"Sind nur Chips" - Bezug zum Geld

    • DerZauberer
      DerZauberer
      Bronze
      Dabei seit: 13.03.2005 Beiträge: 76
      Mal ein paar Lernings meinerseits - vielleicht helfen sie ja wem:

      I. "Sind nur Chips"

      Neulich habe ich bei unserer Homegame-Runde was interessantes beobachtet: Ein relativer Neuling hat bei unserem Spaß-Turnier (jeder $1000 in Chips, der Sieger ist stolz auf sich) wirklich passabel gespielt und ist dritter geworden. Schöne raises, auch mal All-in gegangen, wie das sein muss. Sicherlich ein paar Leaks, aber für einen Anfänger wirklich gut.

      Beim anschließenden simulierten Cash Game ("Jetzt nehmen wir mal an, dass wir hier um echte Dollars spielen würden") hingegen war derselbe Spieler erstaunlich schlecht. ßbervorsichtig, gute Hände nicht gebettet, usw. - im Kopf war immer dieser "wenn das jetzt echtes Geld wäre" Gedanke.

      Hier ist es ja auch so, dass einigen Spielern SNG / Turniere viel leichter fallen als Cash Games, und diverse Profis haben ja auch schon solche Sprüche von sich gegeben ("Sind ja nur Chips mit Zahlen drauf, kein echtes Geld...").

      Was lernen wir daraus? Es kann hilfreich sein, in Chips zu denken und nicht in Geld. Ganz besonders, weil hier ja die meisten mit geschenktem Spielgeld spielen: kein eigenes Geld eingezahlt und eine komische ausländische Währung ist es auch noch. Denkt doch mal nicht dran, was Ihr Euch alles so kaufen könntet, sondern denkt nur drüber nach, wie Ihr noch mehr von den schönen schwarzen Chips sammeln könnt.


      II. "Wenig Geld fördert Konzentration"

      Dann habe ich bei mir ja auch festgestellt, dass ich in Cashgames mit viel Geld schlechter spiele. Hier gibt es zwei Varianten:

      a) Ich habe viel Geld am Tisch, weil ich viel gewonnen habe: Ich tendiere dazu, mich weniger zu konzentrieren und mache mehr Fehler. Also gehe ich mittlerweile "rechtzeitig" vom Tisch und lasse auch mal einen Fisch halbausgenommen wieder. Oder ich gehe weg und hoffe, dass ich mit einem neuen Buy-In wieder an denselben Tisch komme.

      b) Ich habe zu viel Geld im Account: hier tendiere ich dazu, zu viele Tische bzw. zu viele verschiedene Spiele gleichzeitig zu spielen. Wiederum bin ich dann nicht konzentriert, mache Fehler und überfordere mich selbst. Auch bin ich etwas zu loose. Also habe ich immer gerade genug Geld im Account, um eben spielen zu können (spiele $2/$4 Limit bzw. NL100, also jeweils $100 buy-in, ich habe aber nur ~$500 im Account). So habe ich immer das Gefühl der Geldknappheit und spiele "schön". Tight bis semi-loose (short handed), aggressiv sowieso.

      Ich brauche das vor allem deshalb, weil ich in meinem Job ein Vielfaches von dem verdiene als mit meinem Poker-Hobby, ich könnte ohne Schmerzen jeden Monat $500-$1000 nachschießen. Will ich aber nicht und mache ich natürlich auch nicht. Also halte ich die Ressourcen knapp - wenn ich viel gewinne, wird mein Account eben wieder auf $500 runtertransferiert.


      III. Beides zusammen - "entspannte Konzentration"

      Ich spiele entspannt:
      - Geld ist nicht meins, sondern nur Gewinne (mein PP account gab es vor PS, und ich mag halt nicht 60 Tage nicht spielen, daher habe ich hier keinen Status)
      - Ich brauche das Geld nicht zum Leben
      - Es sind alles Beträge, die mir so oder so nicht weh tun
      - Es sind ja nur Chips, es ist alles nur ein Spiel
      - Ich will erstmal nicht weiter in den Limits aufsteigen (bei $500 Gewinn cashe ich diese aus und kaufe mir was... die Diskussion dieser persönlichen Strategie wäre nochmal was für einen weiteren Aufsatz)

      Ich spiele konzentriert:
      - Ich habe wenig Geld am Tisch und muss gut spielen, um mehr zu haben
      - Ich habe wenig Geld am Tisch und muss gut spielen, damit das reicht
      - Insgesamt bin ich knapp bei Kasse und

      Spiele ich gut? Ganz passabel würde ich sagen, weit weg von perfekt - ich arbeite dran, und das macht Spaß.

      So - das waren jetzt alles Dinge, die bei mir (und vielleicht auch nur bei mir) gut funktionieren. Vielleicht regt es aber zum Denken an? Würde mich freuen, Kommentare würden mich auch freuen (wobei es wegen der recht ausgeprägten PC-Game-Nerd-Kultur hier leider viel zu wenige tiefergehende Diskussionen zu den entscheidenden psychologischen Aspekten des Spiels gibt).
  • 5 Antworten
    • Dustwalker
      Dustwalker
      Bronze
      Dabei seit: 29.07.2006 Beiträge: 5.540
    • Penishaubize
      Penishaubize
      Bronze
      Dabei seit: 04.06.2006 Beiträge: 4.858
      Original von DerZauberer
      b) Ich habe zu viel Geld im Account: hier tendiere ich dazu, zu viele Tische bzw. zu viele verschiedene Spiele gleichzeitig zu spielen. Wiederum bin ich dann nicht konzentriert, mache Fehler und überfordere mich selbst. Auch bin ich etwas zu loose. Also habe ich immer gerade genug Geld im Account, um eben spielen zu können (spiele $2/$4 Limit bzw. NL100, also jeweils $100 buy-in, ich habe aber nur ~$500 im Account). So habe ich immer das Gefühl der Geldknappheit und spiele "schön". Tight bis semi-loose (short handed), aggressiv sowieso.
      Ist das nicht gut nervig, wenn man dann broke geht. Dann musst wieder Geld überweisen usw...und mit 100BB bzw 5Stacks sollte das doch sogar relativ häufig passieren, vorallem bei SH. Oder steigst du dann ab? Das ist doch auch nicht das gelbe vom Ei, lohnt sich doch dann gar nicht.
    • DerZauberer
      DerZauberer
      Bronze
      Dabei seit: 13.03.2005 Beiträge: 76
      Bisher bin ich - gerade SEIT ich so spiele - nicht broke gegangen.

