Strategien mit kleinen Pocket-Pairs Fullring UTG

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      Dabei seit: 23.07.2006 Beiträge: 498
      Ich habe mich in letzter Zeit etwas genauer mit der Frage beschäftigt, was die beste Spielweise von kleinen Pocket-Pairs in den frühen Positionen an einem Fullring-Tisch ist.


      Limp first in

      Die Strategie, die die meisten Einsteiger als Teil einer vor allem durch Starting-Hand-Charts vermittelten Preflop-Strategie erlernen, ist das Limpen von Pocket-Pairs, in der Hoffnung, am Flop ein Set zu treffen (das sogenannte "Set-Mining"). Fangen wir also damit an.

      PRO

      Die Limping-Strategie ist die geradlinige Spielweise. Kleine Pocket-Pairs sind Drawing-Hände, die nur in Verbindung mit dem Flop eine starke Hand ergeben können, in diesem Fall bei einem gefloppten Set. Dieses trifft man bekanntlich nur in einem von achteinhalb Fällen, daher wollen wir den Flop möglichst billig zu sehen kriegen. Dieses Ziel erreicht man mit einem Limp meistens. Wir investieren bloß einen Big Blind, und selbst im Falle einer Erhöhung nach uns müssen wir nicht allzu viel investieren. Bei 100-BB-Stacks haben wir die benötigten Implied Odds, um eine normal große Erhöhung mitzugehen.

      Oft gewinnen wir mit einem Limp auch relative Position. Limpen wir beispielsweise UTG in den Pot und der Spieler links von uns erhöht und wird von zwei weiteren Spielern gecallt, schließen wir die Action ab und können profitabel auf Set-Value callen.

      CONTRA

      Der große Nachteil dieser Strategie ist, dass sie zu leicht auszunutzen ist. Selbst weniger aufmerksame Gegner können erkennen, was wir machen, wenn wir unsere guten Hände erhöhen und mit unseren spekulativen Händen nur reinlimpen. Wir laufen Gefahr, von aggressiven Spielern isoliert und auf jedem Flop, den wir verfehlen (und das sind immerhin 7 von 8), aus dem Pott gedrängt zu werden. Treffen wir dann endlich mal, werden wir nicht ausbezahlt. Da noch acht oder neun Gegner nach uns an der Reihe sind, wenn wir first in limpen, können wir nur hoffen, dass keiner dieser Spieler vorhat, so gegen uns vorzugehen.

      Überhaupt muss der Tisch sehr weak sein. Denn selbst wenn wir unser Ziel erreichen, den Pot für einen Big Blind sehen zu dürfen und dann auch noch zu treffen, müssen Gegner am Tisch sitzen, die bereit sind, in einem unraised Pot viel Geld mit einer Top-Pair-Hand zu investieren.

      FAZIT

      Eine offensichtliche Limp/Call-Strategie mit Pocket-Pairs hat zwar den Vorteil, dass wir vor dem Flop nicht allzu viel investieren und ihn auch oft zu sehen kriegen, allerdings geht sie von sehr schlechten und unaufmerksamen Gegnern aus. Eine solche Strategie dürfte nur auf den unteren Limits profitabel sein. Wenn wir auf den Mid- und High-Stakes so verfahren wollen, müssten wir unser Spiel schon gut balancen. Das dürfte nicht einfach sein. Natürlich kann man auch mit Premium-Pairs reinlimpen, um einen Iso-Raiser zu 3-betten (der sog. Limp/Reraise). So gewinnen wir vielleicht etwas mehr Respekt für unsere Limps, balancen aber nur den Limp an sich, nicht aber die gesamte Line Limp/Call. Reraisen wir nach unserem Limp nicht, sondern gehen die Erhöhung bloß mit, ist nach wie vor offensichtlich, was wir haben, und unser Gegner kann uns am Flop ausspielen. Wir müssten schon anfangen, auch Broadway-Hände Limp/Call zu spielen, wie von Harrington empfohlen, um unser Spiel wirklich zu balancen.


      Openraise

      Im Shorthanded-Game hat sich die Spielweise durchgesetzt, jedes Paar first in zu raisen. Mittlerweile wird die Strategie, jede spielbare Hand immer mit einer Erhöhung zu eröffnen, auch an Fullring-Tischen UTG von vielen Spielern angewandt.

