"Ich war schon immer sehr ausgeglichen" - Interview mit Jeremy Ausmus

Wir haben mit dem WSOPE-Sieger Jeremy Ausmus über Bracelets, die November Nine und einen ausgeglichenen Lebenswandel gesprochen.

"Es ist ein gutes Gefühl, von seinen Kollegen respektiert zu werden"

//d3ltpfxjzvda6e.cloudfront.net/2013/11/14/jeremy-ausmus-wins-wsope-plobracelet.jpgPokerStrategy.com: Glückwunsch zu deinem Bracelet bei der WSOPE. Du warst in den letzten zwei Jahren so oft nah dran, da muss es doch unglaublich erleichternd sein, endlich gewonnen zu haben, oder?

Jeremy Ausmus: Ja, es ging allerdings nicht unbedingt um das Geld, da es ein eher kleines Event war. Irgendwie wird in unserem Geschäft der Erfolg immer anhand von Bracelets gemessen. Ich weiß nicht, ob das gut ist, aber die Leute legen immer sehr viel Wert auf die Bracelets und ich war in den letzten paar Jahren echt oft nah dran. Klar ist es ein tolles Gefühl, endlich gewonnen zu haben.

PokerStrategy.com: Was ist dir wichtiger, jetzt, wo du das Bracelet hast? Endlich diesen Erfolg vorweisen zu können, oder das Geld und der höhere Marktwert?

Jeremy Ausmus: Von beidem etwas. Es ist ein gutes Gefühl, wegen des Erfolgs von seinen Kollegen respektiert zu werden und wenn die anderen Spieler sehen, dass ich gut spiele. Ich habe über die Jahre hart gearbeitet, um dahin zu kommen, wo ich bin und ich glaube, dass die guten Resultate direkt damit zusammenhängen. Ich schätze, dass ich auch vorher schon recht respektiert war, aber jetzt habe ich das noch etwas untermauern können.

PokerStrategy.com: Was hältst du von der Aussage vieler Pros, die behaupten, sie nähmen gerne eine lange finanzielle Verluststrähne hin, wenn diese nur endlich mit einem Bracelet enden würde?

Jeremy Ausmus: Das halte ich nur für einen geringen Erfolg. Langfristig Geld zu verlieren kann sicher nicht das Ziel sein. Wenn das über zehn Jahre so läuft, du jedes Jahr ein Bracelet gewinnst, aber dafür Millionen von Dollar im Minus bist, kann das nicht funktionieren. Klar kann man für sein erstes Bracelet schon mal andere Siege opfern, aber nach dem Ersten werden die weiteren Bracelets sowieso weniger interessant.

"Niemand kennt seinen ROI für die Live-Turniere"

//d3ltpfxjzvda6e.cloudfront.net/2013/11/14/jeremy-ausmus.jpgPokerStrategy.com: Du hast in der Series 2012 neunmal gecasht und am Ende die November Nine erreicht, dieses Jahr hast du zehnmal gecasht und ein WSOPE-Bracelet geholt. Spielt das Momentum bei dir eine große Rolle?

Jeremy Ausmus: Ich glaube nicht, dass ich am Ende der Series großartig anders spiele, als zu Beginn - ich spiele eigentlich jeden Tag recht solide. Wenn ich viel verliere, beeinflusst das mein Spiel nicht, wenn ich viel gewinne aber auch nicht.

Aber natürlich gibt es mir ein gewisses Selbstvertrauen. Vor den November Nine hatte ich bereits achtmal gecasht [bei der WSOP], was schon etwas Besonderes war. Auch wenn ich in der ganzen WSOP bis dahin kein Geld gewonnen habe, schafft so etwas Zuversicht, wenn man weiß, dass man nur einen Coinflip von einem Finaltisch oder einem Sieg entfernt ist.

Dieses Jahr in Paris hatte ich vorher ein paar Monate freigenommen und bin zu einigen Turnieren nach LA geflogen. Ich habe viele Multi-Entries gespielt, aber immer gepatzt, so dass ich vor Paris eine ziemliche Trockenperiode hatte. Wenn überhaupt habe ich also vor meinem Comeback an Momentum verloren. 

PokerStrategy.com: Du bist seit fast zehn Jahren Profi und spielst hauptsächlich Cash-Games. Woher kam der Entschluss, jetzt zu den Live-Turnieren zu wechseln?

Jeremy Ausmus: Ich habe auch vor dem Black Friday schon viele Turniere mit guten Ergebnissen gespielt und fühlte mich in meinem Turnierspiel immer besser. Zwar war ich in erster Linie Cash-Game-Spieler, habe aber schon immer aus Spaß sonntags und mittwochs die MTTs gespielt. Ich habe aber nie gedacht, dass ich mit Turnieren so viel gewinnen kann, wie im Cash-Game. Deswegen bin ich auch nicht zu Live-Turnieren gereist - ich wollte einfach meinen Stundenlohn aus den Cash-Games nicht aufgeben.

Nach dem Black Friday fing ich an, Live-Cash zu spielen und als dann die Series begann, wollte ich die Eintönigkeit durchbrechen und spielte dort fast 30 Turniere. Zuvor bin ich schon in einem Turnier in LA weit gekommen und wurde Dritter, was mir $190.000 einbrachte. Deswegen dachte ich auch, dass ich vielleicht mehr mit Turnieren verdienen könnte. Genau sagen kann das aber keiner, da durch die geringe Samplesize niemand seinen tatsächlichen ROI bei Live-Turnieren kennt. Ich versuche einfach, eine gesunde Mischung aus beidem zu bewahren und spiele momentan etwa zu 70% der Zeit Turniere. Vor vier Jahren waren es vielleicht 10%, je mehr Erfolg ich aber darin sah, desto mehr Zeit investierte ich. 

"Die Grenze zwischen Zuversicht und schlechtem Spiel ist dünn"

//d3ltpfxjzvda6e.cloudfront.net/2013/11/14/512x.jpegPokerStrategy.com: Viele der November Niners waren auch später noch erfolgreich. Macht einen dieses Erlebnis zu einem besseren Spieler?

Jeremy Ausmus: Das glaube ich nicht. Es liegt eher daran, dass diese Spieler ihren Spaß an Turnieren entdeckt haben und dann auch das nötige Kleingeld hatten, so dass sie umherreisen konnten. Viele behaupten, dass man nach einem Sieg besser spielt und mehr Selbstvertrauen hat. Ich halte das bei mir nicht für zutreffend, aber für andere Spieler kann das natürlich sein.

Die Grenze zwischen Zuversicht und schlechtem Spiel ist allerdings dünn. Meistens kommt dieses Phänomen wohl doch durch das zusätzliche Geld zustande. Turnierpoker ist nun mal sehr glücksabhängig und manche Spieler gewinnen vielleicht noch ein weiteres Turnier, obwohl sie nicht besonders gut sind.

PokerStrategy.com: Dein Final-Table liegt nun schon über ein Jahr zurück. Findest du rückblickend, dass die viermonatige Verzögerung gut ist, oder wolltest du einfach weiterspielen, weil es gut lief?

Jeremy Ausmus: Es hat Vor- und Nachteile. Es macht schon Spaß. Man gibt viele Interviews und so weiter und man wird bekannter. Ich halte von Momentum nicht so viel; die Leute reden immer davon und es gibt sicher ein Körnchen Wahrheit, aber ich möchte mich da nicht drauf verlassen. Jede Entscheidung ist von der Vorherigen unabhängig, finde ich zumindest. Da bin ich aber in der Minderheit.

Es gab Spieler am Final-Table, die sich möglicherweise stärker verbessert haben als ich. Außerdem war unser Baby unterwegs, das dann zeitig zur Welt kam, so dass ich in dieser Zeit der Pause weniger Poker gespielt habe als je zuvor. Ich fühlte mich zwar nicht eingerostet, aber so wenig Poker hatte ich wirklich lange nicht gespielt, erst vier Wochen Urlaub und dann direkt noch mal vier Wochen Pause. Russell Thomas zum Beispiel wurde von acht anderen Pros  intensiv trainiert, Jesse von Vanessa Selbst (dabei waren beide schon vorher großartige Spieler).

Aus finanzieller Sicht, nur auf dieses Turnier bezogen, wäre es wohl besser gewesen, direkt am nächsten Tag zu spielen. Andererseits bekommt man auch etwas durch die Sponsoren, es hat also eindeutig zwei Seiten. 

"Ein ausgeglichener Lebenswandel ist schwierig, wenn man viel umherreist"

//d3ltpfxjzvda6e.cloudfront.net/2013/11/14/carousel-ausmus.jpgPokerStrategy.com: Im Gegensatz zu vielen anderen Profis hast du einen sehr ausgewogenen Terminplan und verbringst viel Zeit mit deiner Familie. War das bei dir schon immer so, oder musstest du deine Work-/Life-Balance auf die harte Tour lernen?

Jeremy Ausmus: Ich war schon immer sehr ausgeglichen, daran musste ich nicht groß arbeiten. Als ich anfangs in Las Vegas war, habe ich schon mal eine Nacht durchgespielt, wenn ich die Games für gut hielt, aber die Kontrolle habe ich dabei nie verloren. Jetzt, wo die Kinder da sind, ist es schon sinnvoll, einen Plan zu haben und strukturiert zu sein.

Auch wenn es sich ab und zu gut anfühlt, unstrukturiert zu sein, so ist es, selbst ohne Familie, von Vorteil, einen Zeitplan einzuhalten, wenn man etwas erreichen möchte. Wenn man zu einer festen Zeit aufsteht und Sport treibt, fühlt man sich einfach besser. Schafft man das nicht, ist man mental nicht besonders stark und das wirkt sich auf das ganze Leben aus.

PokerStrategy.com: Ist denn das Aufrechterhalten der Balance nicht schwierig, wenn man so viel reist?

Jeremy Ausmus: Klar, das ist mit am härtesten. Vor den Kindern konnte meine Frau noch mit mir reisen. Ohne Kinder würden wir das sicher auch jetzt noch mehr tun. In ihrem jetzigen Alter können wir sie nicht gut mitnehmen, das hätte keinen Sinn. Vielleicht später, wenn sie älter sind, aber jetzt sind sie erst eins und drei.

Ich muss meine Kinder und meine Frau also immer zurücklassen, was uns nicht gerade glücklich macht. Ich würde mich auch nicht als Vollzeit-Turnierprofi bezeichnen. Ich guck mir einfach die Zeitpläne an und suche mir dann die Turniere raus, die mir profitabel erscheinen. Außerhalb von Vegas sind das vielleicht zwei bis drei Events im Jahr. 

PokerStrategy.com: Vielen Dank, Jeremy, mach weiter so! Du bist damit sicher ein Vorbild für viele professionelle Spieler. 

Hier findet ihr eine Übersicht der aktuellen Interviews mit einigen bekannten Pokerspielern (engl.)

Von Barry Carter l Barry Carter bei Twitter

Kommentare (2)

Neueste zuerst
  • Zugwat

    #1

    Kommt sehr sympatisch rüber, teile einige Ansichten auch mit ihm
  • Pokerstratege144

    #2

    cooler typ!