Lernen im Poker – oder: Plädoyer für eine Lerngemeinschaft

    • Fliegus123
      Fliegus123
      Bronze
      Dabei seit: 20.07.2006 Beiträge: 603
      Einführung:

      Wir alle hier haben im Poker mehr oder weniger dasselbe Ziel: besser werden. Die Motive dahinter mögen unterschiedlich sein, aber ich habe selten jemanden erlebt, der sagte: jetzt will ich mal so richtig schlecht pokern!

      Die Art, wie man dieses Ziel zu erreichen versucht, unterscheidet sich bisweilen dennoch extrem. Manch einer spielt einfach drauf los und macht sich ein paar Gedanken und, wenn mal was nicht so klappt, denkt er darüber nach, wieso und was er anders hätte machen können. Andere wiederum analysieren stundenlang eine Situation und recherchieren teils mathematisch, teils ideell den besten Spielzug und leiten daraus universelle Prinzipien ab.

      Dass man über die vorliegende Thematik: "Wie verbessere ich mein Lernen?" ganze Bücher schreiben könnte, liegt auf der Hand. Allein die Wissensarten sauber zu dokumentieren, zu modulariseren und die darauf aufbauennden Kompetenzen in ein Standardmodell an Bildung zu kanonisieren, wären wichtige und wegweisende Aufgaben.

      Vorliegend möchte ich immerhin den geschätzten Mitgliedern unseren Lerngemeinschaft ein paar nützliche Tipps mit auf den Weg geben: was für eine Art Lernen sie betreiben (können), wie sie es praktisch umsetzen und was sie dabei besonders beachten sollten.


      1. Lernen als evolutionärer Prozess:

      Zunächst einmal muss gesagt werden, dass jeder Lernprozess nicht ohne eine 'innere Beteiligung' des Lerners geschieht. Aus evolutionärer Perspektive ist der Effekt eines Lernprozesses so zu verstehen, dass das kognitive System, das zu einem Menschen gehört, eine Veränderung erfahren hat. Es war einem Variationsreiz (z.B.: man kann diese Hand auch raisen, statt sie nur zu callen) ausgesetzt, welchen es letztlich selektiert (d.h. als die bessere Line erkannt) und stabilisiert (in das eigenen Game integriert) hat.

      Diese Prozesse haben naturgemäß die Umwelt als Ursprung. Eine solche Umwelt kann der aktuelle Pokertisch sein, den man gerade spielt, wo ein Villain eine Hand auf ne unbekannte Art gespielt hat, aber viel öfter eben auch ein Freund, der einem sagt: "Hey, spiel das besser so, weil..."

      Demnach ist es für ein komplexes kognitives System nötig, möglichst viele Umwelteinflüsse zu haben: einen großen Variationspool. Auf Poker bezogen könnte man also formulieren: 3 schlechte Meinungen, die ich verwerfen kann, sind auch was wert. Wichtig ist, dass man möglichst viele Ideen verarbeitet und damit sein Spiel maximal aufwertet.


      2. Lern-Arrangements:

      Lernen im Poker geschieht in ganz verschiedenen Lern-Arrangements. Der eine ist allein und grübelt vor sich hin, der andere fragt seinen Freund um Rat. Wieder andere arbeiten mit professionellen Trainern oder konsultieren das hiesige Forum. Ferner gibt es Lerngruppen per Skype, am heimischen PC oder die öffentlichen Gruppencoachings in Seminarform.

      Auf den kleinen Limits steht heutzutage das Lernen aus Strategieartikeln und das Konsumieren von Lehrmaterial in Videoform im Vordergrund. Parallel dazu werden Live-Coachings angeboten sowie die Möglichkeit, im Forum seine Hände bewerten zu lassen. Wichtig ist, bei all seiner Lerntätigkeit die Zeit des Lernens möglichst so zu gestalten, dass der größte Anteil davon mit aktiver Lernerbeteiligung gefüllt ist. Oder anders ausgedrückt: wer nur zuhört und den Ausführungen von jemand anderem folgt, läuft Gefahr, ineffizient zu lernen. Wissen entsteht durch aktive Konstruktion, insbesondere entsteht nachhaltig gesichertes Wissen durch die lernreiz-reiche Vernetzung sinnhaften Wissens.

