SSS und Tischauswahl

    • came66
      came66
      Bronze
      Dabei seit: 08.09.2008 Beiträge: 214
      Ich probiere seit gut zwei Wochen die SSS aus und versuche, mir das System selbst zu erarbeiten. Es ist wichtig, die Regeln der SSS anzuwenden. Ebenso wichtig ist es, den Grund für die Regeln zu verstehen. Nur wenn ich erkannt habe, was hinter einer Regelt steckt, kann ich auch bestimmen, wann eine Ausnahme von der Regel sinnvoll ist oder auch nicht.

      Die SSS gibt vor:

      Welche Gegner brauchst du?
      ■ Du brauchst mindestens 7 Gegner.
      ■ Höchstens 2 Gegner davon dürfen ebenfalls Shortstacks sein.
      Setz dich nur an einen Pokertisch, wenn diese beiden Regeln erfüllt sind. Werden es während des
      Spiels zu wenige Gegner oder kommen zu viele andere Shortstacks an den Tisch, denn nicht jeder
      kennt diese Regeln, dann verlass das Spiel und such dir ein neues.



      Nun die zweite Regel ist relativ einfach erklärt. Gegen einen Gegner, der die selbe Strategie spielt, kann ich keinen Gewinn (und auch keinen Verlust) machen. Nehmen wir an, an einem Tisch würden 10 Spieler sitzen, die exakt nach der SSS spielen. Dann würde nach einer Vielzahl von Händen jeder Spieler auf allen Positionen mit jeder erdenklichen Hand gegen alle dann noch möglichen Hände angetreten sein. Das bedeutet: Alle Spieler haben nach einer Vielzahl von Spielen jede erdenkliche Situation erlebt. In diesem Fall hat kein Spieler einen Vorteil gegenüber einem anderen Spieler. Wenn also alle erdenklichen Situationen einmal aufgetreten sind, hat jeder Spieler wieder seine Anfangsbankroll.

      Nun könnte jemand einwenden, das wäre ja nicht so schlimm, wenn man gegen einen anderen SSSler auf Dauer 0 EV spielte. In der Realität wird man jedoch nur selten 0 EV gegen andere SSSler spielen.

      In der Realität haben wir alle eine begrenzte Bankroll. Auch der beste SSSler verfügt nicht über unbegrenzte Geldmittel. Keiner von uns wird mit seinem Geld so lange spielen können, bis er alle erdenklichen Situationen erlebt hat. Wenn alle Spieler nur über begrenzte Geldmittel verfügen, sorgt die Varianz dafür, dass an dem Tisch mit 10 SSSlern (jeder mit einer Bankroll von 30 BI) irgendwann ein Spieler das gesamte Geld hat. Wenn alle perfekt nach der SSS spielen, entscheidet allein der Zufall, wer dieser Spieler ist.

      In der Realität zahlt man für jede gespielte Hand ein Rake. Statt 0 EV zu spielen, werde ich auf Dauer meine Bankroll durch das Rake verringern. Auch der Glückspilz am Tisch mit den 10 SSSlern, der aufgrund der Varianz am Ende das gesamte Geld der Mitspieler einkassieren darf, würde sich wundern, wie wenig Geld er dann in der Hand hält. Es dürften kaum mehr als 40 BB abzüglich Rake sein.

      Damit ist jetzt nicht gesagt, dass es immer falsch ist, gegen andere SSSler zu spielen. Auch gegen einen Gegner, der nach dem SSS spielt, kann ich meine 20 BB verdoppeln. Ich brauche aber einen guten Grund, um von der SSS-Regel abzuweichen. Ein Grund könnte sein, dass sich die Strategien in kleinen aber entscheidenden Punkten unterscheiden und dass ich so einen Vorteil gegenüber dem Gegner habe. Der Gegner könnte z. B. einen kleinen Stack von 20 BB haben aber nicht nach der SSS spielen. Dann ist er kein SSSler und wie ein normaler Mitspieler zu werten. Oder der Gegner könnte zwar nach der SSS spielen aber er weicht davon hin und wieder ab. Wenn ich dieses Muster erkenne und wenn meine Strategie in diesen Situationen im Vorteil ist, kann ich auch gegen einen SSSler EV+ spielen.



      So und nun zur ersten Regel. Warum soll ich unbedingt 7 Gegner haben? Auch hier ist die Antwort ganz einfach: Ich muss zu viel Geld für das spielen meiner Hände bezahlen. Nehmen wir an, ich spiele 1000 Hände NL100. Die Blinds betragen 1,00 / 0,50. Wenn ich an einem 10er Tisch sitze, bezahle ich für die 1000 Hände 150,00. Spiele ich dagegen die 1000 Hände an einem 6er Tisch zahle ich schon 250,00. Um nach 1000 Händen 0 EV zu spielen, muss ich also mit meinen gespielten Händen diese 150,00 bzw. 250,00 wieder reinholen.

