"Es gibt keine Atmosphäre bei der WSOP"

Wir unterhalten uns mit John Duthie, dem Gründer der EPT, über seine neue Rolle als Präsident von partypoker LIVE und den aktuellen Zustand von Live-Poker.

John Duthie of partypoker LIVE
John Duthie

Bisher gab es noch keine großen Major-Events in Russland, nun haben aber partypoker LIVE und PokerStars praktisch gleichzeitig ein Event in Sotschi in diesem Jahr angekündigt. Wie kam es zum plötzlichen Erwachen des russischen Live-Pokermarktes?

John Duthie: Das liegt hauptsächlich daran, dass es bis vor Kurzem noch illegal war. Man durfte keine Pokerturniere ausrichten. Die European Poker Tour wollte schon einmal ein großes Event in Russland austragen, aber zwei Wochen vor dem Turnier wurden alle großen Live-Casinos geschlossen. Also mussten wir das Ganze in die Ukraine nach Kiew verlagern. Seitdem gab es praktisch keine richtigen Turniere mehr in Russland.

Es wurde festgelegt, dass Casinos nur in bestimmten Regionen in Russland gebaut werden durften, weit weg von Moskau oder Sankt Petersburg, eines davon wurde bekanntlich in Sotschi errichtet.

Es scheint, als würden vor allem der Ort selbst und die Freizeitaktivitäten, denen man abseits der Tische nachgehen kann, den Reiz des Austragungsortes Sotschi ausmachen?

John Duthie: Absolut. Mit das Beste an Sotschi ist, dass man im Winter dort Skifahren und im Sommer schwimmen gehen kann. Es liegt direkt am Schwarzen Meer, bietet ein tolles Casino und eine wunderschöne Umgebung. Vor allem ist der Ort der Welt natürlich durch die Olympischen Winterspiele 2016 bekannt.

Dass man dort viele Sachen abseits von Poker unternehmen kann, ist ein echter Pluspunkt. Das Ziel ist immer Turniere zu schaffen, bei denen die Leute nicht das Gefühl haben durchgehend im Casino bleiben zu müssen. Wir haben das schon das eine oder andere Mal bei manchen Events geschafft, zum Beispiel bei der EPT Vilamoura, bei der es die Kombination Poker und Golf gab. Das hat richtig gut geklappt. Hinterglemm in Österreich, wo das Winterfest ausgetragen wurde, war ebenfalls ein voller Erfolg.

"Live-Poker ist zu ernst geworden"

European Poker Tour tables
"Die EPT ist zu ernst geworden"

Was hat dich veranlasst einen Neustart mit der neuen globalen Live-Tour von partypoker zu wagen nach all den Jahren bei der EPT?

John Duthie: Ich bekam im letzten Jahr im Januar einen Anruf von partypoker, bei dem man mir das Projekt vorstellte. Man wollte eine neue Live-Tour mit ambitionierten Zielen ins Leben rufen. Ich hatte direkt das Gefühl, dass wir die gleiche Sicht auf die Live-Pokerszene teilen, das heißt, dass die kleineren Events von zum Beispiel Unibet oder die Grosvenor-Tour für bestimmte Spieler deutlich ansprechender sind als die großen. Ich finde, dass die großen Festivals irgendwie ihre Attraktivität für ambitionierte Hobbyspieler wie mich verloren haben, denen das Spiel sehr viel Spaß macht, die aber in einer freundlichen, nicht einschüchternden oder herablassenden Atmosphäre spielen wollen. In den ersten sechs Jahren war in dieser Hinsicht auch alles in Ordnung bei der EPT. Dann ging es jedoch immer ernster zur Sache, weil man die größte Pokertour der Welt wurde.

Denkst du, dass neben den Veranstaltern auch die Spieler selbst eine gewisse Verantwortung tragen, die Partien geselliger für alle zu gestalten?

John Duthie: In gewisser Hinsicht ja. In einer einschüchternden Umgebung macht es den meisten keinen Spaß zu spielen. Der Schlüssel ist jedoch, wie man am Austragungsort empfangen wird und wie sich die Veranstalter gegenüber den Spielern verhalten. Ich finde, dass die Mitarbeiter an einigen Austragungsorten Pokerspieler eher skeptisch sehen und die Spieler nicht wirklich verstehen. Mein Ziel ist es, wieder die Art von Turnieren zu organisieren, die der Standard waren, als ich vor etlichen Jahren anfing in der Szene zu arbeiten. Als Spieler die Casinos bezahlten, um ein Turnier in ihrem Interesse auszurichten. Das ist mittlerweile verloren gegangen. Die aktuelle Stimmung scheint einfach zu sein: "Wir veranstalten dieses Turnier, also bestimmen wir wie es läuft." Das ist nicht der richtige Ansatz. Wenn man viel Geld bezahlt, das mit in den Preispool wandert, und das Casino eigentlich keinen Mehrwert für das Event schafft, dann ist es schlichtweg ein Turnier der Spieler. Für mich ist es entscheidend zu dieser Einsicht und an diesen Punkt zurückzukommen.

"Es gibt keine Atmosphäre bei der WSOP"

2016 november nine wsop
"Es gibt keine Stimmung bei der WSOP"

Eine Theorie ist, dass das größte Hindernis für Hobbyspieler Zeit und nicht Geld ist. Einige der Neuerungen bei partypoker LIVE, wie zum Beispiel das Spielen von Tag 1 online und das Einkaufen in Tag 2, scheinen diesem Umstand widerzuspiegeln.

