieben. Das gelang mir auch. Scheiss doch drauf.

      Ich lenkte mich ab mit Fernsehen und Schlaf. Nächsten Tag war wieder Arbeit angesagt, eine willkommene Ablenkung. Aber auch dort kreisten meine Gedanken immer über die Session. Mir ging es wieder deutlich besser, ich wollte zurück an die Tische. Es kribbelte in meinen Fingern, ich konnte mich fast gar nicht konzentrieren. Unter dem Vorwand einer Magenverstimmung ging ich bereits während der Mittagspause nach Hause. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen, schon gar nicht bis heute Abend. Die guten Vorsätze waren total ausgeblendet. In der Freizeit 50/50? Leck mich! Ich musste das jetzt gerade biegen.

      Ich merkte, wie die Welt des Spielens mich fesselte. Es gab einfach nichts anderes mehr in meinem Leben, also wieder auf meine eigentliche Aufgabe konzentrieren. Top motiviert fuhr ich meinen Rechner hoch. Dabei die üblichen Rituale. Getränk holen, Kippe innen Mund, Aschenbecher ran, im Realplayer leise meine Chill-Out-Music anmachen und ab geht’s. Die Session verlief super. Ich hatte beinahe alles Looses gechast. Alles cool. Mein Traum war wieder da. Also doch nur eine kurzzeitige Abschweifung. So aussichtslos die Situation nach der letzten Session aussah, so geil fühlte ich mich jetzt.

      Poker bestimmte nun auch meine Laune im real life maßgeblich. Ich war bestärkt in meiner Vorgehensweise. Erstmal ab zum Arzt, gelben Schein holen, wie ich es früher in der Zeit vor der Ausbildung immer machte. Dort klappte es ja, wieso nicht jetzt auch. Ich gaukelte mir vor, ich müsste 100% Poker in meiner Freizeit durchziehen, um erfolgreich zu bleiben. Die Ausbildung packte ich auch so. Und wer schaut schon auf mein Abschlusszeugnis, wenn ich mit 25 die erste Millionen hab.

      Ich wollte die Varianz eindämmen. Mir war nun bewusst, wie dünn die Grenze zwischen Gewinn und Verlust, zwischen „Ich liebe mein Leben“ und „Warum tue ich mir das noch an“ war. Ich wollte mir ein „zweites Standbein aufbauen“. Andere Spiele beherrschte ich gar nicht oder nicht gut genug. Hier fehlte mir auch die Motivation erneut ein Spiel von Beginn an zu perfektionieren. Ich wollte schnelles Geld, keine langwierigen Einarbeitungsphasen. Und was eignet sich besser dafür als Sportwetten. :coolface:
      Als langjähriger Bayern Fan (go, go, go, go, go haters, it´s your birthday) hatte ich schon ordentlich Ahnung. Welcher Fußballfan bestreitet denn seine eigene Ahnung vom Fußball? Jeder ist doch kompetenter als der Nationaltrainer.

      Mit meinem neuen Businessplan wollte ich voll durchstarten...
    • TiM2201
      TiM2201
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      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      5. Abhängigkeit


      Durch die Sportwetten erlebte ich zum ersten mal wieder einen richtigen Kick. Es war etwas neues, Poker war langsam business as usual. Die Herangehensweise war dieselbe wie beim Poker, wenn auch bei weitem nicht so intensiv. Erstmal ein Überblick verschaffen, einen Plan entwickeln. Zu lang wollte ich mich ja nicht an Dingen aufhalten, die keinen direkten Ertrag brachten. Ich studierte kurz die verschiedenen Quoten und schaute mich auf der entsprechenden Seite um. Welche Sportarten? Auch Live Wetten? Viele verschiedene Gedanken mussten kurz ausgeführt werden.

      Dann konnte es auch schon losgehen. Es war einfach ein geiles Gefühl wenn meine Kombi Wette durch ein Tor in der 90. Minute doch noch aufging. Wenn Makaay mir meine 200€ verdreifachte. Schnell steigerte ich meine Wetteinsätze bis auf 1000€. Ein richtiges BRM hatte ich nie, viel mehr spielte ich einfach nach Gefühl, natürlich ohne zu hohe Risiken eingehen zu müssen. Richtig super lief es nie. Im Poker machte ich immer noch deutlich mehr Gewinne. Trotzdem wurde es als gelungene Abwechslung ein zweites Standbein, welches zumindest einen kleinen Betrag abwarf.

      Im Poker versuchte ich mich weiter an NL400. Ich reduzierte erst mal die Tische um mehr Sicherheit zu bekommen. Dazu überdache ich jede Entscheidung mehrmals, ich spielte einfach genau mein Spiel mit simplen Abweichungen wie ich es auch auf NL200 tat. Und es klappte. Solange ich nicht im totalen Downswing steckte, war ich auch auf dem Limit erfolgreich. Es war zwar schon ein Skillanstieg zu merken, dieser war auch deutlich größer als die Sprünge auf den vorherigen Limits, trotzdem natürlich deutlich schlagbar. Heute würde ich es mit dem Sprung von NL25 auf NL50 vergleichen. Deutlich aggressiver, mehr tricky Sports, einfach mehr thinking Poker. Braindeads mit abc-Poker kommen dort nicht mehr weiter. Solche fand man aber auch noch zu genüge dort.

      Wenn es mal nicht so super lief oder ich einfach keine Lust hatte beschäftigte ich mich einfach mit Sportwetten. Ich hatte zum Glück wieder eine andere Beschäftigung gefunden, ohne gleich erneut in ein vordepressives Verhalten zu verfallen. Das gab mir eine gewisse Sicherheit und schützte meine Seele. Richtig Gedanken hatte ich mir zu der Zeit eh nicht über Themen wie Depressionen machen wollen. Zu voreingenommen war ich von dem Thema, zu viel Respekt und Angst hatte ich davor, Schutz durch Verdrängen. Dies ging leider nur eine Zeit lang gut. Mehr dazu und allgemein zum Thema Depressionen sowie andere psychischen Erkrankungen in späteren Blogeinträgen.

      Ich verfolgte weiter den Millionärs Plan. Erstmal galt es eine Samplesize auf NL400 zu ergrinden. Es war das erste Limit, welches ich nicht mit Leichtigkeit crushte. Aus 5bb/100 auf NL200 wurden 3,5/100 auf NL400. Zusammen mit dem Rakeback steigerte ich aber erneut meinen Ertrag. Meine Welt war in Ordnung, zumindest die Pokerwelt. Ausbildungstechnisch beharrte ich auf meinem Standpunkt. Ich lies es einfach sehr locker angehen. In der Praxis im Betrieb hatte ich keine Probleme. Dort war alles relativ easy wenn man sich nicht wie der letzte Vollhonk anstellte. Das gelang mir die meiste Zeit. Im schulischen Teil wurde es schon schwieriger. Für die Klausuren lernte ich nicht mehr und fuhr damit auch noch zufriedenstellend. Ausreichend ist ok, ok ist gut, gut ist 2 :)

      Mit dem neuen Reichtum als NL400 Regular gönnte ich mir immer öfter teuren Kram. Klamotten von Hilfiger, eine teure Uhr oder ein neues Handy. Ich prahlte nie damit, meine Mitschüler wussten mich aber nicht richtig einzuschätzen. Wenn ich wollte, war ich in der Gruppe der Klassenbesten. Ich wollte aber schon lange nicht mehr. Es gab Tage, da schaute ich dem Lehrer nicht einmal ins Gesicht. Ich widmete mich nur meinem vor mir liegendem Zettel, auf dem ich banale Pokertheorien oder meinen „Money Plan“niederschrieb. Mein Lifestyle warf Fragen auf. Ich hatte keine reichen Eltern, ich war kein Snob und ich hatte keinen gut bezahlten Nebenjob. Trotzdem hatte ich anscheinend ein bisschen Geld auf der Kante, was mich noch mehr zum Außenseiter machte, als ich es als „Normalo“ eh schon war. Ich lachte darüber. Wie egal es mir war, dass die WOW Nerds nicht meine Freunde sein wollten.

      Das Geld veränderte mich natürlich immer mehr. Phil sagte mir das. Ich selbst merkte das nicht. Laut ihm wurde ich arroganter. Ich nahm es als gelassener war. Was interressiert mich denn das Gelaber der Nerds oder Snobs? Jeder ist seines Glückes Schmied. So denke ich auch heute noch. Mich interessiert es einfach nicht, was andere über mich denken. Man kann es auch nicht jeden recht machen. Selbst wenn ich dann als arrogant abgestempelt werde. Auf der anderen Seite bin ich sehr sozial. Nach einigen verschiedenen Berufsfeldern arbeite ich heute im kaufm. Bereich einer sozialen Einrichtung, dort lernt man so etwas sehr schnell. Ich freue mich, wenn ich anderen Menschen helfen kann. Genau so wie ich die mir angebotene Hilfe gern wahrgenommen habe.

      Zurück zum Poker. Ich hatte die 100.000$ Bankroll-Marke geknackt. Es war der Wendepunkt meiner Geschichte. Soviel Euphorie hatte ich noch nie verspürt. Ein unglaubliches Gefühl. Das musste gefeiert werden. Phil und ich gingen zum Getränkemarkt, ich kaufe Spirituosen für über 400€. Einfach alles, was es gab. Wir brauchten eine Minibar. Mein Bezug zum Geld verschob sich. Wo Phil noch relativ klar war und meinte, dass es ein paar Flaschen auch tun, musste ich jede Flasche haben. Spielsüchtige denken immer in Superlativen, es gibt nur alles oder nichts. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits spielsüchtig, mein Leben bestand nur aus Poker, Wetten, dem nächsten Kick und natürlich Geld. Es dauerte allerdings noch eine lange Zeit, bis ich das selbst begriff.

      Dafür musste ich erst einmal alles verlieren und ganz unten ankommen.
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      TiM2201
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      6. Bewegungslos


      Der Abend der 100k-Party war sehr berauschend. Super viel Alkohol vertrage ich eh nicht, also hielten die Unmengen an Alkohol mehrere Monate. Teilweise verschenkte ich sogar Flaschen. Ziemlich besoffen pennte ich vor dem Rechner ein. Phil war irgendwann nach Hause gegangen, das hatte ich bereits garnicht mehr gemerkt. Generell war er in der Zeit öfter bei mir als ich bei ihm. Hätte er nicht vorbeigeschaut, wäre ich wohl total vereinsamt. Zu faul war ich, die 2km zu ihm zu laufen. Und wenn ich dann doch mal hin wollte, nahm ich immer ein Taxi.

      Der zweite Downswing kam. Ich setzte mir ein Stop-Loss-Limit von 10 Stacks, 4000$. Ich hörte einfach direkt auf, ich war zwar mega angepisst aber es klappte. An drei aufeinanderfolgenden Tagen musste ich nach kurzer Zeit quitten. Psychisch war ich schon so labil, dass mir das alles ziemlich zusetzte. Ich war richtig depressiv, warf meine Maus an die Wand, nahm die Tastatur und schlug damit auch meinen TFT kaputt. Ich zweifelte wieder alles an. Ich übertrug meine Aggressionen zu 100% ins real-life. Alles und jeder konnte mich mal, ausser Phil natürlich. Wobei ich ihm gegenüber auch schon sehr gereizt war, er konnte mich aber immer gut runterholen. Trotzdem streiteten wir uns auch immer öfter. Erstmal mussten wir in den Elektromarkt, scheiss doch drauf, dass Amazon 20 % günstiger ist. Ich kaufte mir 3 Mäuse, 3 Tastaturen, einen 32“ und zwei 24“ TFT´s.. Natürlich nur das Beste. Ich brauchte eigentlich nur den großen Monitor und einen kleinen. Der andere lenkte mich eigentlich nur ab, daher war dieser beim Poker auch immer aus und auch sonst war er eigentlich immer ausgeschaltet. Die zusätzlichen Mäuse und Keyboards waren Tilt-Ersatz-Hardware.

