Roland 'Hawkeye' Schmaltz - Vom Bullet-Weltmeister zum Pokerpro

Der vierfache Schachweltmeister Roland 'Hawkeye' Schmaltz war früher auf allen Schachservern bekannt! Mittlerweile lebt er in Australien und bestreitet seinen Lebensunterhalt vom Onlinepoker. Ein Grund mehr nachzufragen ...


Das Interview führte e2e4e5

PokerStrategy: Du gehörtest in den Anfangszeiten der Onlinespielportale zu einem der aufstrebenden deutschen Internetschachspieler. Wie verlief deine Karriere und wie sieht es heute aus?

Roland Schmaltz: Am Anfang war es nur der Spaß am Spielen, vor allem das Blitzen. Aber wenn man sich reinsteigert und einfach immer gewinnen will, dann kann man das nur durch hartes Training und Studium erreichen. Vor allem, wenn man wie ich kein Super-Brainiac ist, muss man eben doppelt so hart trainieren. Das war zumindest so, bevor das Internet allen Schachspielern zu Verfügung stand.

Zum Internetschach kam ich 1995, als ich anfing, an der Uni Mannheim BWL zu studieren. Das Studium fand hauptsächlich im Computersaal anstatt im Hörsaal statt.  Heute spiele ich nicht mehr online. Irgendwie reizt mich das Zocken auch gar nicht mehr. Irgendwann ist es einfach genug. Über die Jahre hinweg hab ich circa 100.000 Partien im Internet auf verschieden Schachservern gespielt. Ende 2001 wurde ich dann Großmeister, nachdem ich meine Lehre als Fachinformatiker beendet hatte und mich wieder aufs Schach konzentrierte.

R. Schmaltz

Bildveröffentlichung  mit freundlicher Genehmigung von Roland Schmaltz

Mit dem sogenannten 'Bullet', dem einminütigen Blitzschach wurde der 1974 geborene Roland 'Hawkeye' Schmaltz in der Szene weltbekannt und brachte es als erster Spieler auf dem legendären Schachserver ICC auf ein Rating von über 3.000.

1993 gewann er in Münster die deutsche Jugend-Meisterschaft im Schach. Drei Siege bei der Badischen Einzelmeisterschaft folgten (1996, 1997 und 1998). 1998 wurde Schmaltz deutscher Blitzmeister.

Als einer der Pioniere des Internetschach schrieb er über das Thema 2002 das Buch 'The Complete Chess Server Guide' und lebt seit 2005 im australischen Brisbane. Mittlerweile hat er der Welt des Schachs den Rücken gekehrt und  lebt  vom Limit Hold’em Shorthanded Onlinepoker.

PokerStrategy: Du hast also dein Studium nicht abgeschlossen?

Roland Schmaltz: Mein Studium habe ich wegen des Internetschachs sausen lassen. Ich bin einfach zu faul, um mich anständig reinzuknien und war damals auch dem hohen Suchtpotenzial des Internetschachs verfallen. In meinem Ausbildungsberuf habe ich nie gearbeitet, obwohl ich eigentlich immer sehr viel Interesse an Technik und Computern hatte.

PokerStrategy: Wie wichtig war dir der psychologische Aspekt beim Bullet? War die Uhr für dich die allerstärkste 'Figur'?

Roland Schmaltz: Psychologische Aspekt sehe ich keine. Bullet ist einfach das 'Runterrattern' von erlernten Strukturen, Motiven und Theorie kombiniert mit schneller Maustechnik. Zeit ist hierbei sehr relativ. Klar verliert man ab und zu mal auf Zeit, aber das Schachkönnen kommt zuerst. Die Mehrheit meiner Bulletpartien dauerten nicht bis zu letzten Sekunde.

PokerStrategy: Deine Schachbegeisterung hat nachgelassen – warum? 

Roland Schmaltz: Der ganz einfache Grund dafür ist, dass es hier in Australien eben nur eine Handvoll Spieler gibt, deren Schachverständnis über das Schäfermatt hinausgeht. Mangels Gegnerschaft und Turnieren und aufgrund von besseren Alternativen habe ich mit Schach aufgehört.

Das wollte ich eigentlich schon viel früher. Das Ziel war nur, Großmeister zu werden und dann etwas anderes zu machen, aber der 'easy lifestyle' eines relativ gut verdienenden Schach-GM war zu verlockend, um es einfach sein zu lassen. Die Entscheidung, es doch zu lassen, traf ich, als ich hier in Australien aufs Pokern stieß. Viele meiner deutschen Kollegen hatten schon früher davon geschwärmt, und so dachte ich: Versuch es einfach mal!

PokerStrategy: Erst Schach, nun Poker. War es eine bewusste Entscheidung, Berufsspieler zu werden und gab es noch andere Experimentierfelder?