      Nennt es Glück, ich nenne es Konzentration: In meiner ganz persönlichen Theorie sind die meisten Downswings keine Downswings, sondern schlichtweg TILT. Wenn's rapide bergab geht, dann höre ich für 1-2 Tage mal auf, gehe mal entspannt ein Limit runter, spiele zur Abwechslung mal ein billiges SNG usw. - neulich ging's ja mal dreieinhalb Stacks (=350 von 500$) runter, da hab' ich dann mit dem Rest auf NL50 wieder "angefangen". Schadet keinem, bildet den Charakter. Bin jetzt wieder so bei ~300.

      Man muss aber auch sagen: Ich pushe meine Edge eben nicht immer maximal, spiele post-flop vielleicht ab und an etwas zu konservativ und könnte durch noch aggressiveres Spiel mehr rausholen. Oder verlieren. Da ich aber auch maximal 2-3 Tische spiele, stimmt meine Win Rate trotzdem - ich kann mich auf die Gegner einstellen und mein Spiel entsprechend anpassen.

      "Lont sich" für mich also schon. Wie gesagt, Poker wird nie meine Haupteinnahmequelle werden, ich habe einen "anständigen" gut bezahlten Job, der mir Spaß macht und mich fordert. Aber mal ein Stündchen oder zwei am Abend oder an verregnetten Wochenend-Nachmittagen ist oft drin, und da will ich dann Spaß haben und das alles auch noch profitabel gestalten.

      Viele hier hingegen scheinen dem schnellen Aufstieg und dem schnellen Geld hinterherzuhecheln - man ignoriert dabei gerne, dass langfristig eben auch nur 2BB/100 rauskommen können und das auf .05/0.10 eben gerade mal 20 Cent sind. Klar, schneller Limit-Aufstieg = mehr Gewinnchancen (=mehr Rake für PS), aber eben auch mehr Stress. Ein wenig Entspannung schadet nicht...
    • xJosh81x
      xJosh81x
      Bronze
      Dabei seit: 10.08.2006 Beiträge: 136
      hmmm ich hab bei mir selbst festgestellt dass ich in sngs deutlich besser spiel als cashgames :D das hängt sicherlich auch damit zusammen dass man in cashgames direkt seine bankroll einsetzt, bei sngs dagegen hat man sowieso schon das buyin bezahlt und die chips sind eben nur "spielfiguren" das macht für mich irgendwie einen Unterschied :D

      mal davon abgesehn bin ich bei cashgames sowieso recht tilt-anfällig und ungeduldig, bei sngs dagegen passiert mir das eigentlich nie, wohl dadurch dass man ein direktes ziel hat (sng gewinnen) und bei einem fehler eben evtl direkt verloren hat, bei cashgames dagegen spielt man halt so vor sich hin ...
    • Winario
      Winario
      Bronze
      Dabei seit: 15.10.2006 Beiträge: 8
      Also, ich muss schon sagen, dass ich dieses Thema mit seinen Antworten sehr interessiert gelesen habe. Sicherlich auch, weil ich noch ziemlich neu im "Geschäft" bin.

      Ich muss sagen, dass ich beide Seiten nachvollziehen kann. Wenn jemand das Geld hat und auch einen gut bezahlten Job hat und Poker nur nebenbei aus Spaß spielt, soll er dies ruhig machen.

      Die andere Seite - Poker zu spielen, um Geld zu verdienen und sich hochzuarbeiten - passt eher zu mir.
      Ich bin Student und habe mit Pokern vor etwa vier Monaten begonnen. Mit Runden im Freundeskreis. Dann kam das Interesse. Ich hab micht mit Literatur beschäftigt, viel im TV geschaut, mich bei Poker Strategy registriert und seitdem bin ich bei Party Poker aktiv, sofern es die Zeit erlaubt. Mein Ziel ist es, mich nach und nach zu verbessern, mein Spiel zu optimieren und mir einen schönen Nebenverdienst zu erlauben. Wie sich das Ganze entwickelt weiß ich nicht. Noch mache ich dumme Fehler, die ich aber erkenne und dann abstelle. Ich glaube, dass das der wichtigste Schritt ist. Hin und wieder spiele ich gerne ein Turnier, konnte da auch schon ein paar Hundert Dollar gewinnen. (was für mich viel Kohle ist)
      Aber ich versuche verstärkt, in Cash Games besser zu werden. Nachdem ich in NL 10 $ meine Bankroll steigern konnte, bin ich ein Limit hoch gegangen. Man merkt schon den Unterschied, aber es läuft auch hier ganz gut.

      Wie einer meiner Vorgänger schon meinte: Ich spiele in Cash games genauso mein Spiel wie in Turnieren, weil ich eine gute Platzierung verfolge. Leider dominiert in letzteren auch oft das Glück, da einige die Chips tatsächlich als "Spielfiguren" ansehen und es passieren öfter Bad Beats. Aber ich bleibe bei meinem Spiel, natürlich nicht starr, sondern mit Variation. ;)