Dr. Robert Kazemi: "Spieler sollten sich mit dem Finanzamt auseinandersetzen"

PokerStrategy.com befragte den Steuerrechtsexperten Dr. Robert Kazemi in einem ausführlichen Interview nach seiner Meinung zum jüngsten Urteil gegen Jens Vörtmann, sowie zum Urteil gegen Eddy Scharf und die anstehende Revision vor dem Bundesfinanzhof.

Dr. Robert Kazemi
Dr. Robert Kazemi
Nach dem viel diskutierten Urteil gegen Eddy Scharf vor dem Finanzgericht Köln im Oktober 2012, hat sich nun ein weiteres Gericht mit der Steuerbarkeit von Pokergewinnen befasst. Das Finanzgericht Münster urteilte, dass Jens Vörtmann für die Jahre 2006 und 2007 Umsatzsteuer für seine Pokertätigkeit nachzahlen muss - PokerStrategy.com berichtete.

Aus diesem Anlass unterhielten wir uns mit Dr. Robert Kazemi, dem Anwalt von Eddy Scharf. Er ist gefragter Referent für Glücksspielrecht im In- und Ausland, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Forschungsinstituts für Glücksspiel und Wetten in Sankt Augustin und war einige Zeit als Berater in unserem Forum aktiv.

"Die Begründung des Finanzgerichts Münster scheint genauso wenig überzeugend wie die Argumente des Finanzgerichts Köln."

PokerStrategy.com: Sie betreuen seit Jahren international erfolgreiche Pokerspieler bei Steuerstreitfällen. Stellen Sie eine Zunahme solcher Fälle fest?

Dr. Robert Kazemi: Ich glaube nicht, dass die Fälle zunehmen, ich glaube sie halten sich die Waage. Neue Fälle nehmen eher ab, weil die meisten Spieler, die aktuell viel Poker spielen, nicht mehr in Deutschland ansässig sind. Viele davon sind ins Ausland verzogen, zum Beispiel nach Österreich und England. Die Zahl ist etwa gleichbleibend, eher abnehmend als ansteigend.

PokerStrategy.com: Inzwischen gibt es ja zwei Gerichtsurteile zum Thema Pokern und Steuern. Im neuesten Fall urteilte das Finanzgericht Münster, dass Jens Vörtmann Umsatzsteuer nachzahlen muss. Was halten Sie von dem Urteil?

Dr. Robert Kazemi: Ich bin kein Prozessbevollmächtigter von Herrn Vörtmann, deswegen muss ich mich darauf beziehen, was in der Urteilsbegründung steht. Im Grunde genommen geht das Finanzgericht Münster davon aus, dass Umsatzsteuer anfällt, weil Herr Vörtmann eine unternehmerische Tätigkeit im Rahmen des Pokerspiels vollzogen hat. Das setzen sie als Gegeben voraus. Wenn er eine unternehmerische Tätigkeit entfaltet hat, dann ist der Leistungsaustausch grundsätzlich auch umsatzsteuerbar.

Für eine unternehmerische Tätigkeit kommt es nur darauf an, ob man die Absicht hatte aus einer nachhaltigen Tätigkeit Einnahmen zu erzielen. Unabhängig von einer möglichen Gewinnerzielungsabsicht ist dann Umsatzsteuerbarkeit anzunehmen. Ob das Finanzgericht Münster sich damit einen Gefallen getan hat, mag man bezweifeln.

Da die Vorfrage, ob ein Pokerspieler überhaupt eine unternehmerische Tätigkeit entfaltet, im Eddy Scharf Verfahren durch den Bundesfinanzhof geklärt werden muss. Wohl aus diesem Grunde zitiert das Finanzgericht Münster auch die Ausgangsentscheidung des Finanzgerichts Köln. Im Übrigen erscheint die Begründung des Finanzgerichts Münster, warum es sich bei der Spieltätigkeit des Herrn Vörtmann um eine unternehmerische Tätigkeit handeln soll, genauso wenig überzeugend, wie die Argumente des Finanzgerichts Köln.

PokerStrategy.com: Warum nicht?

Dr. Robert Kazemi: Die Frage ist, ob Poker an sich eine nachhaltige Tätigkeit darstellt, die der dauerhaften Erzielung von Einnahmen dienen kann. Ich vertrete die Ansicht, dass das Pokerspiel aufgrund der Glücksspieleigenschaften gerade nicht dazu geeignet ist.