      Ich kaufte mir nun also schon Sachen, die eigentlich unsinnig sind, die ich nicht einmal brauchte. Es gab immer mehr Anzeichen für eine Abhängigkeit. Geld ausgeben machte mich glücklich. Wobei glücklich das falsche Wort ist. Eigentlich unterdrückte es wieder nur für einen kurzen Zeitraum meine depressive Verstimmung. Ich tat es immer öfter, sparen war out. Die erste Millionen bekam ich schon noch früh genug. Ich musste mich belohnen, für meinen Einsatz, für die ganzen Strapazen, vorallem für das psychische Kopfgeficke.

      Ich beschloss, dass die Tische erstmal eine Weile ohne mich auskommen mussten. Bereits am letzten der drei aufeinanderfolgenden Stopp-Loss-Tage wollte ich meine Looses chasen und überschritt damit meine eigene Stop-Vorgabe. Ich scheiterte erneut. So eine Niederlage wollte ich mir nicht nochmal geben. Sie tat weh. Ich hasse verlieren. Ich kann es nicht. Das ist auch heute noch so. Mit meiner Freundin spiele ich nicht, nicht mal Karten. Zu enttäuscht bin ich, wenn ich verliere. Und aus Enttäuschung wird Wut. Aus Wut Streit. Absichtlich verlieren, z. B. Gegen meinen kleinen Neffen ist kein Problem. Da weiß ich es ja auch vorher schon. Aber wehe, es entsteht ein Wettkampf. Ich fühle mich dann einfach als Verlierer, sehe nur noch das Schlechte in mir. Ich nahm das Spiel persönlich, fühlte mich angegriffen. Fick dich Poker, dreckiger Bastard! Es war schon lange kein Spiel mehr. Es war mein Leben, meine Möglichkeit zum großen Geld. Poker war Freund und Feind zugleich. Langsam wurde es mir klar, ans Aufhören dachte ich trotzdem nicht. Zu geil waren die schönen Zeiten, wenn es lief und das Geld mir nur so zufloss. Das machte einige negativen Aspekte locker wett. Zu Groß war die innere Sicherheit und natürlich auch die Hoffnung, dass es bald wieder besser laufen wird und ich meinen Traum straight forward weiterleben konnte.

      In der Pause waren natürlich wieder Sportwetten angesagt. Die Bundesliga hatte Sommerpause, besten Dank auch. Suchend nach dem Kick fokussierte ich mich auf die russische Liga. Die meisten Vereine kannte ich nur beiläufig. Seit geraumer Zeit setzte ich mir ein Kontingent von max. 10.000€ pro Wetttag. Soweit war es schon gekommen. Heute schockiert mich das. 10.000€!! Dafür arbeiten manche Leute ein halbes Jahr. Und ich setzte das an einem Tag mal eben auf Sportteams. Das ist doch krank. Eine krankhafte Suche nach dem Kick. Damals war es für mich normal, so verschoben war meine Welt schon, mein Empfinden vom Wert des Geldes. Entweder setzte ich verteilt auf 3 große Spiele oder ich platzierte bis zu 10 kleine Wetten. Ich schaute mir kurz die russische Tabelle an und riskierte ein Großteil meines Einsatzes bei 5 Wetten. Dazu noch ein bisschen Basketball und Handball und let´s roll, die 10k waren untergebracht. Bis auf eine erfolgreiche Wette verlor ich überall. Danke St. Petersburg! Ich ragte durch meine Wohnung, ich schrie meine Wut herau, ich musste einfach wieder etwas zerstören. Keine Ahnung wieso, aber danach ging es mir besser. Mein TV musste dran glauben. Bis auf Bundesliga schaute ich eh nie.

      Dies war der erste Moment, in dem es mir wirklich schlecht ging. Sehr schlecht. Vorher hatte ich auch schon des öfteren einen Down aber dieses mal war es anders. Ich verkraftete den großen finanziellen Verlust absolut nicht. Ausgepowert lag ich auf meinem Bett, bewegungslos, starte einfach nur in die Luft. Ich fragte mich, warum ich mir das alles noch antue. Es gab nur noch Up oder Down, kein Zwischending mehr. Ich sehnte mich nach Normalität. Zum erstem mal seit dem Start dachte ich über´s Quitten nach. Was würde passieren? Wie fülle ich die Leere? Ich hatte noch eine ausreichend große Bankroll, ich könnte mir einige schöne Dinge leisten und mich wieder mehr auf mein richtiges Leben konzentrieren. Es klang alles sehr einfach, dass war es leider nicht. Wie jeder Süchtige überschätzte ich mich. Klar kann ich morgen aufhören, wieso auch nicht. Noch wollte ich das aber nicht, zu viel Geld gab es noch zu gewinnen.

      Phil kam vorbei. Ich erkannte es wie immer am Klingelzeichen. Kurz, lang, kurz. Wenn es anders klingelte, machte ich schon garnicht mehr auf, ausgenommen die Lieferdienste. Er sah die Verwüstung. Ich hatte keine Kraft, aufzuräumen. Anfangs belächelte er es immer noch und bevor er mich richtig begrüßte sagte er: „Ok, fahren wir halt zum Elektromarkt“. Dieses mal tat er das nicht mehr. Er merkte, dass ich ernsthafte Probleme hatte. Darüber reden konnten wir aber auch nicht wirklich, auch wenn ich ihm vertraute. Wem fällt es schon leicht, seine Probleme offen zu legen. Er fragte nur, „wieviel?“ 7.000€ bei Sportwetten. „Und darum machst du so eine Action?“ Dazu 15.000$ Poker die letzten 3 Tage. Er war geschockt. Die Dimensionen waren ihm nicht bewusst. Er wusste, dass ich mittlerweile sehr erfolgreich auf NL400 war und damit gut Geld verdient, er fragte aber nie wirklich wieviel. Dazu spielten wir nicht mehr gemeinsam. Er hatte alle Hände voll zu tun im real life, ich pokert nur noch alleine wo ich mich 100% konzentrieren konnte. Es interessierte ihn auch nicht wirklich. Er reduzierte mich nicht nur auf´s Geld, er war ein echter Freund. Irgendetwas mussten er tun, er wollte mir helfen. Aber ich lies ihn nicht an mich ran. Ich wollte keine Hilfe,es reichte schon wenn er da war und wir ein bisschen gechillt haben, abschalten ohne Poker und den ganzen Kram. Sich mit jemandem „normalen“ abgeben, generell einfach Kontakt zur Außenwelt zu haben tat mir sehr gut.

      Mit einem neuen Fernseher ausgestattet ging es bald wieder an die Tische. Zu groß war die Anziehungskraft der Dollar.
      Kein Poker, kein Leben. Kein Geld, keine Freude.
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      TiM2201
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      7. Auf in den Krieg!


      Die Sommerferien standen an. Ich hatte 3 Wochen Urlaub. Daraus wurden allerdings insgesamt 7 Wochen, da ich vorher schon 1 Monat lang „krank“ war. Ich verbrachte mittlerweile auch mehr Zeit zuhause als in der Schule oder auf der Arbeit. Mein eigentliches Ziel einer guten Ausbildung, welches ich irgendwann mal gehabt hatte, verlor ich total aus den Augen. Mein Arzt war top, die psychische Probleme Schiene funktionierte immer. Ich wusste aber auch genau, wie ich mich verhalten musste und was ich zu sagen hatte. Zu Beginn der Pokerkarriere dachte ich mir das alles aus. Nun, nach den ganzen Erfahrungen erzählte ich ihm einfach wie ich mich fühlte, wenn ich viel Geld verlor. Aus Fiktion wurde immer mehr Realität, ich begriff das aber alles nur sehr schleppend.

      Nun also wieder 3 Wochen Vollgas. Ich hatte 5 Tage Pause gemacht, es sollte die längste abstinente Phase meiner Laufbahn sein. In den 5 Tagen hing ich viel mit Phil rum, wir machten einfach irgendetwas. Alleine hätte ich das nicht durchgestanden. Wir gingen saufen, ins Kino, ins Freibad, einfach ganz normale Dinge, die ich leider schon viel zu lange nicht mehr erlebte. Es war irgendwie langweilig, mir fehlte der Kick. Trotzdem tat es sehr gut. Ich sehnte mich nach Normalität und jetzt bekam ich sie. Es war der Gewinn meiner Freiheit, es tat so unglaublich gut. Aber je mehr Normalität ich bekam, desto mehr vermisste ich die Tische. Der Teufelskreis begann. Für mich war das gerade ein Urlaub, knapp eine Woche abschalten vom Alltagsstress, mehr aber auch nicht. Zu tief saß der Stachel der Sucht, der meinem Kopf implizierte, ich müsse spielen.

      Poker war Krieg für mich. Nur die Starken überleben, wie in der Natur. So ist es doch heute auch im Leben. Nur wer kämpft gewinnt und steigt ins nächste Level auf, die Anderen bleiben zurück. Generell wird mir in der heutigen Gesellschaft zu wenig Wert auf die sozialen Aspekte gelegt. Themen wie Neid, Geiz und Missgunst bestimmen den Alltag. Positive Gefühle wie Verantwortung und Nächstenliebe werden verdrängt. Deswegen arbeite ich im sozialen Bereich. Es tut gut zu wissen, dass ich jeden Tag Menschen mit den verschiedensten Problem helfen kann. Mein Arbeitsbereich umfasst viele Bereiche. Schuldnerberatung, Migrationsdienst, Alten- und Krankenpflege, Kinderbetreuung, Psychosoziale Dienste usw.. Damals war mir das egal, ich war im Krieg und kämpfte um´s Überleben. Jeder Spieler am Tisch war mein Feind, jeder wollte mein Geld haben, mich fertig machen. Me against the world...

      Ich zeigte mich wieder von der ehrgeizigsten Seite. Es ging zurück an die Tische, nur auf die Karten fokussiert. Ich dunkelte mein Zimmer kompl. ab, startete meine chillige Lounge Musik, Kippe in den Mund und los ging´s. Ich spielte mein bestes A-Game seit langem. Ich verschwendete keine Sekunde an den Gedanken, auf NL200 abzusteigen. Zeitverschwendung. Ich zerstörte meine Feinde. Sie kämpften mit Messern, ich mit der AK47. 8 Stunden spielte ich nur mit kleinen Pausen durch. Am Ende stand ein Gewinn von ~ 12k auf der Habenseite, eine Menge Geld, 30 Stacks. Gefühlt entwickelte sich jedes Pocketpair zum Set, jeder Flush kam an, jedes OESD wurde erfolgreich zusammengefügt. Da war es wieder, dieses geile Gefühl. Ich verlor 22k in 3 Tagen, aber ich kam zurück und ich gewann wieder, mehr als je zuvor an einem Tag. Wenn ich mich recht erinnere betrug meine Bankroll nun um die 90k. Es war Zeit für die nächste Stufe. Geblendet von meinen mega Skillz nach dem erflgreichsten Tag (Wer hat hier Upswing gesagt?!) musste ich weitermachen. Höher, schneller, weiter. Ich schlief schlecht die Nacht. Zuviel Adrenalin floss durch meinen Körper. Mein Dopamin- und Serotoninhaushalt war wohl doch schon sehr gestört. Ich stand nach 4 Stunden auf, erstmal Rechner anmachen. Das übliche, Kaffee, Kippen, Sportseiten. Auch auf ps.com stoss ich zu der Zeit einmal, aber wozu brauchte ich denn ne Pokerschule? Da sollen sich die ganzen Idioten mal anmelden, damit sie vielleicht mal eine kleine Chance gegen mich haben.

      Ich öffente Pokerstars. Es war Zeit für etwas ganz besonderes. Getrieben von der Gier wollte ich mehr Geld. Auf NL600 war damals um die Uhrzeit komischerweise nicht viel los, also ab auf NL1k. Mit 1000$ an den Tisch, easy Moneyz... 4 Tische, let´s roll. Nach 4 Stunden beendete ich die Session mit weiteren 10k Gewinn. Ich verhielt mich einfach total affig, wie ein Heroinjunkie der sich nach 2 Tagen endlich wieder einen Schuss setzen konnte. Für mich war das allerdings normal zu dem Zeitpunkt. Meine Freude musste raus. Die ganze Last der letzten Pokertage war von mir abgefallen, ich zerstörte NL1k, zumindest glaubte ich das. Ich schrieb Phil ne SMS alá: „22k up in 2 Tagen“, die er mit „omg get a life :) “ beantwortete. Wie recht er hatte. Wie egal es mir war!

