Jason Somerville: "Twitch nimmt gerade erst Fahrt auf"

Wir unterhalten uns mit dem Twitch-Pionier vom Team PokerStars über sein neues Studio, das Wachstum von Twitch und fragen nach, ob Streamer zwangsläufig auch Winning-Player sein sollten.

Deine Aktion "Twitch Superstar", bei der ein Platinum Pass vergeben wird, unterscheidet sich von anderen Qualifikationswegen für das Megaevent. Statt ein Turnier zu gewinnen oder einfach nur Glück bei einer Verlosung zu haben, müssen die Kandidaten bei dir tatkräftig etwas selbst auf die Beine stellen.

Jason Somerville: Das stimmt und das ist genau die Art von Spieler, die wir zu einer Laufbahn als Streamer ermutigen wollen. Das ist keine leichte Sache und sicherlich nicht für jedermann, aber wer es wagen möchte, kann damit eine sehr lohnende Richtung einschlagen. Mit der Aussicht auf einen Platinum Pass wird das Ganze dann natürlich nochmal umso attraktiver.

Bei deiner eigenen und der Challenge von Jamie Staples verhält es sich so, dass jemand, der nicht gewinnt, seine Zeit wohl immer noch in etwas Sinnvolles investiert haben dürfte.

Jason Somerville: Ja, das ist natürlich ein Problem, das man gerne hat. Man steckt Mühe und Aufwand in eine Sache, schafft es am Ende zwar nicht ganz, aber kann dennoch etwas Positives daraus mitnehmen. Das ist gut für das Publikum, gut für Twitch und gut für Poker insgesamt.

"Vegas ist nach wie vor der Mittelpunkt für Poker"

Jason Somerville

Der Start deiner Aktion hat sich mit der Ankündigung deines neuen Twitch-Studios in Las Vegas überschnitten. Wie wird das genau aussehen?

Jason Somerville: Ich arbeite seit mittlerweile fünf Monaten in dem Gebäude und habe versucht, einen Ort zu erschaffen, an dem man vollen Zugriff auf jegliche Ressourcen hat, die man als Twitch-Streamer benötigt. Ich habe Videobearbeiter, Grafikdesigner, Merchandise, Branding, Werberessourcen, Live-Events und technischen Support installiert – schlichtweg jede Art von Ressource unter einem Dach, die ein Streamer brauchen würde, um hier in Vegas erfolgreich zu sein. Ein Komplettstudio also, bei dem für alles gesorgt ist. Das war die Vision, die sich aus all den Lektionen ergeben hat, die ich in meiner bisherigen Laufbahn als Streamer gelernt habe. Das Studio soll so zugänglich wie nur möglich für die Leute sein, mit denen wir zusammenarbeiten.

Dass du dich nun in Vegas aufhältst, sorgt jedoch auch dafür, dass du aktuell von dort nicht bei PokerStars spielen kannst.

Jason Somerville: Ich wollte aus verschiedenen Gründen zurück nach Vegas. Es ist nach wie vor der Mittelpunkt schlechthin, was Poker betrifft, zumindest in den USA. Es war jahrelang meine Heimat und ich denke, dass auch die Zukunft von Poker in Nordamerika in Vegas liegen wird. Ich war seit Jahren als Streamer und Pokerspieler auf Achse, das Studio war also ein guter Anlass mal wieder etwas sesshafter zu werden und dabei etwas Tolles aufzubauen. Ich denke, dass Vegas eine weise Wahl sein wird, wenn sich die Regulierung von Online-Poker nach und nach durch die Staaten zieht.

Von dem bisschen, was ich weiß, scheint auch e-Sports mittlerweile eine wohl genauso große Präsenz wie Poker in Las Vegas zu haben.

Jason Somerville: Vegas war schon immer ein progressiver Ort und e-Sports hat man sich schneller als alle anderen Städte zu Eigen gemacht. Im Luxor ist hier ein fantastischer e-Sports-Palast entstanden und ich selbst hatte bereits jede Menge Meetings mit Casino-Bossen, die sich sehr für das Thema interessiert haben. Sie kennen Fortnite, sie kennen Ninja und sie kennen Twitch. Sie wollen alle ein Stück vom e-Sports-Kuchen und wissen genau, dass das Ganze immer mehr im Kommen ist.

"Es gibt noch so viel zu tun"

Das letzte Mal, als wir gesprochen haben, war Twitch noch relativ neu in der Pokerszene und es wurde spekuliert, was es für das Spiel bedeuten könnte. Mittlerweile ist es ein wichtiger Teil der Pokerindustrie. Welche Einblicke kannst du bieten, was die Anzahl an neuen Spielern betrifft, die nur durch Twitch auf Poker gestoßen sind?

Jason Somerville: Beim RunItUp-Channel allein haben wir bisher rund eine Milliarde Minuten an Pokercontent geboten. Ich weiß nicht exakt, wie viele davon von komplett neuen Spielern geschaut wurden, aber die Leere an Pokerinhalten in Nordamerika hat Twitch definitiv gefüllt. Jedes große Casino und jeder Turnierveranstalter ist in der einen oder anderen Form bei Twitch aktiv. Die Metrik, die man sich bei der Frage wohl anschauen sollte, sind die tausenden Zuschauer, die jeden Monat Poker bei Twitch verfolgen. Bei unserem letzten Gespräch war ich noch selbst hochaktiv und habe jeden Tag sieben Stunden am Tag gestreamt. Jetzt lasse ich es erstmal etwas ruhiger angehen und stelle eher die Frage, was braucht Poker bei Twitch als nächstes und was brauchen die Zuschauer als nächstes? Es gibt immer noch so viel zu tun. Das sehe ich als meine Mission. Poker weiterhin zu Wachstum verhelfen und dabei neue Wege finden, die vorher noch niemand auf dem Schirm hatte.

In der ambitionierten Pokercommunity gehört es mittlerweile fast zum guten Ton, dass man PokerStars in die Kritik stellt. Twitch ist jedoch zweifellos ein Bereich, wo sie mit ihrem Engagement hervorragende Arbeit leisten.

Jason Somerville: Ich finde es selbst beeindruckend, wie sehr sie sich der Sache verschrieben haben. Es war vor gar nicht so langer Zeit, dass ich in einem Raum mit den Köpfen von PokerStars saß, noch niemand Genaueres über die Plattform wusste und ich erstmal erläutern musste, worum genau es dabei geht. Mit 2.500 Stunden an Übertragungszeit galt es dann erstmal das Potenzial und die Möglichkeiten zu beweisen. Unter anderem habe ich dabei ein $1-Badugi-Homegame gestartet, bei dem innerhalb von 20 Minuten insgesamt 900 Teilnehmer zustande kamen. Danach war das Potenzial auch bei PokerStars auf dem Radar und jetzt legen wir gerade erst los!

Seit Kurzem habe ich das Gefühl, dass es einer Art Diskrepanz zwischen dem Publikum bei Twitch und dem eher seriösen Publikum in Pokerforen wie 2+2 gibt. Ist dir Ähnliches aufgefallen?

Jason Somerville: Ich denke zwar, dass es vom Interesse her sicherlich Überschneidungen gibt, aber es handelt sich tatsächlich um verschiedene Arten von Zuschauern. Ich würde darauf setzen, dass von den hundertausenden Viewern, die in diesem Jahr Poker bei Twitch verfolgt haben, nicht einmal 20% zuvor von 2+2 gehört haben. Am Ende des Tages ist es auch nicht das Publikum, auf das wir uns einstellen. Bei Twitch ist die Zuschauerschaft deutlich mehr im Casual- und Hobbybereich angesiedelt. Ich habe Unmengen an Respekt für die Leute bei 2+2, aber bei Twitch schaut ein anderes Publikum die Pokerübertragungen, das kann man allein auf Basis des Tons und des Stils der Zuschauer sagen. Mein Ziel ist es, stets unterhaltsamen und spaßigen Content zu liefern. Ich will, dass ein Typ in meinem Stream Spaß hat, der zum Beispiel gerade erst ein League-of-Legends-Turnier geschaut hat.