      Demnach sind Lernarrangements zu bevorzugen, in denen der Lerner selbst der Aktuer des Lernprozesses ist, d.h. Fragen stellt, aber ebenso auch Lösungsansätze liefert. Das Lernen in Kleingruppen ist eben nicht zufällig eine der heutzutage am intensivsten betriebenen Lern-Formen. Eine dieser Formen ist der Austausch im Handbewertungsforum. Der Vorteil gegenüber herkömmlichen U2U-Lerngruppen ist, dass hier die kompetente Meinung eines Profis hinzugezogen werden kann.


      3. Die wichtigsten Hinweise für die Praxis:

      • Lerne (inter-)aktiv! Steuere deine Lernprozesse selbst. Strukturiere sie nach eigenen Bedürfnissen. Lerne mit einem Bekannten oder Freund gemeinsam. Helft euch gegenseitig bei euren Leaks bzw. Fragestellungen. Arbeitet z.B. zu zweit oder dritt Hände im HB-Forum durch und diskutiert die relevanten Annahmen und Folgerungen, bis alle Fragen ausgeräumt sind, soweit dies möglich ist.

      • Lerne regelmäßig! Je nach dem, wieviel Zeit dir allgemein zum Pokern zur Verfügung steht, teile dir deine Lernzeit so ein, dass du nicht längere Zeit ohne Lernzeit abseits der Tische bist. Lieber 3 mal die Woche 45 Minuten lernen, als ein Wochenende dafür durchkellern. Leatherass schrieb mal: 4 zu 1 soll das Verhältnis sein. Sprich 4 Stunden spielen und 1 Stunde Theorie. Für den Anfang (bis du NL50 mit 3-4bb schlägst), solltest du eher 3:2 machen, sprich zunächst: Fokussiere dich auf deine Lernkurve, nicht auf deine Gewinnkurve!

      • Lerne themenorieniert! Wähle Themen aus, bei denen du Schwächen hast! Überleg dir eine Reihenfolge, in welcher du sie angehen möchtest. Sammel alle Hilfsmittel, die du hast und mach dir einen Lernplan. Wichtig auch: lass dich bei deiner Lernzeit nicht ablenken, sondern konzentrier dich aufs Lernen! Fasse anschließend deine Ergebnisse mit Stichpunkten zusammen und verfasse so ein Mini-Lerntagebuch.



      4. Der Weg zum besseren Lernen

      Zunächst: Erkenne dich selbst! Wichtig vor allem Anfang ist die Diagnose. Wer das Leak nicht kennt, kann es nicht beseitigen. Hierbei meine ich aber vor allem die Organisation deines Pokeralltags. Gehe deinen Wochenplan durch und markier dir die Zeiten, die du für Pokern reservieren möchtest! Dann teile die Phasen in Spiel- und Lernphasen ein (spielen nicht länger als 60 Minuten am Stück! Lernen nicht länger als 45 Minuten am Stück!). Halte deine Beobachtungen und Pläne schriftlich in deinem Lerntagebuch fest!

      Pausen machen! Zwischen Spiel- und Analyse-/Reviewphase solltest du 20-30 Minuten dich mit etwas anderem beschäftigen, um dann mit klarem Kopf und frischen Gedanken unaffektiert analysieren zu können. Optimalerweise schaust du dir vorm Beginn einer jeder Session auch ein paar alte Hände an, um dich gedanklich aufzuwärmen (jeder Sportler tut dies in irgendeiner Form!).

      Nach jeder Session analysier kurz deine wichtigsten Hände und wähle jeweils 2-3 Hände aus, die du dann ins Handbewertungs-Forum stellst oder für ein gemeinsames Review mit einem Lernpartner sicherst. Hier ist es wichtig, klare Fragen bzw. Lernziele zu formulieren, die du dann im Nachhinein zielgerichtet erarbeiten kannst.

      Dein Poker-Tag könnte demnach z.B. So aussehen:

      • 18.00-18.15: HB-Forum durchscrollen nach Bewertungen alter Hände / Hände von anderen Usern anschauen (Warm-Up)
      • 18.15-19.15: Liveplay
      • 19.15-19.30: Markieren von interessanten Händen / Einstellen ins HB-Forum
      • 19.30-20.15: Abendessen
      • 20.15-21.00: Lernphase: Review mit Freund, Selbstanalyse, HB durchschauen oder andere Lernpunkte abarbeiten; Lerntagebuch ausfüllen.

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      Ich hoffe, die Tipps waren für einige von euch nützlich. Man kann selbverständlich zu ganz vielen der genannten Ideen noch wesentlich mehr schreiben. Vielleicht hat ja der eine oder andere Lust ein paar davon weiterzuentwickeln.