      Ich brauchte wieder Normalität. Mit einem fetten Lachen im Gesicht ging ich zum Supermarkt und erledigte Alltagssachen, die mir wieder Freude bereiteten. In der nächsten Zeit mixte ich immer mehr die Limits NL600/1000 und fuhr damit ganz gut. Der Upswing war wohl vorbei, trotzdem verdiente ich super gut. Ich reduzierte die Tischanzahl dauerhaft auf 4 und spielte nicht mehr soviele Stunden am Stück. Qualität vor Quantität. Die neu gewonnene Zeit verbrachte ich mit Sportwetten, mit Warten beim Pizzamann (ja mittlerweile ging ich dort sogar hin und ließ es mir nicht mehr bringen) mit Automatenspiele oder einfach gechillt zuhause mit ein paar Bierchen und anderen Leckereien ;)

      Phil baute sich zwischenzeitlich sein eigenes Autoimperium auf. Er absolvierte die Ausbildung zum Automobilkaufmann mit sehr guten Leistungen und arbeite nun schon 2 Jahre in diesem Bereich bis er es wieder eine Stufe höher schaffte und in die Geschäftsführung aufstieg. Mit 27! Mich beeindruckte das absolut nicht. Ich freute mich für ihn, keine Frage. Er tat mir aber auch leid, weil ich bemerkte, wie hart er für sein Geld arbeiten musste. Poker spielte er garnicht mehr. Auch seine Freizeit reduzierte sich auf ein Minnimum. Wir sahen uns immer seltener, Teilweise schaute ich bei ihm auf Arbeit vorbei. Dann schlenderte ich an den Audi Luxusklassen vorbei und sagte vor anderen Kunden zu Phil immer irgendeinen Quatsch mit breitem Ginsen z.B.: „Ich hätte gern den und den. Und für dich Phil, nehm ich den da :D .“ Heute zeigt mir das, zu was für einem Wichser ich damals geworden bin. Ich fand das einfach lustig, hab nicht weiter darüber nachgedacht. Generell hätte ich mehr nachdenken sollen zu der Zeit. Heute würde ich mich für so ein Prollverhalten in Grund und Boden schämen. Zeiten ändern dich.
    • TiM2201
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      8. Koks und Nutten


      Ich lebte den Koks und Nutten Style. Allerdings ohne Nutten. Das fand ich ekelig. Zumindest einige Teile meines Gehirns funktionierten also noch. Ich verprasste nun mehrere tausend € im Monat. Was soll´s, vielleicht sterb ich morgen. Dazu machte ich wohl mehr Kohle als ich ausgegeben habe. Zumindest meistens. Ich war glücklich unglücklich. Einerseits war mein Leben geil, ich hatte Kohle ohne Ende, richtige Freunde allerdings nicht mehr. Denn auch Phil wurde immer mehr nur zu einem guten Bekannten, zwar mein einzig richtiger, aber nicht mehr DER Buddy den sich jeder wünscht. Er war beruflich so eingespannt, dass wir uns nur noch selten sahen. Einerseits war mir mein Leben viel zu trist geworfen, was ich mit Geld ausgeben beheben wollte, auf der anderen Seite war da dieser Druck spielen zu müssen. Ich wollte mehr. Mehr Geld, mehr Erfolg, mehr Anerkennung. Einfach MEHR! Von allem. Ich bin der Geilste!!!

      Nicht nur psychisch nahm mich das alles sehr mit. Auch körperlich ging es mir nicht wirklich gut. Ich ernährte mich viel von Fast Food, frische Luft gab´s fast nur durch das offene Fenster. Sport war total out, teilweise fuhr ich jetzt schon mit dem Taxi zum Einkaufen und zur Schule. Jetzt war es nicht nur die üblichen Downswings, die an meinen Nerven zerrten. Jetzt war es das große Geld und mein damit verbundener Lifestyle. Dies war der Zeitpunkt, an dem ich meine Seele verlor. Ich schaute in den Spiegel und ich erkannte mich nicht mehr. Und dies meine ich nicht aus nur der Redwendung heraus, ich empfand es wirklich so. Wenn ich ganz nah an den Spiegel ging und mir in die Augen schaute, bekam ich Panik. Keine Ahnung warum. Ich hatte Angst vor mir selber. Meine Psychose begann. (Wikipedia: „Als Psychose bezeichnet man eine schwere psychische Störung, die mit einem zeitweiligen weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs einhergeht.“ Mehr dazu von mir später, wenn die Psychose sich weiter bemerkbar machte.) Alles, was mir vorher wichtig war, mein ganzes Leben, war mir nun scheissegal. Lieber mit 30 sterben und viel erlebt haben als ein langweiliges Leben bis 60. Kurzfristiges Denken, was interessiert mich die Zukunft.

      Mein Urlaub war vorbei, ich verpennte gleich am ersten morgen und ging dann einfach garnicht mehr arbeiten. Lieber widmete ich mich dem Poker, verdiente das x-fache meiner Ausbildungsvergütung und war mein eigener Herr. Ich schaltete mein Handy aus, niemand sollte mich stören. Es folgte die totale Isolation. Ich ging nur zum einkaufen vor die Tür. Abends feierte ich dann oft alleine meine persönliche 1-Mann-Party. Schöne elektronische Musik, dazu ein paar Bier und ein bisschen dies und jendes aus meiner Minibar. Es wurde zum Ritual und ich trank täglich abends `nen Cocktail, hin und wieder dann auch mal andere Entspannungsmittel. Dazu spielte ich gegen die Langeweile ein paar SNG + MTT. Per Post bekam ich die 1. Abmahnung wegen Unerlaubtem Fernbleiben vom Arbeitsplatz mit der einer gesetzten Meldefrist. Ich lies auch die verstreichen, es war mir total egal. Ich lebe hier und jetzt, da will ich nicht meine wertvolle Zeit mit Arbeit verbringen, die mir eh keinen Spaß macht.

      Ich brauchte mal wieder etwas Ablenkung. Auf NL600/1000 runnte ich immer noch solide, mein Geld musste unter´s Volk gebracht werden. Ich mietete mir bei meinem Stammservice einen M3 für eine Woche und fuhr mal wieder zum Fussball nach München. Ohne Phil. Bayern gewann 3:1, geiles Leben. Als ich wieder zuhause ankam, stand jemand vor meiner Haustür. Es war mein Arbeitskollege, derjenige, mit dem ich mich einigermaßen gut verstand. Er staunte nicht schlecht wegen dem Wagen, blabla Mietwagen blabla, er kam mit rein, wollte wissen, was los ist. Meine Wohnung war sehr wüst. Zwar überall ne Menge teurer Schnick Schnack wie TV, Sofaecke usw., aber absolut nicht aufgeräumt. Irgendwann hole ich mir eine Puzfrau, so viel war klar. Auf meinem Schreibtisch lag ein Bündel Geld. Doofe Angewohnheit von mir. Ich hatte immer ca. 10.000 € zuhause in bar. Keine Ahnung warum, dadurch fühlte ich mich sicherer. Ich konnte also vor ihm nicht verbergen, dass ich nicht gerade Geldprobleme hatte. Er mutmaßte schon in Richtung Drogenhandel, also klärte ich ihn auf. Vorher war es immer mein gut gehütetes Geheimnis, mittlerweile war es mir egal. Er war erstaunt, ein wenig geschockt, aber er verstand mich auch, ohne die ganzen Hintergründe zu kennen. Also lies er mich auch nach einem Cocktail schnell wieder in Ruhe.

      Am nächsten Tag fuhr ich zur Arbeit. Aber nicht um meinen Dienst anzutreten, sondern um mir meine Kündigung abzuholen. Der Gang über den Flur des Büros war irgendwie cool. Natürlich tuschelten alle. Aber anstatt das mir das unangenehm war, genoss ich es. Kurzer Smalltalk im Personalbüro, keinen Grund gesagt, einfach schnell die Kündigung bitte, danke, tschüss. Ich verabschiedete mich noch von einer Mitarbeiterin mit der ich auch immer gut klar gekommen bin und fuhr mit meinem schicken M3 davon. Hallo Freiheit, ich komme.

      Ohne jegliche feste Struktur, ohne soziales Umfeld und einer stark ansteigenden, schleichenden Depression + Psychose war mein Verderben vorprogrammiert. Jetzt beginnt der Teil, der für mich persönlich am schwierigsten war. Völlig durchgedreht ging ich durch´s Leben. Ein paar Stunden Poker pro Tag, online Shopping über mehrere Tausend Euro für Klamotten und lauter sinnloses Zeug. Generell habe ich mir nie wirklich sinnvole Dinge gekauft, z. B. Ein Auto. Das bereue ich natürlich, aber damals war Weitsicht ein Fremdwort. Dazu dann immer mehr Party und Alkohol, ganz selten noch ein Treffen mit Phil. Diesen Lifestyle lebte ich intensiv, es dauerte auch nur noch 3 Monate, bis ich auf der Straße landete und zum ersten mal Gast der Psychiatrie wurde. Mehr dazu im nächsten Teil.
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      9. Road Trip


      Eigentlich müsste ich glücklich sein. Ich hatte fast alles erreicht, was ich mir bei dem Start meiner Pokerkarriere erhofft hatte. Geld, mehr Geld, noch mehr Geld, Erfolg, Unabhängigkeit, Freiheit... Ich hatte dabei allerdings einige Dinge deutlich unterschätzt. Der psychische Druck, die notwendige Disziplin, die Ausdauer, die Konzentration usw.. Ich brachte vieles mit, um ein erfolgreicher Spieler zu werden. Das Geld gab mir Recht. Nur die wichtigste Komponente erfüllte ich nicht, die psychische Lässigkeit. Generell machte mir meine Psyche ab der Zeit die größten Probleme. Auch nicht nur wegen dem Poker, sondern eher wegen der Gesamtsituation. Ich wurde mental krank und konnte nichts dagegen tun.

      Mein Tag hatte keinen festen Ablauf mehr. Ich stand irgendwann mittags auf, gammelte erstmal und verbrachte ein paar Stunden an den Tischen bis tief in die Nacht hinein. Ich trank immer mehr Cocktails, aß immer weniger. Auch körperlich konnte ich bald einfach nicht mehr mithalten. Ich schlief immer länger, obwohl ich nichts besonders anstrengendes tat außer vor dem PC zu hocken. Ich war einsam, das Geld half mir darüber hinweg. Im Poker lief es soweit auch ganz solide. Klar gab es loosing-Days, den großen Verlust konnte ich aber immer vermeiden.

      Ich musste mal wieder raus. Der letzte große Trip mit Phil stand an. Das es der letzte sein würde, wussten wir natürlich vorher nicht. (Dies lag zum einen an meiner Situation, zum anderen wurde Phil krank und verbrachte erst mal mehr Zeit im Krankenhaus als zuhause. Mehr dazu später im Blog.) Schnell ein Auto gemietet und los gings. Quer durch Europa, ohne festes Ziel. Wir landeten in Berlin, London, Madrid und Rom. 3 Wochen fuhren wir einfach nur rum, blieben ein paar Tage, schauten uns die Stadt an und gingen feiern. Wir lebten in teuren Hotels, gingen in exklusive Restaurants, kauften in den geilsten Klamottenläden der Welt ein und verprassten in den 3 Wochen ca. 30.000€. Der Großteil davon war mein Geld. Ich lud Phil auf diesen Trip ein. Zu groß war meine Sehnsucht nach Normalität. Endlich wieder unter Leuten feiern und nicht alleine. Ich war fast jeden Abend besoffen. Das Leben hatte mich zurück, wenn auch mit total verzehrter Wahrnehmung. Der Koks und Nutten Style war inzwischen für mich normal, für Phil ein großes Abenteuer.

