FAZ 23.10.07 - Katja Thater

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      Der einzige echte Mann am Tisch

      Von Alex Westhoff


      Katja Thater und ihre "Munition”
      23. Oktober 2007
      Warum kaum Frauen professionell Poker spielen? "Es sind zu wenige bereit, ihr Handtäschchen zu packen und in den Krieg zu ziehen.“ Inwiefern das Spiel mit Krieg zu tun hat? "Es ist Krieg auf psychologischer Ebene. Die Spielchips sind deine Munition.“ Man müsse im richtigen Moment aus dem sicheren Schützengraben schießen. Man müsse wie eine Kobra auf die Beute fliegen. "Poker bedeutet stundenlang Langeweile und sekundenlang Terror.“ Wenn Katja Thater über ihren Beruf spricht, und sie redet jeden Tag viel über ihren Beruf, dann nutzt sie mit ausladender Handbewegung Wörter wie Opfer, Gefecht, Blutspritzer - ohne durch ein ironisches Lächeln anzudeuten, dass sie es vielleicht doch nicht so meint.


      Nein, Katja Thater, die als Deutschlands einziger weiblicher Poker-Profi eine Art Feldherrin ist, meint es genau so. In der boomenden Branche, in der man spielend reich wird, macht sie ihr Geld mit Chips und Karten und Durchsetzungsvermögen. Bislang hat sie in diesem Jahr an Preisgeldern 294.000 Dollar gewonnen. Allein für ihren 47. Platz bei einem Turnier auf der European Poker Tour in Barcelona Anfang September strich Katja Thater rund 16.500 Dollar ein. Bei vielen großen Poker-Events winkt dem Sieger auf einen Schlag ein Millionengewinn. Bei den ersten drei Plätzen, sagt sie, sei das Preisgeld "richtig lecker“. Nur mit den Steuern ist das so eine Sache. In vielen Bundesländern ist es noch nicht geregelt, wie Pokergewinne versteuert werden.


      Ein Star in der Männerwelt

      Thater ist auch bekannt als "Lady Horror"
      Die Pokerwelle ist auf ihrem Weg um die Welt längst nach Deutschland geschwappt. Wer nachts durchs Fernsehprogramm springt, kann Poker-Übertragungen kaum aus dem Weg gehen und auch ihr schon mal bei der Arbeit zusehen. All die Spieler haben den Traum, es diesem kleinen Buchmacher aus Tennessee gleichzutun: Chris Moneymaker. Sein Fall rührte Amerika und rief den Poker-Boom erst hervor. Im Jahr 2003 zahlte Moneymaker 40 Dollar für seine Teilnahme an einem Online-Qualifikationsturnier, schaffte den Sprung ins Turnier der World Series of Poker (WSOP), setzte sich sensationell gegen die Poker-Weltelite durch und strich 2,5 Millionen Dollar ein. Ein Mann, ein Wort: Moneymaker. Heute tummeln sich auf der Internetseite des Marktführers pokerstars.com bis zu 120.000 Menschen gleichzeitig an Tausenden virtuellen Pokertischen. Schon drei Millionen Deutsche sollen pokern. Aber wer weiß das schon. Glücksspiel ist verboten. Außerhalb der Kasinos darf man höchstens um Gummibärchen zocken.


      In dem von Männern dominierten Mikrokosmos ist die 41 Jahre alte Blondine ein Star. Man kann mit der Hamburgerin kaum ein Treffen in ihrer Heimat vereinbaren. Da wird schon bei der Terminsuche geblufft: Absage, Zusage, Absage, Zusage. Noch schnell das Logo ihres Hauptsponsors auf das etwas vergilbte T-Shirt geklebt, Kaffeetasse, Aschenbecher, Feuerzeug, Zigarillo-Packung auf den Tisch gelegt - es kann losgehen. Poker, sagt Katja Thater, sei wie ein Spiegelbild des Lebens im Zeitraffer. "Es kommt alles vor: Triumph, Niederlage, Adrenalin, Lethargie und so weiter.“


      "Nicht schon wieder diese Lady Horror!“

      Sei es der Typ charmanter Sugar-Daddy...
      Ihr wohlgenährter Beagle Paula bettet sich neben ihren hohen braunen Stiefeln auf dem Fußboden des Konferenzsaals. Ihr Büro liegt nur ein paar Schritte entfernt von der Alster. Im Regal stehen Bücher und DVDs mit Titeln wie "Super System 2“ oder "The Secrets of Texas Limit Hold'em“. Gemeinsam mit ihrem Mann baut sie gerade eine Online-Pokerschule auf. Die PR-Agentin, die für "dieses Terminchaos“ verantwortlich ist, sei übrigens "gerade gefeuert“ worden, sagt Katja Thater - und streichelt Paula.


