Pokerpsychologie: Erwartungshaltung in Turnieren

    • Solinero
      Solinero
      Global
      Dabei seit: 27.09.2005 Beiträge: 61
      Hallo Pokerstrategen,

      beim One Million for One Drop hat Antonio Esfandiari in Interviews während des gesammten Turniers immer sehr selbstbewußt davon gesprochen, dass er das Turnier gewinnen wird. Und auch wenn Antonio sicherlich intelligent genug ist zu wissen, dass der Ausgang eines solchen Turniers immer ungewiss ist, so ist dieser optimistische Ansatz doch sicherlich interessant.

      Ich denke einerseits ist ein starkes selbstbewußtsein natürlich unablässig, um gewisse Spielzüge mit aller konsequent und Überzeugung (z.B. bei Bluffs) durchzuziehen. Aber anderseits geht mit einer künstlich hochgeschraubten Erwartungshaltung natürlich auch eine größere Enttäuschung einher, für den Fall dass man nicht gewinnt. (also ja immerhin in einem Großteil der Fälle, es sei denn man ist Stu Ungar)

      Und damit meine ich zum Beispiel selbst Sam Tricket, obschon 10 Millionen reicher, sah er dennoch sehr enttäuscht aus. Auch Phillip Ivey gab in seinem letzten Interview an, dass er nach jedem Bust enttäuscht ist, da er immer auf Sieg spielt und sogesehen mit dieser Hoffnung schon auch eine gewisse Überzeugung einhergeht.

      Doch ist die dadurch beigeführte Enttäuschung bei jedem Bust wirklich besser? Ist es unbedingt notwendig and den Sieg in einem Turnier zu glauben? Wird nicht anderseits immer davon geredet, die Turnierleistung nicht (kurzfristig) ergebnisorientiert zu betrachten?

      Wie seht ihr das? Mit welcher Erwartungshaltung startet ihr in Turnieren und wie fühlt ihr euch beim Ausscheiden. Optimismus? Pessismismus? "Realismus" ?

      Und ich meine nicht nur was aus eurer Sicht wünschenswert wäre sondern wie es tatsächlich ist und wie es euch damit ergeht.
  • 2 Antworten
    • SteffenPS
      SteffenPS
      Bronze
      Dabei seit: 22.09.2010 Beiträge: 347
      Wenn man sich selbst gegenüber nicht sagt/denkt, dass man das aktuelle Turnier gewinnen möchte, sehe ich die große Gefahr, dass man nicht mit dem nötigen Ehrgeiz, Konzentration und folglich nicht mit dem A-Game an den Start geht.
      Ich persönlich formuliere allerdings selten diesen Satz, vielmehr beläuft es sich auf den Gedanken "ordentlich ITM, einen der vordersten Plätze" o.ä. Das hängt natürlich auch davon ab, welche Turnier-Form man gerade wählt. In Multi-Table-SnG's - vor allem im Bereich 27 Teilnehmer - habe ich automatisch den Sieg vor Augen. Bei richtigen MTT's sieht das ganze allerdings schon wesentlich trister aus. Nicht zuletzt aus mangelndem Erfolg in großen Turnieren, habe ich dort eher eine "mal schauen, rungood please"-Einstellung. Das hat aber generell auch viel mit Realismus zu tun. Longterm hin oder her; jedes einzelne Turnier ist Teil dessen und deswegen ist es für mich kein Argument, wenn es darum geht, ob man die Zielsetzung Sieg verfolgt.

