spiegel.de: Verbotene Computer-Hilfe: Die Tricks der Schach-Betrüger

    • smokeonit
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      Verbotene Computer-Hilfe: Die Tricks der Schach-Betrüger

      Von Frank Patalong
      Dienstag, 22.01.2013 – 16:32 Uhr


      Schachbrett: Wenn Mensch auf Computer trifft, ist der Ausgang meist klar
      Im Schach sind Computer fast unschlagbar, auf Turnieren ist ihr Einsatz deshalb verboten. Ungewöhnliche Partien bei einem Wettkampf in Kroatien aber deuten auf Spielmanipulationen durch Rechnerhilfe hin - ein wachsendes Problem. Zu beweisen ist der Betrug selten.

      Als die siebte Partie sich ihrem Ende näherte, war das Maß für viele Beobachter voll. Völlig überraschend hatte sich der Hobbyspieler Borislav Ivanov in die Spitzengruppe des stark besetzten Turniers im kroatischen Zadar gespielt. Eigentlich weit jenseits seiner bis dahin dokumentierten Möglichkeiten maß er sich mit sechs Großmeistern (GM), verlor einmal, erkämpfte zwei Remis und gewann drei Partien. Ein Ergebnis, für das sich kein GM schämen müsste.

      Doch Ivanov ist keiner. Jahrelang stagnierte sein Elo-Rating, mit dem man im Schach die Spielstärke misst. In den letzten zwei Jahren gewann er einen, allein im Dezember 2012 aber 115 Elopunkte hinzu. Ein Leistungsprung um 115 Punkte war selbst dem jugendlichen Weltranglistenersten Magnus Carlsen in seiner so rapiden Karriere nicht gelungen. Bei einem Spieler, der seit Jahren kaum Verbesserung zeigte, ist er höchst unwahrscheinlich.
      Nach dem Turnier maß man Ivanovs Leistungsstärke mit einer Elo-Performance von 2697 Punkten. Im Klartext: Er spielte wie ein Großmeister, an der Grenze zum Niveau der Weltspitze, die man ab etwa 2700 Elopunkten ansetzt.

      Der Schachtrainer Valeri "Tiger" Lilov behauptet, dass Ivanov in seinen starken Partien sogar noch besser war. In einer Zug-um-Zug-Analyse verglich er Ivanovs Spiel mit dem, was in gleicher Situation Houdini, das zurzeit stärkste Schachprogramm der Welt, getan hätte. Houdinis und Ivanovs Entscheidungen deckten sich bis zu 97 Prozent. Das aber sei nicht möglich, behauptet Lilov, sein Schluss ist also klar: Ivanov habe gepfuscht.
      Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Informatiker Kenneth Regan, der sich mit Hilfe einer selbst entwickelten Analysemethode Ivanovs Elo-Performance anschaute. Sein Verdikt: Der Bulgare spielte in seinen besten Partien über dem Niveau des menschlichen Spielstärken-Weltrekords. Wie ein Computer eben.

      Ein Chip unter der Haut oder in einen Zahn implantiert?

      Genau das glaubten offenbar auch die Zuschauer. Nach der siebten Partie gingen einige zum Schiedsrichter. Dieser ordnete eine Durchsuchung Ivanovs an, der Bulgare ließ sich darauf ein: Man fand nichts. Ein Großmeister ließ sich zu der Spekulation hinreißen, der Hobbyspieler könne die Zuginformationen mit Hilfe eines "unter die Haut oder in einen Zahn implantierten Chips" bekommen haben - James Bond lässt grüßen. Lilov glaubt hingegen, dass der Betrug mit einer Minikamera und einem im Gehörgang platzierten Empfänger gelaufen sein könnte.

      Doch so kompliziert müsse man gar nicht denken, sagt André Schulz, Redakteur der Schachnachrichtenseite Chessbase.de: "Das einfachste ist die Drei-Personen-Methode. Einer sitzt am Brett, einer im Hotel mit einem Rechner und einer im Publikum. Der Mann im Hotel gibt dem Mann im Publikum die Züge durch, und der gibt diese per Zeichen weiter." So stellt sich Schulz Ivanovs Methode vor.

      Ivanov bestreitet jede Manipulation. In einem Interview sagte er, sein Spiel sei "nichts Außergewöhnliches" gewesen, weil seine Gegner eklatante Fehler gemacht hätten. Es sei "fürchterlich", dass die menschliche Phantasie derartige Blüten treibe, "nur weil ein 2200-Elo-Spieler in einem Turnier ein paar nette Spiele gespielt hat". Ist er ein bescheidenes Genie?

