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Poker – Neben dem Faktor Glück nicht mehr als pure Analytik?

» Neben dem Faktor Glück nicht mehr als pure Analytik?

Neben dem Faktor Glück nicht mehr als pure Analytik?

von Firsttsunami

Der Erwartungswert beim Poker ist so unentbehrlich wie der Dealer, der die Karten am Tisch ausgibt. Ohne diesen Begriff aus der Mathematik, der angibt, welchen Wert man erzielt, wenn man eine Entscheidung trifft, wäre Poker nicht das, was es ist, da die streng rationale Komponente das Spiel erst zu einem Strategiespiel macht und der intellektuelle Zugang dadurch erst ermöglicht wird.

Die Analytik ist zweifelsohne nicht alleine das, dem dieses Spiel so viele Anhänger verdankt, aber sie schafft erst dieses große Universum mit dem fast unendlichen Erkundungsraum und sorgt doch bei vielen für die Stetigkeit des Interesses.

Neben der nüchternen Mathematik beim Poker gibt es aber noch die große irrationale Komponente. Der Faktor Mensch ist dabei gemeint. Er verleiht dem Spiel erst die große Dynamik und gibt dem Spiel seine mystische Note. Das einerseits ganz nüchtern erklärbare und das auf der anderen Seite phänomenale begründen die Magie und Faszination von Poker.

Mit der Erkenntnis, dass Poker rationale als auch irrationale Komponenten hat, möchte ich mich nun schwerpunktmäßig mit der Dynamik des Erwartungswertes, auch genannt EV (Expected Value) beschäftigen.

Wenn man am Tisch sitzt und eine Hand spielt, diese dann im Nachhinein analysiert, dann kann man anhand einer EV-Analyse den Erwartungswert seiner Entscheidungen begründen.

Angenommen, man befindet sich in einer Situation am Turn und möchte ausrechnen, ob die Foldequity ausreicht, um seinen Flushdraw durch ein Turnraise zu semibluffen. Man geht also ganz systematisch vor und könnte vorliegende Daten in eine entsprechende Formel einfügen. Du kannst genau bestimmen, wie viel Equity du hast und wie groß der Pot ist. Diese beiden Informationen reichen aus, um mit der Semibluffformel auszurechnen, ob er => x% seiner besseren Hände am Turn foldet und der Semibluff somit profitabel oder unprofitabel ist.

Um wirklich eine saubere EV-Analyse durchzuführen, musst du aber die Range des Gegners kennen. Kennst du diese nur unzureichend, dann ist eine genaue Analyse nicht möglich. Du gehst also davon aus, dass dir die Handrange des Gegners durch seine Openraising-Standards und seine fixen Bettingsequenzen halbwegs bekannt ist.

ZWEI ARTEN DES EV
Durch den Einflussfaktor Zeit auf den Menschen musst du zwischen zwei unterschiedlichen Erwartungswerten unterscheiden, dem Shortterm-EV und dem Longterm-EV.

Shortterm-EV

Der „Shortterm EV“ behandelt nur ganz isoliert eine Entscheidung in einer bestimmten Situation.

Longterm-EV

Der Longterm-EV beinhaltet nun den Faktor Zeit und berücksichtigt deswegen die nachhaltigen Auswirkungen einer Entscheidung auf zukünftige Ereignisse. Man könnte auch sagen, dass der Longterm-EV ein Produkt aus Shortterm-EV und History ist.

Der Longterm-EV ist also sehr schwer zu bestimmen, da du die ganzen Informationen der History nur schwer verarbeiten kannst, um zu korrekten Annahmen hinsichtlich der Veränderung der gegnerischen Spielweise zu kommen.

Die Dynamik des Einflussfaktors Mensch ist mit dem Verstand nur schwer zu erfassen und deswegen ist es schwer oder gar nicht möglich, einen absoluten Erwartungswert einer Entscheidung zu bestimmen.

Wenn man im Live-Poker dem Gegner in die Augen schauen kann, kann man den Gegner natürlich besser einschätzen, aber die sinnliche Wahrnehmung des Gegners reduziert sich beim Online-Poker nur auf einen Namen am Tisch und daraus Handlungen abzuleiten, ist unmöglich.

Davon abgesehen ist Letzteres generell unmöglich, da menschliches Handeln und vor allem Emotionen nur bedingt universellen Gesetzen unterliegen. Jaja, daran haben sich schon viele Philosophen den Kopf zerbrochen ;-). Man kann nur Vermutungen anstellen, wie der Gegner sein Spiel wohl nun anpassen wird, und kann sich nur der erwartenden Veränderung anpassen, um ihm immer einen Schritt voraus zu sein.

