Unabhängige Berichterstattung - wo?

    • Snookz
      Snookz
      Bronze
      Dabei seit: 13.06.2008 Beiträge: 1.734
      Hallo zusammen,

      letztens hatte ich so eine Art Aha-Erlebnis. So ein Moment, wo das eigene Weltbild kurz erschüttert wird und man sich denkt: Warum ist dir das nicht viel früher aufgefallen? Warst du wirklich die letzten Jahre so dumm?
      Es geht um Berichterstattung, genauer gesagt um unabhängige und wahrheitsgemäße Berichterstattung. Aufgefallen ist mir das ganze so:
      Seit geraumer Zeit dampfe ich die E-Zigarette. Als Forscher (bzw. Doktorand an der Uni) mit chemischem Interesse (kein Chemiker) habe ich mich dafür interessiert, was ich da so inhaliere und wozu das führen kann. Die E-Zigarette soll aber hier nicht das Thema sein, darum nur kurz die Cliffs (wirklich stark verkürzt):
      - Meinung einschlägiger Medien (frontal21, FAZ, SPON, Bild, NDR, ...): Die E-Zigarette ist schädlich, es kann u.A. Formaldehyd entstehen.
      - Quelle: Eine Studie aus Japan.
      - Zur Studie: Das Liquid wurde thermisch zersetzt, d.h. verbrannt, durch unsachgemäßen Gebrauch.
      - Ein Zug an der verwendeten E-Zigarette würde zu Brechreiz führen, d.h. niemand würde das tatsächlich so benutzen.

      Diese Meldung wurde dann rauf- und runtergebetet. Für jemanden, der keine Ahnung von der Materie hat, klingt alles plausibel: Da ist Chemie drin (=böse) und es entsteht noch mehr schlimme Chemie (=richtig böse). Ergo: Die E-Zigarette ist superschlecht.

      Zufälligerweise kenne ich jetzt die Schwächen ebendieser Studie und kenne auch viele andere, wissenschaftlich deutlich weniger fragwürdige Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen. In den Medien werden diese Studien aber nicht zitiert. Der Ottonormalverbraucher, der auch über Flüchtlinge, Flugzeugabstürze, aktuelle politische Entwicklungen und das G36 informiert sein möchte, wird sich an der Stelle sicher nicht auf Spurensuche begeben. Es haben ja mehrere Medien "unabhängig" über das gleiche berichtet. Dadurch, dass er das eben nicht nur in der Bild gelesen hat, sondern auch im NDR beim zappen entdeckt hat, muss da wohl was dran sein. Ist es aber nicht, in keinster Weise.

      E-Zigaretten sind aber nun gar nicht mein Problem. Viel wichtiger ist für mich die Frage, was eigentlich mit den wirklich wichtigen Themen los ist. Wenn die Presse nun schon bei so profanen Dingen wie der E-Zigarette wissentlich oder versehentlich Unwahrheiten verbreitet, wie sieht es dann bei aktuellen politischen Dingen aus? Und fast noch wichtiger ist die Frage, wie so eine einseitige Berichterstattung zustande kommen kann.

      Wo kann ich zu aktuellem Weltgeschehen WIRKLICH unabhängige und journalistisch einwandfreie Berichterstattung finden? Dass ich das bei der Bild nicht finde, ist mir klar. Ich dachte aber, dass ich mich in Sachen Wahrheitsgehalt oder dem Weglassen fragwürdiger Schlussfolgerungen bzw. der Kenntlichmachung solcher wenigstens bei den ÖR einigermaßen sicher sein könnte.
  • 21 Antworten
    • lego
      lego
      Bronze
      Dabei seit: 08.03.2005 Beiträge: 5.823
      Und es geht los:
    • limpinbarney
      limpinbarney
      Black
      Dabei seit: 12.02.2009 Beiträge: 7.986
      Man sollte bei den Themen immer die Fachpresse oder Fachforen in Augenschein nehmen.
      Beim Beispiel G36 gibt es bspw. zig Bundeswehrblogs, Foren und auch militärische Fachzeitschriften. Dort kannst Du mittlerweile auch Auszüge des Gutachtens nachlesen, Meinungen von aktiven BW Soldaten usw. Da ergibt sich z.T. ein ganz anderes Bild der Problematik.

