"Ein zu großes Ego ist das größte Problem beim Poker"

Im Gespräch mit Chris Moneymaker, dem Main-Event-Champion von 2003, erfahren wir mehr über seinen Twitch-Stream und darüber, wie er sein Spiel als bekannter Weltmeister anpassen muss.

Chris Moneymaker
Chris Moneymaker

Noch einmal Glückwunsch zu deinen Erfolgen bei der NJSCOOP, die du auch bei Twitch übertragen hast. Kennen dich die Zuschauer dort eigentlich alle oder ist auch mal jemand dabei, der nicht weiß, wer du bist?

Chris Moneymaker: Ich würde sagen der Großteil der Leute kennt mich bereits. Aber etwa einmal pro Stunde taucht tatsächlich jemand auf, der erstmal fragt, ob es überhaupt um echtes Geld geht und wer der Typ eigentlich ist, der da streamt. Die anderen Zuschauer klären ihn dann aber schnell auf. In diesem Jahr habe ich aber zum ersten Mal eine Runde live gespielt, bei der jemand tatsächlich überhaupt keine Ahnung hatte, wer ich eigentlich bin. Er war jedoch erst 21 Jahre alt und gerade einmal 6, als ich das Main Event gewinnen konnte. Natürlich habe ich aber auch ein Allerweltsgesicht und sehe praktisch wie jeder Zweite aus. Daniel Negreanu, Phil Ivey, Phil Hellmuth – die haben allesamt einen einzigartigen Look. Im Gegensatz dazu gibt es wohl in jedem Cardroom dieser Welt drei bis vier größere Typen mit braunen Haaren und einem Ziegenbart, die als Chris Moneymaker durchgehen könnten.

Was hältst du von Twitch als Übertragungsplattform für Poker? Die Hoffnung in der Industrie ist, dass es für einen erneuten Boom sorgen kann.

Chris Moneymaker: Ich glaube nicht, dass wir noch einmal einen derartigen Boom von Poker wie zuvor erleben werden. Als ich gewinnen konnte, war Poker gerade am Aussterben. Immer mehr Cardrooms mussten dicht machen, da immer weniger Leute zu den Partien kamen. Durch meinen Erfolg wurde dann eine komplett neue Generation auf das Spiel aufmerksam und viele von ihnen spielen bis zum heutigen Tag noch Poker. Solche Dinge kommen und gehen. Daily Fantasy Sport war zum Beispiel ein oder zwei Jahre lang das nächste große Ding, nun scheinen die Leute weiterzuziehen zum E-Sport und Spielen wie Fortnite. Ich gehe davon aus, dass auch dieser Hype irgendwann vorbei sein und durch etwas Neues ersetzt wird. Das verläuft in solchen Fällen immer zyklisch und entscheidend ist, was die Aufmerksamkeit der jüngeren Generation gerade für sich gewinnen kann. Damals war das einfach Poker. Twitch ist auf jeden Fall eine tolle Plattform, um jüngere Spieler für das Spiel zu begeistern, aber ich erwarte nicht, dass sie in Massen kommen werden wie zuvor.

"Ein zu großes Ego ist das größte Problem beim Poker"

Ich habe vor Kurzem geschrieben, dass Maria Konnikova das Interesse an Poker beleben könnte, da es auch bei ihrer Story im Kern darum geht, dass ein Amateur jederzeit die Profis schlagen kann.

Chris Moneymaker: Es ist toll, dass sie bereits eine etablierte Autorin ist. Sie hat das schon jahrelang gemacht, bevor sie überhaupt auf Poker gestoßen ist. Sie ist sympatisch und hat eine gute Einstellung. Zudem ist sie eine Frau, was sehr bei der weiblichen Demografik hilft. Zur Zeit meines Erfolgs kam es äußerst selten vor, dass man einer Frau am Pokertisch begegnet ist. Ein beliebter Witz von mir war, dass ein Pokerturnier im Grunde wie ein Highschool-Abschlussball ohne Mädels ist. Jetzt sieht man praktisch an jedem Tisch mindestens eine Frau. Die weibliche Demografik ist beim Poker seit Jahren am Wachsen und Maria kann den Prozess noch einmal beschleunigen. Sie hat bereits die Aufmerksamkeit von zahlreichen eingefleischten Pokerfans auf sich gezogen und auch die Mainstream-Medien sind hellhörig geworden. Der größte Vorteil bei meiner Story ist jedoch, dass ESPN meinen Sieg praktisch in einer Endlosschleife im Fernsehen gezeigt hat, da es damals zu einer Einstellung des Spielbetriebs in der NHL gekommen war.

Deine jüngsten Erfolge haben sich ergeben, nachdem du ein Coaching bei Main-Event-Champion Joe McKeehen genommen hast. Ist es dir schwergefallen, als Weltmeister nach Hilfe zu fragen?

