Maria Konnikova: "Ich will, dass mehr Leute pokern"

Im Gespräch mit der Buchautorin und Spielerin des Team PokerStars Pro erfahren wir mehr über die Arbeit an ihrem Buch über Poker und die guten und schlechten Seiten des Spiels.

Maria Konnikova

Als die Pokerwelt zum ersten Mal von dir gehört hat, erschien dein Werdegang wie eine der üblichen Underdog-Storys, bei denen man plötzlich aus dem Nichts einen großen Erfolg feiern kann. Dann hat man jedoch mehr von dir und all der harten Arbeit erfahren, die du in das Spiel gesteckt hast. Fühlst du dich dadurch etwas unter Druck gesetzt, da du aktuell ein wenig als Botschafterin für die Message "Harte Arbeit zahlt sich beim Poker aus" gesehen wirst?

Maria Konnikova: Ich denke, den meisten Druck mache ich mir selbst, weil ich mir beweisen will, dass ich den Erfolg wiederholen kann. Nach dem Sieg bei der PCA National hat es sehr geholfen, dass ich direkt danach den zweiten Platz bei einem größeren Event in Macau erreichen konnte. Davor gab es keinerlei Erwartungen an meine Person, mittlerweile ist es jedoch so, dass man mich tatsächlich etwas als Repräsentantin der ernsthaften und ambitionierten Seite des Spiels sieht, die natürlich kein One-Hit-Wonder bleiben sollte. Das ist sehr wichtig, denn ich will auf jeden Fall, dass die Leute merken, dass ich mich tatsächlich dem Spiel verschrieben habe und mehr Leute darauf aufmerksam machen will. Ich möchte, dass mehr Leute pokern, denn man lernt dabei einfach so viel über strukturierte Entscheidungsfindung. Wenn die ganze Welt auf diese Weise Poker spielen würde, wäre es ein besserer Ort, denn alle Entscheidungen hätten mehr Substanz und würden rationaler gefällt werden.

Auch die Mainstream-Medien verfolgen mittlerweile deinen Werdegang. Welche Fragen kommen aus dieser Richtung, die dir von Pokermedien eher nicht gestellt werden?

Maria Konnikova: Viele Menschen im Mainstream-Bereich haben keinerlei tieferes Verständnis von Poker. Da kommen dann Fragen, die eigentlich nur bei Cashgames relevant sind, obwohl es eigentlich um Turniere geht. Mittlerweile habe ich mir daher angewöhnt, vor jedem Mainstream-Interview ein bis zwei Minuten lang Turnierpoker grundsätzlich zu erläutern, zum Beispiel dass Chips dabei keinen direkten Geldwert haben etc. Allgemein sind die Medien natürlich immer besonders am Geld interessiert, denn hohe Summen ziehen automatisch. Dann gibt es noch viel Interesse am Lifestyle von Pokerspielern an sich und daran, dass ich eine Frau bin. Die Medien finden es immer sehr interessant, dass ich gerade als Frau einen Gambling-Lifestyle gewählt habe. Da muss man dann immer wieder versuchen zu erklären, dass Poker nichts mit reinem Glücksspiel zu tun hat und dass sich dabei langfristig immer die Spieler mit dem meisten Skill durchsetzen und Erfolg haben.

Ich finde man hat es in der Pokerindustrie etwas verpasst, noch mehr zu betonen, dass das Geschlecht oder körperliche Voraussetzungen keinen Unterschied machen, was möglichen Erfolg beim Poker betrifft. Wie denkst du darüber als Außenseiterin, die erst vor Kurzem so richtig in der Szene drin ist? Starke Spielerinnen wie Vanessa Selbst gab es ja schon immer...

