Artikel zur Selbstüberschätzung\ Relevanz für Poker?

    • TAHG2010
      TAHG2010
      Bronze
      Dabei seit: 10.12.2010 Beiträge: 1.662
      http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,786072,00.html

      Für den mittleren Angestellten ist es ohnehin klar: Der Chef hat nur den großen Mund, in Wahrheit aber nix drauf. Und der Kollege nebenan hält sich nur deshalb für besonders schlau, weil es ihm an der Intelligenz mangelt, seine eigene Unfähigkeit zu erkennen. Selbstüberschätzung ebnet den Weg in die Chefetage.

      Psychologen untersuchen das Phänomen der geschönten Selbstwahrnehmung schon seit längerem - und haben es bis heute nur teilweise verstanden. Wie kommt es beispielsweise, dass 94 Prozent der College-Lehrer in den USA glauben, dass sie überdurchschnittlich gute Pädagogen sind? Oder dass bei einer Umfrage unter einer Million US-Schülern 70 Prozent sich als überdurchschnittlich gut einstufen? Und nur zwei Prozent als unterdurchschnittlich? Besteht die Menschheit nur aus Überfliegern?

      Zwei Wissenschaftler präsentieren nun im Wissenschaftsmagazin "Nature" eine neue, auf natürlicher Selektion basierende Erklärung für das Phänomen der Selbstüberschätzung. Eigentlich, so schreiben James Fowler von der University of California in San Diego und sein Kollege Dominic Johnson, dürfte es Selbstüberschätzung gar nicht geben. Denn sie führt ja fast zwangsläufig zum Untergang oder in die Katastrophe, sei es an der Börse, im Unternehmen oder im Krieg.

      Die beiden Forscher können jedoch mit einem einfachen Modell aus der Spieltheorie zeigen, dass es sich unter bestimmten Voraussetzungen auszahlt, die eigenen Fähigkeiten für größer zu halten, als sie tatsächlich sind. Und zwar immer dann, wenn der mögliche Gewinn in einem Streit groß ist im Verhältnis zu dem Schaden, den man im Kampf gegen den anderen erleiden kann.

      Das Modell von Fowler und Johnson ist einfach: Es gibt ein Objekt der Begierde - zum Beispiel einen Geldschein oder etwas zu Essen - und zwei Personen, die es darauf abgesehen haben. Eine Person kann Ansprüche auf das Objekt der Begierde anmelden - oder auch nicht. Wenn nur eine Person interessiert ist, bekommt sie das Objekt kampflos. Stellt keiner Ansprüche, bekommt es niemand. Sind beide interessiert, kommt es zum Duell.

      Fitnessgewinn oder Fitnessverlust?

      Jeder der beiden Interessenten kennt seine eigene Stärke - oder Fitness - nicht exakt, sondern nur mit einer gewissen Unschärfe. Wer die Ressource erbeutet oder kampflos erhält, wird dafür belohnt: Er erhöht seine Stärke um den Wert r. Im Falle eines Kampfes zwischen beiden Kontrahenten gewinnt der Stärkere das Objekt. Allerdings müssen beide einen Preis für das Duell zahlen. Ihre Fitness verringert sich jeweils um den Betrag c.

      In der Simulation ließen die Forscher dann Menschen unterschiedlicher individueller Stärke immer wieder aufs Neue gegeneinander antreten. Manche schätzten sich realistisch ein, andere überschätzten sich oder hatten ein geringes Selbstbewusstsein. Auf diese Weise wurde am Computer quasi die Evolution innerhalb der menschlichen Gesellschaft nachgespielt.

      Dabei zeigte sich, dass das Verhältnis von r und c, also von Fitnessgewinn und Fitnessverlust darüber entscheidet, ob Selbstüberschätzung eine Eigenschaft ist, die sich in einer Gemeinschaft durchsetzt, oder nicht. War das Verhältnis von r und c größer als 1,5, dann führten die wiederholten Simulationen stets zu einer Gesellschaft, in der es ausschließlich Menschen gab, die sich überschätzten. Solange man viel gewinnen konnte und dabei nicht allzuviel zu verlieren hatte, war ein überhöhtes Selbstwertgefühl also von Vorteil.

      Bei kleineren Werten von r/c gab es mehrere mögliche stabile Zustände, in die sich die virtuelle Gesellschaft entwickelte. Mal existierten Überschätzung und Unterschätzung parallel, mal bestand die Gemeinschaft nur noch aus Individuen, die ihre Fähigkeiten für kleiner hielten, als sie tatsächlich waren.


      ANZEIGE"Unsere Analyse zeigt, dass sich Selbstüberschätzung gegenüber einer realistischen Selbstanalyse oft durchsetzt", schreiben die Forscher. Zu erklären sei dies damit, dass Menschen mit einem übergroßen Selbstbewusstsein selbst dann noch Ansprüche auf eine Ressource anmeldeten, wenn sie in einem Kampf eigentlich verlieren würden. Ihre stärkeren, aber vorsichtigeren Rivalen verzichteten jedoch auf ihren Anspruch, so dass der eigentlich Schwächere, aber Selbstbewusstere gewinne. Außerdem verhindere die Selbstüberschätzung, dass Menschen Auseinandersetzungen aus dem Weg gingen, die sie mit Sicherheit gewinnen würden.

