Voreilige Schlüsse vermeiden

    • wespetrev
      wespetrev
      Bronze
      Dabei seit: 14.01.2008 Beiträge: 2.384
      Mich beschäftigt eine tragische Geschichte, die ihr wahrscheinlich auch aus den Medien mitbekommen habt:

      1.
      Vor kurzem sehe ich auf einem der digitalen Kanäle eine Dokumentation über Hygiene-Defizite in deutschen Kliniken.

      2.
      Drei Säuglinge sterben in der Mainzer Uni-Kinderklinik. Diese Kinder und noch einige mehr hatten eine bakterielle Infektion. Die Infektion haben sie sich durch eine Infusionslösung zugezogen.

      3.
      Wie praktisch die gesamte Öffentlichkeit ziehe auch ich den Schluss, dass jemand im Krankenhaus geschlampt haben muss.

      4.
      Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft entlasten die Krankenhausmitarbeiter. Die Infusionsflasche war defekt (hatte wahrscheinlich einen Haarriss unter dem Etikett). Sie ist bereits verseucht angeliefert worden. In der Klinik hatte niemand eine Chance, das zu bemerken.

      Soweit die Fakten. Was hat das in einem Pokerforum "Selbstmanagement" zu suchen?

      Das menschliche Gehirn ist darauf trainiert und spezialisiert, Zusammenhänge herzustellen. Wir alle sind darauf angewiesen, die Ereignisse um uns herum zu verstehen und daraus Schlüsse für unser Denken und Handeln zu ziehen. Wir stellen daraus Muster mit Wiedererkennungswert her. Begegnen wir diesen Mustern erneut, sind wir vorbereitet, und können mit unseren erlernten Handlungen reagieren. Weil wir das so gut können, sind wir als Spezies erfolgreich.

      Aber dieser Vorgang ist fehleranfällig. In unserem Bemühen, die gewonnenen Informationen zu strukturieren, schießen wir gelegentlich über das Ziel hinaus. Wir urteilen voreilig. Wir stellen manchmal Zusammenhänge her, wo keine sind. Vielleicht manchmal deshalb, weil wir denkfaul sind. Wir basteln uns dann Muster ohne Wert.

      Das führt beim Pokern zu Aussagen wie: Immer, wenn ich einen Bonus cleare, gerate ich in einen Downswing. Mit AK kann ich nicht mehr gewinnen. Auf der Seite xy nützt mir keine starke Hand. Ich werde immer am River von einem Fisch ausgesuckt. usw.usf.

      Es gibt noch eine andere Falle. Wenn wir ein Muster wiedererkennen, sind wir geneigt, das sogleich anzuwenden, was wir als erfolgversprechend erlernt haben. Wir verstellen uns leicht den Blick für Unterschiede.

      Vielleicht ist die aktuelle Hand gar nicht wie die anderen? Vielleicht fehlt uns eine wichtige Detail-Information? Vielleicht gibt es aber auch eine zusätzliche Information, die wir in unserer Entscheidung berücksichtigen müssten? Haben wir überhaupt genug Informationen, oder fischen wir in Wirklichkeit im Trüben?

      Ich bin davon überzeugt: wenn wir genauer hinsehen und die Ausnahmen von der Normalität erkennen, treffen wir bessere Entscheidungen.
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