Heute haben wir euch eine interessante Situation am Final Table eines 180-Spieler SnG gezeigt.



Dazu haben wir euch gefragt, ob ihr in dieser Situation eure Hand pusht, wenn ihr davon ausgeht, dass eure Gegner gut sind und ICM kennen. Darüber hinaus wollten wir noch Folgendes von euch wissen: Welche Bedeutung hat ICM in dieser Situation? Welche Faktoren sind entscheidend? Wie beeinflusst ICM eure Pushing-Range in anderen Situationen und anderen SnG-Varianten?

Lasst uns die Situation einfach kurz analysieren.

Wie ihr in unserer vorhergehenden Analyse sowie unseren Lektionen (zum Beispiel in dieser) bereits gesehen habt, sollten wir mit einer Berechnung des Chip Equity beginnen. Nehmen wir dazu einfach an, dass es ICM überhaupt nicht gibt und alle Spieler mit +cEV-Entscheidungen ihre Stacks vergrößern wollen (wie in einem Cashgame).

Wenn wir also annehmen, dass es ICM (und damit auch den Risikoaufschlag) nicht gibt, so sehen eure Pushing- und die Calling-Ranges der Gegner nach Nash Equilibrium wie folgt aus:




Hier seht ihr, dass ihr mit diesen Ranges bei einem Push mit T3s 0,32BB (0,32*8.000 = 2560 Chips) verlieren würdet. Ohne ICM (zum Beispiel in einem Cashgame) wäre dieser Move also eindeutig unprofitabel.




Diese Hand kann jedoch nicht ohne ICM betrachtet werden, da es eine bestimmte Auszahlungsstruktur gibt, die den Wert eures eigenen Stacks und den des Gegners deutlich beeinflusst.

Seht euch hier einmal an, wie eure eigene Range und die eures Gegners aussehen würde, wenn wir die Auszahlungsstruktur eines 180-Spieler-SnG beachten und ICM anwenden:



In diesem Fall würde euch ein Push mit T3s 0,16% des Preispools bringen. In einem $15 180-Spieler-SnG würdet ihr also mit diesem Push sofort rund $4 Profit machen.



Der Grund für dieses extreme Ergebnis ist der kleine Stack des Spielers im CO (der in dieser Hand bereits gefoldet hat). Aufgrund der relativ großen Auszahlungssprünge ist es für den SB und den BB sehr profitabel einfach zu warten, bis der Shortstack ausscheidet. So könnten sich beide einen ansehnlichen Gewinn sichern, ohne dabei ihre eigenen Chips zu riskieren.

Um diese Situation noch besser verstehen zu können, sehen wir uns nun das potentielle Ergebnis eines Calls von einem eurer Gegner an. In diesem Fall hält der Spieler im BB Pocket Fünfer und callt. Der Wert der Stacks sieht nun unter Beachtung des ICM (bei einem Buy-in von $15) wie folgt aus. Hero ist Player 1.

Wenn BB foldet:




Wenn BB callt und gewinnt:




Wenn BB callt und verliert (er scheidet aus):




Berechnen wir nun die von Villain benötigte Equity, um +$EV callen zu können.

Wert des BB-Stack nach einem Fold: $479,85
Wert des BB-Stack nach einem Call&Gewinn: $653,21
Wert des BB-Stack nach einem Call&Verlust: $183,41 (Preisgeld für den 4. Platz)

Der Einfachheit halber runden wir diese Zahlen:
183 + (653 - 183) * Equity = 480
Benötigte Equity = ~63%

Der Spieler im BB benötigt also mehr als 63% Equity, um hier +$EV callen zu können. Mit 55 beträgt seine Equity gegen Heros Pushing-Range 58,52% und reicht damit nicht aus.



Natürlich soll das jetzt nicht heißen, dass ihr in solch einer Situation einfach 100% eurer Hände pushen sollt, da die Calling-Ranges eurer Gegner und andere Faktoren (wie eure Edge, Blind-Erhöhungen und fortgeschrittenere Konzepte wie das Future Game) ständig variieren. Das Beispiel zeigt aber doch, wie drastisch sich eure Pushing-Range aufgrund des ICM ändern kann.


Wie sieht es nun mit anderen Push-or-Fold-Situationen aus? Hängt eure Pushing-Range immer so stark vom ICM ab wie in obigem Beispiel? Die Antwort leutet nein. Pushing-Ranges sind - auch wenn sie nicht komplett unabhängig vom ICM sind - im Gegensatz zu Calling-Ranges relativ stabil. Diese Ranges ändern sich abgesehen von Extremsituationen (wie die oben) kaum. Daher wurden die in der Lektion "Preflop-Strategie: Openpushing-Charts" verwendeten Charts zur Vereinfachung anhand der Chip Equity berechnet.

Um das zu verdeutlichen stellen wir uns folgende Situation in einem 9-Spieler-SnG vor. Ihr sitzt in UTG und alle Spieler haben rund 10BB (nach Ante). Hier findet ihr nun die Nash-Ranges ohne ICM basierend auf der Chip Equity (jeder Spieler trifft +cEV-Entscheidungen). Die Ergebnisse werden in Big Blinds angegeben:






Nun sehen wir uns die gleiche Situation mit den Nash-Ranges unter Berücksichtigung des ICM an. Die Ergebnisse werden in % des Preispools angegeben:






Wie ihr seht ändern sich eure Pushing-Ranges kaum, auch wenn der Risikoaufschlag in einem 9-Spieler-SnG sehr groß ist. Das liegt daran, dass eure Gegner beim Callen eines All-ins wesentlich vorsichtiger sein müssen, als ihr mit euren Pushes. Die Calling-Ranges werden tighter, sodass ihr ein bisschen looser pushen könnt. Als Konsequenz unterscheidet sich eure "ICM Pushing-Range" nicht groß von eurer "Chip Equity Pushing-Range", auch wenn ihr natürlich den Risikoaufschlag immer im Hinterkopf behalten müsst.

Natürlich ist jeder Spot anders und ein einziges Detail (wie etwa ein Spieler mit extrem kleinem Stack) kann einen großen Unterschied machen. Daher ist es schwer, eine Faustregel zu formulieren, obwohl man schon sagen kann, dass Pushing-Ranges generell stabiler sind (also unabhängiger vom ICM), während Calling-Ranges eher dynamisch sind (also abhängiger vom ICM).

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Wie geht ihr an solche Spots heran? Wir sind gespannt auf eure Meinung!