      Was früher spannend war, wäre heute vorhersehbar

      Rechner spielen anders als Menschen, ihnen fehlt Intuition. Dafür extrapolieren sie die Konsequenzen jedes einzelnen Zuges - ohne Fehler zu machen. Grenzen sind der Tiefe dieser Berechnung nur durch die Hardware gesetzt. Selbst handelsübliche PC berechnen heute eine zweistellige Millionenzahl von Zügen pro Sekunde.

      In der Regel ist diese "Brute Force" genannte Methode aber gar nicht nötig: Der Blick in die vorgehaltenen Spielbibliotheken genügt. Das Programm wählt seine Züge danach, welcher dokumentierte Zug in einem vergangenen Spiel die größte Erfolgsaussicht hatte. Während der Mensch nach Lösungen sucht, greift der Rechner auf die optimale, zuvor gefundene Lösung für jede einzelne Position zurück.

      Es ist ein Methodenmix, der Schachprogramme für normale Spieler schon vor mehr als einem Jahrzehnt fast unbesiegbar machte. Die starken Programme erzielen durchweg höhere Spielstärken als Menschen. Der Vergleich hinkt ein wenig, weil Elo-Ranking und Computer-Punktzahl jeweils "unter Gleichen" erhoben werden: Mensch gegen Mensch, Programm gegen Programm. Direkte Vergleiche zwischen Mensch und Maschine hat es lange nicht gegeben, was allerdings auch Gründe hat: Was früher spannend war, wäre heute vorhersehbar. Unterm Strich bildet die höhere Elo-Taxierung von Programmen die Realität also wohl ganz gut ab.

      Aber hätte dann ein Houdini-geleiteter Spieler das Turnier nicht gewinnen müssen? Nicht unbedingt. Wenn auch der Mensch keine Fehler macht, endet eine Partie gegen ein Programm im Remis. Und Übertragungsfehler oder -ausfälle könnten dazu geführt haben, dass Ivanov nicht in jedem Spiel glänzte, wenn er denn wirklich pfuschte. Als das Turnierspiel wieder aufgenommen wurde, unterband der Schiedsrichter die Live-Übertragung ins Internet. Ivanov brach ein und verlor - etwa, weil der Komplize dem Spiel nicht mehr folgen konnte? Möglich.
      Das, sagt André Schulz, dürfte die Diskussion um zeitversetzte Übertragungen wieder neu anfachen: "Den Zuschauern tut das nicht weh, den Pfuschern macht es die Sache schwerer."

      Signale aus der Hose

      Es macht den Betrug aber nicht unmöglich. Obwohl auch seine letzte Partie nicht übertragen wurde, gewann Ivanov gegen den Großmeister Ivan Saric (2626 Elopunkte) und landete so immerhin punktgleich mit einem Konkurrenten auf dem geteilten dritten/vierten Platz. Also doch keine Fern-Schummelei? "Man kann die Positionen auch per SMS weitergeben", sagt Schulz.

      Technisch getäuscht wird im Schach, seit es Handys und Hörgeräte gibt, Computer und PDA. Schulz: "Es gibt Spieler, die machen das aus Eitelkeit. Aber es gibt auch finanzielle Interessen."

      Die Preisgelder im Schach sind meist nicht riesig, aber respektabel. Das reicht von ein paar tausend Euro bei kleineren internationalen Turnieren bis zu Millionen bei Weltmeisterschaften. Dazu kommt das Risiko des Wettbetrugs. Groß-Wettbüros wie Paddy Power oder Bwin lassen Wetten auf Schach nur auf Weltmeisterschaftsniveau zu, weil Schach als zu manipulationsanfällig gilt. Aber natürlich "gibt es Wetten, und es gibt auch Wettbetrug", weiß Szene-Beobachter Schulz. Mit Schummelei ließen sich "kleinere fünfstellige Summen" ergaunern.
      "Was beim Sport das Doping ist", sagt Schulz, "ist beim Schach der Computer." Und gegen den ist kein Anspielen. Schon 1993 schaffte es ein "John von Neumann" in die Endrunde eines Weltklasse-Turniers - er bekam die Züge über einen Signalgeber in seiner Hose. Misstrauisch geworden befragte die Turnierleitung ihn und entdeckte, dass er noch nicht einmal die Regeln kannte.

      Witzig findet das nicht jeder. Und es zeigt, dass Technik im Schach alles möglich macht. Wenn es nicht gelingt, das zu unterbinden, wäre Schach irgendwann Matt.
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