Varianz, Tilt und das Streben nach Aufstieg

    • kriegskeks
      kriegskeks
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      Dabei seit: 13.08.2006 Beiträge: 17.571
      Varianz, Tilt und das Streben nach Aufstieg


      Diese Woche soll ein Thema angesprochen werden, was wohl jeden in der ein oder anderen Form betrifft: Varianz. Der daraus entstehende Tilt, den wohl fast jeder mal erlebt hat oder erleben wird und wie wir uns die Limits trotzdem nach oben Kämpfen.



      Viele haben schonmal von Varianz gehört. Viele können etwas damit anfangen, doch nur Wenige, insbesondere Microlimitspieler, wissen genau was es damit auf sich hat. Oft wird das Wort Varianz dafür benutzt um einen Swing nach unten zu beschreiben, doch Viele vergessen, dass die Varianz uns auch Gewinne beschert.
      Ich möchte hier nicht zu mathematisch werden, von daher werde ich jetzt auf eine mathematische Erklärung des Varianzbegriffes verzichten. Vielmehr sollte man verstehen, dass, auch wenn man 100% korrekt spielen, einige böse Downswings und Upswings erwischen kann, dies jedoch absolut nichts über das Spiel aussagt!

      Der Großteil von euch wird wohl noch nicht sehr sicher sein mit dem was sie machen. Oft gibt es viele schwierige Postflop Entscheidungen und man macht dumme Fehler. Das geht jedem so und man braucht viel Erfahrung und Weiterbildung um sich sicher zu fühlen. Ziel sollte es sein, die Leaks abzustellen. Keiner ist perfekt und Fehler gehören zum Lernen dazu. Viele Live Profis waren broke, weil sie einfach Lehrgeld bezahlen mussten. Kein Indiz für gutes Spiel ist die Winrate auf wenige Hände, denn auch Fische gewinnen mal. Viel wichtiger ist, ob man mit sich selber zufrieden ist. Und das nicht nur, weil man grad 4 Stacks gewonnen hat. Sondern ob dies auch gerechtfertigt war.
      Ich habe schon viele Posts in der Sorgenhotline gesehen, bei denen die Leute anfänglich einen guten Lauf hatten und dann ging es rapide nach unten. Verstärkt durch Tilt, kann man seiner Bankroll schon einiges an Schaden zufügen und ein gutes BRM hilft da auch nicht, wenn man spielt wie ein Irrer und zudem noch Leaks hat.

      Und so kommen wir zum Tilt. Eben weil wir durch Tilt unsere BR sehr schön schrotten können, sollten wir ihn unter Kontrolle bekommen. Jeder tiltet unterschiedlich und ich kann hier kein Patentrezept angeben wie man es abstellt. Einige spielen Blackjack, andere werden zu passiv und ängstlich. Dann gibt es Leute die zu loose werden und teilweise einfach nur ihr Geld verschenken. Es macht keinen Unterschied ob ihr höhere Levels donkt, alles auf Rot setzt oder anfangt weak-tight zu werden. Ihr werdet euer Geld langfristig verlieren, auch wenn ab und zu mal Rot kommen wird!
      Ich hatte auch teilweise starke Probleme mit den ganzen Suckouts, es war einfach unfair und ich hab angefangen irgendwelche Moves gegen Unknown zu machen. Einmal klappt es halt und man fühlt sich gut, aber zu oft geht es einfach daneben. Leute ohne Pokerverständnis wissen nicht, dass die Linie die ihr grad spielt, bedeutet, dass sie ihr Overpair folden sollten, weil sie im Normalfall beat sind.
      Mein Rat an euch: Wenn es euch so richtig derbe erwischt, dann macht eine Pause. Ich war schon zweimal in einem einwöchigen Urlaub um einfach etwas Abstand zu gewinnen und frische Energie und Motivation zu sammeln. Durststrecken werden vorkommen, das lässt sich nicht vermeiden. Wie man damit umgeht unterscheidet den Winningplayer vom Break-Even Player.

