Fold-Equity - Theorie vs Praxis

    • Endos
      Endos
      Black
      Dabei seit: 07.02.2006 Beiträge: 1.272
      Nachdem ich letztens eine Hand gegen Blinzler (1x5/10 - Aus der Not eine Tugend machen) recht untypisch gespielt hab, hab ich mir mal ein paar Gedanken zur Fold-Equity gemacht:


      Beispiel 1:
      Wir wissen dass BB ein Regular LAG ist, nicht allzu aggressiv aber auch keine Callingstation.

      Hero ist BU mit 9:heart: 8:heart:
      Hero raises, 1 fold, BB calls.

      Flop (4.5 SB): K:diamond: 8:club: 6:spade:
      BB checks, Hero bets, BB calls.

      Turn (3.25 BB): Q:heart:
      BB checks, Hero bets, BB raises, Hero folds.


      Beispiel 2:
      Selbe Situation, selber BB.

      Hero ist BU mit 9:heart: 8:heart:
      Hero raises, 1 fold, BB calls.

      Flop (4.5 SB): K:diamond: 8:club: 6:spade:
      BB checks, Hero bets, BB calls.

      Turn (3.25 BB): Q:heart:
      BB bets, Hero calls.


      Solange man keinen speziellen Read vom Gegner hat, dürften dies wohl die Standards sein.





      In folgender Betrachtung vernachlässige ich einfach mal die Outs, die man noch hat.


      In Beispiel 1 müssen wir in 21.6% noch vorne sein, damit ein Calldown kostenneutral ist. Da das Board sehr Scary ist, und der Raise Stärke zeigt, geben wir uns diese 21.6% nicht mehr und folden.

      In Beispiel 2 können wir mit der Donk-bet oft nicht sehr viel anfangen, und callen oft den Turn und bei einer Blank auch oft den River.
      Erstaunlicherweise müssen wir hier aufgrund des kleineren Pots für einen kompletten Calldown in stolzen 27.6% der Fälle noch vorne sein.


      Aus Sicht des BB ergibt sich ein ähnliches Bild. Wenn BB uns mit einem Draw aus dem Pot drängen möchte, benotigt er (wieder ohne berücksichtigung der Outs) beim Turn-Checkraise exakt 32% Fold-Equity, damit dieser Move profitabel ist.

      Bei einer Turn-Donk dagegen benötigt er lediglich 23.5% Fold-Equity.





      In der Theorie bedeutet dies also, dass die Donk eindeutig besser ist, da BB weniger Fold-Equity benötigt und, als wenn dies nicht schon genug wäre, Hero eigentlich viel öfters foldet, da er für einen Calldown viel mehr Equity benötigt.

      In der Praxis ist aber fast ausschließlich die Spielweise aus Beispiel 1 anzutreffen. Wieso ist das so?

      Ich denke mal, dass es am psycholoischen Effekt eines Raises liegt, der große Stärke zeigt, also im Grunde eine rein menschliche Schwäche ausnutzt. Wir entscheiden hier oftmals subjektiv und nicht mehr mathematisch objektiv.



      Ich fand dieses Ergebnis mal ganz Interessant, und frage mich, ob man auch in anderen Situationen, von der reinen Mathematik abweichen und viel stärker Menschliche Eigenschaften einbeziehen muss. (Z.B. stark erhöhte Foldequity nach einer Preflop-3bet).

      Kennt ihr noch andere Beispiele, in denen sich die mathematische Theorie nicht so ganz mit der Praxis vereinbaren lässt?
  • 5 Antworten
    • Kobecarter
      Kobecarter
      Black
      Dabei seit: 22.04.2006 Beiträge: 1.705
      Original von Endos



      Solange man keinen speziellen Read vom Gegner hat, dürften dies wohl die Standards sein.




      idr spiele ich bei a)cb und bei b)fold
    • Tanzhase
      Tanzhase
      Black
      Dabei seit: 14.02.2006 Beiträge: 1.360
      Falscher Ansatz. Der c/r kostet das Doppelte von der Donkbet, der Pot ist nur um 1 BB größer. Der c/r muss also fast doppelt so oft erfolgreich sein, wie der Donk.
    • Endos
      Endos
      Black
      Dabei seit: 07.02.2006 Beiträge: 1.272
      Nach der Donk ist der Pot 4.25 BB groß, d.h. wir müssen in 1/4.25 = 23.5% Fällen erfolgreich sein.
      Nach dem c/r ist der Pot 6.25 BB groß, wir haben 2 BB investiert, also 2/6.25 = 32%.