John Duthie: Dass man zu einem Austragungsort reist und dann nur das Gefühl hat, seine Zeit verschwendet zu haben, davon will ich definitiv wegkommen. Ich habe etliche Male ein Turnier gespielt, bin nicht ins Geld gekommen und hatte dennoch eine tolle Zeit. Im vergangenen Jahr habe ich mich auf den Weg zur Irish Open gemacht, habe jede Menge verloren und hatte trotzdem meinen Spaß. Dann gab es wiederum andere Events, wie zum Beispiel auch die World Series of Poker, bei denen ich einfach nicht dasselbe Gefühl hatte. Im vergangenen Jahr bin ich zum ersten Mal nach 15 Jahren nicht zur WSOP gereist. Das zeigt mir, dass irgendwas nicht mehr richtig passt, denn ich liebe es zu pokern und die WSOP war stets fest in meinem Jahreskalender eingeplant. Ich hatte jedoch im Vorjahr einfach keinerlei Spaß mehr dort. Es gab keine Atmosphäre, es war einfach nichts dort.

Was die investierte Zeit betrifft: Wenn man es schafft Tag 2 und 3 in einen Spieltag umzuwandeln, würde das schon sehr viel helfen. Ich denke, dass viele Spieler die ganze Reiserei mittlerweile ein bisschen satt haben. Deutlich besser finde ich ein System, bei dem es kleinere lokale Turniere mit niedrigem Buy-in gibt, bei denen man schon etwas gewinnen kann und mit denen man sich für größere Events qualifizieren kann. Zu den Hauptturnieren kann man dann mit einem besseren Gefühl reisen, weil man schon etwas gewonnen und eine tolle Zeit erlebt hat.

Das zeigt sich auch bei der Idee, einen Tag 1 in beliebigen europäischen Casinos wie zum Beispiel in Montesino oder am Rande der Irish Open zu spielen, obwohl es um ein Turnier in London geht.

John Duthie: Ja, das ist auf jeden Fall ein guter Ansatz. Ich denke, dass Rob Yong (Eigentümer des Londoner Cardrooms "Dusk till Dawn") hier auf etwas gestoßen ist. Es bedeutet einfach, dass zum Beispiel Leute in Deutschland oder Österreich nach Montesino fahren können, statt direkt nach Großbritannien fliegen zu müssen. Es ist eine gute Idee, um die Spieler in die mittlere Turnierphase einsteigen zu lassen, bei der man sich schon näher am Geld befindet. Es macht einfach keinen Spaß nach Las Vegas zu reisen, nur um dann sehr früh auszuscheiden ohne auch nur ansatzweise in die Nähe des Geldes gekommen zu sein.

"Man muss die Hobbyspieler bei Laune halten"

partypoker live

Ich weiß, dass Rob Yong schon seit Langem versucht hat, einen Hauptpreis von £1 Million im Dusk till Dawn auf die Beine zu stellen. Dank der partypoker Millions wird das nun Realität. Was ist aus deiner Sicht attraktiver für die Spieler, ein hoher garantierter Preispool oder eine flachere Auszahlungsstruktur?

John Duthie: Ich denke, dass der Mehrwert insgesamt die Attraktivität ausmacht: keinen allzu hohen Rake, eine wirklich gute Struktur, erschwingliche Buy-ins und ein guter Austragungsort mit freundlichen Mitarbeitern. Aus der Sicht eines Hobbyspielers dürften so alle relevanten Kriterien erfüllt sein. Und zufriedene Hobbyspieler erfüllen offensichtlich ein sehr wichtiges Kriterium von professionellen Spielern, da das Turnier so profitabler für sie wird. Vielleicht hat der eine oder andere Profi ja sogar etwas mehr Spaß an den Tischen.

Kann partypoker LIVE die vierte große Turnierserie beim aktuellen "Grand Slam" der Pokerszene werden und sich neben PokerStars Championship, World Poker Tour und World Series of Poker einreihen?

John Duthie: Ich kann mir vorstellen, dass es in ein paar Jahren, sollte es eine wichtige Turnierserie werden, auf jeden Fall Teil der Triple Crown ist. Ich hoffe natürlich, dass es so kommt, mache mir aber nicht allzu viele Gedanken darum. Mir ist viel wichtiger, dass die Spieler wieder mehr das Sagen haben und ihren Spaß haben können.

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Kommentare (4)

Neueste zuerst
  • Spielstephan

    #1

    Spielt ihr Live Turniere? Würdet ihr gerne in Sotschi pokern?
    Welche Atmosphäre mögt ihr besonders? Lasst es uns in den Kommentaren wissen.
  • aeneus

    #2

    Warum wird das Dusk Till Dawn bei Pokerstrategy immer London zugeordnet?
  • walnutts

    #3

    Betreff Sotschi:
    Da sind eine Menge Fragen und Probleme :
    In welcher Währung wird gespielt?Wie bekommt man das Geld nach Rußland sein und wieder raus (es gab zumindest eine Zeit, wo es verboten war Devisen auszuführen)?
    Wie schwer ist es ein Visum zu bekommen,wo bekommt man das ,was kostet es?
    In ein solches Land zu reisen ist mit viel Bürokratie,Mühe und Kosten verbunden,da fahre ich doch lieber übers Wochenende nach Bregenz oder Wiesbaden zum Pokern....
  • Pichner

    #4

    Also so hinterwäldig ist Russland ja auch nicht mehr. Wieso also nicht .