Strategieartikel: Ante-Stealing

    • FjodorM
      FjodorM
      Bronze
      Dabei seit: 14.02.2006 Beiträge: 11.238
      Im folgenden werde ich einige Gedanken zum Thema Ante-Stealing darstellen. Diese sind Grundlage der von mir bevorzugten aggressiven 3rd-street-Strategie. Diese besteht darin, an tighten Tischen nie zu openlimpen und spielbare Hände sowie Hände, mit denen ich mir Chancen ausrechne, den Pot direkt mitzunehmen, zu completen.

      Warum stealen?

      Der erste und wichtigste Grund, antes zu stehlen, liegt in der Profitabilität. Sehr oft besitzt niemand eine legitime Starthand auf 3rd street und die Antes und der Bringin stellen daher "dead money" dar, das nur darauf wartet von einem aggressiven Spieler eingesammelt zu werden. Im Allgemeinen kann man sagen, daß ein Ante-Steal umso profitabler ist, je höher die Antes sind und je niedriger der Bringin.
      Beispiele:
      Das $2/4 Limit auf Pokerstars hat folgende Struktur: 25ct Ante, $1 Bringin. An einem vollen Tisch bekommt ihr Odds von 2: (8*0,25+1) = 2:3 auf den Steal. Das heißt, wenn der Steal in 40% der Fälle klappt ist er profitabel. Der BI bekommt Odds von 1: (8*0,25+1+2) = 1:5 auf den Defend.
      Auf Full Tilt sieht die Struktur folgendermaßen aus: 40ct Ante, 50ct Bringin.
      Die Odds für euren Steal: 2: (8*0,4+0,5) = 2:3,7. Der Steal muß hier in 35% der Fälle klappen.
      Der BI bekommt Odds von 1,5: (8*0,4+0,5+2) = 1:3,8, also deutlich schlechtere Odds als auf Pokerstars, weswegen er seltener profitabel defenden kann.

      Daraus folgt, daß in der Full-Tilt-Struktur öfters gestealt werden kann als auf Stars. Denkende Gegner wissen das natürlich und werden öfter callen oder restealen.

      Ein zweiter Grund ist deception: Wenn ihr dabei beobachtet werdet, wie ihr eure hohen Upcards zum Stehlen ausnutzt, bekommt ihr automatisch mehr Action, wenn ihr tatsächlich das hohe Paar haltet das ihr repräsentiert.

      Wann stealen?

      Ein wichtiger Faktor ist die Spielweise des Tisches. An loosen Tischen empfiehlt es sich, nicht zu stealen. Wenn ihr aus early position stealt, werdet ihr viele caller bekommen und seid mit eurer hohen Upcard im Verlauf der Hand dann meistens OOP mit einer schwachen Hand. Dies ist unprofitabel, selbst gegen schwache Gegner die mit trashigen Händen callen.

      In late position kann man auch an loosen Tischen stealen, nur wird man dort in late position selten first in sein, sodaß diese Situation selten auftritt. Ich werde mich im folgenden daher auf tighte Tische konzentrieren, wie sie auf etwas höheren Limits ab $2/4 anzutreffen sind.

      Mit welchen Händen stealen?

      Ein steal ist am erfolgversprechendsten, wenn ihr die höchste Upcard am Tisch haltet. Habt ihr nur die zweithöchste Karte, sollte der Besitzer der höchsten Karte sehr tight sein. Upcards die vor euch gefoldet wurden fallen hierbei natürlich raus. Wichtig ist allerdings, daß eure Upcard live ist, da sonst eure Glaubwürdigkeit leidet.

      Ich unterteile die Hände, mit denen ich first in raise, grundsätzlich in 3 Kategorien:

      1) legitime Hände

      Hierunter fallen Trips, hohe Paare, hohe Flushdraws, hohe no-gap-Straightdraws und kleine live Paare mit einem Kicker der höher als alle Upcards der Gegner ist. Mit diesen Händen handelt es sich beim openraise nicht um einen Steal, sondern um einen Valueraise. Diese Hände werde ich daher im folgenden nicht diskutieren.

      2) semi-legitime Hände

      Dies sind Hände, die erstmal außer dem highcard-Value wenig Wert haben, aber Potenzial besitzen. Das können Gutshots sein, Overcards, 2 Overcards mit Backdoor-Flush-Potenzial usw.
      Diese Hände können sich zu hohen Paaren, starken Draws oder beidem entwickeln.

      3) Trash

      Dies sind Hände, die außer eurer hohen Upcard keinen Wert besitzen. Wenn ihr nicht eure Upcard paart, macht ihr damit am ehesten kleine bis mittlere Paare mit gutem Kicker oder kleine twopairs.