      Ich mochte Road-Trips, auch heute noch. Was wir allein während der Fahrten für lustige Dinge erlebt hatten, es war einmalig und genial zugleich. Wir bauten einfach jede Menge scheisse. Phil erschreckte vom Beifahrersitz die Kinder der anderen Autos mit der Scream Maske, wir verarschten Trucker-Fahrer mit obszönen Masturbationgestiken oder machten auch einfach mal auf schwules Pärchen und küssten uns direkt vor dem Seniorenbus der Kaffeefahrt. Es war die totale Freiheit. Wir hatten ausreichend Geld, jede Menge Zeit und einfach Lust auf das Leben. Bis heute sind diese 3 Wochen wohl die geilste Zeit meines Lebens. Diese Wochen verbinden uns bis heute.

      Die Tische vermisste ich eigentlich garnicht. Es tat gut etwas Abstand zu gewinnen. Den Kick holte ich mir seinerzeit durch die vielen verschiedenen Eindrücke und durch das exzessive feiern, das machte 3 Wochen ohne Poker erträglich. Hin und wieder gambelte aber ich ein wenig bei Sportwetten. Ganz ohne ging natürlich nicht. Trotzdem wollte ich wieder etwas mehr Struktur in mein Leben bekommen. Nicht mehr mittags aufstehen, gesünder Essen, ein wenig Sport und soziale Kontakte pflegen. Viele gute Vorsätze für die Zeit danach. Das Ding Pokerpro jetzt mal ernsthaft angehen, feste Strukturen bilden, meine Seele entlasten. Während des Trips wurde mir desöfteren klar, dass ich so nicht weiterleben kann. Ich musste etwas ändern um wieder auf die Spur zu kommen. Es sollte jedoch ein Wunschdenken bleiben.

      Denn meine Lebenssituation hatte sich geändert. Ich spielte nun 4 a living und nicht nur weil ich süchtig war, das Geld genoss und den Kick brauchte. Jetzt spielte ich, weil ich sonst auf der Straße landete. Mein teurer Lifestyle erschwerte dies zusätzlich. Der Mensch gewöhnt sich an alles, an die schönen Dinge leider sehr schnell. Der Trip mit Phil kostete mich gut ¼ meiner Bankroll, aber das war es mir wert. Wieder zurück in der Heimat, ging es schnell wieder an die Tische. Ab sofort dunkelte ich meine Wohnung ab. Die Einsamkeit belastete mich und Dunkelheit konnte mich darüber hinwegtrösten. Nur mein TFT erhellte den Raum. Ich fühlte mich wohl so. Mein Schlafzimmer verlagerte ich ins Wohnzimmer, mein Bett stand nun direkt neben meinem PC in der Ecke. Es gab Tage, da sah ich nicht einmal das Tageslicht. Alle guten Vorsätze, die ich mir während des Trips machte, waren aus meinem Gedächnis verbannt. Zu gefangen war ich wieder in meiner alten Welt. Ich wollte das nicht, konnte aber nichts dagegen tun. Zu labil und schwach war ich bereits um gegen die Gewohnheiten anzukämpfen, die Situation verschlimmerte sich weiter.

      Die gesamte Situation zerrte immer mehr an meiner Gesundheit. Depressionen kamen wieder auf. Ich war traurig, gefühls- und antriebslos. Dieses mal nicht wegen einem Downswing, diesmal wegen meinem einseitigem Leben. Dies wurde mir während des Trips bewusst. Es war eine harte Niederlage, zu akzeptieren, dass ich es zwar ändern wollte, aber nicht konnte. Ich sah mich selbst zum ersten mal als süchtig an, zumindest teilweise. Ich hatte ja immer noch die Ausrede, dass ich spielen musste, um zu überleben. Ich bereute die Entscheidung, die Ausbildung zu schmeissen. Die Gewissensbisse machten die Situation noch unerträglicher. Was sollte ich tun?

      Das Beste was mir passiert war in meinem Leben war Poker. Es war leider auch das Schlimmste. Es ermöglichte mir Dinge, von denen ich vorher nur geträumt hatte. Gleichzeitig zog es mich in Situationen hinein, die ich mir vorher kaum vorstellen konnte. Mein Traum platzte langsam, ich kämpfte weiterhin gegen die drohende Niederlage an, obwohl ich schon längst verloren hatte.
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      10. Depressionen


      Das Leben ist scheisse. Wozu mache ich das eigentlich alles, wenn ich nicht mehr die Kraft habe, Dinge zu ändern, die mich störten? Ich war gefangen in meiner Hilflosigkeit, was mich noch weiter runterzog. Die Depressionen wurden schlimmer. Es ist schwer zu erklären, wie man sich als Betroffener fühlt. Wer so etwas nicht selbst erlebt hat, kann sich es nur schwer vorstellen. Zu komplex ist das Krankheitsbild, zu unerklärlich das Verhalten. Ich war total antriebslos, alles war scheisse. Ich zog mich an Kleinigkeiten auf, hatte einfach durchgehend schlechte Laune. Selbst ein guter Winning Day konnte meine Stimmung nicht aufheitern. Ich lächelte einmal kurz und weiter geht’s in der tristen Einsamkeit. Wo ich früher noch durch meine Wohnung sprang und meiner Freude Luft machte, war ich zu dem Zeitpunkt weiterhin niedergeschlagen. Spaß machte mir das alles schon lange nicht mehr. Ich spielte nur noch selten mein absolutes A-Game und schlief auch nachts immer schlechter, obwohl ich total müde und fertig war. Ich bemitleidete mich selbst, war neidisch auf die ganzen normalen Leute mit einem richtigen Leben. Den ganzen Tag über dachte ich über dies und jenes nach, ohne wirklich voran zu kommen und eigentlich zu wissen, warum ich soviel grübelte. Pures Kopfgeficke.

      Gepokert wurde immer weniger. Mir fehlte die Kraft mich dem Kampf an den Tischen zu stellen. Der Druck, eigentlich spielen zu müssen verschlimmerte meinen Zustand weiter. Ich sah das alles ein und konnte die Situation gut einschätzen, eine Lösung hatte ich aber nicht parat. Auch wenn es relativ nah liegt, zum Arzt gehen wollte ich nicht. Es glich einer Niederlage, die Akzeptanz einer Schwäche, also undenkbar für mich als schlechter Verlierer.
      Zu der Zeit gab es nur zwei Sachen, die meine Stimmung zumindest ein wenig verbesserte. Einkaufen und Alkohol. Stundenlang surfte ich durch diverse Onlineshops, bestellte mir haufenweise Schuhe, Klamotten, Technikkrams und lauter überflüssiger Zeugs. Dabei trank ich die ausgefallensten Eigenkombinationen an Cocktails. Es wurde immer aussichtsloser, dir BR schrumpfte weiter. Eine Co-Abhängigkeit begann in meinem Kopf zu wachsen, ich musste schnellstmöglich zum Arzt.

      Einige Tage machte ich noch so weiter bis es dann garnicht mehr ging. Ich machte mir erste Gedanken zum Suizid & dem Leben nach dem Tod. Ich hatte richtige Angst davor, diese hielt mich vor Dummheiten ab. Die Angst schrumpfte allerdings immer weiter je schlechter es mir ging. Ich machte mir einen Termin beim Arzt, egal wie groß die Hemschwelle auch war. Klar war es mir peinlich, niemand gesteht sich selbst eine psychische Krankheit ein. Die Situation erforderte es aber und das bisschen Restintelligenz, welches in meinem Kopf noch nicht durch das Böse befallen war, befal es mir.

      Mein Arzt war immer top, ich kannte ihn bereits viele Jahre, vertraute ihm 100%-ig und er war glücklicherweise auch neben der Allgemeinmedizin Suchtmediziner. Zwar eher im Bezug auf stoffgebundene Abhängigkeiten, in Sachen psychische Begleiterkrankungen kannte er sich aber gut aus. Ich kotzte mich sprichwörtlich total aus, erzählte ihm alles. Vom Anfang bis zu dem Zeitpunkt. Alles was mich belastete. Es tat richtig gut. Zum ersten mal konnte ich mich total freimachen. Er nahm mich sehr ernst, erklärte mir alles haargenau und wollte helfen. Es war weniger das Verhältnis Arzt-Patient, ich nahm ihn eher als eine Art Guru wahr. Klingt strange, aber ich empfand es damals so. Er diganostizierte mir eine „mittelstarke depressive Episode“, welche ich mit einem Antidepressiva beheben sollte (Trevilor retard).

      Ich war skeptisch. Einfach eine Tablette schlucken und mir geht’s wieder gut? Das glich ja einer Wunderdroge. Natürlich klärte er mich auf. Antidepressiva sind kein Wundermittel, sie bringen nur die Botenstoffe im Gehirn wieder in`s Gleichgewicht. In jedem Gehirn werden versch. Stoffe von A nach B transportiert, dauerhaft und im großen Ausmass. Diese sind verantwortlich für Gefühle wie Glück oder Euphorie (z.B. Dopamin, Serotonin, Noradrenalin). Drogen oder Spielen wirken genau an der Stelle, ein erhöhter Stoffwechsel bestimmter Stoffe führt dann zu erhöhter Euphorie usw.. Bei dauerhaftem Konsum wird dieser erhöhte Zustand dann als normal angesehen. Bei dem Krankheitsbild Depression ist der Stofftransport gehemmt, es werden deutlich weniger Botenstoffe transportiert. Man kann also nicht mehr glücklich sein. Mein Botenstoffhaushalt war also total gestört. Die Depressionen vermindern den Stofftransport, das Spielen erhöht diesen dann wieder. So zumindest die (vereinfachte) medizinische Erklärung. Klingt logisch. Das Trevilor sollte ich erstmal 2x täglich nehmen, morgens und abends jeweils eine Kapsel. Mein Arzt erklärte mir, dass es durchaus 4 Wochen dauern kann, bis die Tabletten anfangen zu wirken. Mit den Auflagen, den Alkohol komplett zu meiden, mich 1x wöchentlich in der Praxis zu melden und mit dem dringenden Rat, eine spezielle Spielsuchtstelle aufzusuchen verlies ich die Praxis.

      Bei Depressionen in dem Ausmaße wird in der Regel immer ein Antidepressiva verschrieben. Ohne dieses ist es auch nahezu unmöglich daraus zu kommen. Zu aussichtslos sieht der Betroffene seine Situation um dort alleine ohne Hilfsmittel heraus zu kommen. Natürlich ist die Tablette nicht das Allerheilsmittel, um die schiwierige Lage zu überstehen sind noch viele andere Dinge wertvoll, z.B. soziale Kontakte, sich zwingen aufzustehen und die Wohnung zu verlassen usw.

      Zur Spielsuchtstelle ging ich natürlich nicht. Ein Eingeständnis der Schwäche reichte mir. Zudem setzte ich große Hoffnung auf das Antidepressiva. Ich malte mir meine Zukunft aus. Einfach diese Kapseln schlucken, so dass der Haushalt wieder normal verläuft, dann stört es auch nicht, wenn das Spielen den Haushalt kurzzeitig immer nach oben pusht. Wie scheisse naiv ich war. Egal. Ich hatte wenigstens wieder eine Hoffnung, an der ich mich aufraffen konnte. Der Placebo-Effekt war natürlich gleich voll dabei. Die Nebenwirkungen kamen aber schneller als sich die anfängliche Euphorie ausbreiten konnte. Ich hatte schlimme Bauchschmerzen, teilweise Durchfall und ich war doch sehr aufgedreht. Dazu bekam ich Pickel. Truely Nerd incoming. Ich zwang mich, die Rollos tagsüber wieder hochzufahren. Es war alles nicht leicht, mit ein bisschen Schub im Hintern ging das aber halbwegs gut. Die Hoffnung pushte mich, ich sah meinen Traum wieder näher kommen. Die Nebenwirkungen ließen nach 2 Wochen auch schon deutlich nach. Alkohol trank ich garnicht mehr, was auch kein Problem darstelle. Als alkoholabhängig stufte der Arzt und ich mich selbst auch sowieso nicht ein. Es war auch nicht das Hauptproblem.
      Ich spielte natürlich weiter Poker, nicht topmotiviert aber schon mit deutlich mehr Engagemant als zuvor. Was der Placebo-Effekt nicht alles ausmacht. Dazu die neu geschöpfte Hoffnung, dass es mir bald wieder besser gehen würde. Um die Spannung aufrecht zu erhalten spielte ich zu der Zeit auch hin und wieder mal andere Varianten. Natürlich keine Mikros, ich war ja immer noch der King und musste Geld verdienen, also ab auf die Midstakes.