      Hier einmal mein Graph von NL25 SH - NL100 SH:



      Wie ihr seht habe ich grade mal 171.000 Hände auf NL SH gespielt. Meine Winrate ist auch fern von optimal (das wären dann ~4 Big Bets/100), jedoch geht es durchaus aufwärts. Hier kommen wir auch zu einer weiteren wichtigen Sache: 8 Big Blinds/100 ist eine sehr gute Winrate. Sicherlich sind auf den niedrigen Limits auch mehr möglich und es gibt einige Leute die mal so 30.000 Hände mit 16 BB/100 haben und meinen sie würden das Limit super easy schlagen, aber auf lange Sicht ist das einfach nur sehr schwer haltbar.
      Wenn jemand schon NL100+ gespielt hat und wieder auf NL25/50 abgestiegen ist, weil er ausgecasht hat oder Ähnliches, dann glaube ich ihm, dass er das Limit gut schlagen kann und eine derartig hohe Winrate zustande bekommt. Aber zu glauben, dass man als Anfänger einfach ein Naturtalent ist und das Limit total überrennt, ist Gift für das eigene Spiel. Früher oder später kommt das böse Erwachen. Entweder man findet sich auf einem Limit wieder, auf dem man von den Regulars ausgenommen wird, weil man einfach sein Spiel nicht verbessert hat, oder es kommt der Down und man beginnt erst dann sich zu fragen was man wohl falsch gemacht hat.
      Auch 6 BB/100, wie oben im Graphen, ist eine durchaus solide Winrate und zeigt, dass man Winningplayer ist. Zwar haben wir keine Gewissheit, da auch ~200.000 Hände einer gewissen Schwingung unterliegen können, aber wir können doch oft davon ausgehen, dass wir die Limits schlagen.

      Nun schauen wir uns einmal, meinen NL100 Graphen an, da NL50/100 wohl die Limits sind, mit denen viele Leute ihre Probleme haben werden.



      Aua, das sieht ja schlimm aus. Und ich habe gerade mal eine Winrate von 5 BB/100! Weit entfernt von den erwünschten 8!
      Hier wie es dazu kam: Wie ihr am anfang seht, war da eine lange Break-Even Phase. Ich habe einfach versucht mein Spiel umzustellen. Ich versuchte einen looseren Stil zu spielen, weil ich glaubte, dass man auf NL100 toughere Gegner findet. Ich habe oft in falschen Spots Moves gemacht und marginale Entscheidungen stark ausgereizt. Ich kam einfach nicht voran, das hat mich schon stark deprimiert. Meine Motivation sank. Bei 27k Händen, habe ich dann entschieden meinen alten, tighten 18/15 Stil zu spielen und siehe da es ging voran! Ich hatte zwar einen kleinen Down bei 45k, aber das hat mich nicht davon abgebracht weiterzuspielen. Bei 63k ging es wieder aufwärts bis ca. 72k. Da hatte ich abermals einige schöne Setups, Bad Beats und Cold Decks. Das führte leider dazu, dass ich wieder versucht hab auf 20/15 zu wechseln und mit der Looseness mir eine Edge zu erkämpfen. Das hat den Swing nur verstärkt, da ich einfach ohne Sinn und Verstand mein Spiel umgestellt hab. Das Ganze fand auf Party statt, und mein Party Poker NL100 Graph sieht somit auch schlimm aus:



      3BB/100, eine schlechte Winrate. Zwar positiv, aber da hätte ich mehr Geld auf NL50 gemacht. Nunja, es kam der Zeitpunkt, da Party mich nicht mehr mochte und ich auf Stars gewechselt bin. Gleichzeitig mit dem Umstieg, habe ich mich mehr mit meinem Spiel befasst. Ich wurde Handbewerter, was mich dazu brachte, Hände genauer zu analysieren und mir mehr Gedanken auch über mein Spiel zu machen. Das führte dann auch dazu, dass ich auf Stars etwas erfolgreicher spielen konnte, auch wenn die Samplesize nicht so groß ist wie auf Party:



      Ja, da sind sie doch unsere 8 BB/100. Sehr fein. Anzumerken ist, dass ich hier 16/14 mit starkem Multitabling betrieben hab. ABC-Standardpoker ist vollkommen ausreichend für NL100! Kaum Moves, nur in absolut perfekten Spots, einfach nur klares, reines Valuepoker! Kein Tilt! Wie man sieht gibt es auch in dem Graph einige Break-Even Phasen, aber dennoch ist die Winrate sehr gut!
      15.000 Hände kommen euch vielleicht lang vor wenn ihr sie spielt, aber wenn man es dann mal nachher betrachtet, sind 15.000 Hände nur ein kleiner Teil des Graphen und absolut niemand ist vor sowas immun. Hier kommt es darauf an, einfach sein A-Game weiterzuspielen und sich intensiv mit Poker zu beschäftigen.
      Wenn ihr die Limits aufsteigen wollt, dann bewertet Hände. Viele Hände! Schreibt was ihr denkt, schaut was die Handbewerter sagen und im Zweifelsfall fragt halt mal nach. Lest ein paar Bücher. Lest die Artikel sorgfältig. Besucht ein paar Coachings, nutzt die Videos. Auch wenn es gut läuft, hört nie auf zu Lernen. Das eigene Ego will manchmal nicht einsehen, dass man Fehler macht, vor allem wenn man grad in einem Upswing steckt. Und bevor ihr, wie ich, eine erbärmliche Winrate auf ~80.000 Hände habt, solltet ihr euch lieber eingestehen, dass noch kein Pokermeister vom Himmel gefallen ist und die wenigsten Stu Ungar heißen und einfach eine "Gabe" haben.

      Gerade wenn man ein Limit aufsteigt, kann es viele Probleme geben. Man ist noch nicht bereit dafür, das viele Geld ist ungewohnt und man stellt sich vor wie lange man dafür auf dem alten Limit spielen muss. Dann kommt da natürlich noch der Downswing, vor dem niemand fliehen kann. Egal was passiert, analysiert gerade beim Aufstieg euer Spiel genauer. Wenn es nur Pech ist, dann kann man da halt nichts dagegen tun, aber falls da auch andere Sachen mit reinspielen, dann wollt ihr nicht sinnlos Geld verschenken!
      Als ich auf NL200 aufgestiegen bin, hat mich auch ein Down erwischt. Es war ziemlich heftig. Ich habe natürlich auch ein paar Fehler gemacht, aber so im rückblickend betrachtet würde ich sagen es waren 75% Downswing, 25% Leaks und das auf so wenige Hände die ich geshottet hab. Ich musste dann wieder absteigen, NL100 grinden und wieder aufsteigen. Und wie sowas dann aussieht seht ihr hier:



      Bei 13k habe ich den zweiten Shot gewagt und es geht langsam vorwärts. Auch ich versuche mein Spiel weiter zu verbessern und irgendwie tat es mir schon um die $4000 leid, die ich beim ersten Shot verloren hatte, aber einen Tag später war es mir auch wieder egal, da mein Ziel ist, die Limits aufzusteigen, zu schlagen und sowas eben passiert, mich aber nicht aufhält.

      Ich hoffe ich konnte mit meinen Graphen euch verdeutlichen wie schwer man es sich manchmal selber macht. Tilt und Varianz gehen oft Hand in Hand und um erfolgreich zu sein, muss man es einfach schaffen die Varianz als gegeben zu nehmen. Man muss an seinem Spiel feilen, denn die Gegner werden härter, zumindest ab NL400. Es ist ein weiter Weg an die Spitze und es gibt Einige die es kaum über NL10 hinaus schaffen. Einige verbringen sehr viel Zeit auf NL25. Und ein Großteil der Leute, inklusive mir, hassen einfach NL100. ;)
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