      Mit den legitimen Händen raise ich aus jeder Position. Die Hände der zweiten Kategorie würde ich aus mittlerer Position raisen, wenn hinter euch nur mittelmäßige Upcards sitzen. Die Hände der dritten Kategorie sind nur aus late position spielbar, also 1-2 Plätze vor dem Bringin. Mit einem A als Upcard kann man auch 3 Plätze vor dem Bringin noch einen Raise in Erwägung ziehen.

      Was tun wenn der Steal gecallt wird?

      Ich gehe im folgenden davon aus, daß der Bringin unseren Steal callt und wir HU auf 4th street spielen. Außerdem setze ich voraus, daß dieser seine Doorcard nicht gepaart hat und wir weiterhin OOP sind.
      Viele Spieler, die vom Holdem kommen, machen hier prinzipiell zu 100% eine Kontibet. Dies ist in Holdem sinnvoll, da der BB hier viele Hände direkt folden muß, da er den Flop verpaßt hat. In 7card Stud allerdings kann man davon ausgehen, daß im Fall eines Defends der Bringin irgendeine Art von Hand hat, sei es ein Paar oder ein Draw. Die Chance daß er auf 4th street foldet ist daher geringer. Ein Paar wird man, wenn überhaupt, erst auf den teuren Streets zum folden bekommen.

      Wenn der Bringin eine Karte zieht, die suited zur Doorcard und irgendwie connected ist (zum Beispiel __7 T) checkfolde ich 4th street mit schwachen Händen direkt. Er wird hier seine Paare, die jetzt oft noch einen Backdoordraw beinhalten, nicht weglegen. Nur Overcards hier zu betten ist unprofitabel, solange sie nicht Straightpotenzial beinhalten. Dies kann man balancen, indem man auch marginale Madehands wie mittlere Paare gelegentlich nicht bettet sondern check/callt. Dies mag schlecht erscheinen, da man Draws hier ungern Freecards gewährt, aber aggressive Gegner werden in diesem Spot fast immer selbst betten, sodaß auf jeden Fall eine Bet in den Pot wandert.

      Zieht der Gegner eine Blank, bette ich meistens, zumindest wenn ich eine halbwegs passende oder hohe 4th street-Karte bekommen habe. In diesem Fall barrele ich auch 5th street noch einmal. Man sollte aber nicht den Fehler machen, schlechtem Geld zu viel gutes hinterherzuwerfen. Trifft man allerdings ein Paar TT oder höher, sollte man im Normalfall zum Showdown gehen. Dann ist es auch besser selbst zu betten, da man so noch Foldequity gegen potentielle Outs beim Gegner hat und ihn im Unklaren über die eigene Hand läßt.

      Was tun wenn der Steal geraist wird?

      Aggressive Spieler werden, wenn sie einen Steal vermuten, oftmals pairs, draws und gelegntlich sogar Air reraisen. Es empfiehlt sich, die Hände der Kategorie Trash direkt auf 3rd street zu folden. Hat man eine semilegitime Hand, kann man entweder callen und auf 4th street je nach gefallenen Karten weitersehen oder gegen manche Gegner sogar reraisen. Danach wird man oft auf das hohe Paar gesetzt und baut Foldequity auf 4th und 5th Street auf oder gewinnt sogar direkt den Pot, wenn der Gegner einen puren Rebluff versucht hat. Allerdings ist dieses Play recht teuer und der Gegner könnte sich hier aufgrund des aufgeblähten Pots mit einer Hand wie einem liven mittleren Paar schon showdown-committed sehen.
      Um das reraisen marginaler Hände zu balancen, reraise ich auch hohe Paare direkt anstatt eines Slowplays. Slowplayen ist hier wenig effektiv in meinen Augen da wir die Hand meistens OOP spielen und daher später checkraisen müssen, was die Gefahr von Freecards und Valueverlust beinhaltet.


      Zusammenfassung:
      Steals sind ein probates Mittel, um seine Winrate an tighten Tischen zu erhöhen und schwerer lesbar zu werden. Erfahrung im Spiel marginaler Hände und gutes Handreading sind allerdings Voraussetzung. Außerdem ist es notwendig, den Gegner gut einschätzen zu können, um zu entscheiden, wie weit man mit seinem Steal gehen will.

      Wenn ich Zeit habe, werde ich in den nächsten Tagen was dazu schreiben, wie man gegen Steals defendet. Außerdem werde ich versuchen, Beispielhände zu posten.
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