Auswirkung von Mindset auf Spiel

    • Eisflamme
      Eisflamme
      Gold
      Dabei seit: 20.01.2007 Beiträge: 6.480
      Hi,

      bei mir läuft es leider seit Jahren im Poker schlecht. Ich bin nun fünf Jahre dabei und verliere zurzeit brav auf NL25. Das hat mich bis vor kurzem stark mit Minderwertigkeitskomplexen versorgt. Jedoch habe ich auf beruflicher Ebene und in der Uni sonst durchweg Erfolge vorzuweisen (die mit besserem Mindset wohl sogar noch besser wären) und treibe nun auch regelmäßig Sport. Daher beeinflusst mich Poker psychisch nicht mehr besonders.

      Dennoch stelle ich mir die Frage, wieso ich in Poker so wenig klarkomme. Ich habe ungelogen >100 Sweat-Sessions mit einem NL1k+-Spieler gemacht (er spielt das regulär, macht dort auch gut Winnings, habe ihm auch schon zugeschaut, er ist auch von vielen Pokerbuddys bestätigt und ich kenne ihn auch persönlich etwas, er ist also definitiv kein Betrüger o.ä.). Zudem natürlich in der Vergangenheit viele Videos, generell sicherlich ausreichend Input, um NL25-NL100 zu schlagen.

      Mein Problem liegt aber in der Umsetzung von theoretischem Wissen. Ich sitze an den Tischen, könnte Ranges lange berechnen, treffe aber bei unknowns falsche Standardannahmen. Oder mir liegen alle Informationen offen, im Review merke ich mit etwas Überlegung, was ich alles falsch machte, doch ingame schaffe ich es einfach nicht richtige Entscheidungen zu treffen.

      Ich poste auch regelmäßig Hände bei bestimmten Pokerbuddys, die NL200+ spielen. Ich erhalte dort gutes, ausführliches Feedback, das mir auch einleuchtet. Jedoch stellt sich bei mir kaum ein Lerneffekt ein.

      Es geht jetzt seit gut einem Jahr nur nach unten. Statt auf die Content-Ebene und meine Skills im Bereich von Handreading, Gameplan, Mathematik, Leveling-Problematik, EV-Klassifikation, Gegnerkategorisierung und Standardannahmen zu schauen, halte ich es jetzt für sinnvoller Mal eine Ebene weiter nach oben zu gehen und auf die Gründe für meine lern- und anwendungstechnischen Defizite zu werfen. Ich kann überall im Leben ganz gut lernen und Informationen dazugewinnen. Ich bin gut darin theoretisches Wissen anzuhäufen und eigentlich auch anzuwenden, aber in der Pokerpraxis fällt es mir schwer bzw. funktioniert gar nicht.

      Mein Wissen ist das letzte Jahr immens gewachsen, ich habe viel Input bekommen und auch viele Hände bewerten lassen, die mir einige Erkenntnisse bescherten. Was jedoch schlechter geworden ist, ist mein Mindset. Gedanken wie "jetzt spiele ich schon so lange und bin immer noch nicht weiter", "nach 5 Jahren schlage ich sogar NL50 nicht mehr und muss auf NL25 absteigen" oder sogar "harte Arbeit und Ausdauer sind überhaupt nichts wert, die führen zwangsläufig ja sowieso nicht zum Erfolg, wozu das alles also?" sind immer häufiger geworden.

      Ich habe auch viel getiltet. Sehr, sehr selten Monkeytilt-Plays, aber häufiger eine allgemeine Unzufriedenheit, die auch mein RL betroffen hat. Und mein Spiel war eben auch nicht immer hundertprozentig motiviert.

      Jetzt hingegen tilte ich nicht mehr, aber ich habe innerlich eine gewisse Resignations-Haltung ggü. Poker eingenommen. Ich spiele ruhig und bedacht, allerdings mit dem Mindset, dass Poker eigentlich gelaufen ist und ich dafür zu dumm bin, da ich ja all die Jahre das theoretische Wissen nicht in praktisches umwandeln konnte.

      Ich würde Mal behaupten, dass ich im normalen Leben gar nicht Mal so dumm bin. Trotzdem scheint v.a. die Umwandlung Theorie -> Praxis in Poker einfach nicht zu funktionieren. Und da ich immer mehr Misserfolg im Poker ernte und auch mein Mindset immer schlechter wurde, vermute ich da eine Korrelation. Das begründet sich auch damit, dass imo im Poker nur die wenigsten Entscheidungen bewusst getroffen werden. Man sammelt bewusst Informationen und verkettet ein oder zwei auch Mal, aber die gesamte Verarbeitung davon mit Abwägung der Wichtigkeit der einzelnen Faktoren läuft ja im Unterbewusstsein ab.

      Könnte es nicht sein, dass mein negatives Mindset (besonders gut war mein Mindset ggü. Poker eigentlich nie) dafür sorgt, dass diese unterbewussten Entscheidungen nicht korrekt getroffen werden, weil ich schon eine "Misserfolgs"-Haltung habe? Hat das Mindset einen so enormen Einfluss?

      PS: Beiträge wie "Löse dich von Poker" oder "Du solltest das nicht zum Mittelpunkt machen" oder "Quitte doch einfach" benötige ich nicht, dennoch danke. Poker spielt in meinem Leben nur noch eine minimale Rolle und ich achte darauf, dass es andere Bereiche meines Lebens nicht mehr negativ beeinflusst. Aber rein aus Neugierde und selbstanalytischen Gründen möchte ich wissen, wieso es bislang nicht geklappt hat.