Roland Schmaltz: Das Leben ist ein Spiel, zumindest für mich. Außer meiner Ausbildung zum Fachinformatiker habe ich nicht viel anderes gemacht, als das Leben zu genießen und zu tun, was mir gefällt - ein bisschen wie Pipi Langstrumpf.

PokerStrategy: Du meintest einmalt: "Schach hab ich völlig abgehakt. Bin total dem Pokern verfallen, und seitdem geht es mir auch viel besser (psychisch sowie finanziell). Schach ist echt eine süchtig machende Krankheit, die einem die beste Zeit seines Lebens raubt (zumindest, wenn es professionell betreibt)." - Wie kamst du zu dieser Erkenntnis?

Roland Schmaltz: Schach erfordert einfach ein massives Studium und viel Arbeit. Wenn man zu den Besten gehören will, muss man laufend an seinem Spiel arbeiten. Das alles kostet viel Zeit und macht auf die Dauer eine wenig kirre. (Profi-)Schachspieler sind vielleicht deshalb so komische Artgenossen, weil sie ihre ganze mentale Energie in dieses Spiel stecken, anstatt sich um das zu kümmern, was wirklich Spaß macht im Leben.

Viele Schachprofis haben sich schon mit der Sinnfrage des Schachs beschäftigt. Denn was bringt Schach schon der Allgemeinheit? Holzklötze über ein Plastikbrett zu schieben? Ein Leben lang kann das auf Dauer nicht befriedigen. Das Schöne am Pokern ist, dass man eben nicht zu den Besten gehören muss, um anständig zu verdienen.

PokerStrategy: Wie ist die Poker-Rechtssprechung in Australien?

Roland Schmaltz In Australien ist Pokern außerhalb von Casinos illegal. Online spielt man jedoch nur auf Seiten, die ihre Holding irgendwo außerhalb haben. In Summe alles kein Problem hier.

PokerStrategy: Welche sind deine bevorzugten Spielvarianten und Limits?

Roland Schmaltz: Zur Zeit spiele ich 2/4 bis 30/60 Limit Hold‘em je nach Laune und guten Tischen. Ich spiele ausschließlich Shorthandedtische, dort bis zu acht gleichzeitig im Low Limit-Bereich. Im Brisbane Casino meist 2/5 No Limit. Am Anfang habe ich, wie auch die meisten anderen Pokerspieler, den typischen Fehler gemacht und weder Pokerbücher gelesen noch Theorie gelernt.

$1.000 im minus wurde ich schlauer und habe mich ausgiebig mit der Materie befasst. Seitdem verdiene ich ganz gut, auch wenn es immer härter wird, online genug zu Kohle zu schaufeln. Die Anzahl der Fische ist in den letzten drei Jahren massiv gesunken. Dennoch ist Onlinepoker immer noch profitabel, auch wenn es mittlerweile eine Menge Arbeit ist - eben wie bei jedem anderen Job auch.

PokerStrategy: Die Entwicklung der Schachsoftware hat den Spieler in den letzten zwanzig Jahren gezwungen, sich zu spezialisieren. Werden deiner Meinung nach Onlinespiele mit Wahrscheinlichkeiten und Varianz aber auch Faktoren wie Glück in den nächsten Jahren an Beliebtheit zunehmen?

Roland Schmaltz: Irgendwann begann es mich tierisch zu frustrieren, das ich nicht mehr gegen Fritz und Konsorten gewinnen konnte. Ab da habe ich Computerschach komplett ignoriert. Warum so viele dennoch diesem automatisieren Schach so viel Bedeutung schenken, weiß ich nicht. Maschinen sind halt konstruiert, um besser zu sein als Menschen. Ein Sprinter versucht ja auch nicht, schneller zu rennen als ein Auto … Unsere Gesellschaft scheint mehr und mehr zu Onlinespielen und Casino oder Sportwetten zu tendieren. Es geht mehr darum, wie man mit etwas Geld verdienen kann, anstatt noch Spaß zu haben.

PokerStrategy: Poker scheint für dich also kein Glückspiel zu sein. Wie ist deine Spielweise im Verhältnis zum Schach?

Roland Schmaltz: Poker ist für mich kein Glücksspiel. Ich sehe es täglich, das man mit Glück und Hoffnung im Poker nicht weit kommt. Man muss eine ganze Menge über das Spiel lernen, bevor man versteht, warum man verliert oder gewinnt, und warum die Karten so fallen, wie sie eben fallen.

Beim Onlinepokern habe ich leider den gleichen Stil wie beim Onlineschach. Ich brauche Action und spiele deshalb meist sieben bis acht Tische gleichzeitig, ansonsten wird mir langweilig, und ich fange an, wie ein Volltrottel mein Geld raus zu schmeißen.