      Zu dem Zeitpunkt hätte ich noch die Kurve kriegen können, in dem ich mich einfach nur an die Vorgaben des Arztes gehalten hätte. Tabletten nehmen und eine Spielsuchtstelle aufsuchen. Mein Traum war aber noch so in meinem Kopf impliziert, dass dies für mich absolut nicht zur Debatte stand. Ich rutschte in die nächste Krise rein. Die Psychose wurde schlimmer.
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      TiM2201
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      11. Schizophrenie


      Ich hielt mich an die Vorgaben, nahm täglich meine Tabletten und ging 1x in der Woche zu meinem Arzt. Ich beichtete ihm, dass ich noch nicht bei der Suchtstelle war. Es war komischerweise ok für ihn, ich hatte eher mit einem Vortrag gerechnet. Er jedoch akzeptierte das. Ich war ein freier Mensch und ich könne tun und lassen was ich möchte. Er gab mir nur Tipps, die Umsetzung lag alleine bei mir.
      Mein Zustand verbesserte sich durch das Antidepressivum nicht wirklich. Es ging mir zwar etwas besser und die schlimmen Gedanken wurden erstmal verdrängt, das Hauptproblem meines einseitigen und tristen Lebens blieb aber weiterhin bestehen. Solange ich dies nicht änderte, würde sich auch mein Zustand nicht verbessern. Mein Arzt erklärte mir alles genau, aus seinem Mund verstand ich das auch alles, umsetzen konnte ich das aber nicht. Oft ist es so, dass der Süchtige erst ganz tief fallen muss, um zu begreifen. So sollte es auch bei mir sein.

      Ich lebte weiter wie zuvor. Lediglich kleine Einschränkungen nahm ich wahr, die Rollos blieben weiterhin oben und ich gönnte mir hin und wieder auch Frischluft. Alltägliche Sachen wie Einkaufen zog ich absichtlich in die Länge um wieder unter Leute zu kommen. Ich holte meine Pizza wieder selbst ab, ging nahezu täglich zur Bank einen Kontoauszug holen. Alles nur um rauszukommen aus meinem einseitigen Dilemma. Gleichzeitig war die Anziehungskraft und der Druck des Pokerns unerträglich. Ich verbrachte immer noch eine enorme Zeit an den Tischen. Erfolg hatte ich nicht mehr wirklich. Auf meinem Stammlimit war ich nur noch dank Rakeback ein Winner, absteigen war aber unmöglich. Das Eingestehen von Niederlagen, es war zum kotzen. Ich lernte Demut nicht nur als Vokabel in meinem Sprachgebrauch kennen. Der Fakt, dass ich nur durch´s RB up war, belastet mich zusätzlich. Auch in den anderen Spielvarianten wie SNG´s spielte ich größtenteils breakeven. Meine einzige Einnahmequelle war das Rakeback, es war verhältnissmäßig auch viel Geld, ich gab allerdings bereits ca. doppelt soviel aus wie ich einnahm und meine BR schrumpte stetig.

      Jeder „normale“ Spieler wäre nun ein oder zwei Limits runtergegangen und hätte dort seine Euros verdient. Ich nicht, ich war abhängig, hasste Niederlagen und war immer noch überzeugt, dass ich ja eigentlich viel besser bin als alle anderen, zumindest als die meisten. Wieder eine Niederlage, ein Eingeständnis für meine Psyche. Dies waren die Dinge, die meinen Kopf fickten, mein Selbstvertrauen zerstörten und mich nach unten zogen. Ohne Selbstvertrauen ist Poker die totale Belastung, ich musste aber weitermachen.
      Den Kontakt zu meiner Familie brach ich schleichend immer weiter ab. Früher telefonierte ich hin und wieder mal mit meiner Mum und meiner Schwester, man sah sich ca. 1x im Monat. Zu der Zeit schottete ich mich immer weiter ab. Wenn man dann doch mal telefonierte hielt ich das Gespräch immer sehr kurz. So richtige Sorgen machten sie sich nicht, sie dachten auch immer noch, dass ich tägl. zur Arbeit gehe... Wieso sollte ich meiner Familie denn auch noch eine Niederlage eingestehen? Ich vertraute meinem Arzt mehr als meiner Familie, komisches Gefühl, es war damals einfach so.

      Es kam der Downswing, der meine Pokerkarriere beendeten sollte. Mit vollem Ehrgeiz aber psychisch angeknackst galt es nun, wieder erfolgreich auf NL1k zu werden und natürlich weiter hoch zu kommen. Ich malte mir aus, wie es sein wird, wenn ich ganz oben angekommen wäre und zu den besten Spielern auf den höchsten Limit gehören würde. Mein Realitätsempfinden verzerrte sich immer weiter. Ich wurde zum break-even-player und ich dachte immer noch nur ans große Geld. Irgendwie musste es ja vorwärts gehen. Das tat es nicht. Es ging rapide bergab. Der Downswing schrumpfte meine Bankroll um 20k in 2 Tagen. Nichts ging mehr. Mein Kopf war leer, ich war wütend, konnte die Wut aber garnicht mehr heraus lassen, so paralysiert war ich. Ich spielte schlecht, es gab ein paar Bad-Beats aber im Grunde war mein Game einfach total miserabel geworden, auf keinen Fall ausreichend für so hohe Limits. Von meiner Psyche mal ganz abgesehen. Ich war platt und kraftlos, total fertig schlich ich durch meine Wohnung, eine Kippe nach der anderen.
      Ich begriff das alles nicht, was war los mit mir, mit meinem Traum? Erstmal die Fenster abdunkeln, alleine sein. Ich war alleine, niemand war da, aber ich fühlte mich doch irgendwie beobachtet. Ein unbeschreiblichesGefühl. Was war nur los mit mir? Ich schaute nach, an den Fenstern war niemand, auch vor der Tür nicht. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich musste mich ablenken, Musik. Irgendwann schlief ich ein, Winamp spiete in Dauerschleife leise rhytmische Klänge.

      Der nächste Tag, wie sollte es weitergehen? Ich hatte die Schnauze richtig voll vom Poker. Es kotzte mich nur noch an, dieses dämliche Kartenspiel. Ich brauchte Ablenkung. Die üblichen Dinge, Bank & Supermarkt. Auch bei Phil meldete ich mich mal wieder, er musste erstmal für eine Weile im Krankenhaus bleiben, ich besuchte ihn und wir plauderten ein bisschen. Er erzählte mir alles über seine Diagnosen, ich ihm oberflächlich vom Poker. Ihm ging es nicht gut, es hatte ihn ernsthaft erwischt, so dass er in eine Spezialklinik 300 km von unserem Heimatort verlegt werden musste. Auch wenn wir die kurze Zeit davor schon nicht mehr so intensiven Kontakt hatten, war ich doch geschockt. Ich wusste, dass Phil das packen wird, so verbissen wie er ist. Aber mit einer so ernsten Situation mit anschließender Verlegung hatte ich nicht gerechnet. Mein letzter Anlaufpunkt neben meinem Arzt war passè. Ich war kompl. auf mich allein gestellt, das beängstigte mich. Ab sofort gab es keine bescheuerten Erlebnisse mit Phil mehr, wenn mir mein ganzes Leben wieder zu viel wurde.

      Ich hatte Angst, Angst vor der Einsamkeit, meinem eigenem Leben und mir selber. Diese Angst entwickelte sich sehr schnell zu Panik, regelrechte Angstzustände. Ich musste zurück in meine Wohnung. Ich verschloss die Tür doppelt. Was nun? Rollos runter, PC an, erstmal beruhigen. Doch so einfach war das nicht. Ich spürrte eine Unruhe in mir, ich konnte die Panik nicht unterdrücken. Ich ging durch meine kompl. Wohnung und suchte jedes Zimmer ab, ich schaute hinter den Türen, unter meinem Bett, überall. Ich war allein, regelrecht einsam und doch fühlte ich mich beobachtet. Was mache ich hier eigentlich? Mir war das alles zu strange. Ich spritze mir kaltes Wasser in mein Gesicht, klar kommen Tim, alles ist cool. Ich schaute hoch in den Spiegel und erschrak vor mir selbst. Ich erkannte mich nicht mehr wieder, meine Seele hatte meinen Körper verlassen, hallo Schizophrenie.
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      TiM2201
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      12. Wahnsinn

      Ich war schizophren. Vor dieser Zeit nutzte ich öfter Wörter wie „schizo“, jetzt war ich wirklich einer. Ich war psychotisch. (Ein anderes und häufiger benutztes Wort in der Medizin für Schizophrenie ist der Begriff Psychose). Schizophrenie ist für viele ein großes Fragezeichen. Es steht nicht in Verbindung mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Diese stellt ein kompl. eigenes Krankheitsbild dar, die multiple Persönlichkeitsstörung. S. löst bei dem Betroffenem eine Veränderungen der Gedanken, Wahrnehmung und des Verhaltens aus, es ist aber immer die gleiche Person, die handelt. Die Gefühle verflachen, man wirkt oft abwesend und total neben der Spur. Man ist nah dran am Wahnsinn, teilweise haluziniert man.

      Die Ursachen einer S. sind bis heute nich komplett erforscht. Meistens hat ein Ausbruch mehrere Ursachen. Vorbelastungen in der Familie, biologische Störungen und auch die eigene Persönlichkeit spielen eine große Rolle. In der Regel sind Psychosen, die nicht durch bedingte Stoffe (z.b. drogeninduzierte Psychose) hervorgerufen werden um ein vielfaches hartnäckiger und die Behandlung dauert erheblich länger. Das Risiko, einmal in seinem Leben an einer Psychose zu erkranken besträgt 1%. Zum Thema Behandlung und ausführliche „Tripreports“ meiner Erfahrungen folgen noch in diesem Eintrag und natürlich auch später noch. Wer sich nicht nur aus Erzählungen eines Betroffenem ein Bild machen möchte dem kann ich den Film: Das weisse Rauschen empfehlen. Nie habe ich die Darstellung einer Psychose realistischer gesehen. Hier nur ein kleiner Ausschnitt eines sehr sehenswerten Films.





      Zurück zu mir.
      Ich hatte Angst, Angst vor mir selber. Ein schreckliches Gefühl. Je näher ich zum Spiegel ging und mir direkt in die Augen schaute, desto schlimmer wurde die Panik. Ich kann meine Empfindungen nur schwer beschreiben, weil das Gefühl so strange war. War ich nur noch 1cm vom Spiegel entfernt und sah direkt in mein Auge, erkannte ich nichts mehr, das war nicht mehr ich, ich hatte Wahnvorstellungen. Was sollte ich tun? Hatte mich mein Lifestyle, mein tristes Leben und letztendlich die 52 Karten in den Wahnsinn getrieben? Begriffe wie Schizophrenie waren mir fremd, ich hatte absolut keine Ahnung. Ich musste mich ablenken. Es wurde zum Teufelskreis. Ich hatte Panik in meiner eigenen Wohnung, überprüfte mehrmals am Tag, ob ich wirklich alleine war. Andererseits fühlte ich mich durch jedes Fenster beobachtet, so dass ich die Rollos runterzog. Überall in der Wohnung brannte Licht, die Tür doppelt verriegelt, nachts schloss ich mich zusätzlich im Wohnzimmer ein. Ich schlief teilweise nur 4 Stunden pro Nacht, zu aufgekratzt war ich, zu beschäftigt mit der neuen Situation. Ich nutzte jede Form der Ablenkung. Es lief immer Musik, ich machte ständig etwas, auch wenn es total sinnlos war. Natürlich pokerte ich auch wieder, auch wenn ich die Karten verfluchte. Ich musste ja irgendetwas tun, am besten etwas, was hohe Konzentration verlangt. Es lief weiterhin bescheiden. Ich spielte ohne richtigen Plan einfach alles gemixt. SNG + Cashgame. Viele versch. Limits. Hauptsache konzentriert.