      Die Enttäuschung ist beim Ausscheiden in der Regel natürlich höher, wenn man sich das "Ziel Sieg" setzt. Dennoch bin ich der Meinung, dass es besser ist, sich den Sieg bzw eine außerordentlich gute Platzierung als Ziel zu setzen (wobei man da sicherlich nicht zu schwammig in der Formulierung sein sollte und das der Situation anpassen sollte). Infolge dessen sollte man dann eher daran arbeiten, wie man mit dem Misserfolg umgeht, um sich von der ursprünglichen Einstellung nicht zu entfernen und schlussendlich immerzu negativ zu denken. Um es etwas mit Termini zu füllen: Es gilt, Motivation und stable confidence zu entwickeln, um die richtigen Grundvoraussetzungen zu haben.
      Der Realismus greift natürlich an der Stelle, dass man sich immer im Klaren sein sollte, dass es normal ist, in den meisten Turnieren noch vor ITM zu busten.
      Dafür einfach mal ein Interview mit Leuten wie Mercier und anderen MTT-Spezialisten gönnen, die betonen dasselbe und zucken mit der Schulter.
    • slevink23
      slevink23
      Bronze
      Dabei seit: 08.02.2011 Beiträge: 3.676
      Ist ne Meinung von einem reinen CG-Spieler, hoffe kann trotzdem was zum Thema beitragen:

      Ich denke, das jede Erwartungshaltung einfach schlecht für das eigene Spiel und auch für das Mindset ist. Einfach weil man erstens, an dem Ergebnis eh nichts ändern kann und zweitens es sehr unrealistisch ist immer zu cashen bzw. immer zu siegen.

      Ich bevorzuge, daher vom Mindset eher den Weg des Fatalismus:

      1. Du kannst so gut wie möglich spielen und zwar IMMER. Damit wird dein EV maximiert. Schlussendlich aber:

      2. Du kannst die Ergebnisse nicht ändern. Diesen Punkt muss man bei Poker einfach aktzeptieren. Deswegen mag ich auch die Einstellung: ,,Ich will diese Turnier gewinnen'' nicht. Weil daraus sehr schnell wird : ,,Ich kann jedes Turnier gewinnen''. Und das ist einfach falsch. Du kannst noch so eine riesige Edge haben, du kannst noch so ein guter Spieler sein und deine Mitspieler können noch so schlecht sein. Wenn du bad runnst, dann runnst du bad. Wenn du drei Suckouts kassierst, dann kassierst du drei Suckouts. Wenn deine Asse nicht halten, dann halten sie nicht. Damit muss man umgehen können. Und das muss man verstehen. Da kann man noch so die Einstellung haben: ,,Ich kann alles schaffen, wenn ich nur will''. Raus bist du dann trotzdem.

      1+2: Daraus ergibt sich imo nur ein einziges Motto, welches ich persönlich für am Besten halte: ,, Ich spiele jedes Turnier, jede Hand, jeden Street bestmöglichst. Wenn ich dann gewinne: schön. Wenn nicht : Es passiert und daran kann ich nichts ändern. Das einzige, wo ich was dran ändern kann ist noch besser zu spielen. Doch das Ergebnis direkt werde ich dadurch nicht beeinflussen.''


      Edit: Wobei ich bei Ivey und co. eine professionellere Einstellung sehe als nur: ,,Ich will DIESES Turnier gewinnen.'' Sicherlich will er er jedes Turnier gewinnen(imo vernachlässigt er ICM auch nur und spielt auf Sieg wegen seiner verrückten Sidebets, wodurch sich der EV eines Sieges erhöht), doch wenn er raus ist guck ihn dir mal wirklich an. Da sieht er imo nicht wirklich betrübt aus und als ob er in tiefe Depressionen verfällt. Er aktzeptiert diesen Umstand quasi auch, dass diese Dinge außerhalb seiner Macht liegen. Und das ist imo ziemlich ähnlich vom Mindset wie ich es oben beschrieben habe.
      Genauso aber wenn er gewinnt: Dies sieht er auch nicht als selbstverständlich an oder wirkt mega froh und total am Abgehen und denkt der tollste Tag in seinem Leben. Auch das Gewinnen gehört beim Poker dazu und ist für ihn nichts besonderes er spielt einfach ganz normal weiter seinen Stiefel runter und versucht den EV zu maximieren. Besonders gut finde ich sieht man dass wenn er in den TV-Formaten CG spielt und mal wieder einen dicken Pot gewinnt.


      PS: Laienmeinung :P