      Ein verzweifelter Gegner verpasste ihr mal während eines Turniers den Namen "Lady Horror“. "Den Typen habe ich so gebügelt, dass er am nächsten Tag die Hände überm Kopf zusammengeschlagen hat, als wir wieder am gleichen Tisch saßen.“ Durch den ganzen Raum rief er: "Nicht schon wieder diese Lady Horror!“ Die Branche nahm den nom de guerre gerne auf - obwohl sie wegen des boomenden Online-Pokers eher einem globalen Industriezweig gleicht und nichts mehr gemein hat mit der verruchten Hinterzimmer-Western-Romantik, in der bärtige Kerle mit gezinkten Karten und Knarre auf dem Schoß um Dollars zocken.


      Eine hollywoodreife Geschichte

      ... sei es der Typ Macho...
      Wie kam es so weit? Warum gab sie ihr altes Leben als Pferdezüchterin und Geschäftsführerin einer Hamburger Marketingagentur auf und wurde Profi-Zockerin? Eine hollywoodreife Geschichte. "Schatz, ich muss mal eben zur Toilette, machst du so lange weiter!?“ Ihr Mann, schon länger professioneller Pokerspieler, überrumpelte sie mit dieser Aufforderung mitten in einem "High-Limit“-Spiel. Bis dahin hatte Katja Thater sich immer geweigert, selbst zu den Pokerkarten zu greifen, und saß immer nur "auf dem Groupie-Platz hinter meinem Mann“.


      Nun saß sie vor einem Stapel Chips - und ging die Sache offensiv an, wie sie es immer getan hat in ihrem Leben. Wie damals, als die Studentin eines Tages beschloss, in Spanien leben zu wollen, und ihr Studium dort als Autoverkäuferin finanzierte. "Ich weiß bis heute noch nicht, wie man Wasser in einer Karre nachfüllt.“ Oder als sie die Ausbildung in der elterlichen Baufirma hinschmiss und zur Konkurrenz wechselte. Die bezahlten besser. An dem Abend, als die Pokerspielerin Katja Thater geboren wurde, bezahlten ihre Gegner. Sie warf eine Menge Chips auf den Tisch, gewann und gewann und gewann. Und wusste, was sie fortan tun wollte. Das war vor acht Jahren. Und heute? "Denken viele Leute bestimmt: Was dieses blonde Huhn kann, kann ich auch.“


      "Die Karten sind oft nur Staffage“

      ... sei es der Testosterongeladene...
      Katja Thater kann ihr Pokerface auf Kommando anknipsen. Ihre Gesichtszüge vereisen förmlich. Ihre sonst so lebhafte Mimik, die von ihrer tiefen Stimme und einem mitunter kreischenden Lachen begleitet wird, stellt ihren Dienst wie nach einer Überdosis Botox ein. "Die Gegner runterstarren“ nennt sie das. Doch das ist nur eines ihrer Stilmittel. Das Spiel, das kein Glücksspiel ist, zu beherrschen, mit Körpersprache, Mimik, Taktik und Detailwissen aus unzähligen Runden und Stunden am Pokertisch in Einklang zu bringen - das ist die hohe Kunst. "Die Karten sind oft nur Staffage.“ Es sei zwar Glück, welche der 52 Karten man zugeteilt bekommt. Aber was man daraus mache, das sei Strategie.


      In den Olymp der Pokerszene stieg sie im Juni auf. Sie gewann in Las Vegas ein WSOP-Turnier, Gewinnsumme 132.653 Dollar, und damit ihr erstes "Bracelet“. Das massiv goldene und mit Brillanten bestückte Armband ist so etwas wie ein Weltmeistertitel im Poker. Sie ist erst die dritte Frau, der dieser Coup gelang. Groß, schwer, amerikanisch, "einfach grottenhässlich“ findet sie ihr "Bracelet“. "Dafür würde ich in der Pfandleihe bestimmt zehn Mille kriegen.“ Verhökern wird sie es aber nicht, denn es ist ihr Symbol für den Aufstieg. Klar, Poker-Legende Phil Hellmuth hat schon elf "Bracelets“. Hellmuth übrigens, sagt Thater, "ist ein riesiges Großmaul, ein Unsympath sondergleichen“. Seine Gegner trachtet er durch pausenloses Quatschen und Zetern (“Trash-Talk“) aus dem Konzept zu bringen. Man kennt sich in der Szene. "Manche durchschaue ich bis aufs Hemd.“


