Erklärt: Warum gamblen professionelle Pokerspieler?

Beim Poker dreht sich alles darum, einen langfristig positiven Erwartungswert zu erreichen. Warum stürzen sich viele der besten Spieler der Welt dann aber immer auch wieder in reine Glücksspiele?

Jeden Tag treffen viele neue Spieler bei PokerStrategy.com ein, daher müssen wir berücksichtigen, dass manch eine Diskussion von erfahrenen Spielern wie Kauderwelsch auf Neulinge wirken kann. Wenn also eine Story in der Pokerszene Schlagzeilen macht, die nur für fachkundige Spieler Sinn ergibt, versuchen wir das Ganze in einem Artikel für Neulinge verständlicher zu erklären.

Ein Bereich, bei dem häufig Missverständnisse bei Leuten auftreten, die gerade erst auf Poker gestoßen sind, ist die Frage, wie viel Gambling (also reines Glücksspiel) dabei eigentlich involviert ist. Entweder es wird angenommen, dass Poker an sich pures Glücksspiel ist und Skill keinerlei Einfluss hat. Oder man nimmt an, dass die Fähigkeiten entscheiden und der bessere Spieler immer gewinnen wird.

Hat sich dann schon jemand etwas in die Materie Poker hineingefuchst, überwiegt für gewöhnlich die Ansicht, dass es tatsächlich mehr um Skill als Glück geht. Dann kann es natürlich sein, dass man sich recht schnell mal am Kopf kratzt, wenn man sieht, wie Elitespieler am Gamblen sind, von denen man eigentlich dachte, sie wären perfekte Pokermaschinen mit einem unersättlichen Blick auf den Erwartungswert.

Vor Kurzem sorgte zum Beispiel wieder Short Deck Poker bei der Triton High Roller Series für Aufruhr. Dabei handelt es sich um eine Version von No-Limit Hold'em mit weniger Karten, sodass mehr Spieler eine starke Hand bilden können, wodurch nicht zuletzt die Skilledge verringert wird. Dann sieht man den Sommer über noch Gus Hansen beim Flippen einfach mal $42.000 riskieren oder zu Jahresbeginn Jake Cody £42.000 von einem Turniergewinn bei einer einzigen Runde Roulette setzen.

Wie kann es sein, dass die besten Spieler eines vermeintlichen Skillgames, bei dem alles darauf ausgelegt ist, stets mit positivem Erwartungswert zu spielen, dennoch gewillt sind, immer mal wieder ihre Edge abzugeben und sich reinem Glücksspiel zu unterwerfen?

Glück ist ein Teil von Poker

Es gibt zwei Antworten auf diese Frage und die erste ist offensichtlich: Glücksspiel ist unterhaltsam. Während es beim Background eines typischen Pokerspielers heutzutage reichlich Vielfalt gibt, darunter auch e-Sports, haben in der Vergangenheit die meisten Spieler das Spiel auf traditionellem Wege direkt im Casino kennengelernt. Poker stand schon zu der Zeit etwas abseits der eigentlichen Spiele des Hauses, da man selbst Einfluss auf den Ausgang nehmen konnte und nicht Sklave der ungünstigen Chancenverteilung bei den anderen Casinospielen war.

The new game in Bobby’s Room - 7 handed 42K flip - 294K in the middle - Very Sick!

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Das bedeutet jedoch nicht, dass traditionelles Glücksspiel für manche keine Möglichkeit darstellt, um etwas Dampf abzulassen und Spaß zu haben. Bevor nun jemand direkt die Augenbrauen hochzieht: Glücksspiel ist keinesfalls etwas, das man glorifizieren sollte. Es kann harmlose Unterhaltung darstellen, wenn man sich kontrollieren und einen Verlust der gesetzten Summen problemlos leisten kann. Bei all den spaßigen Geschichten, die so zustande kommen, gibt es jedoch auch etliche menschliche Tragödien, die auf die Kappe von Glücksspiel gehen. So haben sich bereits auch viele sehr talentierte Pokerspieler aufgrund von Kontrollverlust an den Wettschaltern verloren.