Ich spiele den typischen TAG-Style, wie es auch jedes Pokerbuch empfiehlt. Manchmal komme ich mir dabei wie ein Pokerroboter vor, was vielleicht gar nicht schlecht ist, denn Emotionen sind eher hinderlich beim Pokern. 

PokerStrategy: Warum reizt Live-Turnierpoker dich nicht?

Roland Schmaltz: Beim Turnierpoker braucht man noch mehr Geduld als bei den Cashgames. Manchmal sitzt mal stundenlang rum und muss dann alles riskieren, weil man die Odds hat und die Blinds hochgehen. Hat man Pech, scheidet man möglicherweise aus, manchmal kurz vor dem Geld. Das ist nach stundenlangem Kampf einfach zu frustrierend für mich. Klar, wenn man es einmal schafft, ein Turnier zu gewinnen, ist das tierisch 'fett', aber dafür fehlt mir einfach das Können. 

PokerStrategy: 2004 hast du in dem Buch 'The Complete Chess Server Guide' deine Ratschläge und Erfahrungen mit dem Internetschach preisgegeben und bekamst auch gute Kritiken. Wirst du das Medium Buch von Autorensicht nochmal aufgreifen, zum Beispiel in Bezug auf Poker?

Roland Schmaltz: Nein, das ist viel zu viel Arbeit. Der Markt der Pokerbücher ist meiner Ansicht nach schon übersättigt.  Jeder schreibt nur noch beim anderen ab. Poker ist einfach auch sehr viel Selbststudium und Erfahrung!

PokerStrategy: Vielen Dank für das Gespräch, Roland! Wir wünschen dir für die Zukunft alles Gute und weiterhin viel Erfolg an den Tischen!


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Kommentare (44)

Neueste zuerst
  • MetalMax

    #1

    FÜRST
  • tmy

    #2

    first
  • tmy

    #3

    muh.. 2/4 - 30/60 aha
  • ertbAl

    #4

    gefällt mir gut das interview.
    Ich finde ihr habt gut die parallelen von Schach und Poker herausgearbeitet und die Fragen waren gut auf Herrn Schmaaltz zugeschnitten.
    Ich finde, dass das eins der bisher besten Interviews war.
  • abakusschwarz

    #5

    interessantes Interview
  • Azaroth

    #6

    lol der Roland, habe mit dir sehr oft die cashgames im brisbane casino gezockt letztes jahr, vlt. erinnerst du dich noch an mich, großer schlaksiger backpacker :D Cooles Interview.
  • Azaroth

    #7

    wusste gar nicht dass du soo bekannt bist^^
  • spl4t

    #8

    wtf is bullet
  • Valardus

    #9

    recht interessant :)
  • Valardus

    #10

    @8#:"Mit dem sogenannten 'Bullet', dem einminütigen Blitzschach ...." einfach mal den Text lesen und nich nur Bilder gucken ;)
  • hasufly

    #11

    scheinbar ehrlicher und cooler typ^^
  • Kapusta

    #12

    scheinbar? oder anscheinend? :)
  • matzi25

    #13

    Schach hab ich völlig abgehakt. Schach ist echt eine süchtig machende Krankheit, die einem die beste Zeit seines Lebens raubt (zumindest, wenn es professionell betreibt).
    LOL
  • HariRadovan

    #14

    Find ich interessant dass Du wirklich DER Hawkeye bist. Hab Dich öfters beim bullet-Schach auf chessbase.de beobachtet, war echt beeindruckend!
  • TroyMaster

    #15

    Hey Roland, schau dir mal den threat an: http://de.pokerstrategy.com/forum/thread.php?threadid=550392&hilight=australien
    Ich will dich mal besuchen kommen. Add mal bei skype.
  • allizdoR

    #16

    joa, der kann ganz gut blitzen. Hab ihn auch schon mitm Rolf S. live blitzen sehn.
  • lasker500

    #17

    jeder der ihm mal bei seinen 1Minuten Partien auf dem chessbase server zugeschaut hat weiß, wie schnell und gut Hawkeye war. Habe ihn auch schon live bei Turnieren erlebt. Er war immer supernett und umgänglich.
    Also viel Erfolg bei Pokern und versuch es mal mit Omaha, das passt viel besser zu Dir als TH
  • FjodorM