      Schlägt sich also nicht ganz so stark nieder, wie man im ersten Moment vielleicht denken mag.
    • hazz
      hazz
      Black
      Dabei seit: 13.02.2006 Beiträge: 4.771
      ich wäre hier vorsichtig und würde nicht sofort auf menschliche fehler schliessen.

      beim bluffen geht es ja auch darum das ganze überzeugend rüberzubringen. 1 bb zu investieren, wenn hero hier eh gebetted haette ist also nicht wirklich überzeugend - mehr eine leere drohung. haette er eine echt gute hand wuerde er erstmal mich betten lassen und dann erhoehen, um mehr zu verdienen.

      die leere drohung verengt seine range also meist nicht so stark wie ein checkraise. wir brauchen zwar mehr EQ fuer einen calldown bei einer donk, aber dafür haben wir hier auch mehr EQ.


      das ganze laesst sich schwer nur fuer den einzelfall betrachten, schliesslich gehts hier um balancing der kompletten lines. donkt villain wirklich nur mit monstern, dann stimmt das oben offensichtlich nicht.

      und ja, über sinnvolle donkspots könnte man gern weiter nachdenken.
      bei NL wird auch viel mehr gedonkt und sinnlos ist es bestimmt nicht.


      die überlegungen gehen ein wenig in richtung was initiative wirklich bedeutet. ist es der ausdruck einer überlegenen range durch statements in form von bets? wieviel menschliche - "falsche" - psychologische komponente ist dabei?
      ein any2maniac hat zwar immer die initiative, aber nutzen tut es ihm nichts, weil es nichts über seine range aussagt. er hat gegen thinking opponents keine foldequity, weil sie im schnitt davon ausgehen koennen, dass ihre hand besser als die des maniacs ist. raised uns ein tag am flop - oder donkt den turn, dann ist das ein commitment, was er nicht mit jeder hand macht. spielt er gut und reasonable, dann wird seine distribution stärker (mindestens ein teil der foldhände wird wegfallen).

      wird nun durch die initiative unsere range so stark, dass der gegner oft gezwungen wird folds zu machen, dann könnte es sich lohnen. das geht aber nur, wenn unsere initiative kein "fake" ist, sondern gebackt wird von echt guten haenden - oder der gegner unsere bluffs nicht durchschaut.
      dieses backing gibts beispielsweise beim maniac nicht. und auch ist die gewonnene foldEQ oft nichts wert, zum beispiel wenn wir durch bluffinduce mehr geld verdienen koennen. das ist meist der fall, wenn der gegner entweder im schnitt davon ausgehen muss, dass er vorne liegt es aber nicht ist oder generell einfach vom spielstil zu aggro ist.

      naja, das geht nun schon zu sehr offtopic, habe meine gedanken dazu auch noch nicht ganz geordnet, aber vielleicht hat ja auch wer lust was zu schreiben ;)
    • Tanzhase
      Tanzhase
      Black
      Dabei seit: 14.02.2006 Beiträge: 1.360
      Original von Endos
      Nach der Donk ist der Pot 4.25 BB groß, d.h. wir müssen in 1/4.25 = 23.5% Fällen erfolgreich sein.
      Nach dem c/r ist der Pot 6.25 BB groß, wir haben 2 BB investiert, also 2/6.25 = 32%.

      Schlägt sich also nicht ganz so stark nieder, wie man im ersten Moment vielleicht denken mag.
      Jetzt gehst aber davon aus, dass der River immer gebettet wird. Dann wäre das Verhältnis ca. 3:2 statt ca. 2:1. Wenn du immer Calldown spielst, wäre die Riverbluffbet im Übrigen immer falsch.