      Beste Grüße, euer Fliegus123.
  • 9 Antworten
    • bashpepe89
      bashpepe89
      Bronze
      Dabei seit: 18.10.2011 Beiträge: 2.106
      schön geschrieben!
    • KTU
      KTU
      HeadAdmin
      HeadAdmin
      Dabei seit: 24.01.2007 Beiträge: 6.231
      Original von bashpepe89
      schön geschrieben!
    • HockeyTobi
      HockeyTobi
      Bronze
      Dabei seit: 03.12.2005 Beiträge: 23.227
      Klasse Post, schade, dass er nicht mehr Liebe bekommt/Rückfragen kommen. Traut euch ;)
    • TAHG2010
      TAHG2010
      Bronze
      Dabei seit: 10.12.2010 Beiträge: 1.662
      *thumbsup
      sollte man vielleicht hier mit einbinden.
    • John432
      John432
      Bronze
      Dabei seit: 13.02.2010 Beiträge: 1.725
      Klasse Text. Habe aus diesem einiges für die Zukunft mitnehmen können.
    • AlexAlberti
      AlexAlberti
      Bronze
      Dabei seit: 21.06.2007 Beiträge: 1.086
      Titel: Plädoyer für eine Lerngemeinschaft

      Frage: Gibt es bei PS.de einen Bereich, in dem Lerngemeinschaften gegründet/gesucht werden können? Wenn nein wäre das eine gute Idee

      Besides: Klasse Text :heart:
    • eroticjesus
      eroticjesus
      Bronze
      Dabei seit: 25.05.2009 Beiträge: 4.875
      Schön geschrieben, jeder der als ambiotionierter Freizeitspieler so an die Sache ran geht, wird definitiv besser imo, ich verfolge einen professionelleren Ansatz, der eher auf das Buch "Mental Game of Poker" beruht, aber hier hast du alles sehr gut rüber gebracht, wie man das Angebot auf PS.de optimal und maxEV nutzt :s_thumbsup:

      Von mir keine Fragen nur ein Tipp an alle die weiter kommen wollen und Micros/Lowstakes grinden: BEFOLGT OBEN GENANNTE ANWEISUNGEN STUR!

      @AlexAlberti: das geschieht in den jeweiligen Unterforen für die einzelnen Varianten und ggf. Strategien, je nachdem was du spielst, einfach Thread eröffnen und oft finden sich Leute.

      Das Warm up kann man auch ggf. anders gestalten und zwar indem man Fehler aus der Session davor durchgeht und sich für die Session vornimmt diese Spots besser zu spielen und sich einen Hauptpunkt für die Session nimmt. Ein Vid anschauen, am besten in denen Hände länger bewertet werden geht auch, wenn man dann richtig Bock hat zu grinden, Vid aus, Software an. Aber das was du geschrieben hast, galt ja im Grunde nur als Beispiel, da kann man auch abweichen, allerdings ist Warm up und "Cool down" sehr wichtig für eine Session, das sollte man in jeder Session machen, egal wie sie läuft. Für mich war das Anfangs schwierig, weil noch zu viele Emotionen eingeflossen sind. Beispiel: 10 Stacks up ---> Kumpel anrufen Bier trinken, 10 Stacks down ---> scheiß Poker, morgen wirds besser.

      Dazu muss man sich anfangs etwas zwingen, aber die mentale Seite des eigenen Spiels wird sehr gefestigt und man geht mit einer viel klügeren, rationaleren Sicht in die Sessions und kann länger A-Game spielen mit der Zeit, was sich höchst profitbal auswirken kann. Dadurch performed man besser und hat im Endeffekt mehr Zeit für andere Sachen.
    • HockeyTobi
      HockeyTobi
      Bronze
      Dabei seit: 03.12.2005 Beiträge: 23.227
      Original von AlexAlberti
      Titel: Plädoyer für eine Lerngemeinschaft

      Frage: Gibt es bei PS.de einen Bereich, in dem Lerngemeinschaften gegründet/gesucht werden können? Wenn nein wäre das eine gute Idee

      Besides: Klasse Text :heart:
      Hey AlexAlberti,

      du hast sogar mehrere Bereiche, in denen das möglich wäre.
      Zum einen kannst du in unseren Strategieforen einen Thread eröffnen und dort Mitglieder für eine Lerngruppe suchen.
      Zum anderen ist auch das Mitglieder helfen Einsteigern in der Beziehung sehr hilfreich.

      Viele Grüße
      Tobi
    • FunKyFresH24
      FunKyFresH24
      Bronze
      Dabei seit: 12.06.2009 Beiträge: 2.421
      :s_thumbsup: