Das Wechselspiel zwischen Gefühl und Logik

Wer bereits lange genug an den Pokertischen unterwegs ist, kennt die Situation: Das Bauchgefühl sagt einem plötzlich etwas anderes, als die Logik diktieren würde. Wie genau kommt es zu dieser Diskrepanz?

Heute folgt ein weiterer Artikel zu den uns bekannten kognitiven Verzerrungen und wie sie unser Pokerspiel beeinflussen. Die ersten fünf entscheidenden Täuschungen unseres Gehirns wurden im ersten und zweiten Teil dieser Artikelreihe erläutert. Werft also einen Blick darauf, falls ihr es noch nicht getan habt.

Projektion der eigenen Meinung

Kognitive Verzerrung beim Poker

Für Pokerspieler ist die Tatsache, dass uns unser Gehirn stets davon überzeugen will, dass andere genauso denken wie wir, eine wichtige aber auch gefährliche Verzerrung. Wir tendieren dadurch zur Annahme, dass unsere Gegner das Spiel genauso wahrnehmen wie wir. Entsprechend erwarten wir auch, dass sie in denselben Situationen ähnliche Entscheidungen wie wir treffen würden.

Betrachtet man, was diese Fehlannahme in der Realität bedeutet, wird sehr schnell klar, worin die Gefahr besteht. Ein konservativer Spieler, der relative tight unterwegs ist, wird unterbewusst erwarten, dass andere Spieler ähnlich zurückhaltend agieren. Ein looser Spieler, der vor allem auf Attacke gepolt ist, wird hingegen eher davon ausgehen, dass seine Gegner einen ähnlich loosen Ansatz verfolgen.

Natürlich wird ein Gegner niemals exakt dieselbe Entscheidung von uns erwarten, wenn wir uns im gleichen Spot wiederfinden. Allerdings besteht trotzdem stets die Tendenz, den eigenen Spielstil auch auf sein Gegenüber zu projizieren. Ist der Gegner ein Rock, wird er uns tighter wahrnehmen, als es tatsächlich der Fall ist. Loosere Gegner werden uns hingegen als aktiver einstufen, als wir es tatsächlich sind.

Über diesen Sachverhalt sollte man sich stets im Klaren sein, wenn man versucht, das eigene Image in den Augen des Gegners einzuschätzen.

Falsche Wahrnehmung von sehr kleinen und sehr großen Zahlen

Kognitive Verzerrung beim Poker

Es mag überraschen, allerdings kann unser Unterbewusstsein sehr kleine und sehr große Zahlen nicht präzise verarbeiten, darunter fallen auch einige Wahrscheinlichkeiten, die beim Poker Bedeutung haben und so auch die mathematische Genauigkeit unserer Entscheidungen beeinflussen können.

Pokerspieler tendieren dazu, die Bedeutung von großen Pötten zu überschätzen. Wir nehmen an: Je mehr große Pötte wir gewinnen, desto effektiver exploiten wir unsere Gegner und desto besser ist unser Spiel insgesamt. Natürlich haben große Pötte einen Einfluss auf unsere Winrate, manchmal sogar einen sehr großen. Gute Spieler wissen jedoch, dass die kleinen alltäglichen Pötte insgesamt wichtiger sind. Unser Gehirn kann die Profit- und Verlustspanne, die in solchen Spots erzielt wird, jedoch nicht richtig wahrnehmen. Unsere Intuition kann uns nicht sagen, wo genau das Geld im Pokeralltag herkommt oder wo es verloren geht.

Auf ähnliche Weise können wir Situationen, in denen ein minimaler Unterschied im Risiko-Nutzen-Verhältnis besteht, ebenfalls nicht richtig einschätzen. Ein kurzes Beispiel: Am River setzt der Gegner 10% des Pots. Unsere Hand ist ziemlich schwach, hat jedoch noch ein bisschen Showdown-Value. Wäre ein Call profitabel? Unser Gehirn muss sehr hart arbeiten, um solch ein Szenario tatsächlich korrekt einzuschätzen.

Kognitive Verzerrung beim Poker

Ein weiteres Beispiel: Wir bluffen am River und setzen die Hälfte des Pots. Unser Gegner callt in 60% der Fälle. Da er in mehr als der Hälfte der Fälle den Pot gewinnen wird, wird der Anschein erweckt, dass wir auf lange Sicht Geld verlieren. Das Gehirn bekommt für die Aktion häufiger negatives Feedback und wird uns nahelegen, den Bluff in Zukunft zu lassen. Es ist nicht in der Lage zu berücksichtigen, dass die negativen Ausgänge weniger wert sind als die positiven. In der Realität ist es jedoch offensichtlich, dass ein Bluff unter den gegebenen Bedingungen profitabel ist.

Gefühl und Logik in Einklang bringen

Wie kann man dagegen vorgehen? Die Lösung ist am Ende simpel: Training, Training und noch mehr Training. Unser Bewusstsein weiß mit 100-prozentiger Sicherheit, dass der Bluff profitabel ist, da wir es durchgerechnet haben.

Das Ziel muss nun sein, auch unser Unterbewusstsein davon zu überzeugen. Das kann man durch ständige Berechnung verschiedener mathematischer Szenarien erreichen. Je häufiger man sich in einem bestimmten Spot wiederfindet, desto schneller werden Bewusstsein und Unterbewusstsein zur selben Antwort finden und die gleiche Entscheidung treffen.

Auch im Alltag werden wir immer wieder mit diesem Wechselspiel konfrontiert. Wie oft überzeugen Logik und Kalkulation uns von einer Sache, während innere Ängste und Intuition uns in eine andere Richtung lenken. Während unserer gesamten Pokerkarriere müssen wir versuchen, Gefühle und Logik in Einklang zu bringen. Je schneller uns das gelingt, desto besser fallen die Ergebnisse an den Tischen aus.

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Grigoriy Skrypnik

Grigoriy Skrypnik

Grigoriy ahlinpoker Skrypnik arbeitet seit 2007 für PokerStrategy. Er ist Redakteur und arbeitet an Inhalten der Pokerschule der russischen Community.

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Kommentare (7)

Neueste zuerst
  • CMB

    #1

    Fuerst, auch im Sonntag
  • RikudouSennin

    #2

    "Wir nehmen an: Je mehr große Pötte wir gewinnen, desto effektiver exploiten wir unsere Gegner und desto besser ist unser Spiel insgesamt. "

    Stoped reading at that point..
    Mag vlt. für Barry oder andere Fische zutreffen.
  • ScrubLord

    #3

    bluffcall am river beschde line
  • SanjaS184

    #4

    Das ist immer so eine Sache, das Gefühl sagt einem viel, nur der die Fische werden belohnt!
  • Oger88

    #5

    Guter Artikel, aber nicht ganz korrekt am Ende: Dein Anraten ist es, die Emotionalität in Einklang mit der Rationalität zu bringen (das eine soll das "Wissen" des Anderen übernehmen). Das heißt er meint die Logik soll das Ruder übernehemen, keine gleichberechtigte Einflussnahme! Für Poker gut, aber für das Alltagsleben sollte man da schon etwas genauer hinschauen und hier nicht einfach so was raushauen ;)
  • CptJokerFish

    #6

    Bringt mal gescheite News und nicht diese Mindset scheiße.
    Ihr könnt den Artikel jetzt gerne löschen.
  • bambTTcha88

    #7

    Kommt nie