      Vielleicht kann mir da ja jemand helfen oder ein paar Anregungen geben. Freue mich über alle konstruktiven Ideen. :)

      PPS: Falls dieses Forum falsch ist, bitte verschieben.
  • 4 Antworten
    • habeichja
      habeichja
      Bronze
      Dabei seit: 29.12.2007 Beiträge: 7.057
      Das klingt jetzt für mich so als ob du dich schlechter machst als du vielleicht bist.
      Was mir bei deinem Beitrag noch fehlt ist, warum du Poker spielst?

      Genauere Analysen warum du nach der Zeit noch auf dem Limit hockst kann man ohne Stats sicherlich nicht oder nur schwer anstellen.

      Wie siehts denn mit anderen Sachen wie Tableselection aus? Und Spielpensum?
    • Eisflamme
      Eisflamme
      Gold
      Dabei seit: 20.01.2007 Beiträge: 6.480
      Poker spiele ich mittlerweile hauptsächlich zum Spaß. Aber natürlich möchte ich gerne Erfolg haben. Nicht hauptsächlich wegen dem Geld, sondern weil ich einfach meinen investierten Aufwand gerne in Form von einer steigenden BR und Aufstiegen sehen möchte.

      Und es geht mir nicht darum, dass ich gerade auf einem Limit hocke, sondern dass es trotz viel Training seit einem Jahr nur bergab geht, obwohl mein theoretischer Skill immer mehr wird. Ich möchte hier auch keine Stats zeigen, denn ich diskutiere über meine Stats monatlich mit vielen Leuten, genau so mache ich alle paar Wochen Sessionreviews mit höher spielenden Leuten.

      Genau darum soll es hier aber nicht gehen. Ich würde mich gerne in diesem Thread auf die Mindset/Psychologie-Seite konzentrieren. Würde mich sehr freuen, wenn das angenommen wird. :)
    • Eisflamme
      Eisflamme
      Gold
      Dabei seit: 20.01.2007 Beiträge: 6.480
      Hat hierzu niemand eine Meinung?
    • slothrop1701
      slothrop1701
      Bronze
      Dabei seit: 23.10.2010 Beiträge: 866
      Original von Eisflamme
      Könnte es nicht sein, dass mein negatives Mindset (besonders gut war mein Mindset ggü. Poker eigentlich nie) dafür sorgt, dass diese unterbewussten Entscheidungen nicht korrekt getroffen werden, weil ich schon eine "Misserfolgs"-Haltung habe? Hat das Mindset einen so enormen Einfluss?
      Meiner Meinung nach eindeutig. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass das Mindset der größte Unterschied zwischen den wirklich guten Spielern und den zwar erfolgreichen, aber eben nicht ganz so guten Spielern ist. Ich glaube nicht, dass die NL2K-Spieler so unglaublich viel besser von ihrem Spielverständnis her sind als der solide NL200-Crusher. Die Unterschiede sind da eher psychologischer Natur, denke ich.

      Dazu mal eine Analogie aus dem Fußball: Der FC Bayern verliert im einen Spiel gegen Basel 0:1, zwei Wochen später zerlegen sie Basel 7:0. In der Zwischenzeit hat sich allerdings rein vom Spiel her nichts geändert. Taktik, Fitness, Spielstärke und so weiter können sich gar nicht in so kurzer Zeit so deutlich verbessert haben. Das war einfach der berühmte "Schalter im Kopf", der umgelegt wurde. Tiger Woods hat auch irgendwann mal gesagt, dass ein Turnier nicht auf den paar Quadratkilometern Rasen entschieden wird, sondern auf den 15 Zentimetern zwischen deinen Ohren. Genauso verhält es sich beim Poker auch, denke ich. Theoretische Stärke bringt dich nur bis zu einem gewissen Punkt, danach ist es die Psyche.

      Du musst es also "wirklich wollen", wie man so schön sagt. Wenn du bereits eine Resignationshaltung angenommen hast, merkwürdige Calls machst, um zu sehen, was denn der Gegner hat, und allgemein eher aus Spaß spielst, musst du dich nicht wundern, dass du nicht viel reißen wirst. Ich spiele auch manchmal nur so aus Spaß auf NL2 und baller bisschen rum, weil mich das verlorene Geld da nicht stört. Aber mit der Haltung kannst du auf deinem normalen Limit halt auch gleich auscashen, weil Gewinn machst du so sicherlich nicht.

      Wenn du wirklich erfolgreich pokern willst, dann löse dich von dem Geldgedanken und entwickle echte Freude am Spiel. Es muss dir schon Spaß machen, Hände zu überdenken, theoretische Dinge zu analysieren und einfach eine Art Leidenschaft für das Spiel zu entwickeln. Ab dann gilt eigentlich "The sky is the limit", aber bis dahin muss man halt erstmal kommen ;) .

      Du sagst außerdem: "Poker spielt nur noch eine minimale Rolle in meinem Leben." Wie kannst du erwarten, in etwas erfolgreich zu sein, wenn du der Sache nur minimale Aufmerksamkeit zukommen lässt? Poker ist keine Gelddruckmaschine. Wenn du nennenswerte Erfolge vorweisen möchtest, musst du dafür genauso viel tun wie für alle anderen Sachen im Leben.