      Alltägliche Sachen wie Einkaufen wurden zum Horror. Ich mochte keine Menschenansammlungen mehr. Ich hatte ständig das Gefühl, dass jeder mich beobachtet, mir irgendetwas schlechtes will. Alle redeten über mich, wo immer jemand lachte, es war wegen mir. Ich drückte mich regelrecht vor den alltäglichen Dingen. Einkaufen ging ich dann meist um 7 Uhr morgens um möglichst alleine im Supermarkt zu sein. Es war wirklich die schlimmste Zeit, die ich je erlebt hatte. Zuhause hatte ich Panikattacken und auch draußen war es unerträglich. Es war unvermeidlich, ich musste zum Arzt.

      Dieser stellte sofort die Diganose F23.1 - Akute psychotische Störung. Und ich so: „wtf?“ Ich ein schizo? Damit kam ich garnicht klar. Es war eine der bittersten Niederlagen. Wie bitte fühlt man sich, wenn einem der Arzt sagt: „Tut mir leid Tim, du bist schizophren.“ Es hört sich schon super witzig an, damals fand ich das aber alles andere als das. Ich brauchte erstmal eine kurze Pause, ich bat um eine Zigarettenpause, erstmal klar kommen. What the fuck?!?! Klar ging es mir scheisse, klar konnte es so nicht weitergehen aber das ging garnicht klar. Wieder oben im Behandlungsraum wurde es ernster. Seine Ratschläge glichen nun eher Aufforderungen. Ich müsse kooperieren, manche seiner Kollegen veranlassen bei hochgradigen Psychosen direkt eine Zwangseinweisung in die geschlossene Psychiatrie. Ich erhielt ein Medikament, Seroquel. Morgens und abends 1 Tablette à 100mg. Erstmal für unbestimmte Zeit. Dazu weiterhin dasAntidepressivum und 1x am Tag kurz Meldung machen beim Doc, auch am Wochenende. Ich bekam seine private Handy Nummer. Er mochte mich wirklich. Das tat gut. Ich war sowieso so dermaßen überfordert mit der Situation, da konnte ich jeden Halt gebrauchen.

      Erstmal zur Apotheke das Rezept einlösen. Ich ging extra nicht zu meiner gewöhnlichen Apotheke, es war mir peinlich. Wie doof die mich wohl angucken werden. Das tat die Frau allerdings nicht. Scheinbar war es für sie ein Medikament wie jedes andere auch. Trotzdem war mir sehr unwohl und ich war froh, als ich die Apo verlassen hatte. Soso, so sehen also Tabletten für Bekloppte aus. Sie waren gelblich, nicht gerade groß und sehr fest, keine Kapsel. Zuhause angekommen nahm ich sofort die erste. Es war 18 Uhr, ist ja schon abends. Um 18:05 hatte ich Klüsen wie nach 3 Tage dauerkiffen. Ich konnte meine Augen einfach nicht aufhalten. Mit kompletter Montur schlief ich sofort ein und wachte erst um 6 Uhr morgens auf. Ziemlich krasse Tabletten ohne aufgebauten Spiegel im Körper. Ich hatte total Hunger. Ich kam mir vor wie auf Gras. Erst total dicht, dann müde und sofort weggepennt, lange schlafen mit anschließendem Fresskick. Ich war auch immer noch sehr träge durch die stark sedierende Wirkung.

      Ich konnte mich garnicht aufraffen. Zusätzlich musste ich ja erneut eine von den Dingern nehmen, was ich direkt nach dem Frühstück auch tat. Ich setzte mich vor meinem PC und tat das Übliche. Sportseiten, Nachrichten, dies und das. Nicht mal 30 Minuten hielt ich durch, ehe ich schon wieder zu Bett ging. Das war also der Trick, einfach durchpennen bis man wieder normal ist? Ich schlief weitere 5 Stunden, bis ich erneut total bematscht aufstand. Ich musste ja noch zum Arzt Meldung machen und das wollte ich nicht direkt am ersten Tag nur per Anruf tun. (ab sofort heisst mein Arzt nur noch „Hai“ weil er wirklich so hieß nur anders geschrieben und es besser klingt als immer "mein Arzt" zu schreiben).

      Hai sah mir an, dass ich ziemlich bedröppelt war. Das sei aber normal bis der Körper sich daran gewöhnt. Ich fand das auch garnicht so schlecht. Ich erlebte eh nichts großartig spannendes mehr am Tag, wieso dann nicht einfach nur noch pennen. Ich plante, 3/4 des Tages zu verpennen, den Rest mit Poker zu verbringen. Irgendwie musste ja Geld reinkommen.
    • TiM2201
      TiM2201
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      13. Spielsucht


      Rückblickend hat sich mein Leben stark verändert. Meine Haltung zum Game änderte sich aber trotz allem nicht. Ich dachte immer noch, ich owne jeden und alles. Auch unter Tabletteneinfluss kann ich spielen, kein Probem. Ich werd´s euch schon zeigen. Auch in Zeiten, in denen es mir psychisch total schlecht ging musste ich weiter spielen. Ich begründete es damit, dass ich zum einen Geld verdienen musste und zum anderen war Poker eine super Sache, die Konzentration hoch zu halten um mich vor weiteren Ausbrüchen meiner Psychose zu schützen. Ich belog mich selbst, ich wusste es, aber damit konnte ich die Situation halbwegs ertragen. Der letzte große Down dezimierte meine Bankroll um einen weiteren großen Teil, dazu benötigte ich ja immer noch Geld zum Überleben. Die große Prollzeit war allerdings vorbei. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf teure Shopping Touren und Geld verprassen. Mir war einfach nicht mehr danach, zumal ich erstmal sowieso andere große Sorgen hatte.

      Die schlimmen Gefühle wie verfolgt zu werden ließen mit den Tabletten ein wenig nach. Ich merkte, wie ich unter Tabletteneinfluss ein wenig ruhiger wurde. Meine Gedanken schweiften nicht mehr wild umher, ich war zumindest die ersten Stunden nach der Einnahme deutlich gechillter. Sobald die Wirkung allerdings nachlies, verspürte ich sofort wieder gewohnte Ausbrüche des wilden Zirkus meines Hirns. Langsam baute mein Körper auch einen Medikamentenspiegel auf. Das Antidepressivum schien auch ein wenig zu wirken, ich hatte trotz der sedierenden Wirkung der Tabletten gegen die Psychose wieder ein wenig Antrieb. Dies könnte aber auch an der manischen Seite der Psychose liegen. Teilweise war ich total aufgekratzt und musste unbedingt etwas tun, egal was. Hauptsächlich war das natürlich Poker. Quasi eine Win-Win-Situation für mich.


      Kurzerklärung Manie:
      Im Grunde kann man eine Manie als das kompl. Gegenteil einer Depression bezeichnen. Oft kommt diese in Verbindung mit einer Psychose. Man verspürt einen starken inneren Druck, irgendetwas zu tun, kann nicht still sitzen und ist total auf Powerboost. Gefühle wie Größenwahn, überhöhtes Selbstbewusstsein Man verliert Empfindungen für die Umwelt, nimmt nur noch wenige Dinge wahr. Man selbst merkt dies natürlich alles nur teilweise. Diese Faktoren waren natürlich Gift für mich in Verbindung mit meiner Spielsucht. Es sollte alles noch verschlimmern.



      Ich spielte dadurch wieder relativ viel, machte jedoch öfters mal kurze Pausen. Super lief es nicht, mehr als break-even war aufgrund der belasteten Situation sowieso nicht drin, wenn überhaupt. Durch´s Rakeback war ich wenigstens ein bisschen up, es reichte aber natürlich nicht um alle laufenden Kosten zu decken. Es wuchs mir alles über den Kopf. Spielsucht, Depressionen, Psychose, Manie, stark schrumpfende Bankroll. Ich wusste nicht, wo ich in einem Jahr stehen würde. Ich konnte es aber auch nicht ändern. Zu groß war die Anziehungskraft des Spiels, zu umfassend meine schwierige Lage. Ich war nur durch die Einnahme von Medikamenten lebensfähig, nur durch die Karten konnte ich meine Probleme vergessen, alles hinter mir lassen. Obwohl ich eigentlich nicht mehr depressiv war, zumindest ohne die großen Ausbrüche, war ich zeitweise echt down. Ich war in der Spirale fast ganz unten angekommen. Langsam konnte auch mein erhöhtes Selbstbewusstsein die Realtität nicht mehr vertuschen.

      Bei einem der täglichen Arztbesuche sprach ich mit Dr. Hai. Ich lies einfach mal wieder alles raus und erklärte ihm meine neue Situation seit der Tabletteneinahme. Für ihn gab es nur eine Lösung. Er diagnostizierte mir die Spielsucht und riet mir, endlich die Spielsuchtstelle aufzusuchen. Er erklärte mir vorher schon einmal die Fakten der Spielsucht. Ich gab viel auf seine Meienung, ich respektierte ihn nicht nur wgen seinem großen medizinischem Wissen. Er war der letzte ruhige und helfende Pol in meiner Welt, nachdem Phil mich auch erstmal "verlassen" hatte. In der Medizin kann man die Spielsucht sehr leicht feststellen. Treffen mindestens 5 der 10 folgenden Punkte zu, wird die Diagnose Spielsucht gestellt.

      • Starkes Eingenommensein vom Glücksspiel
      • Nur durch steigende Einsätze ist die gewünschte Erregung zu erreichen
      • Erfolglose Kontroll- und Abstinenzversuche
      • Nicht-Spielen-Können führt zu Unruhe und Gereiztheit
      • Spielen, um Probleme oder negativer Stimmung zu entkommen
      • Verluste wollen sofort wieder ausgeglichen werden
      • Familienmitglieder und Andere werden belogen, um das Ausmaß des Spielens zu vertuschen
      • Das Spiel wird durch illegale Handlungen finanziert
      • Gefährdung oder Verlust von Beziehungen, Arbeitsplatz wegen des Spielens
      • Der Spieler verlässt sich auf andere Geldgeber


      Laut Dr. Hai trafen 9 von 10 Punkten bei mir zu (grün markiert). Bei einigen Punkten lässt sich allerdings über die Entscheidung streiten. Abstreiten war trotzdem sinnlos, ich war überzeugt. Ich wollte einfach heraus aus dem Teufelskreis, zu lang hatte ich mich dem Kampf gestellt, irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Ich wollte mehr von meinem Leben haben. Zusammen mit dem Doc ging ich zur Suchtstelle. Ihm lag viel an mir und er wollte sicher sein, dass ich auch wirklich hinging. Er rettet mir den Arsch.
    • TiM2201
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      14. Endzeitstimmung


      Ab zur Suchtberatung. Es war irgendwie strange. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, ich hatte schon etwas Angst. Wieder musste ich meine Probleme darlegen, eigene Niederlagen offenbaren, Fehler eingestehen. Der Wille mein Leben zu ändern gab mir aber Kraft. Ich träumte vom geregeltem Spiel. Ein normales Leben, in dem ich hin und wieder abends ein paar Stunden spielte, um mir um Geld keine großen Sorgen machen zu müssen. Dazu Freunde, wieder einen Job, evtl. halbtags, Hobbies... Einfach jene normalen Dinge, die man im Leben einfach hat, aber eigentlich gar nicht mehr schätzt, weil sie so normal und alltäglich sind.

      Der erste Termin dauerte gleich 2 Stunden, Dr. Hai war die ganze Zeit dabei während der Besprechung. Ich erzählte meine Entwicklung, immer wieder steuerte der Doc Passagen aus medizinischer Sicht dabei. Gut, dass er dabei war. Ich wurde erneut nach dem o.g. Schema klassifiziert, ergänzt durch die vom Arzt gestellten Diagnosen Psychose und Depression. Und dann kam die entscheidende Frage: „Ja Herr Tim, wie stellen Sie sich denn Ihre Zukunft vor? Wie wollen sie Ihr Leben dahingehend verändern, dass Sie wieder glücklich und zufrieden sind?“ Ich wusste keine Antwort, darum war ich da ja. Um Wege aufgezeigt zu bekommen, wie ich aus dem ganzen Scheiss herauskomm. Ich wusste, dass ich ernsthafte Probleme hatte und Hilfe benötigte, wie diese genau aussah wusste ich allerdings bis dato noch nicht. Ich erzählte von meinem neuem Traum, ein normales Leben mit geregeltem Spiel. Natürlich sagte man mir, dass dies nicht möglich sei. Wenn, hätte ich dies ja bereits praktizieren können, aber es ging einfach nicht. Ich musste mir etwas anderes überrlegen.