Das sieht das Finanzgericht Münster anders, und sieht Herrn Vörtmanns Verhalten als unternehmerische Tätigkeit an, weshalb es auch umsatzsteuerbar sei. Interessant finde ich in dem Zusammenhang die Aussage aus der Urteilsbegründung, dass Herr Vörtmann "auf die schon vor den Streitjahren als Bridgespieler gesammelten Erfahrungen zurückgreifen konnte."

Bridge ist jedoch ein Geschicklichkeitsspiel und mit dem Pokern bereits deshalb nicht vergleichbar. Dass sich das Finanzgericht nicht ernsthaft mit dem Pokerspiel auseinandergesetzt haben kann, zeigt auch die Aussage, Herr Vörtmann habe dadurch, dass er "bei Pokerturnieren anderen Spielern Unterbeteiligungen zukommen ließ […] seine Chance, Einnahmen zu erzielen" erhöht. Das Finanzgericht scheint hier Staking mit Systemlotto zu verwechseln und anzunehmen, ein Stakingdeal könnte unmittelbaren Einfluss auf die Gewinnchancen entfalten.

Wer sich mit dem Staking nur am Rande auseinandersetzt, sieht schnell ein, dass diese Annahme falsch ist. Der Stakingdeal mag das Verlustrisiko für den Fall, dass ein Spieler nicht "ins Geld" kommt minimieren, er verringert jedoch tatsächlich seinen Gewinnanteil, wenn er "ins Geld" kommt um den Anteil seines Stakers. Auswirkungen auf die Gewinnwahrscheinlichkeit hat das Staking aber sicherlich nicht.

PokerStrategy.com: Wie ist es zu begründen, dass Jens Vörtmann nun auch Umsatzsteuer für Turniere bezahlen muss, die im Ausland stattfanden?

Dr. Robert Kazemi: Weil Herr Vörtmann nicht nachweisen konnte, dass er im Ausland Leistungen an Unternehmen getätigt hat, die ihrerseits im Ausland der Umsatzsteuer unterfallen. Weil er nicht nachweisen konnte gegen wen er gespielt hat. Er hatte keine Aufzeichnungen darüber und das sei ihm zum Vorwurf zu machen, weil er eigentlich davon ausgehen hätte müssen, dass er seine Tätigkeiten als Pokerspieler belegen muss.

An zwei, drei Stellen werden Urteile des Bundesfinanzhof zitiert, die das belegen sollen. Diese Urteile sind allerdings allesamt nicht vergleichbar mit dem hiesigen Sachverhalt. Sie stützen sich im wesentlichen auf ein Kartenspielerurteil von 1993 gegen einen Croupier aus dem Casino Nürnberg, der um Geld Skat, Rommè und Backgammon spielte. Man betrachtete ihn als Gewerbetreibenden, weil er Kartenspiele veranstaltet hatte.

Weil es dieses Urteil gab, sei jeder Pokerspieler spätestens seit 1993 zur Aufzeichnung seiner Einnahmen und Ausgaben verpflichtet gewesen. Das entspricht absolut nicht der Realität. Bis 2006 war keine Steuerbehörde in Deutschland ernsthaft der Auffassung, dass man Pokergewinne versteuern müsste. Diesen Punkt würde ich auf jeden Fall angreifen: Die Frage, ob man es Herrn Vörtmann zum Vorwurf machen kann, dass er seine Umsätze nicht dokumentiert hat, ist eine grundsätzlich Fragestellung, über die das Finanzgericht nicht so einfach hinweggehen durfte.

Nur wenn Herr Vörtmann tatsächlich zu Aufzeichnungen verpflichtet gewesen sein sollte, ließe sich vielleicht vertreten, dass auch die im Ausland erzielten Umsätze der Umsatzsteuer unterfallen. Grundsätzlich bin ich jedoch der Ansicht, dass im Ausland erzielte Umsätze in Deutschland bereits deshalb nicht steuerbar sind, weil die Leistungserbringung im Ausland stattfindet. So war bisher auch die Auffassung von wahrscheinlich 90 Prozent aller Finanzämter in Deutschland.

Gerade bei einer Onlineplattform findet die Leistungserbringung im Ausland statt. Die Anbieter sind sämtlich in Deutschland nicht zugelassen, die Server stehen nicht in Deutschland und der Leistungsaustausch findet in den meisten Fällen nicht unter deutschen Spielern statt, sondern die Spieler spielen weltweit miteinander.

PokerStrategy.com: Im Verfahren gegen Eddy Scharf ging es allerdings lediglich um die Einkommensteuer. Warum?

