Erklärt: Warum man im Multiway-Pot den Mund hält

Aus gegebenem Anlass erklären wir Neulingen (und Phil Hellmuth), warum man sich lieber bedeckt halten sollte, wenn drei oder mehr Spieler in eine Hand involviert sind.

Jeden Tag treffen viele neue Spieler bei PokerStrategy.com ein, daher müssen wir berücksichtigen, dass manch eine Diskussion von erfahrenen Spielern wie Kauderwelsch auf Neulinge wirken kann. Wenn also eine Story in der Pokerszene Schlagzeilen macht, die nur für fachkundige Spieler Sinn ergibt, versuchen wir das Ganze ab jetzt in einem Artikel für Neulinge verständlicher zu erklären.

Die kontroverseste Hand der letzten Woche und vermutlich der gesamten World Series of Poker in diesem Jahr ereignete sich in einem Multiway-Pot zwischen Phil Hellmuth, Alex Kuzmin und James Campbell.

Auf einem 4310 Flop setzte Kuzmin mit K2 3.000 Chips. Hellmuth erhöhte auf 6.000 mit 77, woraufhin Campbell für 26.200 mit A9  All-in ging. Nun war wieder Kuzmin an der Reihe, doch bevor er seine Aktion vollzog, hatte Hellmuth bereits eine seiner üblichen Schimpftiraden gegenüber Campbell gestartet und gab im Wesentlichen preis, dass er folden würde. Kuzmin entschied sich daraufhin zu callen, traf eine Zwei und Campbell flog aus dem Turnier.

Vieles war falsch an der Hand und der Art und Weise, wie sich Phil Hellmuth im Nachhinein in den sozialen Medien verhielt. Aber wir wollen uns zunächst auf den Regelverstoß an sich beschränken. Warum genau ist derartige Kommunikation in Multiway-Pötten untersagt?

Ein rundenbasiertes Spiel

In einem Multiway-Pot kommt das Verhalten von Phil Hellmuth im Grunde einem Spielzug gleich, obwohl er nicht an der Reihe ist. Wenn man Aspekte wie physische Tells außer Acht lässt, mit denen man unbewusst jederzeit Informationen kommuniziert, ist Poker schlichtweg ein rundenbasiertes Spiel, bei dem man mit einer Aktion den Ausgang einer Hand nur beeinflussen und Informationen preisgeben darf, wenn man tatsächlich an der Reihe ist. Es ist nicht erlaubt, einen Einsatz zu bringen oder seine Hand vorzeitig zu folden, wenn jemand anderes am Zug ist – egal wie nötig man auf die Toilette muss.

Der Grund ist offensichtlich: Wenn man eine Aktion ausführt, obwohl man nicht an der Reihe ist, bekommen andere Spieler einen Informationsvorteil. Wenn man seinen Platz verlässt und damit praktisch seine Hand aufgibt, weiß ein Spieler, der zuvor am Zug ist, dass er einen Gegner weniger hat, um zum Beispiel die Blinds zu stealen. Im Falle der umstrittenen Hellmuth-Hand wusste Kuzmin schlichtweg, dass er sich keine Sorgen um einen Call von Hellmuth machen musste.

Das war unfair gegenüber Campbell, denn der Call von Kuzmin mit einer mittelprächtigen Hand in solch einer Situation fällt deutlich schwerer, wenn noch die Möglichkeit eines Overcalls durch Hellmuth besteht. Entsprechend wird Campbells Push auch stärker auf Hellmuth gewirkt haben, wenn er direkt gegen zwei Leute All-in geht.

Über die eigene oder gegnerische Hand zu sprechen, wenn man sich in einem Heads-up-Pot befindet, ist etwas völlig anderes, da man sich nur gegenseitig beeinflussen kann. Zudem kann man vermuten, dass derjenige, der in einem Duell mehr redet, am Ende mehr Informationen über seine eigene Stärke preisgeben wird, als er über die Hand des Gegners in Erfahrung bringen kann. In vielen Fällen ist es sogar erlaubt zu sagen, welche Hand man hat, wenn man denn so will. Eine Option, die zum Beispiel Jamie Gold auf seinem Weg zum Main-Event-Sieg 2006 gerne gezogen hat:

Was war das Motiv?

hellmuth poker
Emotionales Kleinkind oder kalkulierender Betrüger?

Die große Frage, die bleibt: War es ein kalkulierter Move von Phil oder einfach einer seiner typischen unkontrollierten Gefühlsausbrüche? Im letzteren Fall kann man das Ganze sicherlich vergeben, auch wenn eine Strafe fällig wäre, vor allem wenn man bedenkt, wie lange Hellmuth schon als Pokerspieler aktiv ist und die Regeln mittlerweile kennen sollte. Falls er jedoch absichtlich seinen Fold vorab verraten hat, damit ein Ausscheiden Campbells wahrscheinlich wird, dann ist es ein klarer Betrugsfall ähnlich wie Collusion. Ich für meinen Teil vermute, dass Phil schlichtweg die emotionale Kontrolle eines Kleinkinds besitzt und nicht ansatzweise machiavellistisch genug veranlagt ist, um einen hinterlistigen Move dieser Art zu konstruieren. Gut aussehen tut er jedenfalls in beiden Fällen nicht.

Der beste Ratschlag für neue Spieler, die sich nun durch solch eine Kontroverse verunsichert fühlen, was das Spiel an Live-Tischen betrifft: Wartet einfach darauf, dass der Dealer euch signalisiert, dass ihr an der Reihe seid, bevor ihr irgendetwas macht. Damit lassen sich bereits 90% aller Probleme umgehen, über die man beim Live-Poker stolpern könnte, insbesondere in Multiway-Pötten. Es ist schon etwas kurios, wenn nicht sogar traurig, dass man denselben Ratschlag auch dem erfolgreichsten WSOP-Spieler der Geschichte noch einmal mit auf den Weg geben muss.

Gibt es andere Pokerthemen, über die ihr gestolpert seid, die ihr jedoch überhaupt nicht versteht? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

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Kommentare (3)

Neueste zuerst
  • Fantomas741

    #1

    Lustig ist das Phil eigentlich die Hand gewonnen hätte :D
  • CptJokerFish

    #2

    Viel lustiger ist das Phil die Hand missplayed hat. :-D
  • todei

    #3

    "Jeden Tag treffen viele neue Spieler bei PokerStrategy.com ein"

    musste schumzeln!