Maria Konnikova: Ich glaube, dass diese Fehleinschätzung leider nach wie vor existiert und Frauen immer etwas anders gesehen werden. Vanessa ist da ein gutes Beispiel, denn in dem Fall hört man oft: "Ach, Vanessa ist eben Vanessa, sie ist eine Ausnahme". Weil sie an den Tischen zu ihrer Glanzzeit so aggressiv agierte und ihr alle Gegner mit viel Respekt gegenübertraten, hat man sie immer etwas als Außenseiterin gesehen, die nicht repräsentativ für alle Frauen beim Poker ist. Das zeigt natürlich, dass es in der Hinsicht nach wie vor ein Problem bei der Einschätzung von Frauen gibt.

Der Aufreißer in den Medien ist dann meist, dass eine Frau "die Jungs bei ihrem eigenen Spiel geschlagen hat". Auch wenn es gut gemeint ist, betont genau das ja am Ende wieder, dass es sich um Ausnahmen handelt, anstatt zu kommunizieren, dass praktisch jeder die Aussicht auf Erfolg beim Poker hat, wenn er die notwendige Arbeit investiert.

Maria Konnikova: Einer der Aspekte, die ich an Poker liebe, ist die Leistungsorientierung. Wer gut ist, kann auch den Leuten zeigen, dass er gut ist und wird langfristig gewinnen. Beim Poker gibt es keine Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Dass es nicht um das Geschlecht, sondern um Skill geht, ist die beste Möglichkeit, um mehr Frauen an Poker heranzuführen.

"Poker hat so viel Lehrreiches zu bieten"

Die Leute, die in der Pokerszene arbeiten und Content gestalten, sind nur selten wirklich objektive Journalisten und für gewöhnlich klare Fürsprecher des Spiels. Die Voreingenommenheit ist da schon sehr offensichtlich. Hast du als Journalistin des Mainstreams etwas Bedenken, dass deine neu gefundene Liebe für Poker und auch dein Sponsoring durch PokerStars die Objektivität deiner Artikel beeinflussen könnten?

Maria Konnikova: Ich habe das Ganze ohne jegliche Erwartungen als journalistisches Projekt angefangen und wusste nicht, worauf ich stoßen würde. Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, haben meine Meinung völlig organisch geformt. Während der Zeit habe ich immer mehr realisiert, was Poker alles zu bieten hat und uns lehren kann. Genau wie bei meiner investigativen Arbeit in anderen Bereichen hat sich bei mir ein klarer Standpunkt herauskristallisiert. Dasselbe war bei Poker der Fall. Ich gewichte auch unvoreingenommen, was ich vorfinde, und werde der Welt keine bereinigte Sicht auf die Pokerszene und alles, was damit einhergeht, präsentieren. Auch beim Poker passiert nach wie vor sehr viel Mist. Ich wurde schon auf Übelste am Tisch beleidigt oder plump angemacht. Das werde ich bei meinen Berichten nicht weglassen, es ist schlichtweg auch ein Teil der Szene. Unterm Strich ist es jedoch ein phantastisches Spiel, das uns so viel Lehrreiches bieten kann. Solche Erfahrungen zu machen ist sehr wertvoll und als Journalistin kann ich dabei eine objektive Perspektive einnehmen. Ich bin in der Lage zu sagen, das ist zwar schlecht, aber gutes Material.

Das dürfte dir ja auch im mentalen Bereich weiterhelfen, wenn dich ein Downswing erwischt oder?

Maria Konnikova: Ja, das ist tatsächlich ein guter psychologischer Trick, der mir sehr viel geholfen hat. Es kann Momente geben, in denen man sich sehr demotiviert und allein fühlt. Poker kann ein sehr einsames Unterfangen sein. Es gibt diese Momente, an denen man einfach down ist. Die Einsicht, dass ich auch aus diesen Erfahrungen etwas anderes mache, hilft mir dann dabei die richtige Perspektive zu wahren.

Wie ist es ein solches Buch über Poker zu schreiben und gleichzeitig mit dem Team PokerStars auf Tour zu sein? Normalerweise hat man ja das typische Bild von Buchautoren, die sich monatelang in eine einsame Hütte verziehen, um ihr Werk zu vollenden...

Maria Konnikova: Ich muss es unter einen Hut bringen. Es erinnert mich ein bisschen an die Zeit, als ich als Autorin anfing und gleichzeitig auch einen Vollzeitjob hatte, damit das Ganze auch finanziell passt. Jetzt habe ich einfach zwei davon. Poker ist ein Vollzeitjob und Schreiben ist ein Vollzeitjob. Wenn man aber gut darin ist, dann findet man als Autor immer eine Gelegenheit zum Schreiben, egal wo man ist oder welche Ablenkungen um einen herum sind. Man hat immer den Antrieb etwas zu Papier zu bringen und schafft das dann auch. Bevor ich das Manuskript für das Buch aber final einreiche, werde ich mir auf jeden Fall ein paar Wochen nehmen müssen, das wird unvermeidbar. Meine Rolle als Profispielerin und Botschafterin nehme ich allerdings sehr ernst, also werde ich mir keinesfalls eine sechsmonatige Auszeit oder so gönnen. Ich werde weiterspielen.

"Das Buch kommt nächstes Jahr"

Maria Konnikova

Du bist eine der Wenigen, die einen Platinum Pass vergeben, aber bereits auch selbst schon gewonnen hat. War die Idee zum Giveaway, ein Story über Poker zu schreiben, deine eigene?

Maria Konnikova: Ja, PokerStars hatte mich um eine Idee gebeten, die reflektieren würde, wer ich bin. Bei jeder Challenge wollen sie, dass sich der jeweilige Botschafter etwas einfallen lässt, das zu seiner Person passt, zum Beispiel die Abnehm-Challenge von Jaime Staples oder die Streamer-Challenge von Jeff Gross. Für mich war es klar, dass es bei mir etwas mit Storytelling und Kreativität werden würde. Ich finde, dass gerade auch Geschichten einen großen Teil des Reizes von Poker ausmachen und dass dieser Aspekt noch etwas unterschätzt wird. Es ist immer die Rede davon, wie wichtig doch Kreativität sei, aber meistens will man kein Risiko eingehen und belohnt Kreativität nicht wirklich, da es auch eine gewisse Unsicherheit mit sich bringt.

Ich will natürlich nicht, dass jeder jetzt seinen inneren Buchautor entdeckt. Also habe ich einfach nach Geschichten gefragt, die einen großen Pokerspieler ausmachen, die nicht einmal direkt eine Story über Poker sein müssen. Man kann zum Beispiel auch über eine Wandertour in jungen Jahren schreiben, bei der man von seinem Vater etwas über Hartnäckigkeit gelernt hat. Das Ganze soll dazu dienen, die Kerneigenschaften eines Pokerspielers hervorzuheben, während man seiner Kreativität freien Lauf lässt. Ich habe das Format dabei absichtlich sehr offen gelassen, sodass man etwas schreiben, ein Video drehen, einen Cartoon zeichnen, einen Song singen oder sogar einen interpretativen Tanz hinlegen kann. Ich hoffe, dass so auch Menschen eine Chance auf den Platinum Pass haben, die sonst nicht in der Lage wären, einen zu gewinnen.

Könnte die PSPC auch als Ende der Story in deinem Buch dienen?

Maria Konnikova: Das wäre durchaus ein denkbares und sinniges Ende, aber richtig festlegen will ich mich nicht, bevor es nicht wirklich entschieden ist.

Was müsste passieren, damit du die Arbeit am Buch noch einmal auf Eis legst? Ein weiterer Sieg bei der EPT vielleicht?

Maria Konnikova: Ich bin sehr verbissen darauf, dass Buch im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Wenn noch weitere interessante Dinge geschehen, bin ich ja auch nach wie vor noch eine Autorin. Es ist ja nicht so, dass es kein zweites Buch oder eine Reihe von Artikeln geben könnte. Es wird viele Wege geben, um weiteres Material zu nutzen, selbst wenn es nicht in meinem Buch landen sollte.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Maria!

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