Pokerartikel in der SZ

    • coco82
      coco82
      Bronze
      Dabei seit: 20.02.2006 Beiträge: 409
      Hallo,

      steht zwar nichts besonderes drin (,außer das mal wieder kommentarlos behauptet wird, Online Poker sei in Deutschland verboten), aber vielleicht interessiert es ja jemanden.

      Royal Flush am Schirm

      Fünf Millionen Menschen pokern im Internet, aber am Ende sind nur wenige Profis und die Online-Casinos die Gewinner.
      Von Gregor Waschinski



      Pokerspieler erzählen gerne die Geschichte von Christopher Brian Moneymaker, über den sie dann sofort sagen, er heiße wirklich so: Moneymaker, Geldmacher.

      Mit einem 40-Dollar-Einsatz hatte sich jener Chris Moneymaker vor drei Jahren in einem Internet-Casino die Teilnahme an der Poker-WM, der World Series of Poker, erspielt.

      Bei der Endrunde in Las Vegas gewann der Buchhalter aus Tennessee dann gegen die Stars des Kartenspiels, strich ein Preisgeld von 2,5 Millionen Dollar ein und wurde über Nacht zum Helden.

      Moneymaker steht für eine neue Variante des amerikanischen Traums, den mittlerweile gut fünf Millionen Online-Pokerspieler weltweit träumen: mit etwas Kartenglück kann es jeder schaffen, vom heimischen Schreibtisch in die glitzernde Casinowelt der Wüstenstadt.

      Das Reihenhaus aus violettem Backstein, in dem Nick sich jeden Tag auf einer Poker-Webseite einloggt, ist weit weg von Las Vegas, ganz weit. Es steht in der beschaulichen Stadt Norwich im Osten Englands, schon London scheint mit dem Zug eine halbe Ewigkeit entfernt zu sein.

      Nick möchte seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen, obwohl das, was er tut, in Großbritannien ganz legal ist: Nick ist hauptberuflicher Online-Pokerspieler. Er lebt davon, dass andere vom großen Geld träumen. Im vergangenen Jahr hat er 90.000 Dollar verdient - steuerfrei.

      "Der Unterschied zwischen mir und den meisten Online-Pokerspielern ist, dass ich mich nicht nach Feierabend aus Spaß ein paar Stunden vor den Rechner setze und auf den großen Glückstreffer hoffe", sagt Nick, der sich nicht als Spieler sieht, sondern eher als Investor.

      Er berechnet kühl die Chancen seiner Blätter und versucht, eine geregelte 40-Stunden-Woche zu pokern. Dabei vertraut Nick auf die mathematische Wahrscheinlichkeitstheorie, nach der die Karten langfristig gleich verteilt sein müssten.

      "Eigentlich zählt also nur eines: Wer trifft über einen Zeitraum gesehen die besseren Entscheidungen?", sagt Nick. "Es ist ein bisschen wie an der Börse. Solange ich klug entscheide, bekomme ich am Ende mehr Geld zurück, als ich eingesetzt habe."

      Noch vor zehn Jahren galt Poker als Altherren-Zeitvertreib, als Relikt aus knorrigen Wildwest-Zeiten. Heute ist das Kartenspiel eine Art Trendsport. Das Fernsehen überträgt Pokerturniere, an denen auch Hollywood-Stars wie Ben Affleck und Matt Damon teilnehmen.

      Zugleich ermöglichen die Pokerportale im Internet den Massen, bei diesem Trend unmittelbar dabei zu sein. Im vergangenen Jahr setzten Web-Zocker an Pokertischen insgesamt 60 Milliarden Dollar ein. Die Online-Casinos behalten einen Teil der Einsätze als Kommission für sich und machen so ein riesiges Geschäft.

      Als der Marktführer Partygaming im vergangenen Sommer in London an die Börse ging, war das Unternehmen sofort mehr wert als die Fluggesellschaft British Airways.

      Nick sitzt in seinem Büro und starrt auf die beiden Flachbildschirme, die vor ihm aufgebaut sind. Genug Platz, um acht Pokerrunden gleichzeitig zu spielen, bei jeder riskiert er um die 200 Dollar.

      Um das Risiko gering zu halten, spielt Nick nur Turniere, bei denen die Teilnehmer den Einsatz nicht unendlich erhöhen können. Am Ende teilen die drei Bestplatzierten das Geld unter sich auf.

      Nicks Kontrahenten heißen "tsr28" oder "guyking" und sind pixelige Figuren, die um einen virtuellen Casinotisch hocken. Persönlichen Kontakt zwischen den Spielern gibt es kaum, ab und zu senden sie sich kleine Nachrichten.

      Dafür kann Nick an den "hand histories" ablesen, welche Strategie seine Konkurrenten bisher gepflegt haben. Bluffen ist kaum noch möglich, Pokern im Internet erfordert vor allem analytische Fähigkeiten.

      Die Poker-Welle erreicht langsam auch Deutschland. Fernsehübertragungen im DSF und auf Eurosport, hinter denen die Online-Casinos als Sponsoren stehen, machen das Kartenspiel immer populärer.

      Etwa 70.000 Deutsche sollen regelmäßig an Computer-Pokertischen Platz nehmen. Genaue Zahlen gibt es nicht, schließlich ist Online-Poker um Geld in Deutschland verboten.

      Und das aus gutem Grund, sagt Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht: "Wir sind nicht glücklich darüber, dass Poker jetzt als Trendsport dargestellt wird. Was die Suchtgefahr betrifft, ist Online-Poker genauso problematisch wie das Spiel in Casinos."

      Ausrichten können die Behörden aber wenig: Die Betreiber der Webseiten haben den Firmensitz oft auf entlegenen Karibikinseln, die Spieler sind in der Anonymität des World Wide Web unauffindbar.

      Ein Ende des Poker-Booms im Internet ist nicht abzusehen. Studien schätzen, dass die Einsätze im Jahr 2008 auf 215 Milliarden Dollar steigen werden. Die berufliche Zukunft von Nick scheint gesichert.

      Und dass die Freizeit-Zocker plötzlich selber auf die Idee kommen, kluge Entscheidungen zu treffen, daran glaubt er nicht. "Das Schöne am Pokern ist: Verlierer merken nicht, dass sie Verlierer sind", sagt er.

      "Irgendwann hat jeder ein gutes Blatt oder eine Glückssträhne. Auf lange Sicht können Gelegenheitsspieler aber nur verlieren."

      (SZ vom 26.7.2006)
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