      Mit ihrem Selektionsmodell geben Fowler und Johnson der Forscherdebatte um den Nutzen der Selbstüberschätzung eine neue, interessante Richtung. Die bisherigen Erklärungen klingen jedoch nach wie vor überzeugend. Die Selbstüberschätzung könnte sich, so eine Hypothese, trotz der kostspieligen Rückschläge - siehe Finanzkrise - auszahlen, weil sie Menschen ehrgeiziger, mutiger und widerstandsfähiger macht. Oder, so lautet eine andere Hypothese, Selbstüberschätzung funktioniere wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.

      Wahrscheinlich ist es ja wie so oft im Leben: Nicht ein Faktor allein entscheidet, sondern eine Kombination aus vielen lässt Menschen annehmen, sie seien die größten. Dann dürfen übrigens auch alle an der Erforschung des Phänomens beteiligten Wissenschaftler glauben, sie hätten des Rätsels Lösung gefunden. Selbstüberschätzung eben.
  • 4 Antworten
    • Krupsinator
      Krupsinator
      Moderator
      Moderator
      Dabei seit: 24.05.2010 Beiträge: 13.186
      Hi TAHG2010,

      find den Artikel zwar grundsätzlich interessant, da man grade auch hier im Forum oft Selbstüberschätzer kennenlernt :D

      Aber einen Artikel von Spiegel-Online einfach so hier herein zu kopieren und nichtmal ne Quellenangabe zu machen find ich dann doch eher suboptimal

      http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,786072,00.html

      Gruß
      Krupsinator
    • mergelina
      mergelina
      Bronze
      Dabei seit: 28.03.2008 Beiträge: 2.653
      Hi TAGH,

      Ich habe den Artikel, auch wenner nicht von dir ist :D mit grossem Interesse gelesen und finde ihn auf der Plattform Poker, insbesondere SNG tatsächlich bestätigt.

      Fische, die sich überschätzen, callen im early SNG alles, egal auf welcher Position und spielen dann am Flop mit hoher Agression schon um den halben stack.
      So verlieren wir gegen sie schon mal die Waffe der Blindsteals.

      Also folden wir bis 25/50 auch am BU beinahe jede hand. Der SB ist ein reg und denkt ebenso, so kassiert der Fisch laufend die blinds ein.
      Natürlich führt die tatsächliche Überlegenheit dann dazu, dass man den Fisch am Ende schlagen sollte. Stellen wir aber einen passiven Fisch gegen den Maniac, so hat er einen Nachteil.

      Es zeigt sich oft, dass Chipleader in der frühen Phase eines Turniers Fische sind, die diesen durch den Einsatz zu hoher Risiken erlangt haben, durch eine agressive, selbstüberschätzende Spielweise.

      Selbst hatte ich auch einen kometenhaften Aufsteig in den ersten 500 tourneys. Hab mich für einen der Besten gehalten. Sharkscope tat sein übriges, er zeigt nach weit über 500 tourneys einen Roi von 28% an. Ich war der Beste!

      Erst als mich downswings auf den Boden zurückholten und ich wirklich anfing, das Spiel zu verstehen, ging meine Selbstüberschätzung zurück.
      So hot bin ich dann nie mehr gerunnt!^^

      danke für diesen Beitrag. Er passt auch gut in dieses Unterforum.

      mergelina
    • KeyLargo
      KeyLargo
      Bronze
      Dabei seit: 05.04.2008 Beiträge: 129
      Guter Artikel, aber Guttenplag obv
      Vorsicht wegen möglicher ©-Verletzung!
    • TAHG2010
      TAHG2010
      Bronze
      Dabei seit: 10.12.2010 Beiträge: 1.662
      ok ich hab das mal dahin gehend editiert.

      beim lesen gingen meine gedanken, aber zu nächst in eine andere richtung als die selbstüberschätzung der fische auszunutzen.
      ich denke wir alle neigen von zeit zu zeit dazu unser können an den grünen tischen zu überschätzen. ich halte das aber auch durch aus für positiv. ich glaube eine edge gegen die meisten gegner auf meinem limit zu haben und spiele ja deshalb. ich mache auch knappe +ev pushes, weil ich mir sicher bin, damit langfristig gewinn zu machen. außerdem gibt es die tage, an denen man an den tischen sitzt und das gefühl hat, dass es einfach nur läuft. die reads passen und die karten kommen auch. dieses gefühl ist auch eine art von selbstüberschätzung, aber es hilft mir meine konzentration hoch zu halten und verluste ohne tilt wegzustecken. imo ist diese selbstüberschätzung auch eine art von tilt. wenn es mir aber hilft schlimmere tilts zu vermeiden, ist das nur natürlich wieder +ev.