Dr. Robert Kazemi: Weil das Finanzgericht Köln davon ausgegangen ist, dass seine Pokergewinne im Ausland stattfanden und deshalb nicht der Umsatzsteuer unterfallen. Da geht das Finanzgericht Münster offensichtlich viel weiter, wenn es der Auffassung ist, dass ein Pokerspieler mit deutschem Wohnsitz automatisch der deutschen Umsatzsteuer unterfällt.

Das erachte ich als falsch, ich glaube auch nicht, dass der Bundesfinanzhof das so bestätigen würde. Weil es darauf ankommen muss, wo Umsätze erzielt worden sind. Wenn die unternehmerische Leistung in Amerika gegen amerikanische Spieler und bei einem amerikanischen Veranstalter erbracht wurde, dann unterfallen sie nicht der deutschen Umsatzsteuer. Das kann nicht sein.

Da hat man sich mit der Gesamtthematik nicht auseinandergesetzt. Die beiden Urteile sind ähnlich. Ich verstehe allerdings noch nicht, warum man die Beteiligung am Pokerspiel mit einem Schneeballsystem vergleichen muss. Ich verstehe nicht, was Poker mit einem Schneeballsystem zu tun hat. Das wird auch nicht erklärt.

"Ich persönlich möchte die Frage, ob Poker Glücks- oder Geschicklichkeitsspiel ist, gar nicht selbst beurteilen."

PokerStrategy.com: In der Urteilsbegründung ging es auch viel um ein Interview, dass Jens Vörtmann 2008 gegenüber PokerOlymp gegeben hat, in dem er sich selbst als professionellen Pokerspieler bezeichnete.

Dr. Robert Kazemi: Ob man aus diesem Interview herauslesen kann, dass er unternehmerisch tätig war, halte ich für fragwürdig. Er hat sich als Pokerprofi verkauft und darauf baut das Gericht die ganze Argumentation des Urteils auf. Nach dem Motto, er hat es ja selber gesagt, deshalb unterliegt er auch der Umsatzsteuer, weil er eine unternehmerische Leistung erbracht hat.

Genauso wie in Köln, wird einfach ins Blaue hinein behauptet, dass man Poker auf eine Art und Weise spielen kann, die es ermöglicht hieraus dauerhaft Gewinne zu erzielen. Diese Frage ist in Deutschland jedoch momentan ungeklärt, es gibt keine oberfinanzgerichtlichen Urteile zum Pokern. Das Verfahren von 1993 betraf nicht das Pokerspiel. Alleine von 'Poker' zu sprechen ist ja schon eine eigentlich unzulässige Verkürzung. Man müsste sich erst die einzelnen Varianten anschauen um festzustellen, ob es welche gibt, die dazu geeignet sind, aufgrund eines besonderen Geschickes dauerhaft Einnahmen zu erzielen.

Alle Studien zum Poker betreffen ausschließlich Texas Hold'em, nicht Omaha, nicht H.O.R.S.E., das Herr Vörtmann ja gespielt hat. Insbesondere zu dieser Spielvariante gibt es weltweit keine Gutachten die behaupten, dass es ein Geschicklichkeitsspiel sein könnte. Die bestehenden Gutachten beziehen sich einzig und allein auf Texas Hold'em in der Turniersituation und auch nicht auf Cash Games. Die Feststellungen des Finanzgerichts Münster sind deshalb einfach nicht nachgewiesen.

PokerStrategy.com: Ist Poker also kein Geschicklichkeitsspiel?

Dr. Robert Kazemi: Ich persönlich setzte mich gar nicht mit dieser Frage auseinander, ob Poker Glücks- oder Geschicklichkeitsspiel ist. Gerade im Steuerrecht gilt aber der Grundsatz der Einheitlichkeit der Rechtsordnung. Bestimmte Lebenssachverhalte dürfen nicht anders beurteilt werden, wie das der Rest der Rechtsordnung tut. Wenn man das ernst nimmt, dann muss man feststellen, dass das deutsche Verwaltungsrecht in Form des Glücksspielstaatsvertrags und seiner einzelnen Ausführungsgesetze davon ausgeht, dass Poker ein Glücksspiel ist.

Im Strafrecht ist es auch so, dass das Pokerspiel als Glücksspiel aufgefasst wird, und in zivilrechtlicher Hinsicht fällt der Vertrag, den man beim Pokerspielen eingeht, unter Verträge über Glücksspiel und Wetten. Nur die Finanzämter sind der Meinung, dass das falsch ist. Sie sind der Meinung, dass es auch Spieler gibt, für die das kein Glücksspiel ist. Ich glaube nachwievor nicht daran, dass der Bundesfinanzhof das auch so sehen wird. Die restliche Gesetzgebung sieht das Spiel leider, oder aus steuerrechtlichen Gesichtspunkten zum Glück, als Glücksspiel an. Deshalb sind Gewinne daraus Glücksspielgewinne, und nicht steuerbar.

Wenn man wie das Finanzgericht Münster diese Fragen entsprechend anders beantwortet, dann ist es konsequent, dass ein Gewerbe in Deutschland umsatzsteuerpflichtig ist.

PokerStrategy.com: Trotzdem bleibt die Frage, wie man seine Umsätze nachweisen soll. Bei Turnieren kann man sich ja noch vorstellen, dass man Quittungen sammelt usw. Spätestens beim Online Cash Game wird es dann aber schwierig.

Dr. Robert Kazemi: Man muss mit Eigenbelegen arbeiten. Denn sie kriegen keine Belege in staatlichen Casinos. Fragen sie dort mal nach einer Quittung für Cash Games. Die kriegen sie nicht und die ist auch nicht vorgesehen. Deshalb ist die Frage der Beweislast auch schwierig. Es bleiben fast nur Eigenbelege und ob die akzeptiert werden, wage ich zu bezweifeln.

Sie könnten Zeugen benennen, dann müssten sie auch immer Zeugen dabei haben, oder die Spieler müssten sich wechselseitig Bestätigungen ausstellen. In der Handhabung ist das schwierig. In der Konsequenz würde es das aber bedeuten.

Dann müssten sie als gewerblicher Pokerspieler eine Spielbank dazu verpflichten können, ihnen einen Beleg auszustellen, oder nachzuweisen, dass man mit einem bestimmten Betrag an den Tisch gegangen ist und ihn mit einem bestimmten Betrag wieder verlässt. Deshalb kann man einem deutschen Spieler auch nicht vorwerfen, dass er keine Belege hat.

PokerStrategy.com: Sie haben bereits 2012 die Revision im Verfahren gegen Eddy Scharf angestrebt. Kann man abschätzen wann es zu einem Urteil vor dem Bundesfinanzhof kommt?

Dr. Robert Kazemi: Es ist möglich, dass der Bundesfinanzhof das jetzt ein bisschen nach hinten schiebt. Das weiß ich noch nicht. Das Urteil des Finanzgerichts Münster betrifft ja eine Umsatzsteuerproblematik, weshalb eine Revision sehr wahrscheinlich nicht im selben Bundesfinanzhof-Senat wie das Steuerverfahren von Herrn Scharf behandelt werden würde. Trotzdem ist die Grundfrage an sich die gleiche.

Ist Poker ein Spiel, das aufgrund von Erfahrungen im Gesamtergebnis mit Erfolg betrieben werden kann? Diese Frage muss der Umsatzsteuersenat genauso entscheiden, das könnte dazu führen, dass sich auch eine Entscheidung im Scharf-Verfahren weiter nach hinten verschiebt. Ich gehe nicht davon aus, dass wir es dieses Jahr noch verhandeln. Vom Bundesfinanzhof ist noch kein entsprechendes Signal gekommen, deshalb gehe ich eher davon aus, dass man es nächstes Jahr verhandelt.

PokerStrategy.com: Wird dann nochmal der gesamte Fall aufgerollt, oder geht es nur noch um die Grundsatzfrage Geschicklichkeitsspiel oder Glücksspiel?

Dr. Robert Kazemi: Die Revisionsbegründung im Steuerverfahren stützt sich sowohl auf formelle Fehler im Urteil als auch auf materielle Fehler. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist, dass das Finanzgericht den Sachverhalt nicht hinreichend ermittelt hat, bzw. dass es über Beweisangebote in tatsächlicher Hinsicht hinweg gegangen ist. Zum Beispiel gibt es Formulierungen wie: "Die Erfolge des Eduard Scharf zeigen, dass er ein erfolgreicher Spieler war."

Der Satz macht schon grammatikalisch wenig Sinn. Über die "tatsächlichen Erfolge" des Herrn Scharf ist aber jedenfalls bislang gar kein Beweis erhoben worden. Ob Herr Scharf ein erfolgreicher Spieler war, wann man ein erfolgreicher Spieler ist und wann nicht, kann man nicht anhand der "Hendon Mob Poker Database" erkennen. Weil die nur Turniere listet, in denen man auch in die Preisgeldränge gekommen ist. Die ganzen zusätzlichen Buy-ins listet sie ja nicht. Deshalb sind die Sachverhaltsermittlungen des Finanzgerichts Köln grenzwertig.

Diese Verfahrensfehler sind Teil der Revisionsbegründung und nehmen in dem rund 500 seitigen Schriftsatz inklusive Anlagen, Konvolute, ... den wir eingereicht haben, einen nicht unerheblichen Teil ein. Es könnte sein, dass sich der Bundesfinanzhof auf diese Verfahrensfehler konzentriert und wenn er unsere Auffassung teilt, das Verfahren einfach wieder zurückverweist, weil es nicht ordnungsgemäß durchgeführt wurde.

Dann müsste das Finanzgericht Köln nochmals die maßgeblichen Tatsachen ermitteln, weil der Bundesfinanzhof dafür nicht zuständig ist. Vielleicht sagt der Bundesfinanzhof deshalb gar nichts über die grundsätzliche Steuerbarkeit von Pokergewinnen, das ist durchaus eine Variante, die nicht total abwegig ist.

Persönlich vermute ich aber, dass der Bundesfinanzhof dann die Chance nutzen würde, obiter dictum trotzdem etwas zur grundsätzlichen Steuerbarkeit von Pokergewinnen zu sagen. Allerdings im Bezug aufs Steuerverfahren nur zum Turnierpoker, weil Cash Games und Onlinepoker nicht Gegenstand des Verfahrens sind.

"Die Nichtanzeige von Pokereinkünften gegenüber dem Finanzamt könnte strafrechtlich relevant werden."

PokerStrategy.com: Das Eddy Scharf Urteil wurde viel diskutiert und man verband eigentlich die Hoffnung damit, dass ein Gericht endlich einmal Klarheit über die unsichere Rechtslage schafft. Allerdings nannte das Finanzgericht Köln die Entscheidung explizit eine Einzelfallentscheidung. Wird ein Urteil des Bundesfinanzhof mehr Klarheit bringen?

Dr. Robert Kazemi: Meine Argumentation ist ja immer, dass man nicht von Poker an sich sprechen kann. Es gibt unterschiedliche Spielvarianten und es gibt Unterschiede zwischen Live- und Onlinepoker. Ein guter Onlinespieler muss kein guter Livespieler sein. Wenn der Bundesfinanzhof Poker, ganz egal in welcher Variante, behandelt, dann erledigen sich auch die vielen anderen Verfahren.

Wenn sich der Bundesfinanzhof näher mit dem Fall Eddy Scharf auseinandersetzt, und nur für die Variante Live-Turnierpoker entscheidet, dann kann man als Jurist immer noch behaupten, dass keine Feststellungen zu Onlinepoker und Cash Games getroffen wurden. Es ist schwer einzuschätzen, wie intensiv sich der Bundesfinanzhof mit der Materie auseinandersetzen wird.

Ich selbst lege Wert darauf, dass man das differenziert betrachtet. Es ist nun mal ein Unterschied, ob man Omaha spielt oder Hold'em. Deshalb kann man es nicht einfach über einen Kamm scheren, so haben wir auch im Scharf-Verfahren argumentiert. Wenn sich der Bundesfinanzhof ernsthaft mit der Sache auseinandersetzt, wird er keine generelle Aussage über Poker treffen können. Es sei denn man behandelt Poker als ein Spiel und interessiert sich nicht für die einzelnen Varianten.

Das Finanzgericht Köln hat die Revision zugelassen, weil die Versteuerung von Pokereinkünften über den Fall Scharf hinaus grundlegende Bedeutung hat. Auch die Oberfinanzdirektion Köln fasst das Steuerverfahren als Grundsatzverfahren auf. Das spricht dafür, dass sich die Finanzämter an der Entscheidung des Bundesfinanzhof orientieren werden, wenn sie mal da ist.

Auch andere Senate des Finanzgerichts Münster sehen das Scharf-Verfahren als Musterverfahren und haben daher anhängige Gerichtsverfahren bis zu einer Entscheidung in Sachen Eddy Scharf ausgesetzt. Warum sich der 15. Senat des Finanzgerichts Münster nun doch dazu hinreißen ließ, das Verfahren von Herrn Vörtmann zu entscheiden, kann ich mir nicht erklären.

Weil die Vorfrage, die geklärt werden muss, die gleiche ist, wie beim Urteil aus Köln. Meines Erachtens hätte das Finanzgericht Münster gut daran getan, auch dieses Verfahren auszusetzen, bis über die Glücksspieleigenschaften von Poker an sich entschieden worden ist. Deshalb haben wir jetzt zwei im Tenor gleich lautende Entscheidungen, die in Nuancen natürlich unterschiedlich sind, wobei das Urteil aus Münster auch nicht besser ist als das aus Köln.

Wenn man sich mit Spielsituationen auskennt, erkennt kann Unmengen an Passagen aus beiden Urteilen, die deutlich machen, dass sich die Gerichte nicht ernsthaft mit dem Pokerspiel auseinandergesetzt haben. Die etwas unglückliche Formulierung von Herrn Vörtmann im Interview mit PokerOlymp mag dabei ein Anhaltspunkt sein wie er sich selber gesehen hat, aber diese Aussagen können nicht allein ausschlaggebend sein.

Das ist meine Auffassung. Sonst gäbe es mit Sicherheit demnächst auch Roulettespieler, die Steuern zahlen müssten, weil sie der klaren Auffassung sind, sie könnten den Ausgang des Spiels beeinflussen.

PokerStrategy.com: Wie sollten sich die Pokerspieler nach diesen beiden Urteilen verhalten? Sollte man seine Gewinne beim Finanzamt anzeigen, oder zunächst die Revision abwarten?

Dr. Robert Kazemi: Ich bin der Auffassung, dass es klüger für erfolgreiche Pokerspieler ist, sich mit dem Finanzamt auseinanderzusetzen. Wenn der Bundesfinanzhof urteilen sollte, dass Pokereinkünfte der Steuer unterlägen, dann ist die Nichtanzeige solcher Einkünfte gegenüber dem Finanzamt eine Steuerverkürzung, also ein Straftatbestand.

Deshalb empfehle ich allen Spielern dringend, sich mit dem Finanzamt auseinanderzusetzen. Unterm Strich wird die Angabe von Pokereinkünften unter strafrechtlichen Gesichtspunkten als Selbstanzeige gewertet. Mit der Folge, dass man sich keiner Steuerstraftat schuldig gemacht hat, falls der Bundesfinanzhof zu der Auffassung kommt, dass Pokergewinne der Einkommensteuer unterliegen.

Was würde dann passieren? Kommen die Finanzgerichte dann zu der Auffassung, dass alle, die bisher nichts angezeigt haben, spätestens nach den Urteilen gegen Scharf und Vörtmann vorsätzlich Steuern hinterzogen haben, in dem sie ihre Pokergewinne gegenüber dem Finanzamt verschwiegen haben?

Man kann nicht die Vogel-Strauß-Politik betreiben und hoffen, dass schon nichts passiert. Das ist blauäugig. Die Verfahren, bei denen ich erst später dazugekommen bin weil das Finanzamt vorher bereits selber aktiv geworden ist, sind fast alle durch Anzeigen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zustande gekommen. Es gibt scheinbar immer Leute, die es dem einzelnen Spieler vielleicht doch nicht gönnen, dass er Poker spielt und Erfolg hat. Das ist bitter, aber so Leute gibt es nunmal.

Vielleicht muss man sich auch Fragen wann der erste Fall kommt, wo ein Mitarbeiter von Onlinebanken oder von einem Pokeranbieter auf die Idee kommt, Handhistories an die Finanzämter zu verkaufen. So abwegig ist das nicht.

Es passiert ja auch erstmal nichts, wenn man sich mit dem Finanzamt auseinandersetzt. Es werden zwar Steuern angesetzt, aber so lange das Scharf-Verfahren läuft, wird man eine Aussetzung der Vollziehung beantragen können, das ist legitim. Dann muss man erstmal keine Steuern zahlen, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ist man aus der Problematik der Steuerhinterziehung heraus.

Das ist zwar bitter, ich bin nicht der Meinung, dass Poker steuerbar ist, aber man sollte dem Finanzamt trotzdem sagen, dass man solche Einkünfte hat oder hatte. Ich war schon vor dem Scharf-Verfahren dieser Meinung und nach dem Urteil kann man keinem in Deutschland seßhaften Pokerspieler noch ernsthaft empfehlen, darüber stillschweigen zu bewahren.

Insbesondere bei Spielern, über die in der Öffentlichkeit berichtet wird. Das Finanzamt ermittelt auch in eigener Regie und kann durchaus auch auf Spieler aufmerksam werden, die nur ein Online-Turnier gewonnen haben. Auch darüber wird ja berichtet.

PokerStrategy.com: Herr Dr. Kazemi, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen und Ihrem Mandanten viel Erfolg bei der anstehenden Revision.

