GTO-Pokertheorie: Der Attributionsfehler

Wer all seine Verluste auf schlechte Varianz zurückführt, Verluste bei den Gegnern aber auf Unvermögen, sollte die Korrespondenzverzerrung auf dem Schirm haben.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Der Attributionsfehler (oder auch die Korrespondenzverzerrung) ist ein Begriff der Sozialpsychologie und beschreibt eine kognitive Verzerrung, bei der wir das Verhalten anderer einer internen Disposition oder Neigung zuschreiben, während wir bei der Bewertung unserer eigenen Entscheidungen eher äußere Faktoren in den Fokus rücken.

Das klassische Beispiel ist die Fahrt im Auto, wenn uns jemand im Verkehr schneidet. In solch einem Fall schreiben wir die aggressive Fahrweise des anderen vermehrt einem inneren Charakterzug oder Auslöser zu, wie zum Beispiel, dass er egoistisch, unhöflich oder verärgert ist. Sind wir jedoch diejenigen, die jemanden im Verkehr schneiden, rationalisieren wir unser Verhalten schnell mit äußeren Faktoren, wie zum Beispiel, dass wir spät dran sind und pünktlich zur Arbeit müssen. Statt anzunehmen, dass andere Verkehrsteilnehmer, die uns schneiden, selbst gerade in Eile sind und vielleicht eine schwangere Frau ins Krankenhaus bringen müssen, nehmen wir stattdessen einfach an, dass es allesamt Arschlöcher sein müssen

Der Attributionsfehler wurde seit seiner Popularisierung durch Lee Ross im Jahr 1967 sehr umfassend diskutiert, konzeptionell repliziert und erläutert. Sobald man die kognitive Verzerrung auf dem Schirm hat, kann man sie in einer Vielzahl von Situationen erkennen und dieses Bewusstsein nutzen, um nicht allzu voreilig über andere zu urteilen. Insbesondere in der politischen Debatte sieht man den Attributionsfehler häufig in voller Entfaltung, wenn die Parteien am anderen Ende des Spektrums einfach als grundsätzlich bösartig angesehen werden, während die Übeltäter in den eigenen Parteireihen einfach nur Opfer der Umstände sind.

Bloß nicht in einen Read vernarren

poker shark and fish
Immer bereit sein, den Read auf andere Spieler zu überdenken

Sobald man den Attributionsfehler verstanden hat, kann er einem in zwei Formen am Pokertisch begegnen.

Zum einen kann er sich in der Art und Weise äußern, wie wir unsere Gegner kategorisieren. Die Etablierung von Reads und das Verfassen von Notes zu Gegenspielern ist ein wesentlicher Bestandteil des Spiels. Wir müssen für unsere Gegner ein Profil erstellen, damit wir einen Gameplan erarbeiten können, mit dem wir gegen sie spielen.

Der Attributionsfehler sollte uns dabei signalisieren, wie wichtig es ist, die Reads auf einen Gegner regelmäßig zu überdenken. Es gibt so viele unbekannte Variablen beim Poker, dass wir vermeiden sollten, von einem Image auch wirklich überzeugt zu sein, bis wir eine sehr große Anzahl an Händen vom Gegenüber verfolgt haben.

Wenn in der ersten wichtigen Hand, die wir gegen jemanden spielen, zum Beispiel unser 4-Bet-All-in mit Q9 offsuit gecallt wird, könnte man sich natürlich direkt eine Note machen, dass es sich um einen kompletten Maniac handelt. Man sollte aber stets in der Lage sein, seinen Read auch wieder zu ändern. Abseits der Vermutung, dass er nicht mehr alle Latten am Zaun hat, kann es eine Vielzahl von Gründen geben, warum solch ein Call bei unserem Gegenüber zustande kam. Es könnte ein Misclick gewesen sein, er könnte absichtlich für sich ein gewisses Image etablieren wollen, er könnte genau an diesem Abend zu tief ins Glas geschaut haben, er könnte auf niedrigeren Stakes als üblich unterwegs sein und nur zum Spaß spielen, er könnte spät dran sein und wollte einfach mal gamblen usw. usf. Die Liste lässt sich beliebig lang fortsetzen.

Bis man andere Informationen vorliegen hat, ist die vernünftigste Reaktion natürlich erst einmal anzunehmen, dass er ein Maniac ist. Ändert sich jedoch die Sachlage, sollte man auch umgehend in der Lage sein, seinen Read anzupassen, da der Gegner schlichtweg auch aus etlichen externen Gründen ein Play vollzogen haben könnte, anstatt dass es sich um seine grundlegende Spielweise handelt.

Schluss mit Voreingenommenheit

Der andere Aspekt, den der Attributionsfehler beim Poker verdeutlicht, ist, wie schnell wir unsere eigenen Fehlentscheidungen mit externen Faktoren rechtfertigen und entschuldigen. Das beste Beispiel hierfür ist natürlich das schlechte Ergebnis einer Session auf negative Varianz anstatt auf mögliche Misplays zu schieben.

Diese Denkweise schleicht sich beim Poker sehr schnell in den Kopf und ist entsprechend weit verbreitet unter den Spielern. Wir tendieren ohnehin grundsätzlich dazu, dass unsere Verluste auf Pech zurückzuführen sind und der Attributionsfehler unterstreicht diese Voreingenommenheit umso mehr. Statt über die Dinge nachzudenken, die wir eventuell in einer Hand hätten anders machen können, schreiben wir den schlechten Ausgang im Zweifel lieber der Laune des Pokergotts zu.

Um dem Attributionsfehler etwas Einhalt zu gebieten, hat Mentalcoach Jared Tendler eine sehr einfache Verfahrensweise entwickelt, mit der man sein eigenes Spiel überprüfen sollte. Bei jedem Review einer Session sollte man sich aneignen, so objektiv wie möglich zu beantworten, wie groß der Einfluss der drei folgenden Faktoren beim Zustandekommen des Ergebnisses war:

  • Der eigene Skill
  • Der gegnerische Skill
  • Die Varianz

Naturgemäß wird man je nach Resultat entweder dem ersten oder letzten Punkt den größten Einfluss beimessen. Macht man die Vorgehensweise aber zur Routine, wird man im Laufe der Zeit feststellen, dass man sich bei jedem Review unmittelbar die richtigen Fragen stellt, ohne direkt zu dem Schluss zu kommen, dass die gesamte Gegnerschaft mal wieder aus Donks und Maniacs bestanden hat und lediglich Pech dafür gesorgt hat, dass man nicht mit einem dicken Plus nach Hause gegangen ist.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?

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Kommentare (3)

Neueste zuerst
  • lagern

    #1

    ...................................Fürst.....................................
  • lagern

    #2

    ...................................Fürst.....................................
  • Burkart

    #3

    Tja, viele Aspekte spielen eine Rolle - wir sind halt nur Menschen und keine Roboter :)