      Du darfst ja eins nicht vergessen. Recherche kostet Geld und viele Zeitungen müssen sparen, weil der Leser mittlerweile lieber mit Adblocker im Internet rumsurft anstatt die Zeitung/Zeitschrift zu kaufen. Schlage mal eine Regionalzeitung auf und betrachte die Kürzel unter den Artikeln. 80% davon werden von Presseagenturen ala dpa eingekauft. Und deswegen steht überall mehr oder weniger dasselbe drin.
      Die ÖR haben den Vorteil, mehr oder weniger unabhängig von Absatzzahlen und Werbeschaltungen zu sein. Trotzdem fehlen dort die Mittel, jedes Thema bis ins Kleinste zu recherchieren. Da wird eben nach Priorität entschieden.
    • paulfelzpp
      paulfelzpp
      Bronze
      Dabei seit: 28.12.2007 Beiträge: 7.258
      Ich denke ein themenübergreifende, komplett unabhängige Berichterstattung wird man gar nicht finden. Die ÖR sind im internationalen Vergleich mit Sicherheit ziemlich gut, aber natürlich auch nicht komplett unabhängig und werden auch von Lobbies etc. beeinflusst. Fachpresse / foren (wie limpinbarney sagt) sind mit Sicherheit eine gute Alternative die aber auch viel Zeit frisst.

      Man muss halt kritisch bleiben und sich davon verabschieden etwas als bare Münze zu nehmen, nur weil es von mehreren großen Medien wiederholt wird. Gleichzeitig darf man aber auch nicht anfangen den großen Medien gar nichts mehr zu glauben und jede ihrer Nachrichten als Lügen abzustempeln. Das beobachte ich im Moment auch echt häufig in den sozialen Netzwerken etc. Da wird dann einem random Blog von "Peter, 48, Hartz 4" mehr geglaubt als einer renommierten Zeitung.
    • Chewie
      Chewie
      Bronze
      Dabei seit: 02.09.2007 Beiträge: 579
      Guter Journalismus kostet jede Menge Zeit und Arbeitskraft und damit Geld. In unserer schnelllebigen Welt nutzen der Löwenanteil der uns bekannten oder zugänglichen Medien, die Informationen die sie von den großen Nachrichtenagenturen wie zB Reuters erhalten, da eine allumfassende und gründliche Recherche einfach zu teuer ist für die einzelnen kleinen Medienhäuser.
      Oft ist es nur möglich Leitartikel oder andere wichtige Kernpunkte der Ausgaben kleiner Medienhäuser gut zu recherchieren, da in unserer globalisierten Welt einfach zu viel passiert und man nicht überall Korresponedenten haben kann, die alles haargenau nachprüfen und selbst wenn man diese hat,dann würde ein anderes Medienunternehmen weniger genau nachprüfen und hätte basierend auf dem (Nachrichtenagentur)Reuters Ticker die Schlagzeilen zuerst.

      Egal ob kleine Medienhäuser und Verlage oder die großen Agenturen, alle dienen leider einem Herren, genannt Shareholder Value in Personifikation von Big Buisiness (Oligarchen oder Staaten) und sind in der ein oder anderen Weise ideologisch eingefärbt.
    • cherubium
      cherubium
      Bronze
      Dabei seit: 09.06.2009 Beiträge: 3.936
      Und fast noch wichtiger ist die Frage, wie so eine einseitige Berichterstattung zustande kommen kann
      Das habe ich mal in der 5 Klasse auf dem Gymnasium gelernt. Quelle -> Sender -> Filter -> Empfänger

      Das soll stark gekürzt bedeuten: Es gibt keine Quelle, deren Informationen nicht gefiltert werden. Na gut. ich kenne eine: Wikileaks. Aber wer liest sich schon selbst 12zillionen Depeschen durch?
      Für ungefilterte, unsortierte, unkommentierte oder nicht aufbereitete Informationen interessiert sich kein Mensch. Ich auch nicht.
      Folglich brauchen wir menschen, die uns Information so servieren, dass wir diese auch verdauen können.
      Ich bin da mit den Möglichkeiten, die mir das WWW bietet, ganz zufrieden.
      Manchmal gibts sogar im TV interessante Informationen. Wie z.b. die Doku gestern auf ARD über MH17.
      Und dass man ab und zu verarscht wird... damit muss man leben. Ich kann nicht jede Information 100 mal quer checken. Dafür habe ich und auch sonst niemand (mit Arbeit und so) Zeit.
    • Cuoco199
      Cuoco199
      Bronze
      Dabei seit: 23.02.2009 Beiträge: 7.392
      wenn du fundierte wissenschaftliche Artikel lesen willst, darfst du sie halt nicht bei FAZ, Zeit usw. suchen, sondern in Fachzeitschriften.
    • sarc
      sarc
      Moderator
      Moderator
      Dabei seit: 06.06.2008 Beiträge: 12.193
      Selbst da wirst du aber teilweise Infos finden, die nicht exakt richtig oder teilweise irreführend sind. Was in nem Paper steht und was man erfährt, wenn man sich mit den Autoren unterhält, ist teilweise auch dezent unterschiedlich (je angesehener die Zeitschrift, desto schlimmer, meistens).
    • Snookz
      Snookz
      Bronze
      Dabei seit: 13.06.2008 Beiträge: 1.734
      Ich bin selbst Wissenschaftler und weiß, wie solche fundierten Artikel entstehen. Da sind auch häufig geschönte bzw. klar meinungsbildende Artikel dabei. An der Stelle taucht auch gleich das Problem auf, dass man da eine Meinung serviert bekommt, die man schlecht entkräften oder überprüfen kann, ohne sich (minimum) mehrere Stunden intensiv mit dem Thema auseinander zu setzen. Und das gilt nur, wenn man selbst etwas Ahnung von dem hat, worum es in dem Paper geht. Das Problem dabei ist, dass viele Thesen / Ergebnisse an sich plausibel sind (im Sinne von: das könnte schon so sein), man aber ohne eigene Überprüfung bzw. Nachbildung des Experiments nicht nachvollziehen kann, ob es wirklich so ist.