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von Volker Rueß

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Kommentare (30)

Neueste zuerst
  • Kuschelbaer

    #1

    "Es ist nun mal ein Unterschied, ob man Omaha spielt oder Hold'em." Was genau ist in steuerrechtlicher Hinsicht hier der Unterschied?

    PS: "des Finanzgericht" +s
  • Cleo0815

    #2

    Wird echt Zeit, dass da mal ne Eindeutige Handhabe gefunden wird :-/
  • Santalino2

    #3

    Interessantes Interview, Danke
  • TobiasNRW

    #4

    Dennoch verstehe ich das nicht mit der Umsatzsteuer. Wo ist denn die erbrachte Leistung?
  • MacGp

    #5

    "Die Frage ist, ob Poker an sich eine nachhaltige Tätigkeit darstellt, die der dauerhaften Erzielung von Einnahmen dienen kann. Ich vertrete die Ansicht, dass das Pokerspiel aufgrund der Glücksspieleigenschaften gerade nicht dazu geeignet ist."
    Damit hat der Herr Dr. sich maximal disqualifiziert und scheint ebenso wenig von den Dingen zu verstehen wie die Richter.
  • nairolf83

    #6

    Interessantes Interview, das aber durchaus ein Lektorat vertragen könnte.
  • s1xth

    #7

    @ #5: Das muss er so vertreten, wenn er für seine Mandanten die Steuerfreiheit der Einkünfte geltend machen will; seine wirkliche persönliche Einschätzung muss das noch lange nicht sein.

    Was ich nicht ganz verstehe: Die Ausführungen des Finanzgerichts über das Verkaufen von Beteiligungen könnten doch dann Sinn machen, wenn es sich auf das Mark-Up beim Staken bezieht, oder? Dann durch ein Mark-Up erhöht sich die Rentabilität für den Stakee ja schon, sein Einsatz wird niedriger?
  • hypipe123

    #8

    also wenn man für gewinne steuern zahlen muss, dann muss man auch verluste von der steuer absetzen können!!! ( weil kein glücksspiel)
    damit macht der fiskus widerum verlust, weil wir rake zahlen und damit in der summe mehr geld verloren wird als gewonnen.
    (aber wahrscheinlich haben alle deutschen zusammen eine positive winrate, sodass sich das doch lohnt)
    zusätzlich kann man ja noch den rake als verlust abtreten^^
  • Westmacht

    #9

    Wenn ich jetzt im Lotto gewinne und anschließend von dem Gewinn lebe, bin ich dann ein Professioneller Lottospieler ?
  • EilatOne

    #10

    was denn nun? glücksspiel oder strategiespiel? mal so und mal so ...

    und wenn ich nun jeden monat 2K aus ner erbschaft beim roulette verzocke? bin ich dann unternehmer? weil? und warum nicht? ah also doch ... oder wie ... sick
  • mexpauer

    #11

    tl;dr
  • Pokernobbi

    #12

    Wenn ich Gewinne aus Pokerspiel versteuern muss, kann ich dann auch eine Pokerverluste geltend machen und so meine Einkommenssteuer mindern?
  • mukzr

    #13

    @12... das gleiche interessiert mich auch. es wird immer nur von gewinnen gesprochen. was wäre denn, wenn pokereinkommen einkommensteuerpflichtig wird? dann könnte man doch auch die verluste absetzen?

    und noch eine frage: angenommen man spielt break-even... und hat ausschließlich rakeback als einnahme... wird das dann steuerrechtlich gleich behandelt, oder gibts da unterschiede?
  • lippo81

    #14

    "es ist nunmal ein unterschied ob man omaha spielt oder hold'em..." - nein! es ist ein unterschied ob man omaha oder texas spielt
  • justice2007

    #15

    "In der Urteilsbegründung ging es auch fiel um ein Interview"

    das f in fiel weg und ein v dafür.

    btw, wenn ihr schon dabei seid fehler zu beheben, die kommentare sind nach unten gerutscht. die gehören nach rechts. wundert mich das es noch keinen aufgefallen ist.
  • justice2007

    #16

    dann werde ich jetzt mal auch verluste geltend machen ;)
  • Farnemo

    #17

    Sehr interessantes Interview, danke dafür!
  • Achilleus

    #18

    Das Finanzamt gehört wie die GEZ zu den aller größten Verbrecher in diesem Land.
  • eel76

    #19

    Das Interview finde ich sehr interessant. Persönlich finde ich die Besteuerung von Pokergewinnen auch gut, denn dann wird endlich mal die Grauzone verlassen. Jeder ernsthafte Spieler hier sieht Poker als Skill-Game, und dennoch wollen viele Leute für sich mal wieder nur die Vorteile aus der Sache herausziehen. Was halt wirklich fehlt, das ist eine einheitliche Rechtssprechung/Sichtweise. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob er unter diesen Bedingungen (in Deutschland) spielen will. Wer weiss? Vielleicht kommt ja auch eine Regelung heraus, die den Besonderheiten von Poker gerecht wird (bei der z.B. die hohe Varianz berücksichtigt wird und nicht jedes Jahr (oder zwei Jahre) getrennt besteuert werden, d.h. das Finanzamt pickt sich nur die Rosinen heraus).
  • Selly123456

    #20

    "Der Satz macht schon grammatikalisch wenig Sinn."