      PRO

      Der First-in-Raise auch mit kleinen Pockets hat den Vorteil, dass der Pott bereits vor dem Flop gewonnen werden kann. Wenn nicht, haben wir die Initiative und können den Pot oft mit einer Contibet mitnehmen, wenn wir den Flop verfehlt haben. Außerdem hat man im raised Pot eine viel bessere Möglichkeit, Top-Pair-Hände zu stacken.

      Vor allem aber bietet der Openraise den Vorteil der Deception. Die Gegner wissen nicht, ob wir gerade eine Premium-Hand, Broadway-Karten oder ein spekulatives Paar auf der Hand haben, wenn wir erhöhen.

      CONTRA

      Allerdings bringt auch der First-in-Raise nicht nur Vorteile mit sich. Im Gegensatz zum Limp setzen wir uns der Gefahr aus, durch einen Reraise von der Hand geraist zu werden und Geld investiert zu haben, ohne überhaupt die Gelegenheit erhalten zu haben, uns den Flop anschauen. Jedoch ist festzustellen, dass dies in der Regel nicht allzu häufig der Fall sein wird, da einem UTG-Raise mehr Respekt gezollt wird. Viele Gegner werden hier mit Händen, die sie beispielsweise gegen einen CO-Open gereraist hätten, bloß flatcallen oder sogar passen (AQ beispielsweise).

      Selbst wenn es funktioniert, den Pot preflop zu gewinnen, ist es bei sehr schwachen Gegenspielern fraglich, ob das überhaupt wünschenswert ist. Möglicherweise passt ein Fisch eine Hand wie QT auf unsere Erhöhung, mit der er im Falle eines Treffers viel Geld verloren hätte. Stattdessen gewinnen wir nur Small- und Big Blind.

      Und obwohl eine First-in-Raise-Strategie deceptive ist, kann auch sie durchaus gekontert werden. Vor allem dann, wenn wir JEDES Paar UTG first in raisen. Wie gesagt stellen kleine Pocket-Pairs reine Drawing-Hände dar, was man an einem Fullring-Tisch UTG auch von mittleren Paaren behaupten kann. Erhöhen wir jedes Paar UTG, besteht unsere Range prozentual gesehen zu einem zu großen Teil aus Drawing-Händen. Immerhin spielen wir kaum Broadways aus der Position, und Premium-Paare werden uns nicht allzu oft beschert. Wenn wir mit einer solchen Strategie also nun jedes Paar erhöhen, wird ein aufmerksamer Gegner schon anhand unserer Stats feststellen können, dass wir zu viele Drawing-Hände spielen, und uns in der logischen Konsequenz mit lighten 3-Bets exploiten.

      FAZIT

      Die Openraise-Strategie ist ausgewogener und wird an Tischen mit halbwegs mitdenkenden Gegnern besser funktionieren als eine unausgewogene Limping-Strategie. Exploitation kann aber auch hier ein Thema werden. An einem taffen Tisch sollte man sich überlegen, die kleinsten Pocket-Pairs under the gun einfach zu passen, um die eigene Range nicht zu sehr mit Drawing-Händen zu zersetzen.
  • 11 Antworten
    • MiiWiin
      MiiWiin
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      Dabei seit: 01.03.2007 Beiträge: 64.649
      Original von Analyst
      Oft gewinnen wir mit einem Limp auch relative Position. Limpen wir beispielsweise UTG in den Pot und der Spieler links von uns erhöht und wird von zwei weiteren Spielern gecallt, schließen wir die Action ab und können profitabel auf Set-Value callen.
      Relative Position bedeutet eigentlich dass du durch das Preflop-Play eine Situation schaffst, in der du Postflop in Position spielst. Das gelingt dir so UTG sicherlich nicht, da du auch hier gegen den PFA Out of Position spielen musst und somit meistens den c/r auspackst (hier halt mit dem Vorteil im MW-Pot zu sein).

      Ansonsten sind die Gedanken natürlich richtig, gerade auf die kleineren Lmits bezogen. Wenn du von den Mid-/Highstakes sprichst, da wirst du zumindest ohne den Ansatz von Balancing mit limp/call nicht sonderlich viel gewinnen.

      Und gerade das "exploiten" wird nicht einfach. Du sagst selber, Broadways etc. werden von dir nicht geraist. Würde ja heißen, du openraist AA-QQ/AK und limpst Pocket Pairs. Das ist mMn die schlechtere Alternative (aus Deception-Sicht) gegenüber der Möglichkeit alles zu openraisen.