"Highstakes können ein hohes Produktionsniveau nicht schlagen"

Jason Somerville

Genau das habe ich selbst realisiert, als die Triton Series lief und Phil Ivey im Heads-up Daniel Cates gegenüberstand. Der meistgesehene Stream zu diesem Zeitpunkt war jedoch einer der alltäglichen von Lex Veldhuis. Die Zuschauer dort wussten wahrscheinlich nicht einmal, wer genau Phil Ivey eigentlich ist.

Jason Somerville: Die Fans, die den Stream von Lex verfolgen, tun das, weil sie ihn schlichtweg unterhaltsam finden. Die Qualität seiner Übertragungen ist komplett auf Twitch ausgerichtet. Die Story, wie sich jemand durch ein Turnier kämpft, ist für Zuschauer immer sehr attraktiv. Aber das war tatsächlich eine verrückte Sache, denn ich selbst war super begeistert, dass Phil Ivey endlich zurück war. Bei Twitch gibt es jedoch auch sehr viel Raum für verschiedene Arten von Übertragungen und Formaten. Wir sind noch lange nicht am Punkt der Sättigung angekommen.

Auch Bill Perkins hat man dort mal ein $100/$200-Cashgame einstreuen sehen, das nicht viele Views bekam. Denkst du, dass Turniere immer das bessere Format für Twitch bleiben werden, da sie eine spannendere Story erzählen?

Jason Somerville: Ich streame persönlich auch gerne Cashgames und habe hin und wieder sogar etwas 8-Game reingemixt. Mit einem deepen Run bei einem Turnier wird man jedoch immer mehr Zuschauer begeistern können. Genauso werden hohe Stakes bei Twitch auch nie hohe Produktionsqualität und fesselnde Streamformate in den Schatten stellen. partypoker hatte vor einer Weile mal eine Cashgame-Runde mit superhohen Stakes übertragen, die Views hielten sich jedoch in Grenzen. Dabei war es gar nicht so, dass das Ganze nicht interessant war, ganz im Gegenteil. Es war jedoch einfach nicht das, wonach die Zuschauer bei Twitch primär Ausschau halten. Es bedarf vieler kleiner Details, um eine Show bei Twitch aus der Sparte gut in die Sparte großartig zu hieven.

Mir haben uns schon vor einer Weile mal die Frage gestellt, ob ein Twitch-Streamer automatisch auch Winning Player sein sollte. Wie siehst du das?

Jason Somerville: Da kann ich nur klar nein sagen. Wenn man jemanden wie Kevin Hart nehmen und vor die Kamera bei Twitch setzen würde, dann dürfte er vermutlich auf den meisten Stakes untergehen, aber trotzdem eine Rekordanzahl von Views auf sich ziehen, da er schlichtweg dermaßen unterhaltsam ist. Ich denke, es gibt insgesamt ein paar verschiedene Rezepte für eine erfolgreiche Streamer-Laufbahn bei Twitch: Man kann zu den Gewinnern zählen und ein großartiger Spieler sein, der seine Gedankengänge erläutert. Man kann sehr unterhaltsam sein, vielleicht auf den Highstakes unterwegs sein, eine spannende Storyline auf Basis einer Bankroll-Challenge liefern oder sich in actionreiche Mixed Games stürzen. Unzählige verschiedene Formate und Themen sind denkbar, aber dass man zwingend zu den Gewinnern zählen muss, ist dabei nicht Voraussetzung.

Seid ihr selbst auf Poker bei Twitch gestolpert oder streamt dort eure Partien? Wir freuen uns auf eure Erfahrungen!

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Kommentare (2)

Neueste zuerst
  • lagern

    #1

    ....................................Fürst...................................................
  • 27suited

    #2

    Mag mal bitte einer zusammenfassen was da der Jason so sagt?