    Dieser Satz _ergibt_ auch keinen Sinn...
  • BrEaKdOwNpG

    #21

    vielleicht sollte man richter werden. viel verstand brauch man dafür wohl nicht :coolface:
  • ritschy22

    #22

    klar wenn es eine unternehmerische tätikkeit ist kannst du auch verluste geltend machen. die nachweißbarkeit ist für dich zwar schwierig aber irgendwie schon möglich.
    ---------

    Unterm Strich würde ich sagen die Nachweisbarkeit ist immer schwierig, aber im Zweifel kann der Spieler sicherlich besser nachweisen wo er wann gespielt hat, als das finanzamt.

    demzufolge werden dann sicherlich mehr verluste angezeigt als gewinne, dass bedeutet -EV Steuereinnahmen.
    --->deshalb ist es ein einzelfall
  • stretchi187

    #23

    Nun ja dan hätte man ja damals sogar eine sogennante ICH AG als Pokerspieler führen können. Naja
  • Flowjob

    #24

    Lol @ 8 - notsireifsrs
  • SniffvsSnaf

    #25

    Danke für das Interview - war jetzt auf jedenfall fällig!

    Natürlich müßte man auch die Verluste absetzen können. Doch der Staat hat hier einen prima Kniff auf Tasche... Wenn du immer nur Verluste machst, dann bezichtigt er dich der Liebhaberei! Dann kannst du gar nichts absetzten! (Angabe ohne Gewähr)

    Ein neuer Aspekt, den mir dieses Interview vermittelt, ist die Tatsache, dass nicht alle Pokervarianten gleich zu behandeln sein sollten.

    Soll die UST nach FA Münster, dem Gewinn jetzt hinzugerechnet werden, oder ist sie in den Gewinnen schon inklusive? Wem soll ich überhaupt die Rechnung stellen - allen die mitgespielt haben in genauer Höhe oder dem Veranstalter??? Ist das FA Münster der Meinung, das ich, wenn ich meine Ausgaben nachweisen kann dann theoretisch auch
    Umsatzsteuer gegenrechnen kann? Nur vom wem soll ich hier wiederum verlangen, das er mir eine Rechnung mit dem enthaltenen Umsatzsteuerbetrag schreibt. Gelten Eigenbelege bei der Umsatzsteuer die ich abziehen will denn überhaupt (doch wohl kaum!).

    Ab wieviel Händen pro Jahr, wieviel Gewinn, wieviel Umsatz sollte man den jetzt mal (so in DE steuerpflichtig :coolface:) mit dem FA reden???
  • Kick4Ass

    #26

    Also ich habe für mich persönlich immer den Eindruck wenn ich Statements von Anwälten lese das es immer so ein Bla Bla oder netter ausgedrückt "Reden um den heißen Brei " ist.
    Zum Glück braucht man den Kram als Hobbyspieler nicht.
  • Anonym92

    #27

    Also ich habe für mich persönlich immer den Eindruck wenn ich Statements von Anwälten lese das es immer so ein Bla Bla oder netter ausgedrückt "Reden um den heißen Brei " ist.
    Zum Glück braucht man den Kram als Hobbyspieler nicht.
  • Giezl

    #28

    Es kann aber auch sein, dass jemand aus Mathematischer Sicht -EV gespielt hat, und nur durch Glückssträhne gewonnen hat. Muss er dann auch Steuern zahlen?
    Und warum sind die Kommentare immer noch unten, bitte nach rechts oder links!!!!!
  • TobiasNRW

    #29

    Versteht hier einer warum Umsatzsteuer? Er hat weder was verkauft noch eine Dienstleistung erbracht. Einkommenssteuer würde ich noch verstehen.
  • domman40

    #30

    Der Staat biegt sich das so, wie er es braucht, gerade wenn es ums Geld geht. Schließlich braucht man ja immer genug Nachschub zum Verschwenden.