Ich persönlich habe zwar kein Problem damit, wenn ein erwachsener Mensch sich entscheidet, etwas Spaß bei Spielen mit negativem Erwartungswert zu haben, bin jedoch auch froh, dass Poker immer weniger in direktem Bezug zum Casino steht.

Action geben, um Action zu bekommen

Die andere vermutlich bessere Antwort, warum Pokerspieler auch mal ihre Edge an den Tischen aufgeben, ist, dass es sich dabei um eine durchdachte langfristige Strategie handelt. Um als professioneller Pokerspieler überleben zu können, müssen sich regelmäßig unterlegene Spieler in die eigenen Partien verirren. Es bringt nichts, einer der besten Spieler der Welt zu sein, wenn man dann nur gegen die anderen besten Spieler der Welt antritt.

Das Problem ist, dass es Hobbyspielern natürlich keinen Spaß macht, von den Profis komplett gecrusht zu werden. Da macht es schon deutlich mehr Spaß, wenn auch die ambitionierten Spieler etwas gamblen und ihnen eine Gewinnchance lassen. Schnelle Strukturen, Straddle-Einsätze, Propbets, Formate mit geringer Edge etc. sind alles Wege, um zu gewährleisten, dass Hobbyspieler nicht völlig überrannt werden und folglich zurück an die Tische kehren.

Das ist einer der Gründe, warum Spin & Gos aktuell auch bei Grindern eines der beliebtesten Formate sind. Die Stacks sind niedrig, die Skilledge ist gering und genau das gepaart mit der Jackpotchance sorgt dafür, dass sich Hobbyspieler vermehrt in die 3-Spieler-Turniere stürzen und oft genug gewinnen, um sie eine Weile weiterzuspielen (und weiter einzuzahlen). Es ist unwahrscheinlich, dass dieselben Spieler den gleichen Spaß bei einem Cashgame mit 250 Big Blinds gegen einen Tisch voller multitablenden Regulars hätten. Wenn man sich zwischen einem Mehr an Hobbyspielern bei geringerer Skilledge und einem Weniger an Hobbyspielern mit höherer Skilledge entscheiden müsste, würde ich sagen, dass die Partien mit mehr Hobbyspielern langfristig die bessere Wahl für die Grinder unter uns sind.

Je höher die Stakes, die man spielt, desto wichtiger wird das. Das könnte mitunter der Grund sein, warum Short Deck Hold'em in seinen Anfängen vor allem mit ultrahohen Stakes gespielt wurde. Es scheint fast so, als hätte man direkt beim Entwerfen des Spiels die nach Action gierenden Geschäftsmänner im Hinterkopf gehabt. In gleichem Maße sind einige der höchsten Partien privat und sehr schwer zu erreichen, es sei denn man ist gewillt, auch mal um Unsummen zu gamblen. Wenn man sich die alten Folgen von High Stakes Poker bei YouTube anschaut, kann man genau diese Dynamik in Aktion sehen. Spieler wie Tom Dwan hatten kein Problem damit, auch mal auf ihre eigentlich überragende Edge zu verzichten, um erneut eingeladen zu werden. Während Phil Galfond zum Beispiel ein berüchtigt tightes Spiel gezeigt und nie wieder eingeladen wurde.

Es gibt ein altes Sprichwort beim Poker, das hier perfekt passt: Man kann ein Schaf tausendmal scheren, aber nur einmal schlachten. Selbst die diszipliniertesten Spieler gamblen also hin und wieder, weil sie wissen, dass der vorhandene Skill nur ein Aspekt in der Karriere eines Gewinners ist. Es ist genauso wichtig, dass man den Verlierer bei Laune hält und er unterhalten wird.

Gibt es andere Pokerkonzepte, über die ihr gestolpert seid, die ihr jedoch überhaupt nicht versteht? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

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Kommentare (3)

Neueste zuerst
  • CMB

    #1

    Fuerst, auch im Winter..
  • Spielstephan

    #2

    Ja beim Omaha, da bekommt man 4 Karten, darf aber nur 2 nutzen, da könnte man jedem gleich nur 2 geben....
  • Athom87

    #3

    gamblen schützt vor monotonen spielen