      Wie realistisch ist es, mit 1000 Händen wenigstens die Kosten wieder reinzuholen? Je nach Position sind nach der SSS zwischen 3,01 % und 8,44 % der ausgeteilten Hände überhaupt nur spielbar. An einem 10er Tisch erhalte ich mit den 1000 Händen 58 Starthände, mit denen ich die Kosten wieder reinholen muss. An einem 6er Tisch sind es ein paar mehr Hände - nämlich 73. Einen Teil meiner Hände muss ich auch noch weglegen, weil vor mir Aktion war. Die Anzahl der tatsächlich spielbaren Hände verringert sich so auf 50 bzw. 69. Damit muss ich mit jeder tatsächlich gespielten Hand 3 BB bzw. 3,6 BB gewinnen, um 0 EV zu spielen.

      Nehmen wir einmal an, die tatsächlich gespielten Hände bringen folgendes Ergebnis:
      36% ich verdopple von 20 BB auf 40 BB
      40% ich kassiere die Blinds
      24% ich verliere meine 20 BB.
      An einem 10er Tisch mach ich nach 1000 Händen bei NL100 einen Gewinn von 1,46 (= 0,15 BB / 100). An einem 6er Tisch führt die selbe Verteilung (aufgrund der höheren Kosten) zu einem Verlust von 42,80 (= -4,28 BB / 100).

      Es ist nicht so wichtig, ob die oben vorgenommene Verteilung ganz genau stimmt. Die Tendenz wird deutlich. Ein und das selbe Spiel ist am 10er Tisch gerade noch profitabel und führt an einem 6er Tisch in den Ruin.

      Nun kommt noch eine weitere Besonderheit hinzu. Der Verlust, den ich mit abnehmender Mitspielerzahl erleide, steigt nicht linear - sondern in einer Kurve - an. Das bedeutet, dass der Wegfall eines Spielers am 10er Tisch nicht so ins Gewicht fällt, wie der Verlust eines Spielers am 6er Tisch.
      10er Tisch: statt 0,15 BB / 100 nur noch -0,35 BB / 100
      6er Tisch: statt -4,28 BB / 100 nur noch -7,69 BB / 100


      Spieler, die in ihrem Spiel keinen Fehler entdecken können, und trotzdem nur EV- spielen, sollten mal darauf achten, ob genügend Mitspieler am Tisch sitzen. Jeder von uns erkennt einen freien Platz. Aber auch die Spieler, die aussetzen oder sich gerade an den Tisch gesetzt haben und auf die Blinds warten, zählen als freie Plätze. Habe ich einen Tisch, an dem ständig die Mitspieler wechseln, kann ich von der tatsächlichen Sitzanzahl 1 - 2 Plätze als freie Plätze werten. Eine Spielweise, die an einem 10er Tisch zu 2 BB / 100 führt, kann schon an einem 7er Tisch unprofitabel werden. Die betroffenen Spieler zahlen dann einfach zu oft die Blinds. Damit dürfte sich dann nebenbei auch die Regel erklären, erst ins Spiel einzusteigen, wenn man in die Blinds kommt. SSSler haben keine Blinds zu verschenken. Jeder Blind, den ich zu viel bezahle, verringert meinen Erfolg.

      Viel Erfolg mit der SSS
      Carsten
  • 2 Antworten
    • MFR
      MFR
      Silber
      Dabei seit: 29.08.2007 Beiträge: 1.967
      Nur mal so eine kleine Anmerkung, wenn die Gegner optimal spielen egal ob mit 20BB, 50BB oder 100BB macht man keinen Gewinn. Nur durch Fehler kann langfristig ein Gewinn entstehen, da wir ja davon ausgehen, dass das "Glück" longterm keine Rolle spielt. Und da man auch die SSS mit Sicherheit nie perfekt spielt, gibt es da auch bessere und schlechtere Spieler, von der du als besserer Spieler wieder profitieren kannst, wenn man der bessere ist. ;) Dies sieht man dann auf Dauer wohl letztlich nur an der Bankroll, ein anderes Kriterium sehe ich nicht.
    • Alexmf
      Alexmf
      Bronze
      Dabei seit: 22.01.2007 Beiträge: 2.854
      Gute Überlegungen finde ich :) Grad das mit der Spieleranzahl. Danke!