      @cherubium
      Du triffst ja genau den Kern des Problems. Ich kann einfach nicht jede Information quer checken. Aber ich muss das tun, wenn ich wissen will, was wirklich passiert. Ich bekomme nämlich keine unabhängige Berichterstattung, sondern Berichte, die mich dazu verleiten sollen, eine klare, vom Autor vorgegebene Meinung zu vertreten. Was nicht dazu passt, bekomme ich gar nicht zu hören. Ich kenne also sehr häufig nur "eine Seite der Medaille".
    • john84
      john84
      Bronze
      Dabei seit: 22.06.2007 Beiträge: 1.316
      die frage ist auch,mMn,was dir das bringt.
      99% der leute glauben den kram und wollen eigentlich auch gar nichts andres wissen.
      die "normalen" leute wollens nicht wissen und die die es wissen wollen verrennen sich oft und landen tatsächlich in verschwörungstheoretiker kreisen und glauben nix mehr oder sind durch dauerdrogenkonsum so paranoid geworden.
      das sind so ziemlich die einzigen menschen mit denen du dich ausserhalb des normalen(nicht bildzeitungs..)mainstreams unterhalten kannst.
      kenfm fiele mir da noch ein.aber unabhängig ist eben auch anders.
    • Paxis
      Paxis
      Coach
      Coach
      Dabei seit: 01.11.2006 Beiträge: 37.093
      lol kenfm, ob er unabhängig ist weiß ich nicht, aber unvoreingenommen sicher nicht, auch wenn er sich das sehr gerne auf seine stirn schreiben würde.
    • AyCaramba44
      AyCaramba44
      Black
      Dabei seit: 27.04.2010 Beiträge: 11.696
      1) Umso größer die Schlagzeile, umso größer die Verkäufe
      2) Fast jede Zeitung hat eine bestimmte Richtung
      3) Es gibt viele Länder, Unternehmen und Personen mit (eigenen) Interessen und jenachdem wieviel Geld dahinter steckt, kann man sich auch fast jede Studie/Meinung kaufen.

      -> Nicht alles zu 100% glauben und so gut es geht sich selbst Gedanken machen
    • SniffvsSnaf
      SniffvsSnaf
      Silber
      Dabei seit: 23.03.2008 Beiträge: 2.999
      @Snookz
      @limpinbarney
      @paulfelzpp

      Klasse Beiträge - hab gar nicht zu hoffen gewagt, dass ich das in so geballter Form auf PS nochmal erleben darf!

      @Paxis - finde dieser Ken schreit mir zu viel und zu populistisch - auch wenn er manchmal recht hat.

      Wir stecken also in einem Informationsdilemma... uns bleibt wohl nur übrig, uns nach einzelnen Personen umzusehen, den wir es zutrauen können, dass sie über ein Fachgebiet ehrlich, gewichtet und umfassend berichten und die nicht geistig schon erheblich abgebaut haben. Einem ganzen Medium Generalvertrauen auszusprechen und unkritisch die Gedanken anderer zu übernehmen ist wohl nicht mehr up to date.

      Vielleicht können wir hier eine kleine Liste anfangen - der eine oder andere Name/ Quelle dürfte natürlich Diskussionen auslösen - warum auch nicht:

      Spontan fällt mir im Bereich Welt- und Machtpolitik ein:

      Oliver Stone und seine 10 teilige Dokumentation:"The Untold History of the United States"

      freitag.de (als Plattform für verschiedene Meinungen und Ansichten)

      Le Monde Diplomatique in der meinung nach eine vielzahl fundierter Artikel erscheinen - kann aber leider gerade nicht einzelne Namen hervorheben.