      Mit 3-Bets musst du halt immer rechnen.
    • Analyst
      Analyst
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      Dabei seit: 23.07.2006 Beiträge: 498
      Original von MiiWiin
      Relative Position bedeutet eigentlich dass du durch das Preflop-Play eine Situation schaffst, in der du Postflop in Position spielst.
      Nein, das ist absolute Position.

      In "No Limit Hold'em - Theory and Practice" von Sklansky/Miller werden absolute und relative Position gut beschrieben:

      "Absolute position is position relative to the button. The closer you are to the button, the better your absolute position. Relative position is position relative to the likely bettor. The closer you are to the right of the likely better (acting directly before the bettor), the better your relative position." (S. 92)
    • Analyst
      Analyst
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      Dabei seit: 23.07.2006 Beiträge: 498
      Original von MiiWiin
      Du sagst selber, Broadways etc. werden von dir nicht geraist. Würde ja heißen, du openraist AA-QQ/AK und limpst Pocket Pairs. Das ist mMn die schlechtere Alternative (aus Deception-Sicht) gegenüber der Möglichkeit alles zu openraisen.
      Mit Premium-Pairs und Broadways wird bei einer gemischten Strategie zum Großteil mit einer Erhöhung eröffnet, gelegentlich zur Deception aber nur gelimpt. Da man ja in der Mehrzahl der Fälle das geradlinige Spiel wählt (bei Harrington meist zu 70-80%), ist natürlich bei Limp/Call die Wahrscheinlichkeit höher, dass es sich um eine spekulative Hand handelt, während bei einem Raise eher eine starke Hand vermutet werden kann. Wenn wir alles openraisen, ist das Prinzip das gleiche, unsere Range besteht (wenn sie denn ausgewogen ist) zum Großteil aus Value-Hands und zu einem kleineren Teil aus spekulativen Blättern. Bei der gemischten Strategie ist es nur auf mehrere Lines verteilt. Deception ist so also schon möglich, jedenfalls aber ziemlich kompliziert umzusetzen.
    • MiiWiin
      MiiWiin
      Moderator
      Moderator
      Dabei seit: 01.03.2007 Beiträge: 64.649
      Original von Analyst
      Original von MiiWiin
      Relative Position bedeutet eigentlich dass du durch das Preflop-Play eine Situation schaffst, in der du Postflop in Position spielst.
      Nein, das ist absolute Position.

      In "No Limit Hold'em - Theory and Practice" von Sklansky/Miller werden absolute und relative Position gut beschrieben:

      "Absolute position is position relative to the button. The closer you are to the button, the better your absolute position. Relative position is position relative to the likely bettor. The closer you are to the right of the likely better (acting directly before the bettor), the better your relative position." (S. 92)
      Er sagt doch das was ich gesagt habe.

      Der Butto ist bspw. die "absolute Position".

      Wenn UTG raist und ich aus MP 3-bette (oder calle), bin ich zwar nicht in absoluter Position, aber in relativer Position zum ursprünglichen Aggressor.

      Du bist aber UTg und wirst auch postflop keine relative Positon haben, da du zum Aggressor auch dort Out of Positon spielen wirst.
    • Analyst
      Analyst
      Bronze
      Dabei seit: 23.07.2006 Beiträge: 498
      Nein, das ist nicht gemeint.

      "The closer you are to the right of the likely better (acting directly before the bettor)"...

      Das Prinzip der relativen Position wird auch noch genauer erklärt:

      "Specifically, say you are on the button in a four-handed pot. One player limps, and the next raises. You call, as does the big blind and the limper. What's likely to happen on the flop? When someone raises preflop, for better or for worse, the early players will often check automatically to the raiser. These checks don't mean quite what they normally might - weak hands. They merely mean, 'Ok, you raised preflop. We'll let you take first crack at the pot.' So while you are technically last to speak, you aren't the last to speak meaningfully. If, as the early players expect, the raiser bets, you are, in a very real way, second of four to speak. The first two players checked bad and good hands alike, and you must commit your chips now without any more clues."