SHORTTERM -EV = LONGTERM +EV?
Eine Frage, die gestellt werden kann, ist:

Kann es Sinn ergeben, eine auf den ersten Blick unvernünftige Aktion – im Folgenden als Minus-EV-Move bezeichnet - zu machen, um dadurch beim Gegner in zukünftigen Ereignissen Fehler zu provozieren, aus denen man langfristig die Verluste eines Minus-EV-Moves mehr als kompensiert?

In anderen Worten: Kann man gezielt Aktionen mit einem negativen Shortterm-EV in sein Spiel einstreuen in der Hoffnung, dass der Longterm-EV positiv ist und die Verluste des Shortterm-EV übersteigt?

Dazu müssen erst einige Hilfsfragen geklärt werden.

Wie schnell kann der Gegner sich anpassen?
Wenn der Gegner den Eindruck macht, als könne er keine History aufbauen, und er sich augenscheinlich nicht an den Gegner anpassen kann, dann ist ein Move nicht zu empfehlen, da ein Move keinen Einfluss auf den Longterm-EV nehmen wird und einen absoluten Negativwert annimmt.

Wie stark sind deine Gegner allgemein auf meinem Limit?
Auf kleineren Limits wie $1/$2 oder $2/$4 sind die meisten Gegner in der Regel nicht in der Lage, sich akkurat an einen Gegner und dessen Stil anzupassen. Wenn kein bestimmter Read vorliegt, dann solltest du dich lieber nur auf den Moment fokussieren und nur in der Gegenwart spielen.

Betreibt dein Gegner Multitabling?
Wenn du weißt, dass ein Gegner Multitabling betreibt, dann wird es ihm in der Gegenwart nur schwer möglich sein, Informationen aus vergangenen Situationen zu berücksichtigen.

Wie vertraut ist dein Gegner mit Metagaming? Kennt er dich womöglich?
Wenn der Gegner dich kennt, selber ein guter Handreader ist und weiß, dass du nicht unreasonable bist, dann wird er sich nicht zu deinen Gunsten anpassen. Er durchschaut vielleicht sogar, was für ein Spiel du mit ihm treibst.

Wenn diese Situation vorliegt und beide Spieler voneinander auch noch wissen, dass sie solide TAGs sind, dann ergibt dieser Move auch eher wenig Sinn.

Was spricht dafür?
Wir haben jetzt Gründe gefunden, die dagegen sprechen, aber ergibt dann so ein Move überhaupt Sinn? Er ergibt wirklich nur dann Sinn und sollte angewandt werden, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

  • Dem Gegner ist nicht bekannt, dass du ein solider TAG bist.
  • Er spielt reasonable.
  • Er ist anpassungsfähig.
  • Er spielt nicht an mehreren Tischen gleichzeitig.
EIN BEISPIEL
Preflop: Hero is BB with 3, 3
4 folds, SB raises, Hero calls.

Flop: (4.00 SB) A, K, Q (2 players)
SB bets, Hero calls.

Turn: (3.00 BB) K (2 players)
SB bets,

Du spielst seit einigen Händen Heads-up gegen den Gegner. Er ist dir unbekannt, hat bisher aber keine groben Fehler gemacht und scheint über ein gutes strategisches Grundgerüst zu verfügen. Er erscheint also reasonable. Du hast ihn auch an keinem anderen Tisch beobachtet.

In dieser Hand hast du mit 33 im Big Blind defendet. Du spielst nun call Flop, raise Turn mit den Treys. Augenscheinlich ergibt dieser Move keinen Sinn und, nur vom Shortterm-EV zu beurteilen, ist es -EV, den Turn mit seinem Lowpair zu raisen.

Auf diesem Board wird da der Gegner fast nie bet/fold Turn spielen. Du erhoffst dir jedoch aufgrund der Informationsverarbeitung des Gegners, vom Longterm-EV her profitabel zu spielen, da du dir nach der Aktion in zukünftigen Händen Fehler des Gegners erhoffst, die dir mehr Profit bringen, als du mit dem suboptimalen Turnraise gerade abgegeben hast.

Beim Gegner soll der Eindruck entstehen, als würdest du die Konzepte des Pokern falsch interpretieren. Er wird dich am Turn nun schwer auf eine Hand setzen können und dich im Zweifelsfall nun sehr loose downcallen.

Der enorme Vorteil ist, dass der Gegner den hinterlassenen Eindruck durch diesen Move erst nach längerer Zeit revidieren kann. Es ist für ihn sehr schwer, nach nur wenigen Händen zu merken, dass dieser Move nur die totale Ausnahme gewesen ist. Dein Image bleibt optimalerweise also für längere Zeit haften und diesen Zeitraum musst du ausnutzen.

Wie machst du das?

Ganz „einfach“: Da er deine Raisingrange nun sehr loose einschätzt am Turn, ist die Konsequenz, dass er öfter bet/call anstatt bet/fold oder check/fold spielen wird. Das heißt wiederum für dich, dass du mit verhältnismäßig schwachen made Hands dünner for Value raisen und deine Semibluffs zurückschrauben musst, da du aufgrund seines erhöhten Went to Showdowns weniger Foldequity hast. Dünner valueraisen und weniger semibluffen lautet also die akkurate Adaption, um den Gegner longterm maximal zu exploiten.

Wie schon erwähnt, ist dein Eindruck auch kein Garant dafür, dass die im vorigen Absatz gemachten Annahmen nun alle zutreffen und du ihn wirklich exploitest. Es kann auch sein, dass er sich vielleicht nicht anpasst und du jetzt dünner valueraist und am River für ihn mit deinem Lowpair in sein Midpair hineinbettest.

Der Longterm-EV ist also nur schwer definierbar. Einer schaut am Ende immer in die Röhre. Wenn du aber variabel und schnell genug unterwegs bist, wird der Gegner das Nachsehen haben.
» ZUSAMMENFASSUNG
Diese Kolumne soll jetzt nicht bezwecken, dass du solche Plays wie in der oben gezeigten Hand nun als Default in dein Spiel einbaust. Sie soll nur verdeutlichen, dass es unter bestimmten Bedingungen Sinn hat, eine Hand nach kurzfristig orientierten Maßstäben falsch zu spielen, um eine Irritation beim Gegner zu erreichen, die ihn zu Fehlern verleitet.

Weiterhin ist es wichtig, dein Verständnis zu schärfen und vor allem den allseits bekannten Tilt zu reduzieren, weil du dir durch diese Erkenntnisse vielleicht nach einer verlorenen Hand sagen kannst: „Der Move war jetzt zwar Käse, aber ob er jetzt absolut schlecht oder gut war, kann ich nicht sagen und vielleicht ist er longterm ja sogar positiv“.

Dies ist natürlich kein Freifahrtschein zum Schlechtspielen. Du sollst eine Entscheidung einfach nicht mehr so streng bewerten und deswegen emotionsfreier spielen können.

Du siehst, wie komplex Poker sein kann und was alles möglich ist. Dieser Einblick ist aber nur die Beleuchtung eines Winkels in einem Labyrinth von ungeahnter Dunkelheit.
 

Kommentare (10)

#1 Cumparablex, 25.03.08 17:05

hervorragend

#2 OIM3L, 25.03.08 17:17

der raise sit doch super standard

#3 Brieftraeger, 25.03.08 18:46

netter schlussabsatz!

#4 LuisFabiano, 25.03.08 18:48

sehr guter Beitrag

#5 scorpionking, 25.03.08 20:22

ausgezeichnet

#6 LordesQ, 25.03.08 20:38

Schmeichel dir nicht zu fest :D "Ein transzendentes Spiel für hochintelligente" <br /> <br /> Ehm, im nächsten Satz dann aber bitte auch "Ein Spiel welches..."<br /> <br /> Zum Inhalt selbst: Sehr gelungen, schöner Artikel, etwas was Kobe ja schon seit längerem Predigt zB zum Thema lose Calldowns.

#7 Loosar, 25.03.08 20:56

ich hab mir schon öfter gesagt "arrgh, was hast jetzt schon widda fürn mist gespielt.... naja, wenigstens habsch den gegner verwirrt".<br /> dank dieses artikels, könnte ich nun wissenschaftlich argumentieren warum der mist gewollt war^^

#8 firsttsunami, 27.03.08 07:31

Danke für euer positives Feedback :)

#9 jackswine, 18.05.08 14:10

finde auch ein super artikel aber es sind keine pocket treys^^

#10 nikiita, 28.05.08 15:00

Ist eine gängige Spielweise bei Backgammon. Da gibt es bestimmte Eröffnungswürfe, die nahezu 100% aller Spieler gleich spielen - immer wieder überaschend zu sehen, wie lange mich ein Gegner für einen noob hält, wenn ich davon abweiche. <br /> Denke aber, dass es beim Poker Perlen vor die Schweine sind, bzw. ich hab mich wohl noch nicht zu den limits hochgegrindet, auf denen ein solches Fehlerlein auffällt und danach eine Anpassung an mein Spiel stattfindet...