      Im Bereich Wissenschaft:

      fand ich die Serie "Through the Wormhole" ganz interessant, die Fragen wie, wievielê Dimensionen hat unser Universum, aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet.
    • Dodadodadodada
      Dodadodadodada
      Black
      Dabei seit: 25.02.2006 Beiträge: 4.459
      Medien halten sich nicht dadurch, indem sie die Wirklichkeit präsentieren. Sie müssen sich refinanzieren. Boulevardeske Inhalte sowie das Etablieren der Nische und die Manifestierung in dieser als Stabilitätsanker der beständigen Leser machen die Zeitungen zu dem, was sie heute sind.

      Die Frage nach der richtigen Informationsquelle ist trivial. Man wird sie nicht finden, egal nach wem, wann und wo man sucht.
      Es ist wichtig sich von dem Gedanken zu lösen, welches eine Medium das "Richtige" sei.
      Eine Ebene höher gedacht, kann man sich M. McLuhan durchlesen: "Das Medium ist die Botschaft."

      Bei einem Unfall mit 10 Zeugen werden alle befragt sowie objektiv die Faktenlage analysiert, sowie auf bestehende Muster eingeordnet, die mit dem Szenario vergleichbar sind. Und dennoch wird der Tathergang in seiner Gänze niemals vollends erschlossen werden können, sondern allenfalls als Ereignis abgespeichert werden, welches als Wegweiser zukünftiger Betrachtungen dienlich sein kann.
    • twenny
      twenny
      Bronze
      Dabei seit: 24.09.2007 Beiträge: 7.402
      Du kannst dir alle Runden auf Phoenix anschauen. Bei allen größeren Berichten werden zudem die Sachverhalte immer mit verschiedene Experten analysiert, die zur Spitze auf ihren Fachgebieten gehören.
    • 7h3r1pp4
      7h3r1pp4
      Bronze
      Dabei seit: 21.12.2008 Beiträge: 816
      NEIN. Entweder im "Auftrag" oder wenn es passt "ausgestrahlt" :D
    • john84
      john84
      Bronze
      Dabei seit: 22.06.2007 Beiträge: 1.316
      ich meine man muss sich auch mal vor augen führen was mit der sendung "die anstalt" letztes jahr geschehen ist.
      da zeichnen kabarettisten ein bild des ukraine konfliktes die nicht dem bild entspricht das nach aussen hin vermittelt werden soll und das zdf streicht die mal die komplette folge aus ihrer mediathek ohne den bürger zu fragen oder zu informieren obwohl sie weitestgehend von uns finanziert werden.wie frei kann bspw eine zdf berichterstattung also sein?
    • limpinbarney
      limpinbarney
      Black
      Dabei seit: 12.02.2009 Beiträge: 7.986
      Original von john84
      ich meine man muss sich auch mal vor augen führen was mit der sendung "die anstalt" letztes jahr geschehen ist.
      da zeichnen kabarettisten ein bild des ukraine konfliktes die nicht dem bild entspricht das nach aussen hin vermittelt werden soll und das zdf streicht die mal die komplette folge aus ihrer mediathek ohne den bürger zu fragen oder zu informieren obwohl sie weitestgehend von uns finanziert werden.wie frei kann bspw eine zdf berichterstattung also sein?
      Das liegt daran, da in dem Beitrag genannte Journalisten dagegen geklagt haben und nun in Berufung gehen. Die Sendungen wurden nach Erhalt der einstweiligen Verfügung entfernt.
    • Paxis
      Paxis
      Coach
      Coach
      Dabei seit: 01.11.2006 Beiträge: 37.093
      Original von john84
      ich meine man muss sich auch mal vor augen führen was mit der sendung "die anstalt" letztes jahr geschehen ist.
      da zeichnen kabarettisten ein bild des ukraine konfliktes die nicht dem bild entspricht das nach aussen hin vermittelt werden soll und das zdf streicht die mal die komplette folge aus ihrer mediathek ohne den bürger zu fragen oder zu informieren obwohl sie weitestgehend von uns finanziert werden.wie frei kann bspw eine zdf berichterstattung also sein?
      dieser beitrag ist ein schönes beispiel wie man eben nicht versucht wertfrei über etwas zu berichten. ohne die genauen hintergründe zu kennen, oder nennen zu wollen (zweiteres wäre natürlich schlimmer) wird mit diesem beitrag indirekt versucht die "großen" medien schlecht dastehen zu lassen und/oder zensur vorzuwerfen.
    • john84
      john84
      Bronze
      Dabei seit: 22.06.2007 Beiträge: 1.316
      es ist ein satireformat.ähnlich könnte man gegen mohammedkarikaturen argumentieren mMn.
      es ist ja nicht so als hätte die anstalt den anspruch den bürger wertfrei über etwas aufzuklären.
      das genaue gegenteil ist der fall.
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