      Frieda bringt die Jungs aus der Fassung

      ... jeder kriegt es so, wie er es braucht!
      Ist es von Nutzen, oft als einzige Frau am Tisch zu sitzen? "Ein riesiger Vorteil“, sagt Katja Thater, die auch für die deutsche Poker-Nationalmannschaft spielt. Viele Nichtprofis gäben gegen eine Frau kein Spiel verloren, schmissen keine Hand weg, mag sie noch so aussichtslos sein. "Viele Typen denken: ,Was zum Teufel macht die denn hier?' Ich bin denen sofort suspekt.“ Sei es der "Typ charmanter Sugar-Daddy“, der "Typ Macho“, der "Testosterongeladene“ - "jeder von denen kriegt es so, wie er es braucht!“


      Manchmal lässt sie sich von Frieda helfen. Frieda ist eine Masseurin, die ihre Dienste bei großen Poker-Events direkt am Tisch anbietet. Bis zu 15 Stunden am Stück sitzen die Spieler bei den Turnieren mitunter auf einem Stuhl in den Hallen. Frieda ist Schwedin, trägt stets Hot Pants, hat "Beine bis zum Himmel, eine Topfigur“ und tauge dazu, die Jungs aus der Fassung zu bringen. Die hat ihr schon öfter, nun ja, "den Arsch gerettet“. Katja Thater sagt eben, was sie denkt. Man könnte auch meinen, Katja Thater kann ihre Zunge nicht zügeln und die vielen Schimpfwörter nicht bremsen. "Du hast doch 'ne Vollmeise“, herrscht sie plötzlich ihren Beagle an, der sich ebenso plötzlich entschlossen hatte, Entertainment zu suchen. "Du weißt genau, dass es erst um 18 Uhr was zu essen gibt!“


      Die große Siegchance ist immer da

      "Poker bedeutet stundenlang Langeweile und sekundenlang Terror”
      Pokerspieler können über einen einzigen Spielzug stundenlang angeregt debattieren - ohne dass Nichtpokerspieler auch nur ein Wort verstehen. Ein Auszug: "Nach dem Big Blind, den er gecalled hat, habe ich sofort geraised, und obwohl er mit seinem Paar all-in gegangen ist, konnte er gegen meinen Straight Flush natürlich nichts ausrichten.“ Katja Thater lacht schrill. "Ich habe einen Job, von dem Millionen Spieler auf der Welt träumen.“ Die horrenden Startgebühren für die großen Turniere - bis zu 10.000 Dollar kostet das sogenannte "Buy in“ - zahlt ihr Sponsor, genauso wie die Reisekosten. "Ich kann ohne Druck spielen. Da spielt man gelassener.“ Sie muss also nicht "scared money“ aufs Spiel setzen, wie so viele andere ihrer Gegner, die in den Kategorien Monatsmiete, Tankfüllung oder Wochenendeinkauf denken, wenn sie Chips im Wert von Hunderten oder Tausenden von Dollars zur Tischmitte schieben.


      Die Chance auf den ganz großen Gewinn ist immer da - auch die Gefahr, dass monatelang nichts in die Kasse kommt. Das Leben in der Zockerwelt, zwischen Bluff und Full House, kann an die Substanz gehen. Katja Thater merkt es im Traum: "Wenn ich nach 15 Stunden Spiel nachts ins Bett gehe, und im Traum erscheint einer, der mir Karten austeilt: Dann weiß ich, dass ich Urlaub brauche.“ Einen Partner, der dafür Verständnis aufbringt, hat sie schließlich. Sie haben, angemessen für ein Poker-Paar, in Las Vegas geheiratet, am Rande eines großen Turniers. Es war für beide die zweite Eheschließung. "Das war so ein bisschen wie Drive-in: einmal Pommes, einmal Cola, einmal Ja-Sagen.“ Weiße Pferdekutsche und "so ein Zeug“ hatten sie beide ja vorher schon mal gehabt.
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