    #18

    brag: hab 0,5/1 gegen ihn in Turnierpartien :D
  • AkDisorder

    #19

    Sehr schönes Interview.
  • hupsibo

    #20

    Die guten Schachprofis kehren zum Glück dem pokern wieder den Rücken zu siehe Gusti....Immer diese pauschalisierten Interviews bzgl. Schachprofis und pokern. Auf Pokerseiten wollen die Schachprofis nichts mehr mit Turnierschach zu tun haben, auf Schachseiten wollen die nichts mehr mit pokern zu tun haben. Ein erfolgreicher Gusti ist mir in der Schachwelt lieber als ein Bulletspieloer......Die Aussage, das der Pokerbuchmarkt übersättigt ist, hat Gusti auch in seinen Interview bekräftigt. Der Ertrag von seinen Buch war die Mühe des schreibens nicht Wert. Trotzdem weiterhin viel Spaß beim pokern.;-)
  • IntoTheJail

    #21

    FISH
  • workah0lic

    #22

    2/4 - 30/60 ...wat
  • MyWayTTT

    #23

    minbet ...wat
  • lester01

    #24

    nice iview
  • Kyazu

    #25

    Er ist mir übelst sympatisch weil er dauernd sagt: Ich bin faul, Das ist mir zu viel Arbeit, Man muss ja nicht der beste sein, Ich bin Pipi Langstrumpf
  • AnnoTobak

    #26

    Wenn du "GMHawkeye" auf Stars heißt (wie du dich ja auch aufm fritzserver nanntest) dann hatten wir schon das vergüngen auf 2/4
  • szammy

    #27

    recht hatter!
  • AcKeBoNNie

    #28

    huhu wir waren mal in brisbane zusammen mit schnibi am tisch gesessen ;) ka ob dich noch dran erinnern kannst ^^
  • MadHouse

    #29

    Wie geil ist das den...habe das Gesicht irgendwie gleich erkannt.

    Habe mit ihm auch schon im Treasury Casion an einem Tisch gesessen und sein Kumpel hat uns sogar vorgestellt. Habe da zu meiner Work and Travel Zeit bisschen Geld fürs Reisen verdient...

    hehe
  • Marc1160

    #30

    werd ma halt pokerpro, weil schach zu anstrengend ist. lol
  • e2e4e5

    #31

    @26
    Ja so heißt er auf Party/Stars.
  • dwade1984

    #32

    Haha, GMHawkeye hab ich Note als Tagfisch :)
  • dwade1984

    #33

    ..muss ich vllt nochmal überdenken wollte ich noch schreiben ;)
  • flashfy

    #34

    cooler kerl!
  • kriim

    #35

    für diese antwort liebe ich dich :)
    dankeschön!

    "Roland Schmaltz: Das Leben ist ein Spiel, zumindest für mich. Außer meiner Ausbildung zum Fachinformatiker habe ich nicht viel anderes gemacht, als das Leben zu genießen und zu tun, was mir gefällt - ein bisschen wie Pipi Langstrumpf. "
  • ace64

    #36

    Der Typ war sicher nie Schachweltmeister - auch nicht online!
    Wie kommt Ihr zu dieser Behauptung ?!?
  • e2e4e5

    #37

    @36 Ich frage mich wo steht, dass er Schachweltmeister war? Und seine Titel im Bullet sind belegt ...
  • hupsibo

    #38

    Mh. Wie kann man gleich den ersten Satz überlesen? "Der vierfache Schachweltmeister........" Denke das bezieht sich irgendwie auf Bullet. Die Darstellung sollte man ändern...Obwohl jeder Schachspieler weiß das das Humbuk ist!!! Also egal.
  • JSFan

    #39

    natuerlich war er Weltmeister im Bullet

    nice Interview GMHawekye
  • HAVVK

    #40

    "Viele Schachprofis haben sich schon mit der Sinnfrage des Schachs beschäftigt. Denn was bringt Schach schon der Allgemeinheit? Holzklötze über ein Plastikbrett zu schieben? Ein Leben lang kann das auf Dauer nicht befriedigen."

    Ich befürchte, Poker schneidet da nicht viel besser ab ;)
  • Pokerfox68

    #41

    Wieder einer der vom Schach zum Pokerfach gewechselt ist.Hab bei seinen Bulletturnieren auf ICC vor 5,6 Jahren öfters mitgespielt.Er war dort Star und hatte jede Woche Bulettturnier.
    Aber er hat recht,Schach ist brotlose Kunst und nur für die absolut Besten lukrativ.Beim Poker kann man sogar als mittelmässiger Schachspieler ordentliche Gewinne erzielen.
  • GMHawkeye

    #42

    Wow, viele positive Kommentare. Sehr verblueffend ! Ja, und ich war sogar 4- facher inoffizieller Internet Bullet (1min Schach) Weltmeister. Nur so, um das mal etwas genauer klarzustellen.
  • BaumiB

    #43

    kommt sehr sympathisch und ehrlich rüber !
  • e2e4e5

    #44

    Im Schachblog noch ein kurzes Statement zum Interview:
    http://schach.twoday.net/stories/5534166/#comments