      Als erstes wurde mir ein stationärer Aufenthalt in der Psychatrie empfohlen, wo ich mich von meinen psychischen Problemen erholen konnte, ohne dass mich die Spielsucht weiter fesselte. Von dort aus sollte ich dann weiter schaun, in wie weit es mir besser geht und welche neuen Ziele ich mir setzen konnte. Eins nach dem anderen. Aha, Klapse also, ja ne is klar. Ich flüchtete, vor mir selbst und der eigentlich notwendigen Entscheidung. Ich wollte das einfach nicht, klar war ich bekloppt aber nicht so, dass ich so etwas für notwendig hielt. Ich beendete das Gespräch dankend mit der Bitte, mir erstmal Zeit zu geben. Es war schließlich keine leichte Entscheidung. Man verstand mich, ich sollte mich einfach wieder melden, wenn ich Bedarf habe. Also verließen wir die Suchtstelle und erstmal auf nach Hause. Die Auflage, mich täglich beim Doc zu melden blieb natürlich bestehen. Mittlerweile machte ich das auch gerne, es gab mir wenigstens ein Stück Ordnung in meinem Leben.

      Irgendwie war ich geschockt. Mein Traum war wohl vorbei. Ich wollte und konnte das aber einfach nicht akzeptieren. Ich bin nicht dumm und habe einen starken Willen, also versuchte ich es erstmal auf eigene Faust. Ab sofort fange ich wieder an zu leben! Ich plante meine Zukunft. Als erstes brauchte ich einen Job um wenigstens einen Teil der fixen Kosten zu decken, bestenfalls halbtags. Gar nicht so einfach ohne abgeschl. Ausbildung. Ich ging mit viel Elan an die Sache, ich hatte wieder etwas neues, an das ich mich festhalten konnte. Schließlich fand ich einen Job als Botenfahrer einer großen Firma, wo ich täglich durch die Stadt die verschiedensten Dinge transportierte. Es war der erste Schritt zurück ins richtige Leben. Morgens um 7 aufstehen, um 8 anwesend sein. Es fiel mir verdammt schwer, scheiss geregeltes Leben. Die Tabletten ließ ich morgens dann weg, zwar hatte ich bereits einen guten Spiegel aufgebaut, die Dröhnung von abends setzte mir aber immer noch bis mindestens dem nächsten Morgen zu. Meistens hatte ich um 12-13 Uhr schon Schluss, direkt nach Hause, die eigentliche Morgentablette einschmeißen und erstmal schlafen, meistens bis abends. Ansschließend an die Tische.

      Mein Leben hatte sich nicht wirklich verändert. Die gehoffte Besserung blieb aus. Ich hatte zwar nun einen Job, dieser bewirkte aber auch nichts anderes, als das ich ein wenig unter Leute kam, dadurch Geld in die Kasse kam und mir der Druck zu spielen ein wenig genommen wurde. Zusammenfassend führte ich einfach ein beschissenes Leben, dröhnte mich mit Tabletten zu und killte die abendliche Einsamkeit mit einem stumpfen Kartenspiel. Mir fehlte die Freiheit und der Nervenkitzel. Es war ein schwieriger Zwiespalt. Einerseits sehnte ich mich nach einem stinknormalen Leben ohne finanzielle Sorgen, andererseits brauchte ich den Nervenkitzel und das Ungewöhnliche. Ich wusste nicht, wie ich dem Rechnung tragen sollte. Um ein wenig Action in die abendliche Langeweile zu bekommen shottete ich höhere Limits wie 2k oder 5k. Durch die neue Action lief es im hochkonzentrierten Zustand anfangs auch ganz ok, ich war slightly Winner, was auf diesen Limits doch schon ne Menge Geld bedeutete. Zusammen mit dem Gehalt hatte ich alle Kosten gedeckt und konnte gut überleben.

      2 Wochen vergingen, das morgendliche Aufstehen fiel mir weiterhin schwer. Ich hatte mir viel erhofft von meinem neuen Leben, wurde aber bitter enttäuscht, denn auch dies machte mich weder glücklicher noch zufriedener. Dies war der Punkt, der mir mein Genick brach. Trotz Tabletten wurde ich wieder depressiver, Endzeitstimmung kam auf. Ich hatte versucht, Dinge zu ändern, mir gelang dies sogar. Im Endeffekt war das aber sinnlos, denn weitergebracht hat es mich nicht. Es kotze mich alles an, mein ganzes Leben, der Job, Poker, Geld. Ich schmiss die Arbeit, ging dort einfach nicht mehr hin. Wozu auch? Wenn das scheiss Leben mir nichts mehr gibt ist eh alles sinnlos. Ich gammelte wieder den ganzen Tag nur herum, Meldung beim Doc machte ich nur noch per Telefon. Abends spielte ich dann natürlich Poker, nicht um mich zu finanzieren, auch dies war mir inzwischen egal, ich spielte einfach aus der Lust heraus, weil ich nichts anderes zu tun hatte. In der Verfassung lief es wieder beschissen. Ohne Selbstvertrauen, Zuversicht und mit dem totalen psychischem Kopfgeficke wurde ich auf den Limits zerstört. Ich tiltete, fluchte im Chat, schmiss Dinge durch die dunkle Wohnung. Ich verlor in kurzer Zeit fast meine komplete Bankroll. Alles hatte keinen Sinn mehr, ich stürzte total ab. Die Tabletten nahm ich nicht mehr, Meldungen beim Doc waren mir auch egal, so dass meistens er mich anruf. Ich isolierte mich total, ging nicht mehr zum Briefkasten, mein Handy war dauerhaft aus, Rollos immer unten, auch die Miete überwies ich einfach nicht mehr. Ich hatte nichts mehr, wofür es sich lohnte zu leben. Lediglich die Angst vor dem Tod bewahrte mich vor weiteren Dummheiten.
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      TiM2201
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      15. Psychiatrie


      2 Wochen vergingen. Ich war so depressiv wie nie zuvor, die Isolation potenzierte die Ausbrüche der Psychose Es hatte keinen Sinn mehr. Ich hatte alles verloren, mein ganzes Leben endete im totalen Chaos. Mein Geld war weg, meine Ausbildung hatte ich verkackt, meine Familie war nicht mehr wirklich da, selbst mein bester Kumpel hatte mich verlassen. Was soll man da auch anderes tun als total im Arsch zu sein? Es gibt ein Zitat aus einem bekannten Film, welches sicherlich viele kennen: „Erst wenn du alles verloren hast, hast du die Freiheit, alles zu tun.“ Klingt einleuchtend. So war es auch bei mir. Ich hatte allerdings keine Kraft mehr dazu. Schlimmer hätte es nicht kommen können.

      Die Tabletten nahm ich natürlich weiter, sie halfen allerdings nahezu gar nicht mehr. Ich nutzte sie nur, um meist den ganzen Tag zu verpennen. Ich fing an, Stimmen zu hören. Ein unbeschreiblich schreckliches Gefühl. Irgendjemand im Hintergrund flüsterte dauernd meinen Namen. Nur in meinem Kopf. Tim, Tim, Tiiiim. Es war der Horror, ich konnte es nicht abstellen, selbst mit lauter Musik und Kopfhörer, das Flüstern hörte niemals auf. Es kam plötzlich, auf einmal war es da. Panik kam auf. Die Zeit war der Horror. Ich schluckte 3 von den starken Seroquel und schlief ein. 15 Stunden lang regenerierte sich mein Körper. Ich machte die Augen auf und da war es wieder: Tim, Tim, Tim. Doch dabei blieb es nicht, es kamen Geräusche von Kindern dazu. Diese waren schwer zu beschreiben, wer den Song „Kids von MGMT“ kennt kann es sich in etwa vorstellen.

      Ich ging sofort zum Doc. Es ging einfach nicht mehr, ich war fix und fertig. Es gab nur einen Ausweg, die Psychiatrie. Er hatte gleich Feierabend, also fuhren wir zusammen zu meiner Wohnung, ich packte meinen Koffer und los ging`s. Es war ein komisches Gefühl. Natürlich hatte ich Angst, meine Scheu war immer noch groß. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Ich wusste nur, dass dort jede Menge bekloppte Leute zu Gast sind.
      Zuerst ging es zur Anmeldung. Eine freundliche Frau legte meine Akte an, anschließend zum Arzt. Auch er war sehr nett. Ich erzählte ihn in der Kurzform meine Vergangenheit, der Doc schilderte kurz meine von ihm festgestellten Diagnosen und schon hatte ich meine Einweisung in der Hand. Diese war gespickt mit versch. Diagnosen. Schizophrene, affektive Psychose; schwere depressive Episode; pathologische Spielsucht. Und für die User, die die parallele Drogenabhängigkeit für wichtig halten: Cannabis- und Amphetaminabhängigkeit, Missbrauch von XTC, Kokain und Benzodiazepin.

      Nun hatte ich es schwarz auf weiss, ich war bekloppt und ab sofort Gast der Psychiatrie. Mit dem Fahrstuhl fuhren wir hoch in die 3. Etage. Station C, Doppeldiagnose. Eine Station für Menschen mit einer oder mehreren Suchterkrankungen und mind. 1 weiteren psychischen Begleiterkrankung. Die große Glastür war verschlossen, wir klingelten. Dies machte meine Angst noch unerträglicher. Abgeschlossen??? Eine freundlich dreinblickende Schwester machte uns die Tür auf, Doktor Hai verabschiedete sich und ich war drin. Zunächst ging es in das Schwesternzimmer, meine Akte, die bei der Anmeldung und im Erstgespräch angelegt wurde, lag bereits vor. Ich starrte an die Decke, fühlte mich sichtlich unwohl, auch wenn bislang alle sehr nett waren. Man stellte mir ein paar weitere Fragen und schon zeigte man mir die Station. Diese war nicht wirklich groß. Aufgebaut wie ein L, ein Raucherzimmer, ein Essensraum, der auch gleichzeitig als Wohnzimmer diente, in dem 1 kleiner TV stand. Dazu 10 Zimmer, 8 Doppel-, 1 Dreier- und 1 Einzelzimmer. Platz für 20 Patienten, zu dem Zeitpunkt voll ausgebucht.

      Danach ging es sofort zum Arzt. Dieser untersuchte mich gründlich. Er testete wirklich alles, sogar den obligatorischen Bundeswehrgriff hatte er drauf. Dazu ein Lungentest, natürlich Blutabnahme, Puls und viele weitere Routineuntersuchungen. Er erstellte mir eine neue Medikation, da ich angab, dass ich trotz der Einnahme von Seroquel weitere psychotische Ausbrüche erlitten hatte. Ab sofort nahm ich Cyprexa, ein deutlich stärkeres Medikament. Als Abschluss durfte ich noch in einen Becher pinkeln. Leider nicht alleine, der Pfleger stand direkt hinter mir. Und versucht mal zu pinkeln, wenn euch jemand dabei auf die Schulter spucken kann. Es dauerte ewig. Ich kann dann einfach nicht, aber es musste sein. Ich kam bei meinem Glück natürlich in das Dreierzimmer, schönen Dank auch. Ich lag erst mal nur auf meinem Bett. Und dann kam leider auch schon der Pfleger. Wir müssen meinen Koffer auspacken. Aha, na wenn Sie das sagen… Er müsse überprüfen, ob ich Waffen oder Drogen dabei habe. Natürlich hatte ich das nicht.