Chris Moneymaker: Überhaupt nicht. Ein zu großes Ego ist eines der größten Probleme bei den meisten Pokerspielern. Ich habe mich schon in der Vergangenheit immer nach Unterstützung umgeschaut und mich zum Beispiel auf Trainingsseiten angemeldet. Joe McKeehen musste sich mit demselben Problem auseinandersetzen wie ich, das heißt konkret damit, dass Leute gegen uns anders spielen. Wir werden häufiger runtergecallt und die Leute wollen sich einfach häufiger mit uns duellieren. Das Spiel ist mittlerweile so weit fortgeschritten, ich bin als Amerikaner jedoch sehr viel unterwegs und spiele nur online, wenn ich gerade zufällig einmal in New Jersey Halt mache. Das passiert lediglich fünf- bis sechsmal pro Jahr, während die meisten Spieler fast jeden Tag online spielen können. Das wirft einen automatisch zurück, also muss man sehen, wie man alternativ an seinem Spiel arbeiten kann.

Wie tough ist aus deiner Sicht der Spielerpool in New Jersey? Ich würde als Europäer annehmen, dass sich dort jede Menge erfahrene Spieler rumtreiben, die bereits vor dem Black Friday aktiv waren.

Chris Moneymaker: Es ist sicherlich kein leichter Spielerpool, allerdings auch ein sehr kleiner. Turniere spielt man mit 100 bis 200 weiteren Spielern, während bei der SCOOP international im Schnitt wohl 7.000 Spieler pro Turnier unterwegs sind. Der Großteil des New-Jersey-Pools besteht aus Borgata-Grindern und Spielern aus Philadelphia, die nicht sehr stark sind und nicht jeden Tag online spielen. Daneben gibt es in etwa 30 sehr gute Spieler, die jeden Tag aktiv sind. Es ist auf jeden Fall tougher als bei den unregulierten Seiten in den USA, bei denen viele gewöhnliche Leute spielen, die nicht realisieren, dass ihr Geld dort nicht abgesichert ist. Die New-Jersey-Leute haben also relativ viel Ahnung, aber das Feld ist ziemlich klein.

Moneymaker Twitch
Chris Moneymaker live bei Twitch

"Die Leute spielen anders, wenn sie dich aus dem Fernsehen kennen"

Moneymaker 2003
"Man wird häufiger gecallt, wenn der Gegner dich aus dem TV kennt"

An welchen Aspekten deines Spiels hast du mit Joe besonders gearbeitet?

Chris Moneymaker: Poker ist ein sehr nuanciertes Spiel. Vieles lief darauf hinaus, dass mein Betsizing nicht optimal war. Meine C-Bets von 1/3 des Pots auf fast jedem Flop haben es zum Beispiel meinen Gegnern erlaubt mich zu exploiten. Mein Preflopspiel war größtenteils in Ordnung, auch wenn ich ein bisschen an meinen ICM-Kenntnissen feilen musste. Das größte Problem war zweifellos mein Betsizing postflop. Ich war immer ein überzeugter Vertreter davon, das Betsizing nicht in Abhängigkeit der eigenen Handstärke zu ändern, aber am Ende ist eher entscheidend, wie die eigene Range eine bestimmte Boardtextur getroffen hat. Meine 4-Bet-Range war zudem sehr polarisiert, das heißt, ich war entweder am Bluffen oder hatte die Nuts. Mittlerweile 4-bette ich auch mehr for Value mit schwächeren Händen, die besser sind als die Hände, mit denen die Leute 3-betten.

Betrifft eine andere gegnerische Spielweise nur ehemalige Weltmeister wie dich oder müssen sich auch andere Spieler damit auseinandersetzen, dass die Gegner häufiger versuchen einen auszuspielen?

Chris Moneymaker: Man muss gar nicht Weltmeister gewesen sein. Das betrifft im Grunde alle Spieler, die im Fernsehen zu sehen sind. Daniel Negreanu hatte zum Beispiel noch kein Glück beim Main Event, aber auch gegen ihn ändern die Leute ihr Spiel. Bei vielen der deutschen Highroller ist das zum Beispiel etwas anders. Die gewöhnlichen Leute haben mittlerweile bestimmt schon einmal von Fedor gehört, aber kennen viele der anderen deutschen Grinder eher nicht. Ich selbst kenne nicht einmal die Hälfte von ihnen. Vor Fedor war wahrscheinlich Tom Dwan der letzte große Star, gegen den viel heruntergecallt wurde, weil man ihn aus dem Fernsehen kannte. Spieler, die heutzutage bei Twitch streamen, wie zum Beispiel Jaime Staples und Kevin Martin, sind bei den gewöhnlichen Leuten aber bekannter als zum Beispiel viele der deutschen Highroller-Stars.

Wenn ihr sehen wollt, wie sich Chris Moneymaker an den Tischen schlägt, könnt ihr hier sein Spiel live bei Twitch verfolgen.

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Kommentare (4)

Neueste zuerst
  • CMB

    #1

    Fuerst, wie immer...
  • Paxis

    #2

    So wahre Worte mit dem Ego.
    Selbst nach so viele Jahren des Pokerns bekomme ich das nicht komplett weg.

    Schon tmy sagte damals 2009 dass es "Ego" im Poker nicht gibt, es geht nur darum wie man selbst die größte Edge und Winrate produzieren kann.
  • DELETEDM_3945785

    #3

    Das war wirklich mal ein sehr interessantes Interview - auch wie der Pool in NJ aussieht.

    Der Mann gute Ansichten und die richtige Einstellung.

    Moneymaker war und ist und bleibt ein Guter. Nicht wie dieses Jamie Gold 1hitWonder.
  • SniffvsSnaf

    #4

    Schlauer Mann! Auch wenn er nicht der Oberpokerguru ist :-)