      In dem beschriebenen Beispiel haben wir keine relative Position, wir sitzen im Sandwich. Der UTG-Limper hat die beste relative Position, weil er rechts vom Preflop-Aggressor sitzt und direkt vor ihm an der Reihe ist. Er kann nicht nur die Conti-Bet abwarten, sondern auch noch die Reaktion des Big Blinds und des Spielers am Button. Aus seiner Sicht habe ich im Eingangstext geschrieben.
    • MiiWiin
      MiiWiin
      Moderator
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      Dabei seit: 01.03.2007 Beiträge: 64.649
      Original von Analyst
      In dem beschriebenen Beispiel haben wir keine relative Position, wir sitzen im Sandwich. Der UTG-Limper hat die beste relative Position, weil er rechts vom Preflop-Aggressor sitzt und direkt vor ihm an der Reihe ist. Er kann nicht nur die Conti-Bet abwarten, sondern auch noch die Reaktion des Big Blinds und des Spielers am Button. Aus seiner Sicht habe ich im Eingangstext geschrieben.
      Sry, ist mir gerade zu hoch.

      Was heisst "wir" haben keine Position, aber der UTG-Limper? Wir sind doch der UTG-Limper!?

      Und wie kann UTG Position haben? Wieso kann er die Reaktion des Buttons abwarten!? Er muss vor ihm agieren und spielt somit Out of Position! Da hat er weder absolut noch realtvie Position.

      Der Button hat immer die beste Position.

      Habe gerade keinen Plan worauf die hinaus willst... ?(
    • Analyst
      Analyst
      Bronze
      Dabei seit: 23.07.2006 Beiträge: 498
      Was ich meine, ist Folgendes: Im zitierten Beispiel aus "No Limit Hold'em - Theory and Praxis" sind wir der Button. Die Hand wird aus seiner Sicht beschrieben. Er hat absolute Position, da er am Button sitzt und sehen kann, wie die drei Spieler vor ihm agieren. Er hat aber schlechte relative Position, da er - wie von Sklansky/Miller beschrieben - direkt nach dem Preflop-Aggressor am Zug ist, ohne dass der Big Blind und der UTG-Limper mit ihrem Check zum Aggressor etwas Aussagekräftiges über ihre Hand offenbart haben.

      Eine schlechte absolute Position hat der UTG-Limper. Er ist schon als Zweiter an der Reihe. Dafür hat er aber die beste relative Position. Er kann sich in Ruhe anschauen, was der Aggressor macht und wie der Button und der Big Blind darauf reagieren.

      Ich versuche es noch mal anhand eines Schaubilds zu erläutern:

      Preflop:
      UTG calls, CO raises to $3.50, BU calls, BB calls, UTG calls

      Flop comes: ($14.50) (4 players)



      Big Blind checks, UTG checks, CO bets $12, BU calls, BB calls, UTG raises to $55

      Der Button hat in diesem Beispiel zwar absolute Position, sein Top-Pair wird aber schwer weiterzuspielen sein, da noch zwei Spieler mit besserer relativer Position nach ihm dran sind, die auf einen Checkraise lauern könnten. Genauso kommt es. Der UTG-Limper profitiert von seiner guten relativen Position. Das fängt schon preflop an: Nachdem er vom CO isoliert worden ist, konnte er abwarten, dass noch Spieler vor ihm callen und ein Multiway-Pot entsteht.
    • DrMindtrap
      DrMindtrap
      Bronze
      Dabei seit: 12.09.2006 Beiträge: 2.914
      nice beispiel! :heart:
    • SteveWarris
      SteveWarris
      Bronze
      Dabei seit: 28.03.2007 Beiträge: 5.811
      Hunter Bick foldet PPs bis ca. 77 in UTG MP und in den Blinds weil er meint damit nicht genug implieds zu haben und damit verluste macht.

      Das gilt wohl ab NL100 aufwärts.
    • Xenomystus
      Xenomystus
      Bronze
      Dabei seit: 10.10.2006 Beiträge: 4.040
      Ich sag mal so wenn du nich genug implieds hast mit kleinen PPs wenn man limp/call spielt gegen Regulars musst du halt mehr harte Bluffs durchziehen die müssen dann ja mega +EV sein nur zu stark übertreiben darf mans halt auch nicht und genauso spielen wie man sonst n Set spielt führt ja dann auch gleichzeitig dazu dass du demnächst lighter ausbezahlt wirst mit deinen Sets wenn du mal erwischt wurdest beim Bluffen (was aber trotzdem vermieden werden sollte ;) )
    • MiiWiin
      MiiWiin
      Moderator
      Moderator
      Dabei seit: 01.03.2007 Beiträge: 64.649
      Original von Analyst
      Ich versuche es noch mal anhand eines Schaubilds zu erläutern:
      OK, jetzt verstehe ich zumindest was du mit der Position meinst. ;)

      Auch wenn mir diese Definition neu ist.