      Als er mich endlich in Ruhe lies, kamen auch schon meine Zimmernachbarn vom Sport. Heinz war 45 und ein depressiver Alkoholiker, Matthias war 25 und ein automaten- und chemieabhängiger Türsteher, der ebenfalls mit einer Psychose zu kämpfen hatte.. Auf den ersten Blick beide sehr nett, auch so normal. Ich war erleichtert. Das nahm mir ein wenig meine Angst. An dem Tag gab es noch Abendessen und das war´s auch schon. Ich holte mir meine Tablette im Schwesternzimmer ab und fiel total platt in mein Bett. Die neuen Tabletten haben echt geknallt, ich hatte gar keine Zeit zum Grübeln.
    • TiM2201
      TiM2201
      Bronze
      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      16. Der neue Alltag


      Am nächsten Morgen musste ich dann schon am Programm teilnehmen. Ich möchte euch nicht langweilen, daher fasse ich mich kurz und gebe nur kurz ein paar Erläuterungen. Ich kann im Diskussionsthread gerne nochmal auf Fragen dazu eingehen, falls welche aufkommen. Wie folgend beschrieben sah eigentlich jeder Tag dort aus, hin und wieder ein paar Abweichungen. Ein geregeltes Leben sei wichtig für die suchtkranken Menschen hieß es, womit sie auch Recht hatten. Gerade dies gibt einem in den ersten Tagen ein wenig Ordnung und Halt.

      07:00 Wecken
      07:30 Frühstück, danach Tabletten, evtl. Urintest, Organisatorisches etc.
      08:30 Visite
      10:00 Sport
      12:00 Mittag
      14:00 Gruppentherapie
      15:00 evtl. Einzelgespräch
      16:00 Beschäftigungstherapie
      17:30 Abendbrot
      danach „frei“


      Spaß machte mir das nicht, auch für sinnvoll hielt ich das alles erst mal nicht. Zu beschäftigt war ich mit mir selber, zu bedröppelt durch die neuen Tabletten. Wenigsten ließen die psychotischen Ausbrüche sofort nach dem Start der Einnahme deutlich nach. Sport war eigentlich ganz cool, der Türsteher und ich spielten Badminton usw.. Zu lange hatte ich schon total faul rumgesessen, da tat die Bewegung echt gut. Das Essen war auch wirklich in Ordnung, deutlich besser als in einem normalen Krankenhaus. Visite dürfte selbsterklärend sein. Ein täglicher Besuch der Ärzte (insgesamt gab es 3) und Psychologen (insgesamt 4).

      Die Gruppentherapie war deutlich anders, als man es sich so vorstellt. Man sitzt nicht im Kreis und nacheinander erzählt jeder von seinen Problemen. Viel mehr geht es dort um medizinische Erklärungen zum Thema Abhängigkeit, psychische Erkrankungen etc.. Es ist also eher ein medizinischer Unterricht, der sehr spannend und lehrreich war. Man erfährt, was bei der Erkrankung einer Depression oder Psychose aus medizinischer Sicht im Kopf des Erkrankten vorgeht, erörtert die Vor- und Nachteile der Sucht und viele andere interessante Themen. Ich habe dort viel gelernt und einiges mitgenommen für meinen späteren Weg.

      In den Einzelgesprächen ging es dann an die Substanz. Der Therapeut fühlt einem dort wirklich auf den Zahn. Es wird eine Suchtanamnese durchgeführt, damit ein umfassendes, möglichst vollständiges Bild von der Krankengeschichte erstellt werden kann. Ich fand dies immer sehr belastend. Es wird alles hinterfragt, jeder noch so kleine Fakt muss auf den Tisch. Dafür ist Vertrauen zu dem Therapeuten unabdingbar. Nur so kann einem geholfen werden. Dies passiert alles erst mal sehr oberflächlich, zu umfassend ist das Krankheitsbild, zu unabsehbar die Zeit des Patienten in der Psychiatrie und zu locker das Vertrauensverhältnis vom Patienten zum Psychologen. Zusätzlich bekam man noch eine Vertrauensschwester an die Hand, mit der man alternativ die Einzelgespräche führen konnte. Ich nahm dies war, weil ich mich mit der mir zugeordneten Schwester super verstanden hatte.

      In der Beschäftigungstherapie wurde man kreativ beschäftigt. Ich habe dort ein paar Bilder auf Leinwand gemalt, was ich vorher auch noch nie gemacht hatte. Es war ganz in Ordnung, Ablenkung war immer gern gesehen. Hatte nen bisschen Zittrigen aber auch ich bin ganz zufrieden :coolface: Diese hängen auch heute noch in meiner Wohnung, als Erinnerung an die vergangene Zeit. Ich habe mal eins davon hochgeladen.



      Durch das ganze Programm verging der erste Tag sehr schnell. Am Ende kamen jedoch Fragen bei mir auf. Und was mache ich nach dem Abendessen? Wann geht es nach draußen? Erst mal gar nicht, antwortete mir die Schwester. Erst müsste man davon ausgehen, dass ich nicht selbstmordgefährdet sei. Dazu muss sichergestellt werden, wie hoch die Rückfall- und Fluchtgefahr bei mir ist und dann gab es da ja auch noch den Urintest. Ich konnte allerdings jederzeit auf eigenen Wunsch die Behandlung beenden und gehen. Das beruhigte mich ein wenig, auch wenn das Eingesperrt sein schon leicht an meinen Nerven zerrte. Ich wollte allerdings auch erst mal abwarten. Hatte ich eine andere Wahl? Ich verbrachte die meiste Zeit mit Matthias, wir verstanden uns auf Anhieb. Auch heute sehe ich ihn noch oft in der Stadt, er arbeitet immer noch in der Sicherheitsbranche und scheint sein Leben im Griff zu haben. Es tat gut zu wissen, dass dort auch halbwegs normale Leute zu Gast waren.

      Generell konnte man die Patienten in 2 Gruppen einteilen, die total Bekloppten, die wirklich fernab der Realität lebten und die einigermaßen normalen Leute, deren Kopf noch gut funktionierte, teilweise allerdings aussetzte. Zu dieser Kategorie zählte ich mich auch. Insgesamt war das Verhältnis allerdings eher ausgeglichen, die strangesten Gestalten liefen dort herum. Ich werde später noch darauf eingehen. Am 2. Abend überkamen mich die vielen neuen Eindrücke um meine mir fremde Situation. Ich hatte das alles stark unterschätzt und jetzt war ich hier, in der Psychiatrie und musste damit klarkommen.
    • TiM2201
      TiM2201
      Bronze
      Dabei seit: 03.08.2010 Beiträge: 1.983
      17. Freiheit


      In der Visite am nächsten Morgen kam der erste Knackpunkt. Die Ärzte kannten mich bisher nicht wirklich, bislang lasen sie nur Diagnosen auf einen Zettel, die auf eine schwierige Vergangenheit deuteten. Zusätzlich hatte ich 2 äußerst schwere psychische Erkrankungen, so dass sie den Entschluss fassten, mich erst mal 14 Tage einzusperren. Damit kam ich überhaupt nicht klar. Mir wurde die Freiheit genommen, die letzte Macht, die der Mensch besitzen kann, sie war weg. Ich fühlte mich entmündigt, regelrecht verarscht. Ich war nicht so bekloppt wie der Großteil der Patienten, konnte noch gut und klar denken, war freiwillig dort und auch die psychotischen Ausbrüche hielten sich weitestgehend in Grenzen seit dem ich die neuen Medikamente nahm. Ich fühlte mich missverstanden, richtige Panik kam in mir auf. Dazu durften fast alle anderen Patienten zumindest in Begleitung nach draußen, nur mir und den völlig kranken Leuten wurde es verwehrt. Das machte mich alles sauer, ich wusste wirklich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Erst mal lies ich die neue Zwangssituation ruhen und versuchte, ein wenig runterzukommen. Mir gelang es aber einfach nicht, zu aufgebracht war ich, zu viel Panik und Angst, die in mir wuchs.

      Ich war nun 2 Nächte da und hatte schon zu viel von dem Plan, mein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Leider gab nicht ich die Spielregeln vor, sondern die Ärzte und Psychologen. Natürlich haben die Fachleute eine Menge Erfahrung, was aber nicht heißt, dass sie immer Recht haben. Ich konnte das nicht, zu unwohl war mir bei dem Gedanken, eingesperrt zu sein. Ich war kein Schwerverbrecher, so kam ich mir allerdings vor. Noch in der Visite sagte ich, dass ich dann gehen werde. Und dies nicht, weil ich zurück in mein altes Leben wollte, sondern nur, weil ich meine letzten Grundrechte verteidigen musste. Man machte mir ein Eingeständnis, ich durfte abends mit der Schwester 15 Minuten vor die Tür, eine Runde um den Block drehen. Ich nahm den Vorschlag erst mal an, wohlwissend, dass dies nicht meine letzte Entscheidung in dieser Sache sein wird. Den ganzen Tag drehten sich meine Gedanken nur um den Abend, endlich mal raus.

      Ich hatte Probleme, mich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren, zu fertig machten mich die Umstände. Nach dem Abendessen war es dann endlich soweit, es ging nach draußen. Wir gingen ein kurzes Stück und schon saß ich wieder oben, es war alles andere als befriedigend. Es wurde noch schlimmer. Jetzt hatte ich Blut geleckt, ich brauchte einfach das Gefühl, abends nach dem Programm tun und lassen zu können, was ich möchte und nicht, was mir jemand vorgibt. Ich hielt das alles nicht mehr aus, der psychische Druck wurde immer größer. Am nächsten Morgen nach einem erneuten Gespräch in der Visite verlies ich die Psychiatrie, zurück in die Freiheit.

      Es beeindruckt mich auch heute noch, wenn ich darüber nachdenke. Für mich war meine eigene Freiheit ab dem Zeitpunkt das Wichtigste. Leider schätzt man dies erst, wenn einem diese genommen wird. So ist es in vielen Dingen. Je alltäglicher und normaler eine Sache oder Gegebenheit ist, desto weniger schätzen wir dies. Erst wenn diese Gegebenheit dann plötzlich wegfällt, schlimmer noch, wenn einem diese Dinge genommen werden, wird einem die Intensität des Verlustes erst bewusst. Nun stand ich da, mit meinem Koffer und meiner wiedergewonnenen Freiheit. Erst mal nach Hause. Zuerst leerte ich seit Wochen wieder meinen Briefkasten, etliche Briefe waren hinein gestopft. Rechnungen, Mahnungen, Werbung und auch 3 Briefe von meinem Vermieter. Ich hatte angeblich die Miete seit 3 Monaten nicht mehr bezahlt?!? Mir war so, als wäre es erst ein Monat gewesen. Ich wurde aus der Wohnung geschmissen. Wieder ein Schlag in die Fresse, obdachlos oder was? Er setzte mir eine Frist, zu dem Zeitpunkt hatte ich noch 8 Tage Zeit all meinen Krempel zu packen. Schöne scheisse, wohin denn bitte?

      Ich zahlte mir sofort die letzten paar $ meiner Bankroll aus, ans Spielen war jetzt nicht zu denken, zu groß war meine Existenzangst, meine Angst bald auf der Straße zu sitzen. Ich sammelte alle kleinen Scheine, die hier und da in der Wohnung rumflogen, anschließend ging es zur Bank, die unwichtigen Abbuchungen direkt zurückbuchen lassen. Dadurch hatte ich erst mal genügend Geld für die nächsten Wochen. Irgendwie war ich voller Panik, trotzdem eher planlos. Ich verdrängte erst mal die Probleme und surfte ein wenig im Internet. Ablenkung & Verdrängen anstatt mit den wichtigen Problem befassen, wieder ein typisches Krankheitsbild eines Suchtkranken. Mir war das auch alles deutlich zu viel. Zum Doc wollte ich auch nicht mehr, was sollte dieser denn für mich tun? Ich hatte seinen Ratschlag befolgt, dann aber doch den Schwanz eingezogen. Ich wusste, dass er nicht böse mit mir war, ich ging allerdings davon aus, dass er bereits alles für mich getan hat. Ich war allein.

      Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Zug zu Phil ins Krankenhaus. 4 Stunden Fahrt, 1x Umsteigen. Viel Zeit zum Nachdenken. Das tat ich allerdings nicht, ich hatte Angst vor der Realität. Stattdessen beobachtete ich die anderen Leute. Wie gerne wäre ich einer von ihnen, einfach normal sein, ein normales Leben führen, glücklich sein, und das wichtigste, zufrieden zu sein. Zufriedenheit ist das größte Glück des Menschen. Ich war total unzufrieden, meine Situation aussichtslos und festgefahren. Je mehr ich darüber nachdachte, desto trauriger wurde ich. Ich steigerte mich vollkommen in aussichtslose Gedankengänge.
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