GTO-Pokertheorie: Der Kobra-Effekt

Der nächste Artikel zu Einblicken in die Welt der Spieltheorie und Wirtschaft beschäftigt sich mit dem Phänomen des Verschlimmbesserns und wo man es in der Pokerindustrie beobachten kann.

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Lösungsansätze für Probleme können auch in das Gegenteil umschlagen

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Wer eine Rolle im Herbeiführen von Veränderungen hat, ob nun politisch, wirtschaftlich oder in welchem Bereich auch immer, sollte falsch gesetzte Anreize und daraus resultierende unbeabsichtigte Konsequenzen auf dem Radar haben. Immer wieder wird nämlich ein Phänomen beobachtet, bei dem man die falsche Art von Anreiz zum Lösen eines Problems setzt, was nur zur Folge hat, dass neue Probleme daraus entstehen.

Ein typisches Beispiel dafür wäre die Zustimmung zu einem hohen Stundenlohn für einen Anwalt oder Handwerker. Der Beauftragte hat dann keinen direkten Anreiz einen guten Job zu machen, sondern den Auftrag in die Länge zu ziehen, um am Ende mehr Stunden abrechnen zu können. Die faulen Säcke, die im vergangenen Jahr mein Wohnzimmer neu dekoriert haben, wissen genau, wovon ich spreche.

Hinzu kommt ein weiteres sehr interessantes Phänomen genannt der Kobra-Effekt, bei dem die Lösung für ein Problem paradoxerweise dafür sorgt, dass das Problem sogar noch verstärkt wird. Der Name ist zurückzuführen auf ein angeblich historisches Ereignis in Indien, als ein britischer Gouverneur einer Kobraplage Herr werden wollte und dazu ein Kopfgeld für jede getötete Kobra aussetzte. Die Bevölkerung sorgte jedoch nicht wie gehofft für eine Ausrottung der Schlangen, sondern fing vielmehr an die Reptilien in noch größerem Ausmaß zu züchten, um so viele Kopfgelder wie möglich einzusacken.

Im kolumbianischen Bogota wollte die Regierung einst der Umweltverschmutzung durch den Straßenverkehr Einhalt gebieten, indem eingeteilt wurde, wann man mit seinem PKW unterwegs sein durfte. Endete das Nummernschild bspw. auf 1, 2, 3 oder 4, durfte man freitags sein Auto nicht benutzen. Statt aber die Abgase zu verringern, sorgte die Maßnahme dafür, dass die Verschmutzung noch schlimmer wurde. Jeder Bürger beschaffte sich fortan mehrere Autos, um jeden Tag fahren zu können, und griff dabei auf billige Varianten zurück, die schädlicher für die Umwelt waren.

Es gibt auch einen berüchtigten Cousin des Kobra-Effekts genannt der Streisand-Effekt, bei dem man versucht, jemanden mundtot zu machen, aber der Zensurversuch so hohe Wellen schlägt, dass er noch mehr Aufmerksamkeit auf den Sachverhalt lenkt. Zurückzuführen ist der Name auf die $50-Millionen-Klage von Barbara Streisand, die damit die Verbreitung von Luftaufnahmen ihres Anwesens im Internet bekämpfen wollte, das Ganze jedoch nur dazu führte, dass Millionen von Menschen die Aufnahmen sahen.

Falsche Anreize durch Promoaktionen

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Hohes Rakeback hat einen Anreiz zum Mass-Multitabling geschaffen

Den Einfluss falscher Anreize beim Poker kann man besonders im Bereich der Promoaktionen von Live- und Online-Pokeranbietern beobachten, mit denen man Spieler an die Tische bewegen will.

Seit mittlerweile Jahren versucht man seitens der Pokerräume die angemessene Menge an Prämien für Spieler mit hohem Spielvolumen zu finden. Es ist klar, dass die loyalsten Kunden egal in welchem Geschäftsfeld besonders belohnt werden sollten. Wenn die Prämien jedoch zu hoch sind, kann genau das auch dazu führen, dass sich alles nur noch um das Spielvolumen und die Menge an Händen dreht, anstatt dass das Spiel an sich noch vernünftig gespielt wird.

Das beste Beispiel dafür sind besonders hohe Rakeback-Deals. Vor fünf bis zehn Jahren war es Gang und Gäbe, dass man bis zu 60% oder mehr Rakeback erreichen konnte. Der Versuch, so mehr Spieler an die Tische zu bringen, sorgte jedoch dafür, dass vor allem mehr gute Spieler auf den Lowstakes aktiv wurden, dort sehr tight spielten und die Partien für die restliche Spielerschaft deutlich verlangsamten. Selbst als Breakeven-Spieler konnte man so noch eine gesunde Menge an Profit machen. Die Partien wurden jedoch äußerst tough und langweilig für Hobbyspieler, die nach wie vor die deutlich überwiegende Menge der Spielerschaft ausmachen und allein dafür verantwortlich sind, dass immer wieder Geld in das System gepumpt wird.

Aus diesem Grund haben dieser Tage viele Anbieter ihre Prämienpolitik überdacht und die Anreize für hohes Spielvolumen zurückgeschraubt, während die Partien immer weiter beschleunigt wurden. Die Konsequenzen dieses einschneidenden Wechsels in der grundlegenden Strategie, was Prämien betrifft, bleiben noch abzuwarten, aber mitunter ergab sich daraus für manch einen Anbieter bereits das Problem, dass man eigentlich mehr Neukunden an die Tische bringen wollte, die bestehenden Kunden jedoch aufgrund der schlechteren Belohnungen zur Konkurrenz abwanderten.

Falsche Anreize durch Satellites

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Satellites werden auch ohne jegliches Interesse am Live-Event gespielt

Ein ähnliches Beispiel kann man beim Poker im Bereich der Satellites beobachten. Das Ziel bei den Turnieren ist, dass mehr Leute ihren Weg in ein Event mit hohem Buy-in finden, das sie aufgrund der Kosten im Normalfall nicht spielen würden. Lange Zeit haben Anbieter das Spielen von Satellites zusätzlich gefördert, indem sie es gestatteten, dass man bei erfolgreicher wiederholter Qualifikation ein Event-Package auch in Cash umwandeln konnte oder man bei Abmeldung vom Turnier das Buy-in in Turnierdollar erhielt.

Das hat die Teilnehmerzahlen bei Satellites natürlich gestärkt, aber zugleich wurde auch klar, dass die meisten Spieler, die sich erfolgreich qualifizierten, gar kein Interesse am Zielturnier hatten. Vielmehr wurde das Spielen von Satellites an sich sehr profitabel, sodass viele stärkere Spieler angelockt wurden. Direkte Konsequenz daraus war, dass schwächere Hobbyspieler, die man eigentlich in die Events bringen wollte, es fortan schwieriger hatten sich zu qualifizieren und die Teilnehmerzahlen der Zielturniere nicht wie erwartet anstiegen. Aus diesem Grund kann man bei den meisten Anbietern bei erfolgreicher Satellite-Qualifikation mittlerweile nur das jeweilige Zielturnier oder ein ähnliches Event spielen, ohne dass es eine Umwandlung in Cash oder Turnierdollar gibt.

Der Kobra-Effekt und die Konsequenzen, die sich aus falschen Anreizen ergeben, sind überall im Leben zu beobachten. Besonders interessant wird es vor allem im Bereich der Politik, wenn grundlegende Änderungen diskutiert werden. Auf Poker begrenzt kann man unter Berücksichtigung des Phänomens die eigene Auswahl von Partien und Promos smarter gestalten, weiß man doch besser, wen genau es dadurch vermehrt an die Tische und in die Partien treibt.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

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Kommentare (3)

Neueste zuerst
  • CMB

    #1

    Fuerst, wie immer. Und Weissheiten von Gestern, immerhin.
  • CMB

    #2

    Wieso gibt es zum Thema multitabling ein demo bild von Elko und nicht von Boku? War das so schwer?
  • turoo

    #3

    muss man werbung nicht als solche markieren?